Mehrgenerationenwohnen: Alte Idee, neue Nachfrage
Projekte die zeigen, wie es geht
Rund 17 Millionen Menschen in Deutschland leben allein – Tendenz steigend. Gleichzeitig berichten Seniorenverbände von wachsender Einsamkeit im Alter, während junge Familien in Städten kaum bezahlbaren Wohnraum finden. Eine Antwort auf beide Krisen könnte älter sein als gedacht: das Mehrgenerationenwohnen.
Was früher selbstverständlich war – mehrere Generationen unter einem Dach oder zumindest in unmittelbarer Nachbarschaft – erlebt in Deutschland eine unerwartete Renaissance. Nicht aus Nostalgie, sondern aus handfestem Bedarf. Explodierende Mietpreise, eine alternde Gesellschaft und der Wunsch nach echtem sozialem Zusammenhalt treiben Familien, Stadtplaner und Wohnungsbaugesellschaften gleichermaßen dazu, das Modell neu zu denken. Dabei zeigt sich: Die alten Konzepte passen oft nicht mehr zur modernen Lebenswirklichkeit. Es braucht neue Formen, neue Strukturen – und eine Bereitschaft, Wohnen grundlegend anders zu organisieren.
Eine Idee mit Zukunft – und mit Hindernissen
Das Prinzip klingt einfach: Jung und Alt wohnen zusammen oder zumindest nah beieinander, teilen Ressourcen, Zeit und Alltag, profitieren gegenseitig voneinander. In der Praxis ist es komplizierter. Die Bertelsmann Stiftung hat in mehreren Analysen zur Daseinsvorsorge im ländlichen Raum darauf hingewiesen, dass fehlende Infrastruktur und mangelnde Planungssicherheit häufig dazu führen, dass gemeinschaftliche Wohnprojekte scheitern, bevor sie überhaupt beginnen. Zu unterschiedliche Lebensphasen, zu wenig verbindliche Strukturen, zu hohe Erwartungen auf allen Seiten – das sind die Fallstricke.
Dennoch wächst die Nachfrage spürbar. Das Institut für Demoskopie Allensbach hat in einer repräsentativen Befragung ermittelt, dass sich mehr als ein Drittel der Deutschen prinzipiell vorstellen könnte, in einem Mehrgenerationenprojekt zu leben – sofern die eigene Privatsphäre gewahrt bleibt. Besonders unter den 30- bis 45-Jährigen ist die Offenheit dafür überdurchschnittlich hoch. Diese Altersgruppe steht gleichzeitig vor dem größten Druck: Kinderbetreuung, Berufstätigkeit, steigende Mieten und die beginnende Pflege der eigenen Eltern treffen zusammen (Quelle: Institut für Demoskopie Allensbach).
Studienlage: Laut Statistischem Bundesamt lebten zuletzt mehr als 16,8 Millionen Menschen in Deutschland als Einpersonenhaushalte – das entspricht rund 42 Prozent aller Haushalte. Forsa hat in einer Studie für das Bundesbauministerium erhoben, dass 38 Prozent der Befragten gemeinschaftliche Wohnformen grundsätzlich positiv bewerten, aber nur 6 Prozent konkrete Schritte unternommen haben, um in einem solchen Projekt zu leben. Die Bertelsmann Stiftung schätzt, dass bis Mitte der 2030er-Jahre mehr als ein Viertel der deutschen Bevölkerung im Rentenalter sein wird. Das Statistische Bundesamt rechnet damit, dass die Zahl der Pflegebedürftigen von derzeit rund 5 Millionen auf über 6,8 Millionen steigen könnte. Gleichzeitig fehlen nach Angaben des Pestel-Instituts bundesweit aktuell rund 700.000 Wohnungen – der Bedarf konzentriert sich dabei besonders auf Großstädte und deren Umland. (Quellen: Statistisches Bundesamt, Forsa, Bertelsmann Stiftung)
Was funktionierende Projekte auszeichnet
In mehreren deutschen Städten existieren Modelle, die zeigen, wie Mehrgenerationenwohnen in der Praxis gelingen kann. Das Projekt „Generationen Wohnen" in Tübingen etwa kombiniert Sozialwohnungen, frei finanzierte Wohnungen und barrierefreie Einheiten für ältere Bewohnerinnen und Bewohner unter einem Dach. Gemeinschaftsräume, ein geteilter Garten und verbindliche, aber freiwillige Nachbarschaftsdienste schaffen Nähe ohne Druck. Das Modell wurde vom Bundesfamilienministerium als Beispiel guter Praxis ausgezeichnet.
