ZenNews24› Gesundheit› Hitzetote in Deutschland: RKI-Zahl von 12.500 lau… Gesundheit Hitzetote in Deutschland: RKI-Zahl von 12.500 laut Experte zu niedrig Intensivmediziner Uwe Janssens zweifelt an offizieller RKI-Schätzung zu hitzebedingten Todesfällen Von Mia Wagner 21.08.2026, 03:05 Uhr 6 Min. Lesezeit Das Wichtigste in Kürze Das Robert Koch-Institut geht für diesen Sommer von rund 12.500 Hitzetoten in Deutschland aus – deutlich mehr als im VorjahrIntensivmediziner Uwe Janssens hält diese Schätzung jedoch für zu niedrig angesetzt und warnt vor einer noch höheren Dunkelziffer 12.500 Hitzetote soll es nach RKI-Schätzung im laufenden Jahr in Deutschland gegeben haben – doch Uwe Janssens, Past-Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), hält diese Zahl für deutlich zu niedrig gegriffen. In mehreren Interviews äußerte der Intensivmediziner Zweifel an der Erfassungsmethodik des Robert Koch-Instituts und fordert eine systematischere Erhebung hitzebedingter Todesfälle.InhaltsverzeichnisDie RKI-Schätzung und ihre GrenzenDie Kritik von Uwe Janssens im DetailWer besonders gefährdet istÖffentliche Gesundheitsstrategien und HitzeaktionspläneKlimatischer Kontext und gesundheitliche NebeneffekteWas Bürgerinnen und Bürger selbst tun könnenEinordnung: Zahlenstreit mit begrenzter praktischer Relevanz? Die RKI-Schätzung und ihre Grenzen Das Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlicht seit einigen Jahren regelmäßig Schätzungen zur hitzebedingten Übersterblichkeit in Deutschland. Die Methode basiert auf einem statistischen Vergleich: Anhand von Temperaturdaten und historischen Sterblichkeitskurven wird berechnet, wie viele Todesfälle über das erwartbare Maß hinaus in Hitzeperioden aufgetreten sind. Für das laufende Jahr kommt das Institut auf rund 12.500 solcher Fälle – eine Größenordnung, die frühere Berichterstattung wie Hitze-Drama: RKI zählt fast 9.800 Tote seit April bereits als besorgniserregenden Trend beschrieben hatte. Wie die Übersterblichkeit berechnet wird Das statistische Verfahren des RKI beruht nicht auf individuellen Totenscheinen, sondern auf einem Modellvergleich der Gesamtsterblichkeit. Das bedeutet: Einzelne Todesfälle werden nicht direkt der Hitze zugeordnet, sondern es wird die Differenz zwischen erwarteter und tatsächlicher Sterblichkeit in Hitzeperioden ermittelt. Kritiker wie Janssens bemängeln, dass dieses Verfahren bestimmte Effekte – etwa verzögerte Todesfälle durch hitzebedingte Vorerkrankungen, die erst Wochen später zum Tod führen, oder Fälle in Pflegeheimen mit unzureichender Dokumentation – systematisch unterschätzen könnte. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weist darauf hin, dass hitzebedingte Sterblichkeit weltweit chronisch untererfasst wird, weil Hitze selten als direkte Todesursache in Totenscheinen vermerkt wird, sondern meist als Auslöser für Herz-Kreislauf-Versagen, Nierenversagen oder Schlaganfälle in Erscheinung tritt. Die Kritik von Uwe Janssens im Detail Energiekrise Deutschland Droht Gasknappheit Im Winter 20220705 Janssens, der als Chefarzt einer Klinik für Innere Medizin und Intensivmedizin über langjährige klinische Erfahrung mit hitzebedingten Notfällen verfügt, argumentiert aus zwei Richtungen. Zum einen verweist er auf die klinische Praxis: In den Notaufnahmen und auf Intensivstationen würden während Hitzewellen deutlich mehr Patienten mit Dehydrierung, Nierenversagen, Hitzschlag und dekompensierter Herzinsuffizienz behandelt, als sich in den offiziellen Statistiken widerspiegele. Zum anderen bemängelt er die fehlende bundesweit einheitliche, verpflichtende Erfassung hitzebedingter Todesursachen auf kommunaler und Landesebene. Vergleich mit anderen europäischen Ländern Ein Blick nach Südeuropa zeigt, dass Länder wie Spanien und Italien teilweise detailliertere Echtzeit-Überwachungssysteme für hitzebedingte Mortalität etabliert haben, die auch regionale Unterschiede und Risikogruppen wie Pflegeheimbewohner gesondert erfassen. Janssens plädiert dafür, ähnliche Strukturen auch in Deutschland aufzubauen, um belastbarere Daten zu erhalten und gezielter Präventionsmaßnahmen ableiten zu können.