Politik

Russische Luftangriffe auf Ukraine – Mehrere Tote vor möglicher

Kurz vor potenziellen Verhandlungen bombardiert Russland mehrere ukrainische Städte.

Von Thomas Weber 7 Min. Lesezeit Aktualisiert: 07.05.2026
Russische Luftangriffe auf Ukraine – Mehrere Tote vor möglicher
Das Wichtigste in Kürze
  • Russland intensiviert seine Luftangriffe auf die Ukraine in einem kritischen Moment der diplomatischen Spannungen.

Mindestens zwölf Menschen starben in der Nacht, als russische Raketen und Drohnen erneut ukrainische Städte trafen – und das zu einem Zeitpunkt, der kaum symbolträchtiger sein könnte: wenige Stunden vor möglichen Verhandlungen über eine Waffenruhe. Der Angriff gilt international als brutales Signal, dass Moskau die diplomatischen Signale aus Washington und Kyjiw bislang nicht als verbindlich betrachtet.

Angriffswelle in der Nacht – das Ausmaß der Zerstörung

Russische Streitkräfte feuerten in den frühen Morgenstunden ballistische Raketen sowie Kamikaze-Drohnen vom Typ Schahed auf mindestens fünf ukrainische Städte ab, darunter Charkiw, Sumy, Dnipro und Saporischschja. Wohngebäude, ein Krankenhaus sowie Infrastruktur für die Energieversorgung wurden nach Angaben ukrainischer Behörden schwer beschädigt. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach in einer Videoansprache von einem „Akt des Terrors gegen die Zivilbevölkerung" und appellierte erneut an westliche Partner, die Lieferung weitreichender Waffensysteme zu beschleunigen.

Die ukrainische Luftabwehr konnte nach offiziellen Angaben des Generalstabs in Kyjiw rund sechzig Prozent der eingesetzten Geschosse abfangen. Dennoch richteten die verbleibenden Treffer erheblichen Schaden an. Rettungskräfte bargen noch in den Morgenstunden Überlebende aus Trümmern. Die genaue Zahl der Verletzten wurde zunächst mit mehr als vierzig angegeben, wurde im Verlauf des Tages jedoch nach oben korrigiert. (Quelle: Ukrainischer Generalstab)

Besonders schwer traf es Sumy, eine Stadt nahe der russischen Grenze, die in den vergangenen Monaten wiederholt unter Beschuss geraten ist. Dort wurde ein Mehrfamilienhaus in der Nähe einer Schule vollständig zerstört. Lokale Behörden berichteten von mehreren Todesopfern, darunter einem Kind. Der Bürgermeister der Stadt wandte sich in einer emotionalen Erklärung direkt an die internationale Gemeinschaft und fragte, welche weiteren Beweise für Kriegsverbrechen noch gebraucht würden, bevor entschiedener gehandelt werde.

Diplomatischer Kontext: Verhandlungen unter Beschuss

Pol Parteien Wahl
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Die Angriffe erfolgten in einem außerordentlich sensiblen diplomatischen Moment. Seit Tagen verdichten sich Berichte, wonach Vertreter der Ukraine, der Vereinigten Staaten und möglicherweise europäischer Mächte an einer Formel für einen vorläufigen Waffenstillstand arbeiten. US-Sondergesandter Steve Witkoff hatte zuletzt Moskau besucht, und aus dem Umfeld des Kremls verlautete, man sei „grundsätzlich gesprächsbereit". Konkrete Zugeständnisse machte Russland jedoch nicht öffentlich.

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Zahlreiche Diplomatinnen und Diplomaten in Brüssel und Berlin werteten die Angriffsnacht als bewusstes Kalkül: Russland demonstriere militärische Stärke, um seine Verhandlungsposition zu stärken und gleichzeitig auszuloten, wie weit der Westen bei einer möglichen Lösung zu gehen bereit sei. Ähnliche Muster hatte es auch in früheren Phasen des Konflikts gegeben – intensive Bombardierungen kurz vor oder während laufender Gespräche. Mehr zu den Hintergründen in unserem Bericht über russische Luftangriffe auf die Ukraine vor geplanter Waffenruhe.

