Wirtschaft

ifo Institut: Acht Prozent der deutschen Unternehmen von Insolvenz bedroht

Eine neue Umfrage zeigt erhebliche Existenzängste in der Wirtschaft, besonders im Einzelhandel.

Von Julia Schneider 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 24.06.2026
ifo Institut: Acht Prozent der deutschen Unternehmen von Insolvenz bedroht
Das Wichtigste in Kürze
  • Das ifo Institut hat alarmierende Zahlen veröffentlicht: Etwa acht Prozent der Unternehmen in Deutschland fürchten um ihre wirtschaftliche Existenz
  • Die Lage ist besonders angespannt im Einzelhandelssektor

Acht Prozent der deutschen Unternehmen sehen sich akut von Insolvenz bedroht — das zeigt eine aktuelle Umfrage des ifo Instituts, die alarmierende Signale aus der Breite der deutschen Wirtschaft liefert. Besonders der Einzelhandel steht unter massivem Druck: Dort gibt fast jedes fünfte befragte Unternehmen an, ohne grundlegende Veränderungen nicht überleben zu können.

Umfrageergebnisse: Existenzangst auf breiter Front

Die Münchner Forscher haben für ihre aktuelle Konjunkturumfrage mehr als 9.000 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen befragt. Das Ergebnis ist ernüchternd: Bundesweit stufen sich acht Prozent der Betriebe selbst als insolvenzgefährdet ein. Das entspricht Hochrechnungen zufolge mehreren Zehntausend Unternehmen — mit potenziell Hunderttausenden betroffenen Arbeitsplätzen. Das ifo Institut spricht von einer „erheblichen Zunahme struktureller Schwäche", die sich nicht mehr nur auf einzelne Krisenunternehmen beschränkt, sondern quer durch Branchen und Unternehmensgrößen zieht (Quelle: ifo Institut).

▶ Auf einen Blick
  • Das ifo Institut zeigt eine hohe Insolvenzgefahr für deutsche Unternehmen.
  • Der Einzelhandel leidet besonders stark, viele kleine Betriebe sind betroffen.
  • Die Zahlen bestätigen steigende Insolvenzen und verstärken wirtschaftliche Bedenken.

Die Zahlen decken sich mit Beobachtungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), das seit Jahresbeginn eine steigende Zahl formaler Insolvenzanträge registriert. Besonders kleine und mittelständische Betriebe mit weniger als 50 Beschäftigten sind überproportional vertreten — Unternehmen, die über wenig Liquiditätspuffer verfügen und kaum Zugang zu günstigem Fremdkapital haben (Quelle: DIW Berlin). Wer sich für staatliche Unterstützungsmöglichkeiten interessiert, findet einen Überblick unter KMU-Förderung: Was Bund und Länder kleinen Unternehmen bieten.

Methodik und Einordnung der Umfrage

Das ifo Institut erhebt seine Konjunkturdaten monatlich durch standardisierte Befragungen; die aktuelle Auswertung zur Insolvenzgefährdung ist eine Sonderauswertung, die gezielt nach der Einschätzung der eigenen wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit fragte. Die Selbsteinschätzung der Unternehmen gilt in der Ökonom-Gemeinschaft als valider Frühindikator — Betriebe melden Schwierigkeiten im Schnitt sechs bis neun Monate, bevor formale Insolvenzanträge gestellt werden (Quelle: ifo Institut). Die tatsächliche Insolvenzwelle, so warnen Forscher, könnte demnach erst in der zweiten Jahreshälfte statistisch sichtbar werden. Einen vertieften Blick auf die Branchenstruktur der laufenden Insolvenzwelle: Welche Branchen am härtesten betroffen sind, bietet eine gesonderte Analyse.

Vertrauensverlust als eigenständiger Risikofaktor

Bemerkenswert ist, dass die Umfrage nicht nur wirtschaftliche Härtedaten abbildet, sondern auch die psychologische Dimension greifbar macht. Unternehmer berichten von schwindendem Vertrauen in die Konjunkturentwicklung, in die Verlässlichkeit von Lieferketten und in die Planbarkeit regulatorischer Rahmenbedingungen. Dieser Vertrauensverlust ist laut ifo-Ökonomen ein eigenständiger Wachstumshemmer — selbst Betriebe, die derzeit noch keine akuten Liquiditätsengpässe haben, investieren weniger und stellen seltener ein (Quelle: ifo Institut).