Ähnlich funktioniert das Berliner Projekt „SoWo Neukölln": Hier haben sich junge Familien, Studierende und Seniorinnen und Senioren zusammengetan, um gemeinsam ein Wohnhaus zu entwickeln. Die Finanzierung erfolgte über ein Mietshäuser-Syndikat-Modell, das die Spekulation mit dem Gebäude dauerhaft ausschließt. Die Bewohnerinnen und Bewohner berichten von einem hohen Maß an gegenseitiger Unterstützung – von der spontanen Kinderbetreuung bis zur gemeinsamen Einkaufsfahrt.
Die Rolle der Kommunen: Planen statt verwalten
Entscheidend für den Erfolg solcher Projekte ist nach übereinstimmender Einschätzung von Stadtforschern und Wohnungsbauexperten die Haltung der kommunalen Verwaltungen. Dort, wo Kommunen aktiv Grundstücke für gemeinschaftliche Wohnprojekte reservieren, Beratungsangebote bereitstellen und Planungsverfahren vereinfachen, entstehen deutlich mehr funktionierende Projekte.
„Wir haben jahrzehntelang Wohnen primär als Marktereignis betrachtet", sagt Ingrid Voßkamp, Stadtplanerin und Dozentin an der Technischen Universität Hamburg. „Dabei ist Wohnen eine Daseinsvorsorge. Wenn wir das ernst nehmen, müssen Kommunen viel stärker steuern – durch Vergabe, durch Beratung, durch konsequente Bodenpolitik." Dass diese Haltung langsam, aber messbar Einzug hält, zeigt die wachsende Zahl kommunaler Konzeptvergabeverfahren: Städte wie München, Leipzig und Hamburg vergeben Grundstücke nicht mehr allein an den Meistbietenden, sondern an Konzepte, die sozialen Mehrwert nachweisen können.
Politisch bleibt das Thema dennoch umkämpft. Bundesbauminister und Landesbauminister streiten über Zuständigkeiten, Förderprogramme werden aufgelegt und wieder gestutzt, und die Zinsbelastung der vergangenen Jahre hat viele gemeinschaftliche Bauprojekte schlicht unbezahlbar gemacht. Die SPD-Fraktion hat zuletzt einen Antrag eingebracht, der Mehrgenerationenprojekte bei der KfW-Förderung stärker bevorzugen soll. Die Grünen fordern ein Bundesprogramm für gemeinschaftliche Wohnformen. Die Union sieht die Zuständigkeit primär bei den Ländern.
Betroffene sprechen: Zwischen Idealismus und Alltag
Maria Henschel ist 71 Jahre alt und lebt seit drei Jahren in einem Mehrgenerationenhaus in Freiburg. Sie war skeptisch. „Ich dachte, das ist was für Leute, die Kommunen lieben", sagt sie. „Ich bin keine Gemeinschaftsmensch." Heute schätzt sie vor allem die kleinen Dinge: Dass jemand klingelt, wenn die Post kommt. Dass die Kinder aus dem zweiten Stock manchmal durch den Garten toben. Dass sie nicht jeden Abend allein ist, wenn sie das nicht will – und allein sein kann, wenn sie es will. „Das ist der Unterschied zu früher, wo man keine Wahl hatte", sagt Henschel. „Hier hat man eine Wahl."
Tobias Brenner, 34, Vater zweier Kinder und als Erzieher tätig, sieht das Modell nüchterner. Er wohnt seit zwei Jahren mit seiner Familie in einem Wohnprojekt in Hannover. „Es ist kein Selbstläufer", sagt er. „Es gibt Konflikte, es gibt Menschen, die mehr nehmen als geben, es gibt Abende, an denen man einfach nur seine Ruhe will und der Gemeinschaftsraum lärmt." Aber: „Es ist trotzdem das Beste, was wir je gewohnt haben. Meine Kinder wachsen mit alten Menschen auf. Die wissen, wie Sterben aussieht, wie Altsein aussieht. Das ist kein abstraktes Ding mehr."