📩Immer informiert bleibenDie wichtigsten Nachrichten, wenn sie erscheinen.Newsletter holen Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin unterstützt grundsätzlich die Forderung nach besserer Datenlage, verweist jedoch auch darauf, dass Modellschätzungen wie die des RKI methodisch etabliert und international anerkannt seien – auch wenn sie naturgemäß mit Unsicherheiten behaftet sind. Wer besonders gefährdet ist Unabhängig von der exakten Zahl besteht in der Fachwelt Einigkeit darüber, welche Bevölkerungsgruppen besonders vulnerabel sind. Ältere Menschen ab 65 Jahren, chronisch Kranke, Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Kleinkinder gelten als Hochrisikogruppen. Auch Menschen, die unter freiem Himmel arbeiten oder in schlecht isolierten Wohnungen ohne Kühlmöglichkeit leben, sind stärker betroffen. Physiologische Mechanismen der Hitzebelastung Bei anhaltender Hitze muss der Körper vermehrt Wärme über die Haut abgeben, was das Herz-Kreislauf-System zusätzlich belastet. Bei älteren Menschen ist zudem das Durstempfinden reduziert, wodurch Dehydrierung oft unbemerkt fortschreitet. In Kombination mit blutdrucksenkenden oder entwässernden Medikamenten kann dies zu gefährlichen Kreislaufinstabilitäten führen. Intensivmediziner berichten, dass in Hitzeperioden vor allem Fälle von akutem Nierenversagen und hitzebedingten Delirien in Notaufnahmen zunehmen. Studienlage: Nach Angaben des RKI wurden für das laufende Jahr bislang rund 12.500 hitzebedingte Todesfälle geschätzt. Eine im Fachjournal "The Lancet" veröffentlichte europaweite Analyse bezifferte die jährliche hitzebedingte Übersterblichkeit in Deutschland in den vergangenen Jahren regelmäßig auf 8.000 bis über 10.000 Fälle. Die WHO geht davon aus, dass in der Europäischen Region jährlich mehrere zehntausend Todesfälle auf Hitzeperioden zurückzuführen sind, wobei die Dunkelziffer durch unzureichende Erfassung als hoch eingeschätzt wird. Öffentliche Gesundheitsstrategien und Hitzeaktionspläne Als Reaktion auf die steigende Zahl hitzebedingter Todesfälle haben Bund und mehrere Bundesländer in den vergangenen Jahren Hitzeaktionspläne entwickelt. Diese sehen unter anderem Frühwarnsysteme, kommunale Kühlräume, angepasste Arbeitsschutzregelungen sowie gezielte Information für Pflegeeinrichtungen vor. Die Umsetzung variiert jedoch stark zwischen den Bundesländern, was Kritiker als strukturelles Problem der föderalen Gesundheitspolitik bezeichnen. Das RKI betont, dass Prävention der wirksamste Hebel sei, um hitzebedingte Sterblichkeit zu reduzieren. Dazu gehören insbesondere die frühzeitige Information vulnerabler Gruppen, die Anpassung von Pflegeeinrichtungen an Hitzeperioden sowie eine bessere Vernetzung zwischen Wetterdiensten, Gesundheitsämtern und Kliniken. Rolle der Kommunen und Pflegeeinrichtungen Besonders Pflegeheime stehen im Fokus, da hier viele Hochrisikopatienten leben. Experten fordern verbindliche Hitzeschutzkonzepte, etwa durch bauliche Verschattung, ausreichende Trinkwasserversorgung und geschultes Personal, das Frühwarnzeichen einer Hitzeerkrankung erkennt. Bislang sind entsprechende Maßnahmen in Deutschland nicht flächendeckend verpflichtend geregelt. Klimatischer Kontext und gesundheitliche Nebeneffekte Steigende Durchschnittstemperaturen und häufigere Hitzewellen sind nach Einschätzung von Klimaforschern und Gesundheitsbehörden ein wesentlicher Treiber der zunehmenden hitzebedingten Sterblichkeit. Gleichzeitig begünstigen veränderte klimatische Bedingungen auch die Ausbreitung anderer gesundheitlicher Risiken, etwa die Verbreitung von Krankheitsüberträgern. So berichtete ZenNews24 kürzlich über die zunehmende Ausbreitung des West-Nil-Fiebers in Europa, dessen Verbreitung