ZenNews24› Gesundheit› Extra 3 über den Hebammen-Notstand Gesundheit Extra 3 über den Hebammen-Notstand Immer weniger Hebammen, immer mehr Geburten: Der NDR zeigt, was das bedeutet Von Andreas Koch 12.03.2026, 18:29 Uhr 7 Min. Lesezeit Aktualisiert: 07.05.2026 Das Wichtigste in Kürze Wir haben uns diese Woche den Extra-3-Beitrag des NDR zum Hebammenmangel angeschaut — und müssen ehrlich sagen: Das ist ein Thema, das nicht nur... Rund 770.000 Kinder kommen jedes Jahr in Deutschland zur Welt — doch die Zahl der Hebammen, die diese Geburten begleiten, sinkt seit Jahren. Das NDR-Satiremagazin Extra 3 hat das Thema zuletzt pointiert auf die Agenda gesetzt, aber hinter dem Witz steckt eine bedrohliche Realität: Werdende Mütter suchen teilweise monatelang nach einer freiberuflichen Hebamme, Kreißsäle arbeiten an ihrer Belastungsgrenze, und Schwangere in ländlichen Regionen müssen stundenlange Fahrten zur nächsten Geburtsklinik einkalkulieren.InhaltsverzeichnisWas Extra 3 zeigt — und was dahinter stecktWarum Hebammen den Beruf aufgebenEin Systemversagen mit AnsageWas jetzt gefordert wird Was Extra 3 zeigt — und was dahinter steckt Das NDR-Format Extra 3 ist bekannt dafür, gesellschaftliche Missstände mit satirischem Blick zu beleuchten. Der Hebammen-Notstand lieferte dabei keinen Mangel an Material: überfüllte Kreißsäle, Hebammen, die in ihrer Freizeit noch schnell eine Nachsorge einquetschen, und ein System, das auf dem Rücken engagierter Einzelpersonen funktioniert. Was die Sendung zeigt, ist jedoch kein Nischenthema für Schwangerschaftsratgeber — es ist ein strukturelles Versagen des deutschen Gesundheitssystems, das Folgen für Mutter und Kind haben kann. Der Deutsche Hebammenverband warnt seit Jahren vor einem dramatischen Rückgang der Versorgungskapazitäten. Laut Verbandsangaben fehlen allein im freiberuflichen Bereich bundesweit mehrere tausend Hebammen. Die Zahl der Absolventinnen des seit kurzem akademisierten Hebammenstudiums reicht nicht aus, um die Lücken zu schließen, die durch Berufsausstiege entstehen. Viele erfahrene Hebammen geben ihre Zulassung zurück — erschöpft, unterbezahlt, überarbeitet. Studienlage: Eine Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, dass Hebammen zu den am schlechtesten entlohnten akademischen Gesundheitsberufen gehören, gemessen am Ausbildungsaufwand und Verantwortungsumfang. Der Hebammenverband beziffert die durchschnittliche Nettovergütung freiberuflicher Hebammen nach Abzug von Versicherungskosten und Betriebsausgaben auf deutlich unter 20 Euro pro Stunde. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat in ihrem Globalen Hebammenbericht errechnet, dass weltweit rund 900.000 zusätzliche Hebammen benötigt werden, um eine sichere Geburtsversorgung zu gewährleisten — auch Europa ist von diesem Defizit nicht ausgenommen. Laut Statistischem Bundesamt kamen zuletzt auf rund 1.000 Geburten bundesweit deutlich weniger als die von der WHO empfohlene Zahl an betreuenden Hebammen. Warum Hebammen den Beruf aufgeben Gesundheit Arzt Patient Beratung Diagnose Praxis Krankenversicherung Behandlung Medizin Der Hauptgrund für den Berufsausstieg ist kein Geheimnis: die Haftpflichtproblematik. Freiberufliche Hebammen, die Hausgeburten oder Geburtsbegleitungen außerhalb von Kliniken anbieten, zahlen Haftpflichtprämien, die sich in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten vervielfacht haben. Derzeit liegen die Jahresprämien für geburtshilflich tätige Hebammen bei mehreren zehntausend Euro — eine Summe, die viele nicht mehr erwirtschaften können. Die Politik hat mehrfach Reformversprechen gemacht, zuletzt im Rahmen der Hebammenreform und der Einführung des Hebammenstudiums. Doch an der wirtschaftlichen Grundsituation hat sich für viele Betroffene kaum etwas verändert.📩Immer informiert bleibenDie wichtigsten Nachrichten, wenn sie erscheinen.Newsletter holen Hinzu kommt die emotionale und körperliche Belastung. Schichtdienst, Nachtbereitschaften, emotionale Extremsituationen bei Komplikationen — der Beruf fordert alles. Wenn dann noch administrative Pflichten, mangelnde Anerkennung im System und schlechte Bezahlung dazukommen, entscheiden sich viele Hebammen für andere Berufsfelder oder reduzieren ihre Tätigkeit erheblich. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) hat wiederholt betont, dass eine qualitativ hochwertige Geburtsmedizin ohne ausreichend Hebammen nicht möglich ist — und dass die Folgen für die perinatale Gesundheit messbar sind. Die Lage auf dem Land ist besonders kritisch In städtischen Ballungsräumen ist die Versorgung angespannt. Auf dem Land ist sie an manchen Stellen bereits zusammengebrochen. Geburtsstationen in kleinen Kreiskrankenhäusern schließen in regelmäßigen Abständen, weil sie keine Hebammen mehr finden oder wirtschaftlich nicht rentabel arbeiten können. Für Schwangere im ländlichen Raum bedeutet das: längere Anfahrtswege, weniger persönliche Betreuung, mehr Stress in einer ohnehin vulnerablen Lebensphase. Das hat Konsequenzen. Studien aus Großbritannien und den Niederlanden, deren Geburtshilfesysteme intensiv erforscht sind, zeigen, dass längere Anfahrtswege zur nächsten Geburtsklinik mit höheren Raten an Komplikationen korrelieren — insbesondere bei Schnellgeburten, die unterwegs oder ohne ausreichende medizinische Begleitung stattfinden. Deutschland fehlt es an vergleichbaren flächendeckenden Datenerhebungen, doch die strukturellen Parallelen sind offensichtlich. Das Robert Koch-Institut (RKI) hat in seinen Berichten zur Mutter-Kind-Gesundheit auf Disparitäten zwischen urbanen und ruralen Versorgungsstrukturen hingewiesen, auch wenn spezifische Hebammendaten in der Gesundheitsberichterstattung noch zu selten systematisch erfasst werden. Eng damit verknüpft ist die steigende Kaiserschnittrate, die in Deutschland seit Jahren auf hohem Niveau verharrt. Wer dazu mehr erfahren möchte, findet eine ausführliche Einordnung im Artikel über die Kaiserschnittrate in Deutschland auf Rekordniveau — denn der Zusammenhang zwischen Hebammenmangel, Zeitdruck in Kreißsälen und der Entscheidung für operative Geburten ist aus medizinischer Sicht plausibel und wird in der Fachwelt diskutiert.Bildmaterial: ZenNews24 Mediathek Was bedeutet das für Schwangere konkret? Wer heute schwanger wird, steht vor einer Aufgabe, die noch vor einer Generation selbstverständlich war: eine Hebamme zu finden. Der Bundesverband der Hebammen empfiehlt, bereits im ersten Trimester — also in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen — mit der Suche zu beginnen. In manchen Großstädten reicht das nicht. Wartelisten sind lang, freie Kapazitäten sind rar. Frauen berichten in Online-Foren und Selbsthilfegruppen von der Erfahrung, Dutzende Hebammen kontaktiert zu haben, ohne Erfolg. Das ist nicht nur eine logistische Unannehmlichkeit. Die Weltgesundheitsorganisation betont in ihren Leitlinien zur Schwangerenvorsorge, dass kontinuierliche Hebammenbetreuung — sogenannte Continuity of Care — mit besseren Geburtsergebnissen, niedrigeren Frühgeburtsraten und höherer Zufriedenheit der Mütter verknüpft ist. Wer diese Kontinuität nicht bekommt, weil keine Hebamme verfügbar ist, wird auf fragmentierte Versorgung verwiesen: hier ein Frauenarzttermin, dort eine überlastete Kreißsaalstation, die Wochenbettbetreuung irgendwo dazwischen. Früh suchen: Mit der Suche nach einer Hebamme idealerweise ab der achten bis zwölften Schwangerschaftswoche beginnen, nicht erst kurz vor der Geburt. Mehrere Kanäle nutzen: Hebammenlisten bei Krankenkassen, regionale Hebammenverbände, Empfehlungen über Geburtsvorbereitungskurse und Hebammenzentralen anfragen. Ansprüche kennen: Gesetzlich Versicherte haben einen Anspruch auf Hebammenhilfe — im Zweifel bei der Krankenkasse nachfragen, welche Leistungen gedeckt sind und wie bei Versorgungslücken vorgegangen werden kann. Klinische Alternativen prüfen: Manche Kliniken bieten eigene Hebammensprechstunden oder Geburtsvorbereitungskurse an, die eine Lücke im ambulanten Bereich partiell schließen können. Wochenbett absichern: Auch für die Nachsorge frühzeitig eine Hebamme suchen — viele sind zwar für die Geburt ausgebucht, bieten aber noch Wochenbettbesuche an. Notfallkontakte kennen: Die Nummer der nächsten Geburtsklinik und des ärztlichen Bereitschaftsdienstes (116 117) für den Notfall griffbereit haben. Ein Systemversagen mit Ansage Der Hebammenmangel ist kein plötzliches Phänomen. Fachverbände, Wissenschaftlerinnen und Hebammen selbst warnen seit mehr als einem Jahrzehnt vor dieser Entwicklung. Die politischen Reaktionen kamen zu spät und