Unterhaltung

ARTE-Doku "Wie das Streaming die Musik auffraß"

Spotify, Apple Music, TikTok: Wie Algorithmen entscheiden, was wir hören

Von ZenNews24 Redaktion 6 Min. Lesezeit
ARTE-Doku "Wie das Streaming die Musik auffraß"

Wir haben uns diese Woche die ARTE-Dokumentation „Wie das Streaming die Musik auffraß" angeschaut — und ehrlich gesagt: Danach hören wir selbst anders Musik. Nicht nur wegen der verstörenden Zahlen, die da auf den Tisch kommen. Sondern weil diese knapp 90 Minuten einem wirklich vor Augen führen, wie sehr Algorithmen längst entscheiden, was in unsere Ohren gelangt. Und vor allem: wie wenig die Künstler davon sehen.

Es ist eine dieser Dokumentationen, die man nicht einfach „konsumiert" wie eine Serie auf Netflix. Man schaut sie, und dann will man sofort mit jemandem darüber reden. Die Redaktion hat sich zusammengesetzt — und ja, es hat uns beschäftigt. Deshalb hier unsere Reaktion in voller Länge.

Worum geht es: Die dunkle Seite des Musik-Streamings

Live Konzert Publikum

ARTE hat sich für diese Dokumentation ein Thema gegriffen, das die meisten von uns täglich betrifft — ohne dass wir es bewusst mitbekommen. Wie haben Spotify, Apple Music, YouTube Music und TikTok die Musikindustrie umgekrempelt? Und vor allem: Wer verdient daran — und wer bleibt auf der Strecke?

Die Doku verfolgt dabei nicht den üblichen „Die Technologie ist böse"-Weg. Stattdessen wird es sehr konkret: Wie funktioniert der Spotify-Algorithmus wirklich? Welche Deals machen die Majors — Universal, Sony, Warner — mit den Streaming-Diensten aus? Und was passiert mit kleineren Labels und Independent-Künstlern, die nicht die große Lobby-Kraft haben?

Was ARTE hier leistet, ist etwas, das wir aus anderen Dokumentationen über Buchhandel vs. Amazon: Wer gewinnt — wer verliert kennen: eine systembezogene Kritik, die nicht anklagend, sondern erklärend funktioniert. Das macht die Botschaft umso stärker — und den Nachgeschmack umso bitterer.

Die Streaming-Plattformen als neuer Gatekeeper

Früher waren es die Radiosender und die großen Plattenlabels, die entschieden, welche Musik groß wird. Das war nicht fair, aber es war transparent. Jeder wusste: Der Sender entscheidet. Punkt. Heute? Heute entscheidet ein Algorithmus — und niemand weiß so richtig, nach welchen Regeln.

Ein Punkt, der uns beim Schauen besonders aufgestoßen ist: Spotify und Co. sind nicht primär Musikplattformen. Sie sind Datenplattformen. Die eigentliche „Ware" sind die Nutzerdaten — Hörgewohnheiten, Stimmungsprofile, Tageszeiten, Abbruchpunkte. Und die Musikindustrie — Künstler eingeschlossen — ist Teil dieser Wertschöpfungskette, aber eben nicht ihr Hauptnutznießer. Das ist perfide. Und das ist der Kern dessen, was diese Dokumentation so unangenehm relevant macht.

Die Doku zieht dabei einen historischen Bogen, der sitzt: von den Schallplatten-Monopolen der 1950er-Jahre über die CD-Ära bis hin zum digitalen Download und schließlich zum Streaming. Jedes Mal, so die These, haben sich Machtstrukturen nicht aufgelöst — sie haben sich nur verschoben. Und jedes Mal wurden die Kreativen ein Stück weiter ans Ende der Nahrungskette gedrängt.

Was uns überrascht und getroffen hat: Die Zahlen sind verstörender als gedacht

Musik Streaming Konzert

Schauen wir mal auf die nackten Fakten, die in der Doku genannt werden — und die wir anschließend gegengeprüft haben:

  • Ein durchschnittlicher Künstler braucht etwa 3.500 bis 5.000 Streams auf Spotify, um genau einen Dollar zu verdienen — je nach Vertragsmodell und Herkunftsland des Hörers.
  • Die großen drei Labels (Universal, Sony, Warner) kontrollieren circa 68 bis 75 Prozent des globalen Musik-Streamings — die Doku nennt 80 Prozent als Richtwert, was leicht über dem liegt, was unabhängige Branchenberichte beziffern, aber im plausiblen Rahmen bleibt.
  • Während Streaming-Abonnements weltweit wachsen — 2023 gab es laut IFPI über 700 Millionen bezahlte Musik-Abos —, sinken die realen Einnahmen pro Stream für Independent-Künstler seit Jahren.
  • Ein viraler Hit auf TikTok kann Dutzende Millionen Menschen erreichen — für den Künstler kann das trotzdem bedeuten: praktisch null Euro direkte Einnahmen, weil TikTok keine klassischen Streaming-Lizenzgebühren zahlt, sondern Pauschaldeals mit den Majors aushandelt.
  • Nur etwa 0,2 Prozent aller Künstler auf Spotify erzielen mehr als 50.000 Dollar im Jahr durch Streaming allein.

Das Verrückteste daran ist: Die Zahlen sind nicht neu. Musikjournalisten schreiben seit über zehn Jahren darüber. Aber in einer Dokumentation, mit Interviews, mit Gesichtern dahinter, mit Bewegtbild — da wird es plötzlich real. Da kann man sich nicht mehr wegducken.