Solche Berichte decken sich mit dem, was Sozialwissenschaftler beobachten. Forsa hat in einer Befragung im Auftrag des Deutschen Instituts für Urbanistik ermittelt, dass Bewohnerinnen und Bewohner gemeinschaftlicher Wohnprojekte signifikant seltener von sozialer Isolation berichten als der Bevölkerungsdurchschnitt – gleichzeitig aber auch deutlich höhere Anforderungen an Kommunikation und Kompromissbereitschaft nennen (Quelle: Forsa).
Internationale Impulse: Was Deutschland lernen kann
Ein Blick ins Ausland zeigt, wie weit das Konzept gedacht werden kann. In den Niederlanden gibt es seit Jahren das Modell der „Hofjes" – kleine Wohnanlagen mit zentralem Hof, die ursprünglich aus dem Mittelalter stammen und heute neu interpretiert werden. Dänische Bofællesskaber, zu Deutsch etwa „Wohngemeinschaften", gelten europaweit als Vorbild für selbstverwaltetes gemeinschaftliches Wohnen. Und in Japan hat die Regierung angesichts dramatischer demografischer Herausforderungen – ähnlich denen in Deutschland, die das Statistische Bundesamt langfristig prognostiziert – aktiv Mehrgenerationenwohnprojekte als Teil der Altenpflegestrategie eingebunden.
Was all diese Modelle eint: Sie entstehen nicht von selbst. Sie brauchen verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen, Beratungsstrukturen und eine Bodenpolitik, die gemeinschaftliches Eigentum nicht systematisch benachteiligt. Deutschland hat hier Nachholbedarf – das zeigt nicht zuletzt der europäische Vergleich, den die Bertelsmann Stiftung in mehreren Veröffentlichungen zur Wohnungspolitik vorgelegt hat (Quelle: Bertelsmann Stiftung).
Gesellschaftlich bewegt sich die Debatte übrigens in einem breiteren Spannungsfeld. Während hierzulande gestritten wird, wie Menschen zusammenleben wollen, spielen sich andernorts ganz andere Kämpfe ab – etwa um Medienfreiheit, wie bei den Tausenden Protestierenden gegen Medienpläne der Regierung in Tschechien. Soziale Kohäsion – das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein – hängt eben nicht nur von Wohnformen ab, sondern von einem breiten Fundament gesellschaftlicher Stabilität.
Auch das Thema häusliche Gewalt und soziale Enge ist im Kontext des Zusammenwohnens nicht zu ignorieren. Gemeinschaftliche Wohnformen können Schutz bieten – sie können aber auch Abhängigkeiten verstärken. Dass Gerichte inzwischen die Folgen von Gewalt in Beziehungen neu bewerten, wie im Fall des schottischen Gerichtsurteils zu Suizid nach häuslicher Gewalt als Femizid, zeigt, wie ernst diese Dimension zu nehmen ist.
Gemeinschaft schützt – aber Gemeinschaft muss auch gestaltet werden. Wer in Mehrgenerationenprojekten lebt, braucht klare Strukturen, Anlaufstellen und Konfliktmechanismen. Das ist keine Schwäche des Konzepts, sondern seine Voraussetzung. Verdrängung sozialer Spannungen ins Private kostet gesellschaftlich langfristig mehr als ihre offene Bearbeitung.
Dass sich Gesellschaft verändert und Menschen in unvorhergesehene Situationen geraten, zeigt auch ein Blick auf aktuelle Ereignisse abseits des Wohnthemas: Der Umgang mit psychischer Erkrankung und öffentlicher Sicherheit beschäftigt Kommunen etwa nach dem Verdächtigen der Amokfahrt in Leipzig, der in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde. Mehrgenerationenwohnen kann soziale Frühwarnsysteme stärken – wenn Nachbarinnen und Nachbarn einander wahrnehmen.
Was jetzt gebraucht wird: Konkrete Schritte
Die Debatte um Mehrgenerationenwohnen darf nicht im Feuilleton stecken bleiben. Sie ist eine sozialpolitische und städtebauliche Aufgabe. Wer das Modell voranbringen will – als Einzelperson, als Kommune oder als Wohnungsgesellschaft – sollte auf bewährte Strukturen und Anlaufstellen zurückgreifen.
