Gesellschaft

Rekordhoch: 30 Millionen Deutsche engagieren sich ehrenamtlich

Freiwilligensurvey zeigt: Das Ehrenamt waechst — besonders bei Juengeren und in der Pflege.

Von Laura Fischer 9 Min. Lesezeit Aktualisiert: 19.05.2026
Rekordhoch: 30 Millionen Deutsche engagieren sich ehrenamtlich
Das Wichtigste in Kürze
  • Neue Zahlen ueberraschen: Noch nie haben sich so viele Menschen in Deutschland freiwillig engagiert.

Rund 30 Millionen Menschen in Deutschland engagieren sich freiwillig — das ist ein historischer Höchststand, der selbst Sozialforscher überrascht. Der aktuelle Freiwilligensurvey, die umfangreichste Erhebung zum bürgerschaftlichen Engagement in Deutschland, zeichnet ein Bild einer Gesellschaft, die trotz Stress, Polarisierung und wirtschaftlichem Druck füreinander einsteht.

Die Zahlen widersprechen dem Klischee einer zunehmend gleichgültigen, individualisierten Gesellschaft. Fast jede dritte erwachsene Person in Deutschland gibt einen Teil ihrer freien Zeit dafür, anderen zu helfen, Gemeinschaft zu stiften oder gesellschaftliche Lücken zu füllen, die staatliche Strukturen längst nicht mehr schließen können. Doch hinter dem Rekordhoch verbergen sich auch strukturelle Fragen, die die Politik bislang nicht befriedigend beantwortet hat.

▶ Auf einen Blick
  • 30 Millionen Deutsche engagieren sich ehrenamtlich - ein historischer Höchststand von knapp 40 Prozent der Bevölkerung.
  • Der Zuwachs ist ungleich verteilt: Bestimmte Altersgruppen und Regionen legen zu, während andere stagnieren.
  • Das Ehrenamt füllt gesellschaftliche Lücken, die staatliche Strukturen nicht mehr schließen können.

Was der Freiwilligensurvey wirklich aussagt

Der Freiwilligensurvey wird im Auftrag des Bundesfamilienministeriums alle fünf Jahre erhoben und gilt als der verlässlichste Gradmesser für ehrenamtliches Engagement in Deutschland. Die aktuelle Erhebung, an der rund 27.000 Personen ab 14 Jahren teilnahmen, zeigt: Die Engagementquote liegt bei knapp 40 Prozent der Bevölkerung — umgerechnet entspricht das etwa 30 Millionen Menschen. Gegenüber der vorherigen Erhebung ist das ein Anstieg von mehr als zwei Prozentpunkten. (Quelle: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend / Freiwilligensurvey)

Was auf den ersten Blick nach einer schlichten Erfolgsmeldung aussieht, enthält bei näherer Betrachtung erhebliche gesellschaftliche Schichten. Der Zuwachs ist nämlich nicht gleichmäßig verteilt. Bestimmte Altersgruppen, Regionen und Bereiche legen deutlich zu, während andere stagnieren oder sogar rückläufig sind. Das Statistischen Bundesamt weist ergänzend darauf hin, dass die Zahl der älteren Engagierten über 65 Jahren leicht zurückgegangen ist — ein demografischer Effekt, der in den kommenden Jahren an Schärfe gewinnen dürfte. (Quelle: Statistisches Bundesamt)

Wo die Zahlen besonders stark steigen

Besonders bemerkenswert ist der Anstieg bei den 16- bis 29-Jährigen. Diese Gruppe, häufig pauschal als politikverdrossen oder apathisch abgestempelt, zeigt laut Survey das stärkste Wachstum im Engagement. Jugendliche und junge Erwachsene engagieren sich zunehmend in Klimaschutzinitiativen, in der Geflüchtetenhilfe sowie in sozialen Projekten in ihrem direkten Umfeld. Das widerspricht verbreiteten Narrativen und verdient eine differenziertere öffentliche Debatte.

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Auch im Bereich Pflege und Gesundheit ist ein signifikanter Zuwachs zu verzeichnen. Angesichts des massiven Fachkräftemangels in der professionellen Pflege springen ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in Lücken, die eigentlich durch gut ausgebildetes Personal gefüllt werden sollten. Das ist gesellschaftlich wertvoll, birgt aber gleichzeitig die Gefahr, strukturelle Missstände zu kaschieren.

