Deutsch-französische Feindschaft als Nationalismus-Motor
Historische Analyse zeigt, wie Frankreich-Hass die deutsche Nationalbewegung prägte
Die deutsch-französische Geschichte ist geprägt von Konflikten, Kriegen und gegenseitiger Abneigung. Doch während die militärischen Auseinandersetzungen zwischen beiden Staaten heute gut dokumentiert sind, werfen Historiker zunehmend die Frage auf, inwiefern die künstlich geschürte Feindschaft zu Frankreich selbst ein konstitutives Element der deutschen Nationalbewegung war. Eine aktuelle Analyse in der Zeitschrift „Zeit Geschichte" untersucht, wie dieses Feindbild bewusst konstruiert wurde und welche langfristigen Auswirkungen dies auf die deutsche Gesellschaft und Politik hatte.
Hintergrund
Die Abneigung zwischen Deutschland und Frankreich reicht weiter zurück, als oft angenommen wird. Sie intensivierte sich jedoch besonders nach der Französischen Revolution und während der Napoleonischen Kriege. Während dieser Epoche entstand in deutschen Staaten eine neue Form des Nationalismus, der sich nicht nur durch gemeinsame Sprache und Kultur definierte, sondern auch durch die Abgrenzung von einem äußeren Feind – Frankreich.
Im 19. Jahrhundert wurde diese Feindschaft systematisch gepflegt. Nach der französischen Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 verfestigte sich das gegenseitige Misstrauen weiter. Frankreich empfand die deutsche Vereinigung und insbesondere die Annexion von Elsass-Lothringen als existenzielle Bedrohung, während Deutschland wiederum Frankreich als ständige Gefahr für die neu gewonnene Einheit betrachtete.
Die wichtigsten Fakten
- Konstruiertes Nationalidentität: Deutsche Intellektuelle und politische Eliten nutzten bewusst das Frankreich-Feindbild, um eine nationale Einheit zu schaffen, die über regionale und konfessionelle Grenzen hinwegwies.
- Napoleonische Kriege als Katalysator: Die Besetzung deutscher Gebiete durch französische Truppen unter Napoleon führte zu einer verstärkten Nationalbegeisterung und zur Einsicht, dass nur ein geeintes Deutschland sich gegen Frankreich behaupten konnte.
- Kulturelle Abwertung: Parallel zur politischen Feindschaft entwickelte sich eine kulturelle Herabwürdigung französischer Werte und Institutionen, die in Literatur, Philosophie und Schulunterricht vermittelt wurde.
- Versailler Vertrag als Verstärker: Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Feindbild durch die als demütigend empfundenen Versailler Verträge neuerlich aufgeladen und diente der politischen Mobilisierung.
- NS-Propaganda und Vernichtungspolitik: Das Nazi-Regime nutzte die historischen Ressentiments als Werkzeug der Massenmobilisierung und legitimierte damit auch aggressive Expansionspolitik im Westen.
Das Feindbild als politisches Werkzeug
Historikerinnen und Historiker betonen heute, dass es sich beim deutsch-französischen Gegensatz nicht um eine naturwüchsige, unabänderliche Realität handelte. Vielmehr wurde dieses Feindbild von Eliten aktiv gepflegt und verstärkt. In den deutschen Staaten des 19. Jahrhunderts erkannten Politiker und Intellektuelle schnell, dass die Konstruktion eines gemeinsamen äußeren Feindes half, innere Unterschiede zu überwinden.
Während Preußen und andere deutsche Staaten untereinander verschiedene Interessen verfolgten – sei es in Bezug auf Religionsfragen, Verfassungsform oder wirtschaftliche Ordnung – einte sie die Furcht vor Frankreich und der Wunsch nach Großmachtausstattung. Diese Mobilisierungsfunktion des Frankreich-Hassers ermöglichte es Bismarck und anderen, eine deutsche Nationalstaatlichkeit zu schaffen, die ohne dieses Narrativ deutlich schwächer ausgefallen wäre.
Besonders problematisch war dabei die Persistenz dieses Bildes. Obwohl die Weimarer Republik nach 1918 versucht hatte, mit der Feindschaft zu brechen – etwa durch die Locarno-Verträge 1925 und kulturelle Austauschprogramme – gelang es den radikalen Kräften der Weimarer Zeit relativ leicht, diese Versöhnungsansätze zu diskreditieren. Das Feindbild war tief in der Kultur verankert.
Langzeitfolgen und Lehren
Die Forschung zeigt, dass die über Generationen hinweg gepflegte Feindschaft erhebliche Konsequenzen hatte. Sie trug dazu bei, dass die deutsche Gesellschaft auch nach dem Ersten Weltkrieg wenig bereit war, sich mit der Friedensordnung zu arrangieren. Stattdessen konnte die Nazi-Bewegung an diese Traditionen anknüpfen und sie für ihre Expansionspläne instrumentalisieren.
Der Zweite Weltkrieg und die Shoa waren nicht das automatische Ergebnis dieser historischen Ressentiments. Doch die Tatsache, dass Millionen Deutscher bereit waren, für einen erneuten Krieg gegen Frankreich und für Eroberungen im Osten zu kämpfen und zu sterben, war nicht zuletzt das Resultat dieser jahrzehntelangen Verbreitung eines zerstörerischen Nationalismus, dessen Kern die Feindschaft zu Frankreich bildete.
Ausblick
Die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich nach 1945 stellt daher eine bemerkenswerte historische Leistung dar. Dass es möglich war, ein über mehr als ein Jahrhundert gepflegtes Feindbild zu überwinden, zeigt, dass solche Narrative nicht unveränderbar sind. Die europäische Integration, die deutsch-französischen Freundschaften und das heutige friedliche Zusammenleben sind das Ergebnis bewusster politischer Entscheidungen nach der Katastrophe des Weltkriegs.
Historische Studien wie die vorliegende mahnen dennoch zur Wachsamkeit. Sie zeigen, wie manipulierbar nationale Identitäten sind und welche Macht von Feindbildern ausgeht. In einer Zeit, in der Nationalismus weltweit wieder erstarkt, bleibt die deutsch-französische Geschichte ein wichtiges Lehrstück darüber, wohin die Glorifizierung von Feindbildern führen kann – und dass Versöhnung möglich ist, wenn der politische Wille vorhanden ist.
