ZAHLEN, DIE BLEIBEN:
Ein durchschnittlicher Künstler braucht für einen verdienten Dollar bei Spotify etwa 3.500 bis 5.000 Streams. Bei einem Hit mit einer Million Streams verdient derselbe Künstler rund 200 bis 280 Dollar — vor Steuern, vor Label-Anteil, vor Produktionskosten. Zum Vergleich: Eine einzige gespielte Single im öffentlich-rechtlichen Radio brachte früher mehrere hundert Euro GEMA-Ausschüttung.

Die Stimmen in der Doku: Wer spricht — und wer schweigt

ARTE hat für diese Produktion ein bemerkenswertes Spektrum an Gesprächspartnern versammelt. Da sind Independent-Musikerinnen und -Musiker, die offen über ihre monatlichen Abrechnungen sprechen — Zahlen, die man selten so direkt zu sehen bekommt. Da sind Musikrechtswissenschaftler, die das System in seiner ganzen Komplexität auseinandernehmen. Und da sind ehemalige Industrie-Insider, die mit einer gewissen Ernüchterung auf die letzten zwei Jahrzehnte zurückblicken.

Was auffällt: Die Plattformen selbst kommen kaum zu Wort. Spotify, Apple und TikTok haben offenbar keine Statements beigesteuert — oder wenn, wurden sie für die Montage nicht verwendet. Das ist eine redaktionelle Entscheidung, die man kennen sollte. Sie macht die Doku einseitiger, als sie vielleicht sein müsste. Gleichzeitig sind die Argumente der Gegenseite so gut bekannt — „Wir haben die Piraterie besiegt", „Wir bringen Musik zu mehr Menschen" —, dass es keinen großen Erkenntnisgewinn bedeutet, sie noch einmal unkommentiert in den Raum zu stellen.

Besonders stark ist ein Abschnitt, in dem eine junge Songwriterin aus Frankreich ihre Spotify-Jahresabrechnung zeigt. Über 800.000 Streams in zwölf Monaten. Auszahlung: knapp 190 Euro. Sie hat in diesem Jahr mehr Geld mit dem Verkauf von selbst gestalteten Postern bei Konzerten verdient als mit allen ihren Streams zusammen. Das ist kein Einzelfall. Das ist das System.

TikTok: Der Joker, den niemand richtig versteht

Ein eigenes Kapitel widmet die Doku TikTok — und das zu Recht. Denn TikTok hat die Spielregeln noch einmal neu geschrieben. Während Spotify zumindest einen minimalen Stream-Anteil ausschüttet, funktioniert TikTok über ein komplett anderes Lizenzmodell. Musik wird dort als „Content-Infrastruktur" behandelt, nicht als eigenständiges Werk.

Was das konkret bedeutet, zeigt die Doku anhand eines Beispiels, das wir so noch nicht gehört hatten: Ein Song kann auf TikTok 50 Millionen Mal als Hintergrundmusik verwendet werden — und der Künstler erhält dafür keinen einzigen Cent direkt. Stattdessen profitiert möglicherweise das Label, das einen Pauschalvertrag mit TikTok hat. Oder gar niemand aus der Musikwelt, wenn der Song über ein freies Musikbett läuft.

Der Clou: TikTok-Reichweite ist heute einer der wichtigsten Faktoren dafür, ob ein Song in die Spotify-Algorithmen gespült wird. Die Plattformen sind miteinander verwoben — und wer keinen TikTok-Moment hat, wird auf Spotify kaum entdeckt. Für Independent-Künstler ohne Social-Media-Budget ist das ein strukturell schwer zu überwindendes Hindernis.

Unser Fazit: Sehenswert — und unbequem

„Wie das Streaming die Musik auffraß" ist keine perfekte Dokumentation. Sie ist stellenweise zu sehr auf die europäische Perspektive fokussiert und blendet aus, wie das System in Märkten wie Nigeria, Indien oder Südkorea ganz anders — teils fairer — funktioniert. Und wie gesagt: Die Gegenseite kommt zu kurz.

Aber als Weckruf funktioniert sie. Als Einladung, das eigene Hörverhalten zu hinterfragen, funktioniert sie. Als Argument dafür, Künstlern auch abseits der Plattformen Geld zukommen zu lassen — Konzerte, Merchandise, Bandcamp, direkte Unterstützung — funktioniert sie sehr gut.

Plattform Geschätzte Auszahlung pro Stream Streams für 1 Dollar
Spotify 0,003 – 0,005 $ ca. 3.500 – 5.000
Apple Music 0,007 – 0,010 $ ca. 1.000 – 1.400
YouTube Music 0,001 – 0,003 $ ca. 5.000 – 10.000
TikTok keine direkte Ausschüttung
Bandcamp ca. 80–85 % des Verkaufspreises nicht zutreffend

Nach dem Ansehen dieser Dokumentation haben einige aus unserer Redaktion ihre Spotify-Playlists nicht gelöscht — das wäre heuchlerisch. Aber wir haben angefangen, bewusster zu kaufen. Ein Album hier, ein Bandcamp-Download dort. Kleine Gesten. Aber wenn viele Menschen sie machen, sind sie keine kleinen Gesten mehr.

Die Doku ist auf arte.tv kostenlos verfügbar — und das für mindestens weitere Monate in der Mediathek. Wir empfehlen: anschauen. Und danach: kurz innehalten, bevor man den nächsten Song auf shuffle stellt.

Mehr zum Thema Plattform-Macht und Kulturwirtschaft findet ihr in unserem Artikel Buchhandel vs. Amazon: Wer gewinnt — wer verliert sowie demnächst in unserer Schwerpunktreihe zu digitaler Kulturökonomie.

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