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Konjunkturindikator: Der ifo Geschäftsklimaindex für Mai 2026 liegt bei 87,3 Punkten — damit befindet er sich zum dritten Mal in Folge unter der Wachstumsschwelle von 100 Punkten. Die Komponente „Geschäftserwartungen" ist gegenüber dem Vormonat erneut gesunken und signalisiert, dass eine kurzfristige Erholung aus Sicht der befragten Unternehmen nicht in Sicht ist. Besonders pessimistisch sind Einzelhandel (−14,2 Punkte) und Bauwirtschaft (−11,6 Punkte). (Quelle: ifo Institut)

Einzelhandel: Härteste Betroffene unter den Branchen

Insolvenz Pleite Geschaeft Geschlossen Schaufenster Leer Krise

Mit einem Anteil von fast 19 Prozent insolvenzgefährdeter Betriebe ist der stationäre Einzelhandel die am stärksten belastete Branche in der ifo-Erhebung. Die Gründe dafür sind vielschichtig, aber gut dokumentiert: Der strukturelle Wandel hin zum Online-Handel hat sich in den letzten Jahren beschleunigt, und ein wachsender Anteil der Konsumausgaben verlagert sich auf digitale Plattformen. Gleichzeitig sind die Fixkosten — Mieten in Innenstadtlagen, Personalkosten, Energiepreise — weitgehend unverändert hoch geblieben (Quelle: Statista, Bundesverband des Deutschen Einzelhandels).

Hinzu kommt eine anhaltende Konsumzurückhaltung der Haushalte. Die realen Kaufkraftzuwächse, die viele Ökonomen nach dem Ende der Hochinflationsphase erwartet hatten, sind bislang nicht im Konsum angekommen. Stattdessen steigen die privaten Sparquoten — ein Zeichen von Unsicherheit, aber fatal für den binnenwirtschaftlich abhängigen Einzelhandel. Laut Statista-Daten ist der reale Einzelhandelsumsatz in diesem Jahr bisher um 1,4 Prozent hinter dem Vorjahreswert zurückgeblieben (Quelle: Statista).

Stadtbild in Gefahr: Leerstände als sichtbares Symptom

Die wirtschaftliche Not der Einzelhändler manifestiert sich zunehmend im Stadtbild. In deutschen Mittelstädten liegt die Leerstandsquote in 1A-Lagen laut aktuellen Erhebungen im Schnitt bei 11,3 Prozent — Tendenz steigend. Einzelne Städte melden sogar Leerstandsquoten von über 20 Prozent. Das hat Folgewirkungen weit über den betroffenen Sektor hinaus: Weniger frequentierte Innenstädte schwächen die Gastronomiebetriebe, senken die Attraktivität für Touristen und verringern die kommunalen Steuereinnahmen (Quelle: DIW Berlin, Immobilienwirtschaft Deutschland).

Bauwirtschaft und Industrie: Unterschiedliche Krisenlagen

Auch das verarbeitende Gewerbe und die Bauwirtschaft zeigen erhebliche Stresssignale, wenngleich die Ursachen strukturell anders gelagert sind als im Einzelhandel. In der Baubranche trifft ein historischer Nachfrageeinbruch auf anhaltend hohe Materialkosten und einen Fachkräftemangel, der selbst in der Krise kaum nachgelassen hat. Die Zahl der Baugenehmigungen für Wohngebäude ist gegenüber dem Niveau vor drei Jahren um mehr als 40 Prozent eingebrochen — mit direkten Folgen für Auftragsvolumen und Liquidität der Betriebe (Quelle: Statistisches Bundesamt).