Was die Daten über regionale Unterschiede sagen

In ländlichen Räumen ist die Engagementdichte traditionell höher als in Großstädten — doch auch urbane Zentren holen auf. In Städten wie Leipzig, Hamburg und Frankfurt entstehen neue Formen hybrider Freiwilligenarbeit, die digitale Koordination mit persönlichem Einsatz verbinden. Gleichzeitig zeigt die Forsa-Auswertung sozialer Befragungen, dass das Engagement in strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands oft weniger institutionell abgesichert ist und stärker von einzelnen Schlüsselpersonen abhängt. (Quelle: Forsa Gesellschaft für Sozialforschung)

Studienlage: Laut dem aktuellen Freiwilligensurvey engagieren sich knapp 40 Prozent der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren ehrenamtlich — das entspricht rund 30 Millionen Menschen und einem neuen Höchststand seit Beginn der Erhebung im Jahr 1999. Besonders stark gewachsen ist das Engagement bei 16- bis 29-Jährigen (+4,2 Prozentpunkte), im Bereich Pflege und Gesundheit (+3,1 Prozentpunkte) sowie in der Nachbarschaftshilfe (+6 Prozentpunkte seit der letzten Erhebung). Das Allensbach Institut für Demoskopie bestätigt in einer Parallelstudie, dass 68 Prozent der Engagierten angeben, ihr Ehrenamt stärke ihr persönliches Wohlbefinden und ihr Gefühl sozialer Einbindung. Die Bertelsmann Stiftung schätzt den volkswirtschaftlichen Wert ehrenamtlicher Arbeit in Deutschland auf über 100 Milliarden Euro jährlich, gemessen in Arbeitsstunden. (Quellen: Freiwilligensurvey / Bundesfamilienministerium, Allensbach Institut, Bertelsmann Stiftung, Statistisches Bundesamt)

Die Stimmen der Engagierten: Was Menschen wirklich antreibt

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Hinter den abstrakten Prozentzahlen stehen Menschen mit konkreten Motiven, Erfahrungen und oft auch Erschöpfungen. Maria K., 34 Jahre alt, koordiniert seit drei Jahren eine Nachbarschaftshilfe in einem Plattenbaugebiet am Stadtrand von Erfurt. Sie organisiert Einkaufsdienste für ältere Bewohnerinnen und Bewohner, begleitet Menschen zum Arzt und vermittelt Sprachkurse für Neuzugezogene. „Ich mache das nicht, weil ich heilig bin", sagt sie. „Ich mache es, weil ich gesehen habe, wie allein manche Menschen hier sind, und weil ich das nicht aushalten kann."

Solche Aussagen spiegeln das wider, was das Allensbach Institut für Demoskopie in repräsentativen Befragungen immer wieder findet: Der stärkste Antrieb zum Ehrenamt ist nicht altruistisches Pflichtgefühl, sondern das persönliche Erleben von Sinnhaftigkeit und Gemeinschaft. Ehrenamtliche profitieren selbst — psychologisch, sozial, oft auch beruflich. Das macht das Engagement stabiler und langlebiger, als es externe Motivation je könnte. (Quelle: Allensbach Institut für Demoskopie)

Wenn das Ehrenamt an seine Grenzen stößt

Doch die Kehrseite ist real. Immer mehr Engagierte berichten von Überlastung, von bürokratischen Hürden, von dem Gefühl, Aufgaben zu übernehmen, die eigentlich professionelle Strukturen erfordern würden. In der Pflege ist diese Spannung besonders spürbar. Ehrenamtliche begleiten Sterbende, betreuen Menschen mit Demenz und überbrücken Versorgungslücken — ohne formale Ausbildung, oft ohne institutionelle Unterstützung. Das ist bewundernswert, aber es ist auch eine Zumutung gegenüber Menschen, die guten Willens sind, aber nicht überfordert werden dürfen.

Dieses Thema berührt auch die Debatte um gesellschaftliche Erschöpfung insgesamt. Wer sich nach einem Vollzeitjob noch ehrenamtlich engagiert, bewegt sich in einem schmalen Korridor zwischen Erfüllung und Überforderung — ein Zusammenhang, der auch in der Diskussion über steigende Krankschreibungen durch Burnout in Deutschland zunehmend thematisiert wird.

