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Jan Müller übers Rauchen: Reflektor-Kolumne über Sucht und Musik

Jan Müller über Rauchen, Sucht und Kreativität: Eine ehrliche Abrechnung mit den kulturellen Mythen der Hamburger Musikszene der 90er.

Von ZenNews24 Redaktion 4 Min. Lesezeit
Jan Müller übers Rauchen: Reflektor-Kolumne über Sucht und Musik
Das Wichtigste in Kürze
  • Rauchen und Musik – zwei Dinge, die in der kulturellen Wahrnehmung seit Jahrzehnten eng miteinander verknüpft sind
  • Der Hamburger Musiker und Kolumnist Jan Müller blickt in seiner neuen Reflektor-Kolumne auf diese Verbindung zurück und erzählt von seiner eigenen Raucherzeit in…

Rauchen und Musik – zwei Dinge, die in der kulturellen Wahrnehmung seit Jahrzehnten eng miteinander verknüpft sind. Der Hamburger Musiker und Kolumnist Jan Müller blickt in seiner neuen Reflektor-Kolumne auf diese Verbindung zurück und erzählt von seiner eigenen Raucherzeit in der Hamburger Musikszene der 1990er Jahre. Dabei geht es nicht nur um die physische Abhängigkeit von Nikotin, sondern auch um die kulturellen Codes dahinter – Rebellion, Coolness und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit.

Die Zigarettenkultur der 90er: Hamburg und die Musikszene

Wer in den 1990ern in der Hamburger Musikszene unterwegs war, kannte das Ritual: Kneipen voller Qualm, überall rauchende Gitarristen, Singer-Songwriter und experimentelle Künstler, für die eine Zigarette zwischen den Fingern so selbstverständlich war wie das Instrument in der Hand. Jan Müller beschreibt diese Zeit mit einer gewissen Nostalgie – aber auch mit kritischem Blick. Die Zigarette war damals kein bloßes Genussmittel, sie war ein Accessoire der künstlerischen Identität, ein visuelles Statement, fast eine Uniform der Kreativität.

Die verschiedenen Musikgenres, die damals in Hamburg florierten, hatten ihre eigenen Rauchkulturen entwickelt. Im Jazzclub unterschied sich das rauchende Publikum vom Grunge-Kneipenpublikum – und doch gab es ein gemeinsames Element: das Rauchen als Teil des rituellen Erlebnisses. Müller erinnert sich an Nächte in kleinen Clubs, wo der Qualm so dicht war, dass man die Bühne kaum sehen konnte. Genau das gehörte zum Ambiente. Es war Teil der Geschichte, die die Musik in diesem Setting erzählte.

In seiner Kolumnenreihe hat sich Müller bereits mehrfach damit auseinandergesetzt, wie sehr Konsumgewohnheiten von kulturellen Codes geprägt werden. Das Rauchen ist ein perfektes Beispiel: Es war nicht nur eine Sucht, sondern auch eine Form der Kommunikation, ein Sich-Zugehörig-Machen zu einer Gruppe, die sich als bewusst nonkonformistisch verstand. Wer nicht rauchte, fiel auf – und das auf die falsche Art.

Wer sich für ähnliche Themen interessiert, sollte auch einen Blick auf unsere Retrospektive zur Hamburger Musikszene der 90er werfen, die diesen Kontext ausführlich beleuchtet.

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Sucht ohne schöne Verpackung: Die unbequeme Wahrheit

Was Müller in seiner aktuellen Kolumne besonders hervorhebt, ist die Diskrepanz zwischen der romantisierten Darstellung des Rauchens in der Künstlerkultur und der biologischen Realität der Nikotinabhängigkeit. Rauchen ist eine Sucht – und wie jede Sucht folgt sie biochemischen Gesetzen, die nichts mit Kreativität oder Coolness zu tun haben. Dopaminrezeptoren unterscheiden nicht zwischen dem Künstler im Proberaum und dem Manager im Büro.

Müller beschreibt seinen eigenen Ausstieg mit offener Ehrlichkeit: Es war nicht romantisch. Es war unbequem, zermürbend und dauerte Jahre. Die psychologische Komponente war dabei mindestens so stark wie die physische. Wer jahrelang damit assoziiert hat, dass Rauchen zur eigenen künstlerischen Identität gehört, erlebt das Aufhören als Identitätsverlust – nicht als Befreiung. Dieses psychologische Phänomen unterschätzen viele, besonders Menschen, die in kreativen Milieus aufgewachsen sind.

Eine weitere zentrale Erkenntnis aus Müllers Kolumne ist die Unterscheidung zwischen sozialer Akzeptanz und tatsächlicher Harmlosigkeit. In den 1990ern war Rauchen in Deutschland gesellschaftlich deutlich stärker verankert als heute. Die sozialen Konsequenzen waren minimal: Man konnte in Restaurants, Clubs und Zügen rauchen, ohne komisch angeschaut zu werden. Diese breite Akzeptanz schuf eine Illusion von Ungefährlichkeit, die mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen über Tabakkonsum nichts gemein hatte.

Top 5: Mythen über Rauchen und Kreativität – entzaubert

  • „Rauchen fördert die Kreativität" – Nikotin stimuliert kurzfristig die Konzentration, erzeugt aber langfristig eine Abhängigkeit, die kognitive Leistung insgesamt mindert.
  • „Künstler rauchen, also ist es Teil des Prozesses" – Korrelation ist keine Kausalität. Große Werke entstanden trotz Sucht, nicht wegen ihr.
  • „Aufhören zerstört die künstlerische Ader" – Müller selbst widerlegt das: Seine Kreativität blieb nach dem Rauchstopp nicht nur erhalten, sie verbesserte sich durch bessere Konzentration.
  • „Wer nicht raucht, gehört nicht dazu" – Ein sozialer Mechanismus, der Zugehörigkeit an Konsum knüpft – und damit besonders vulnerable Gruppen unter Druck setzt.
  • „Es war damals halt so" – Historischer Kontext erklärt Verhalten, entschuldigt aber nicht die Verharmlosung einer nachweislich schädlichen Sucht.

Die Musik und die Mythen – zwei verschiedene Dinge

Ein besonders faszinierender Punkt in Müllers Reflexion ist die Trennung zwischen der Musik selbst und den assoziierten Ritualen. Eine großartige Komposition ist nicht besser oder schlechter, weil sie unter Nikotineinfluss entstanden ist. Dennoch fällt diese Trennung schwer, wenn beide Dinge jahrelang untrennbar miteinander verknüpft waren. Müller stellt fest: Seine Kreativität verschwand nach dem Rauchstopp nicht. Im Gegenteil – ohne das ständige Verlangen nach der nächsten Zigarette konnte er sich besser auf das Wesentliche konzentrieren.

Das ist eine wichtige Botschaft weit über die Musikszene hinaus: Kulturelle Mythen um Sucht sind hartnäckig, weil sie Identität und Gemeinschaft versprechen. Sie zu hinterfragen bedeutet nicht, die Erinnerungen oder die Musik zu entwerten – sondern klarer zu sehen, was Kunst wirklich trägt. Müllers Kolumne leistet genau das: Sie trennt den Nebel vom Klang. Ob er in seiner Reflektor-Reihe als Nächstes weitere Konsummythen der Kreativkultur unter die Lupe nimmt, bleibt offen – die Themen jedenfalls fehlen nicht.

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ZenNews24 Redaktion
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Quelle: AutoEditor/unterhaltung
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