Das verarbeitende Gewerbe leidet hingegen stärker unter dem internationalen Wettbewerbsdruck. Energiekosten, die trotz leichter Entspannung auf den Großhandelsmärkten auf Unternehmensebene hoch bleiben, und ein schwächelnder Exportmarkt — insbesondere in Richtung China und in einige Schwellenländer — belasten die Margen. Der Anteil der insolvenzgefährdeten Industriebetriebe liegt laut ifo bei rund 6,2 Prozent — unter dem Gesamtdurchschnitt, aber weit über dem historischen Mittel (Quelle: ifo Institut).

Automobilindustrie: Strukturwandel als Dauerstress

Unter den Industriezweigen ist die Automobilindustrie und ihr Zuliefernetz besonders exponiert. Der Übergang zur Elektromobilität verschiebt Wertschöpfungsanteile massiv, und zahlreiche Zulieferer, die auf konventionelle Antriebstechnik spezialisiert sind, finden für ihre Produkte kaum noch ausreichend Nachfrage. Gleichzeitig fehlen vielen der betroffenen Betriebe die finanziellen und personellen Ressourcen, um die Transformation selbst zu vollziehen. Laut DIW-Schätzungen könnten im Zulieferbereich bis Ende des Jahres mehrere Zehntausend Stellen wegfallen, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden (Quelle: DIW Berlin).

Dienstleistungssektor: Differenziertes Bild

Der Dienstleistungssektor zeigt ein gespaltenes Bild. Unternehmensberatungen, IT-Dienstleister und bestimmte Bereiche der Logistik kommen vergleichsweise gut durch die Konjunkturflaute — teils auch, weil sie von der wachsenden Nachfrage nach Digitalisierung und Automatisierung profitieren. Gastgewerbe und persönliche Dienstleistungen hingegen stehen unter erheblichem Druck: Steigende Personalkosten durch Mindestlohnerhöhungen und rückläufige Ausgaberbereitschaft der Verbraucher drücken die Margen auf ein kaum noch tragfähiges Niveau (Quelle: ifo Institut, Statista).

Branche Anteil insolvenzgefährdeter Betriebe Hauptrisikofaktor Geschäftsklima (Mai 2026)
Einzelhandel (stationär) 18,9 % Konsumzurückhaltung, Online-Konkurrenz −14,2 Punkte (ggü. Vormonat)
Bauwirtschaft 14,2 % Auftragsrückgang, Materialkosten −11,6 Punkte
Gastgewerbe 12,7 % Personalkosten, Kaufzurückhaltung −9,8 Punkte
Verarbeitendes Gewerbe 6,2 % Exportrückgang, Energiekosten −7,1 Punkte
IT / Unternehmensdienstleistungen 2,1 % Fachkräftemangel +3,4 Punkte
Gesamtwirtschaft (Ø) 8,0 % Multipel −6,5 Punkte

Wer profitiert — und wer verliert?

Die Krise der traditionellen Wirtschaftssektoren schafft paradoxerweise Gewinner auf der anderen Seite des Strukturwandels. Unternehmen, die frühzeitig auf Digitalisierung gesetzt und ihre Geschäftsmodelle auf datengetriebene Prozesse umgestellt haben, sind deutlich widerstandsfähiger. Das gilt für den E-Commerce ebenso wie für Unternehmen, die ihre Lieferketten durch technologische Instrumente transparenter und effizienter gestaltet haben. Wie Unternehmen ihren Datenschatz mit KI richtig nutzen, ist für viele Betriebe inzwischen keine Frage der Optimierung mehr, sondern eine des Überlebens.

Im DAX-Segment zeigen sich die Divergenzen besonders deutlich. Technologiekonzerne mit starkem Cloud- und Softwaregeschäft — allen voran SAP — haben ihre Marktstellung weiter ausgebaut, während traditionelle Industrie- und Konsumgüterwerte unter Kursdruck stehen. Mehr zur Wachstumsstrategie des wertvollsten deutschen Unternehmens findet sich unter SAP: Deutschlands wertvollstes Unternehmen auf der Transformationsroute.