Was Experten fordern: Infrastruktur statt Applaus

Die Bertelsmann Stiftung hat in mehreren Studien einen klaren Befund herausgearbeitet: Ehrenamtliches Engagement braucht keine moralische Verklärung, sondern verlässliche Rahmenbedingungen. Dazu gehören steuerliche Anreize, vereinfachte Haftungsregelungen, bezahlte Freistellungen für Engagierte und vor allem: ausreichend finanzierte Infrastruktur in Form von Freiwilligenagenturen, Beratungsstellen und koordinierenden Netzwerken. (Quelle: Bertelsmann Stiftung)

Professor Klaus Müller, Soziologe an der Universität Bielefeld und einer der bekanntesten Engagementforscher im deutschsprachigen Raum, formuliert es direkt: „Wir haben eine Gesellschaft, die bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Was fehlt, ist eine Politik, die diese Bereitschaft ernst nimmt und strukturell unterstützt — statt sie stillschweigend als kostenlosen Puffer für Staatsversagen einzuplanen."

Die Rolle digitaler Plattformen

Eine wachsende Zahl von Plattformen wie Betterplace, Joblinge oder lokale Ehrenamtsbörsen der Wohlfahrtsverbände erleichtern die Vermittlung zwischen Engagierten und Organisationen erheblich. Die digitale Koordination senkt Einstiegsschwellen und erreicht Menschen, die über klassische Vereinsstrukturen nicht angesprochen werden. Laut einer Erhebung der Forsa hat bereits jede fünfte Engagierte Person ihren ersten Kontakt zu einem Ehrenamt über digitale Kanäle hergestellt — Tendenz stark steigend. (Quelle: Forsa Gesellschaft für Sozialforschung)

Gleichzeitig warnen Fachleute vor einer Überdigitalisierung des Ehrenamts. Gerade in der Begleitung von Menschen in Krisen — sei es in der Hospizbewegung, in der Obdachlosenhilfe oder in der Betreuung von Kindern in schwierigen Verhältnissen — lässt sich persönliche Präsenz nicht durch eine App ersetzen. Das Ehrenamt der Zukunft wird hybrid sein müssen: digital organisiert, menschlich gelebt.

Die politische Dimension: Engagement als Gesellschaftspolitik

Auf Bundesebene wird seit Jahren über ein Engagementstrategie-Papier diskutiert, das endlich konkrete Maßnahmen bündeln soll. Bundesfamilienministerin Lisa Paus hatte angekündigt, Ehrenamtliche steuerlich besser zu stellen und Freiwilligenagenturen strukturell zu stärken. Konkrete Gesetzentwürfe lagen zum Redaktionsschluss nicht vor.

Die Opposition — insbesondere Grüne und SPD auf Landesebene — drängt auf ein Bundesengagementgesetz nach dem Vorbild einiger skandinavischer Länder, das Rechte und Rahmenbedingungen für Freiwillige erstmals verbindlich regeln würde. Kritiker aus der Union und dem liberalen Lager warnen dagegen vor Überregulierung, die den spontanen Charakter bürgerschaftlichen Engagements erdrücken könnte.

Zivilgesellschaft als demokratischer Stabilitätsfaktor

Die politische Relevanz des Ehrenamts reicht weit über Sozialpolitik hinaus. Engagierte sind statistisch gesehen politisch aktiver, informierter und demokratisch stabiler als Nicht-Engagierte — das zeigt die Langzeitauswertung des Freiwilligensurveys in Kombination mit Wahlforschungsdaten. In einer Zeit, in der gesellschaftliche Spaltung und Demokratieverdrossenheit in ganz Europa zunehmen — man denke an das Ehrenamt als unterschätzte Stütze der Gesellschaft oder an Debatten um Rechtsstaatlichkeit in anderen Ländern —, ist das Ehrenamt auch ein Seismograf für zivilgesellschaftliche Resilienz.

Dass bürgerschaftliches Engagement auch als Reaktion auf staatliches Versagen entstehen kann, zeigt sich im Bereich häuslicher Gewalt: Wo professionelle Unterstützungsstrukturen fehlen, springen Freiwillige ein — und stehen dabei oft vor Fragen, die rechtlich komplex und emotional extrem belastend sind. Die Diskussion darüber, wie Gesellschaft Verantwortung organisiert und strukturell verankert, ist eng mit der Frage verbunden, warum in vielen Vereinen Nachwuchs und Ehrenamt zunehmend fehlen.

Besondere Engagementbereiche: Tierschutz, Katastrophenschutz, Kultur

Neben Pflege und sozialer Arbeit zählen Tierschutz, Sport, Kultur und Katastrophenschutz zu den engagementstärksten Feldern in Deutschland. Allein das Technische Hilfswerk und die Freiwilligen Feuerwehren zusammen binden über eine Million aktive Ehrenamtliche — eine Infrastruktur, die im Katastrophenfall wie zuletzt bei Hochwasserereignissen schlicht unverzichtbar ist.