Die Europäische Union verurteilte die Angriffe in einer gemeinsamen Erklärung der Außenbeauftragten Kaja Kallas scharf. Sie forderte Russland auf, sofort mit Angriffen auf zivile Infrastruktur aufzuhören, und betonte, dass ein dauerhafter Frieden nur auf der Grundlage des Völkerrechts und der territorialen Integrität der Ukraine möglich sei. (Quelle: Rat der Europäischen Union)

Die Waffenruhe-Debatte: Was bislang auf dem Tisch liegt

Hinter den Kulissen kursieren verschiedene Szenarien für eine mögliche Einstellung der Feindseligkeiten. Eines sieht eine zunächst dreimonatige Waffenruhe entlang der aktuellen Frontlinie vor, ohne dass territoriale Fragen abschließend geklärt werden. Ein anderes Modell koppelt einen Waffenstillstand an Sicherheitsgarantien für die Ukraine, die westliche Länder übernehmen müssten – ein Konzept, das in Berlin und Paris umstritten ist. Die Ukraine hatte bereits zuvor die Bereitschaft signalisiert, bestimmte Kompromisse zu prüfen, aber deutlich gemacht, dass Souveränität und Sicherheitsgarantien nicht verhandelbar seien. Verfolgen Sie die Entwicklungen dazu auch in unserem Artikel darüber, wie die Ukraine einseitig eine Waffenruhe ausrief und Experten zur Vorsicht mahnten.

Russland hingegen besteht nach wie vor auf seinen maximalistischen Forderungen, darunter ein formeller Verzicht der Ukraine auf NATO-Mitgliedschaft, die Anerkennung der besetzten Gebiete sowie weitreichende Einschränkungen der ukrainischen Streitkräfte. Diese Positionen sind für Kyjiw wie auch für die Mehrheit der EU-Mitgliedstaaten inakzeptabel. Wie bereits nach dem einseitigen ukrainischen Waffenruheangebot, dem Russland nicht folgte, bleibt die Bereitschaft Moskaus zu echten Kompromissen fraglich.

Berlin reagiert: Bundesregierung und Bundestag im Fokus

Die neue Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz reagierte rasch. Das Auswärtige Amt bestellte den russischen Botschafter ein und sprach von einer „inakzeptablen Eskalation". Außenministerin Annalena Baerbock – noch amtierend im Übergangsmodus – hatte in den Tagen zuvor mehrfach auf die Notwendigkeit hingewiesen, Russland müsse spürbare Konsequenzen für anhaltende Angriffe auf Zivilisten fühlen. Die neue Außenministerin, die von der CDU gestellte Johann Wadephul-Nachfolgerin, betonte in Berlin, Deutschland stehe „unverbrüchlich an der Seite der Ukraine".

Im Deutschen Bundestag ist das Thema Ukraine-Krieg seit dem russischen Angriffsbeginn im Februar 2022 dauerhaft auf der Tagesordnung. Seitdem hat das Parlament zahlreiche Unterstützungspakete beschlossen, Sanktionspakete gebilligt und Waffenlieferungen genehmigt. Auch die Frage einer möglichen Entsendung europäischer Sicherheitskräfte zur Überwachung einer Waffenruhe wird im Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten intensiv diskutiert. Wie Deutschland in den ersten Stunden nach Russlands Angriff auf die Ukraine reagierte, bleibt ein Referenzpunkt für alle folgenden politischen Entscheidungen.

Fraktionspositionen im Deutschen Bundestag:

CDU/CSU: Befürwortet weiterhin konsequente militärische Unterstützung der Ukraine, mahnt jedoch zur strategischen Klarheit über Ziele und Grenzen des deutschen Engagements. Kanzler Merz betont, Deutschland müsse führen, nicht nur folgen.

SPD: Unterstützt Waffenlieferungen, plädiert aber mit Nachdruck für parallele diplomatische Kanäle. Teile der Fraktion fordern, Deutschland solle eine aktivere Vermittlerrolle einnehmen und direkte Verhandlungen nicht ausschließen.

Grüne: Klar pro-ukrainische Linie, Unterstützung für weitreichende Waffensysteme und schärfere Sanktionen. Warnen davor, Russland durch voreilige Kompromisse zu belohnen. Betonen humanitäre Verpflichtung gegenüber Zivilbevölkerung.

AfD: Fordert Ende der deutschen Waffenlieferungen und direkte Verhandlungen mit Moskau. Kritisiert Sanktionspolitik als selbstschädigend für die deutsche Wirtschaft. Steht mit dieser Position in Bundestag und Bundesrat weitgehend isoliert.

Völkerrechtliche Dimension: Kriegsverbrechen und internationale Strafverfolgung

Juristen und Menschenrechtsorganisationen sind sich weitgehend einig: Gezielte Angriffe auf zivile Infrastruktur und Wohngebiete stellen nach dem humanitären Völkerrecht klare Verstöße dar. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat bereits einen Haftbefehl gegen Kremlchef Wladimir Putin erlassen – wenngleich im Zusammenhang mit der Deportation ukrainischer Kinder. Weitere Ermittlungen zu Angriffen auf Zivilisten laufen. (Quelle: Internationaler Strafgerichtshof)

Das Bundesverfassungsgericht hat in früheren Verfahren klargestellt, dass deutsche Rüstungsexporte und Waffenhilfen in bewaffnete Konflikte einer strengen rechtlichen Prüfung bedürfen, gleichzeitig aber dem Gesetzgeber einen weiten Ermessensspielraum einräumt, wenn es um Bündnisverpflichtungen und humanitäre Schutzverantwortung geht. Die Karlsruher Richter haben bislang keine Anträge auf Unterlassung der Ukraine-Hilfen zugelassen, die die Bundesregierung grundsätzlich in Frage gestellt hätten.