griffen zu kurz. Die Akademisierung des Hebammenstudiums — seit einigen Jahren ist ein Bachelorabschluss Voraussetzung für die Zulassung — war ein richtiger Schritt zur Professionalisierung, hat aber kurzfristig die Zahl der Absolventinnen reduziert, weil viele ältere Ausbildungsformate wegfielen. Die Vergütungsstrukturen wurden reformiert, aber nicht ausreichend. Die Haftpflichtproblematik wurde gestückelt angegangen, ohne eine nachhaltige Lösung zu liefern. Diese Systemprobleme erinnern strukturell an andere Bereiche des deutschen Gesundheitswesens. Der Pflegebereich etwa steht vor ähnlichen Herausforderungen: schlechte Bezahlung, hohe Belastung, Abwanderung aus dem Beruf. Wer verstehen möchte, wie sich dieser Pflegenotstand auf das Gesundheitssystem insgesamt auswirkt, findet dort eine eindrückliche Aufarbeitung des Themas. Die Parallelen sind nicht zufällig: Beide Berufsgruppen leiden unter einer strukturellen Unterschätzung von Care-Arbeit, die historisch von Frauen geleistet wurde und entsprechend vergütet worden ist. Auch die breiteren gesundheitspolitischen Debatten sind relevant. Wenn Krankenkassen zunehmend unter Druck stehen, ihre Leistungskataloge zu überprüfen — wie etwa im Kontext der Diskussion darüber, ob Krankenkassen Homöopathie nicht mehr erstatten sollten —, dann zeigt sich, wie eng verknüpft Fragen der Ressourcenverteilung im Gesundheitswesen sind. Mittel, die für wenig wirksame Leistungen ausgegeben werden, fehlen an anderer Stelle — etwa für eine angemessene Hebammenvergütung. Was jetzt gefordert wird Der Deutsche Hebammenverband fordert unter anderem eine deutliche Anhebung der Vergütungssätze, eine langfristige Lösung der Haftpflichtproblematik — etwa durch einen staatlichen Haftpflichtfonds — sowie mehr Studienplätze und bessere Rahmenbedingungen für freiberuflich tätige Hebammen. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe unterstützt diese Forderungen und betont die Notwendigkeit einer interprofessionellen Zusammenarbeit zwischen Ärztinnen und Ärzten sowie Hebammen, die auf Augenhöhe stattfinden muss. Auf europäischer Ebene hat die WHO klare Vorgaben formuliert: Hebammen sollen als eigenständige Profession gestärkt werden, nicht als Assistenzberufe. Das europäische Regionalbüro der WHO hat in seinen Empfehlungen zur Müttergesundheit betont, dass Länder mit starken Hebammensystemen bessere Gesundheitsoutcomes für Mütter und Neugeborene erzielen — weniger Müttersterblichkeit, weniger Frühgeburten, weniger unnötige Interventionen. Was Extra 3 mit Humor aufgreift, ist im Kern eine ernste öffentliche Gesundheitsfrage. Der Satiriker macht sichtbar, was die Politik zu lange übersehen hat. Das Lachen bleibt einem im Hals stecken, wenn man die Zahlen kennt. Für all jene, die sich mit Themen rund um Gesundheitsversorgung und strukturelle Risiken beschäftigen, lohnt auch ein Blick auf aktuelle internationale Entwicklungen — etwa den Mpox-Alarm, zu dem die WHO erneut den internationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen hat, denn auch dort zeigt sich, wie schnell Versorgungsstrukturen unter Druck geraten können, wenn Grundlagen fehlen. Und wer über die psychische Dimension von Versorgungslücken nachdenkt, findet in dem Beitrag zu Food Noise und mentalem Stress einen interessanten Vergleichsrahmen dafür, wie Dauerstress das Wohlbefinden untergräbt — ein Phänomen, das Hebammen wie Patientinnen gleichermaßen betrifft. Der Hebammen-Notstand ist lösbar. Aber er erfordert politischen Willen, ausreichend Finanzmittel und die Bereitschaft, Care-Arbeit endlich so zu bewerten, wie sie es verdient: als systemrelevante Grundlage gesellschaftlicher Gesundheit. Mehr zum ThemaWarum Deutschland beim Digitalen immer hinterherhinktAktienkultur in Deutschland: Warum wir noch immer hinterherhinkenTarifbindung: Warum immer weniger Arbeitgeber gebunden sind Teilen Teilen X Facebook WhatsApp Link kopieren Wie findest du das? 🔥 0 😲 0 🤔 0 👍 0 😢 0 reaktion gesundheit hebammenmangel-deutschland A Andreas Koch Gesundheit & Klima Andreas Koch analysiert medizinische Studien, Gesundheitspolitik und Klimaforschung. Er übersetzt komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse in verständliche Berichte für ein breites Publikum. 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