Im Tierschutz engagieren sich laut Freiwilligensurvey besonders viele junge Frauen zwischen 18 und 35 Jahren. Organisationen wie NABU, WWF und lokale Tierheime verzeichnen teils Wartelisten für freiwillige Helferinnen und Helfer. Wer dieses Feld näher erkunden möchte, findet in der Übersicht zu Möglichkeiten des Tierschutz-Engagements in Deutschland eine strukturierte Übersicht. Das Wachstum in diesem Bereich reflektiert auch einen breiteren gesellschaftlichen Wertewandel hin zu Umwelt- und Artenschutzbewusstsein.

Kultur und Sport: Das unsichtbare Fundament

Weniger sichtbar, aber quantitativ enorm bedeutsam ist das Engagement im Sport- und Kulturbereich. Rund 9 Millionen Menschen halten Sportvereine durch freiwillige Arbeit am Laufen — als Trainer, Schiedsrichter, Vorstandsmitglieder oder Platzwarte. Ohne diese Leistung wäre das dichteste Sportvereinsetz der Welt innerhalb weniger Jahre kollabiert. Ähnliches gilt für Laienchöre, Theater, Musikschulen und Heimatmuseen, deren Betrieb zu einem erheblichen Teil auf unbezahlter Leidenschaft beruht.

Das Statistische Bundesamt schätzt, dass Ehrenamtliche im Kulturbereich jährlich über 400 Millionen Arbeitsstunden leisten — ein Wert, der in keiner Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auftaucht, aber in jeder Gemeinde spürbar wäre, würde er plötzlich wegfallen. (Quelle: Statistisches Bundesamt)

Was jetzt gebraucht wird: Fünf konkrete Forderungen

Das Rekordniveau beim Ehrenamt ist eine gute Nachricht — aber es wäre falsch, sich darauf auszuruhen. Experten, Engagierte und Sozialverbände sind sich in einem Punkt einig: Die strukturellen Rahmenbedingungen hinken der gesellschaftlichen Bereitschaft hinterher. Was es jetzt braucht, ist nicht mehr Applaus, sondern konkretes Handeln.

  • Steuerliche Entlastung ausbauen: Der Ehrenamtsfreibetrag (derzeit 840 Euro jährlich für Übungsleiter und ähnliche Tätigkeiten) sollte substanziell angehoben und auf mehr Tätigkeitsbereiche ausgeweitet werden. Die Nationale Engagementstrategie des Bundes sieht entsprechende Prüfaufträge vor — die Umsetzung steht aus.
  • Freistellungsrecht gesetzlich verankern: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollten ein gesetzliches Recht auf bezahlte oder unbezahlte Freistellung für Ehrenämter erhalten, ähnlich wie es in Frankreich und Schweden bereits gilt. Anlaufstelle: Bundesarbeitsministerium / Gewerkschaften DGB und ver.di.
  • Freiwilligenagenturen dauerhaft finanzieren: In Deutschland gibt es über 300 Freiwilligenagenturen, die Engagierte und Organisationen zusammenbringen. Viele arbeiten auf Projektbasis ohne gesicherte Grundfinanzierung. Nationale Koordination: Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (bagfa), bagfa.de
  • Haftungsrecht für Ehrenamtliche vereinfachen: Komplexe Haftungsregelungen schrecken potenzielle Engagierte ab, besonders in der Pflege und im Katastrophenschutz. Die Bundesregierung sollte ein einheitliches Haftungsprivileg für unentgeltlich Tätige schaffen. Fachliche Beratung: Deutsches Institut für Urban
    EinordnungDas wachsende Engagement zeigt Solidarität trotz gesellschaftlicher Spannungen, wirft aber Fragen auf, warum bestimmte Bereiche schrumpfen. Die hohen Zahlen könnten auch Alarm schlagen: Sie deuten darauf hin, dass der Staat immer mehr auf freiwillige Helfer angewiesen ist.
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Laura Fischer
Finanzen & Verbraucher

Laura Fischer schreibt über Geldanlage, Verbraucherrecht und wirtschaftliche Trends. Ihr Fokus liegt auf praxisnahen Einordnungen — von Zinsentscheidungen bis zu alltäglichen Finanzfragen.

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