Mittelstand: Rückgrat unter Druck

Besonders schmerzhaft ist die Lage für den deutschen Mittelstand — jenes oft zitierte Rückgrat der Volkswirtschaft. Mittelständler mit 10 bis 249 Beschäftigten stellen laut Statistischem Bundesamt rund 35 Prozent aller Umsätze und mehr als 60 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze. Wenn acht Prozent dieser Betriebe gefährdet sind, geht es um mehr als Unternehmensbilanzen — es geht um die wirtschaftliche Substanz ganzer Regionen, insbesondere in strukturschwachen Flächenländern (Quelle: Statistisches Bundesamt).

Die Bundesbank hat in ihrem jüngsten Monatsbericht darauf hingewiesen, dass die Eigenkapitalquoten im Mittelstand zwar insgesamt solider sind als in früheren Krisen, aber die Zinsbelastungen durch gestiegene Refinanzierungskosten erheblich zugenommen haben. Betriebe, die in den Jahren ultraniedriger Zinsen Investitionskredite aufgenommen haben und diese nun zu deutlich höheren Konditionen verlängern müssen, geraten unter strukturellen Liquiditätsdruck — auch ohne externe Schocks (Quelle: Deutsche Bundesbank).

Politische Reaktionen und strukturelle Gegenmaßnahmen

In Berlin reagiert die Koalition mit einer Mischung aus Ankündigungen und konkreten Maßnahmen. Das Bundeswirtschaftsministerium verwies auf laufende Programme zur Unternehmensfinanzierung und auf die geplante Senkung der Unternehmensteuerbelastung, die noch in diesem Jahr greifen soll. Kritiker aus der Wirtschaft bemängeln jedoch, dass die Entlastungen zu langsam umgesetzt werden und die bürokratischen Hürden für Förderprogramme nach wie vor zu hoch sind (Quelle: ifo Institut, DIW Berlin).

Besonders die Umsetzung des Lieferkettengesetzes in der Praxis bereitet vielen mittelständischen Unternehmen zusätzlichen Aufwand — zu einem Zeitpunkt, an dem ihre Ressourcen für das operative Kerngeschäft dringend benötigt werden. Zwar ist das Gesetz aus Sicht der Nachhaltigkeitsforschung grundsätzlich sinnvoll; die Frage der Implementierungskosten in einer Konjunkturflautenphase bleibt jedoch eine ernst zu nehmende Belastung.

Insolvenzrecht als Auffangnetz: Ausreichend robust?

Eine oft übersehene Dimension der Debatte ist die Frage, ob das deutsche Insolvenzrecht als Restrukturierungsinstrument heute robuster ist als in früheren Krisenperioden. Mit dem Unternehmensstabilisierungs- und -restrukturierungsgesetz (StaRUG), das seit einigen Jahren in Kraft ist, haben Unternehmen die Möglichkeit, Restrukturierungen außerhalb des formalen Insolvenzverfahrens durchzuführen. In der Praxis zeigt sich allerdings, dass das Instrument vor allem von größeren Betrieben genutzt wird — kleine Unternehmen ohne spezialisierte Rechtsberatung erreichen dieses Instrumentarium kaum (Quelle: DIW Berlin, Bundesministerium der Justiz).

Ausblick: Was die zweite Jahreshälfte bringt

Die Prognosen für die kommenden Monate sind vorsichtig bis pessimistisch. Das ifo Institut erwartet für das Gesamtjahr ein Wirtschaftswachstum von lediglich 0,3 Prozent — und warnt, dass ein weiterer externer Schock, etwa eine erneute Eskalation geopolitischer Spannungen oder ein Einbruch der globalen Industrienachfrage, dieses minimale Wachstum vollständig aufzehren könnte (Quelle: ifo Institut). Das DIW liegt mit seiner Prognose ähnlich, weist aber darauf hin, dass fiskalische Impulse — sollte die Koalition liefern —

EinordnungDie Umfrage des ifo Instituts signalisiert eine zunehmende strukturelle Schwäche in der deutschen Wirtschaft. Diese Entwicklung wirft Fragen nach der langfristigen Stabilität und den Arbeitsplätzen in vielen Branchen auf.
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ZenNews24 RedaktionUnabhängige Nachrichtenredaktion · Schwerpunkt: Wirtschaft
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Julia Schneider
Gesellschaft & International

Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet.

Quelle: Zeit Wirtschaft
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