ebenfalls mit steigenden Temperaturen in Verbindung gebracht wird. Auch global betrachtet zeigt sich, dass sich Gesundheitssysteme zunehmend mit klimasensiblen und infektiösen Bedrohungen gleichzeitig auseinandersetzen müssen – von Ebola-Ausbrüchen in Afrika bis zu einem Wiederanstieg von Masern-Fällen, wie zuletzt in den USA mit den höchsten Masern-Zahlen seit 35 Jahren beobachtet wurde. Ernährung und allgemeine Resilienz bei Hitze Neben akutem Hitzeschutz spielt auch die allgemeine körperliche Verfassung eine Rolle dafür, wie gut Menschen Hitzeperioden verkraften. Übergewicht, Bluthochdruck und Stoffwechselerkrankungen erhöhen das Risiko für hitzebedingte Komplikationen zusätzlich. In diesem Zusammenhang verweisen Ernährungsmediziner auch auf den Zusammenhang zwischen ungesunder Ernährung und chronischen Erkrankungen, ein Thema, das jüngst im Bericht WHO wirft Junkfood-Konzernen Blockade vor aufgegriffen wurde. Wer sich zudem mit strukturierten Ernährungsformen wie im Beitrag Fasten: Welche Methode passt zu mir? beschäftigt, sollte in Hitzeperioden besonders auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten, da manche Fastenformen den Elektrolythaushalt zusätzlich belasten können. Was Bürgerinnen und Bürger selbst tun können Auch wenn die Diskussion um die genaue Zahl hitzebedingter Todesfälle wissenschaftlich weitergeführt werden dürfte, sind sich Mediziner einig, dass ein Großteil der Fälle durch einfache Vorsichtsmaßnahmen vermeidbar wäre. Besonders in den Mittagsstunden bei hohen Temperaturen empfiehlt sich zurückhaltendes Verhalten im Freien. Ausreichend trinken – mindestens 1,5 bis 2 Liter Wasser täglich, bei Hitze entsprechend mehr Anstrengende Tätigkeiten und Sport in die kühleren Morgen- oder Abendstunden verlegen Wohnräume tagsüber verdunkeln und nachts lüften, um Hitzestau zu vermeiden Leichte, helle Kleidung tragen und direkte Sonne meiden Bei älteren oder pflegebedürftigen Angehörigen und Nachbarn regelmäßig nach dem Befinden fragen Warnzeichen ernst nehmen: Schwindel, Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Übelkeit oder Herzrasen können auf eine beginnende Hitzeerkrankung hindeuten Bei Verdacht auf Hitzschlag sofort ärztliche Hilfe rufen und die betroffene Person kühlen sowie in den Schatten bringen Diese Maßnahmen gelten nach übereinstimmender Einschätzung von RKI, WHO und Fachgesellschaften als wirksamste Präventionsstrategie gegen hitzebedingte gesundheitliche Schäden, unabhängig davon, wie die exakte Gesamtzahl der Todesfälle am Ende ausfällt. Einordnung: Zahlenstreit mit begrenzter praktischer Relevanz? Die Debatte zwischen RKI und Janssens verdeutlicht ein grundsätzliches Problem epidemiologischer Erfassung: Modellschätzungen sind naturgemäß mit Unsicherheiten behaftet, insbesondere wenn die zugrunde liegenden Sterbedaten keine direkte Ursachenzuordnung erlauben. Ob die tatsächliche Zahl bei 10.000, 12.500 oder darüber liegt, ändert jedoch wenig an der grundsätzlichen Handlungsnotwendigkeit, die von Fachgesellschaften und Gesundheitsbehörden gleichermaßen betont wird. Entscheidender als der exakte Zahlenwert dürfte aus Sicht vieler Public-Health-Experten sein, dass strukturelle Präventionsmaßnahmen – von verbindlichen Hitzeschutzkonzepten in Pflegeeinrichtungen bis zu verlässlichen Frühwarnsystemen – konsequent und flächendeckend umgesetzt werden. Die Diskussion um die RKI-Schätzung könnte dabei als Anstoß dienen, die Datengrundlage in den kommenden Jahren zu verbessern, ohne dass dies die grundsätzliche Dringlichkeit des Themas infrage stellt. Teilen Teilen X Facebook WhatsApp Link kopieren Wie findest du das? 🔥 0 😲 0 🤔 0 👍 0 😢 0 M Mia Wagner Klimaschutz & Nachhaltigkeit Mia Wagner berichtet über Klimapolitik, erneuerbare Energien und nachhaltige Lebensweise. Sie verbindet wissenschaftliche Fakten mit Alltagsperspektiven — ohne Panikmache, aber mit klarer Haltung. 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