- Mehrgenerationenhäuser des Bundes nutzen: Das Bundesfamilienministerium fördert bundesweit über 530 Mehrgenerationenhäuser, die als offene Treffpunkte und Beratungsstellen fungieren. Sie sind erste Anlaufstellen für Menschen, die gemeinschaftliche Wohnformen erkunden wollen – Adressen und Informationen bietet die offizielle Programmwebsite des BMFSFJ.
- Mietshäuser Syndikat als Rechtsform prüfen: Das Mietshäuser Syndikat ist ein bundesweit tätiger Zusammenschluss, der gemeinschaftliche Hausprojekte rechtlich und finanziell berät und absichert. Es verhindert die Spekulation mit gemeinschaftlichem Eigentum und hat bislang über 170 Projekte begleitet.
- Kommunale Konzeptvergaben aktiv einfordern: Bürgerinnen und Bürger sowie Initiativen können bei Stadtrats- und Gemeinderatssitzungen konkret einfordern, dass Grundstücke nach Konzept und sozialem Mehrwert vergeben werden – nicht allein nach Preis. Dafür gibt es in vielen Städten bereits Vorbilder und Vorlagen.
- Forum Gemeinschaftliches Wohnen e. V. kontaktieren: Das Forum Gemeinschaftliches Wohnen ist ein bundesweiter Fachverband, der Wohnprojekte berät, vernetzt und politisch vertritt. Er bietet Seminare, Projektdatenbanken und rechtliche Orientierung – insbesondere für Menschen in der Planungsphase.
- Lokale Wohnprojekttage besuchen: In vielen Städten finden regelmäßig Wohnprojekttage statt, bei denen bestehende Projekte ihre Erfahrungen teilen und neue Mitglieder suchen. Die Veranstaltungshinweise sind über kommunale Wohnberatungsstellen und das Forum Gemeinschaftliches Wohnen abrufbar.
- Soziale Träger als Partner gewinnen: Diakonie, Caritas und AWO haben in mehreren Bundesländern eigene Programme zum betreuten und gemeinschaftlichen Wohnen aufgelegt. Insbesondere für ältere Menschen bieten diese Träger niedrigschwellige Einstiegsmöglichkeiten in Gemeinschaftsprojekte mit sozialer Absicherung.
Kein Allheilmittel – aber ein ernstes Angebot
Mehrgenerationenwohnen löst nicht alle sozialen Probleme. Es ist kein Ersatz für öffentliche Pflegeinfrastruktur, kein Substitut für bezahlbaren Wohnraum im großen Maßstab und keine Therapie für gesellschaftliche Individualisierung. Aber es ist ein ernsthaftes Angebot: an Menschen, die nicht allein sein wollen, ohne ihre Autonomie aufzugeben. An Kommunen, die soziale Kohäsion nicht nur fordern, sondern auch räumlich ermöglichen wollen. Und an eine Gesellschaft, die lernen muss, mit einer älteren, kleineren und gleichzeitig diverseren Bevölkerung zusammenzuleben.
Das setzt voraus, dass Wohnpolitik als Sozialpolitik verstanden wird – nicht als Randthema, sondern als Kern. Was Menschen umgibt, prägt, wie sie leben. Wer das ändern will, muss bei den Wänden anfangen. Und manchmal auch damit, sie einzureißen.
Welche gesellschaftlichen Kontraste dabei sichtbar werden, zeigt nicht zuletzt ein Blick auf ganz andere Lebenswirklichkeiten: Während Hunderttausende in Deutschland nach bezahlbarem Wohnraum suchen, macht andernorts die Nachricht Schlagzeilen, dass Jeff Bezos seine 127-Meter-Luxusjacht verkauft – zu groß für die meisten Häfen. Die Polarisierung von Lebensverhältnissen ist der Kontext, in dem Gemeinschaftswohnen Bedeutung gewinnt. Und manchmal ist auch das Alltägliche außergewöhnlich: Dass Menschen plötzlich zusammenrücken – auf Festivals wie




