Der Bundesrat hat in mehreren Entschließungen die Bundesregierung aufgefordert, die Ukraine umfassend zu unterstützen und gleichzeitig die humanitäre Lage in Deutschland lebender Geflüchteter zu verbessern. Zuletzt stimmten die Länder einem Paket zu, das die Integration ukrainischer Staatsangehöriger in den Arbeitsmarkt weiter erleichtert.

24. Februar 2022
Russland beginnt den groß angelegten Angriffskrieg gegen die Ukraine. Raketenangriffe auf Kyjiw, Charkiw und weitere Städte. Deutschland und die EU verhängen erste Sanktionspakete. Der Bundestag tritt zu einer historischen Sondersitzung zusammen.
Frühjahr 2022 – Winter 2022/23
Systematische russische Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur. Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer verbringen den Winter ohne stabile Strom- und Wärmeversorgung. Westliche Länder beschleunigen Lieferung von Luftabwehrsystemen.
Frühjahr 2024
Ukraine ruft eine einseitige Waffenruhe aus, Russland erkennt diese nicht an und setzt Angriffe fort. Internationale Vermittlungsversuche unter Schweizer Schirmherrschaft zeigen keine greifbaren Ergebnisse. Westliche Verbündete beraten über Ausweitung der Waffenhilfe.
Aktuell
Russische Raketen- und Drohnenangriffe auf mindestens fünf ukrainische Städte töten mindestens zwölf Menschen. Angriff erfolgt unmittelbar vor möglichen Waffenruhe-Verhandlungen. Westliche Regierungen verurteilen die Eskalation. Diplomatische Kontakte laufen weiter, ein Durchbruch bleibt ungewiss. Ob die Waffenruhe in der Ukraine tatsächlich in Kraft tritt, hängt vom weiteren Verhalten Moskaus ab.

Unterstützungsleistungen im Vergleich: Wer liefert was?

Land Militärische Hilfe (kumuliert) Humanitäre Hilfe Aufgenommene Geflüchtete
USA über 60 Milliarden Euro (Gesamtpaket) ca. 3 Milliarden Euro ca. 250.000
Deutschland über 17 Milliarden Euro ca. 2,5 Milliarden Euro über 1,1 Millionen
Großbritannien über 12 Milliarden Euro ca. 1 Milliarde Euro ca. 200.000
Polen über 4 Milliarden Euro ca. 800 Millionen Euro über 1,5 Millionen
Frankreich ca. 3 Milliarden Euro ca. 600 Millionen Euro ca. 100.000

(Quelle: Kiel Institut für Weltwirtschaft, Ukraine Support Tracker; Angaben gerundet, Stand aktuell verfügbarer Daten)

Ausblick: Wie geht es weiter?

Die entscheidende Frage in den kommenden Tagen und Wochen lautet, ob die anhaltenden Angriffe eine mögliche Verhandlungsrunde grundlegend gefährden oder ob westliche Vermittler dennoch an einem Waffenstillstandsrahmen festhalten. Erfahrungen aus anderen Konflikten zeigen, dass Angriffe unmittelbar vor Verhandlungsbeginn häufig dem Ziel dienen, taktische Positionen am Boden zu verbessern und gleichzeitig die eigene Kompromisslosigkeit zu demonstrieren.

Für Deutschland ergibt sich daraus eine doppelte Herausforderung: einerseits die Ukraine weiterhin mit Waffen, Finanzmitteln und politischer Rückendeckung zu unterstützen, andererseits diplomatischen Spielraum offenzuhalten, ohne Moskau durch voreilige Konzessionen zu ermutigen. Bundeskanzler Merz hat signalisiert, er wolle Deutschland stärker als bisher in der europäischen Koordinierung positionieren – konkrete Vorschläge, wie das aussehen soll, werden in Berlin jedoch noch erwartet.

Die Zivilbevölkerung in der Ukraine zahlt unterdessen den höchsten Preis. Jede Verhandlungsrunde, jedes diplomatische Signal, jede verschobene Sitzung bedeutet für Millionen Menschen weitere Nächte im Bunker, weitere zerstörte Häuser, weitere Tote. Das ist der Rahmen, in dem Politik und Diplomatie derzeit stattfinden – und das ist der Maßstab, an dem sie gemessen werden müssen.

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Thomas Weber
Politik & Wirtschaft

Thomas Weber beobachtet seit über 15 Jahren die deutsche Bundespolitik und europäische Wirtschaftsentwicklungen. Sein Schwerpunkt liegt auf Haushaltspolitik, Koalitionsdynamiken und internationaler Handelspolitik.

Quelle: Tagesschau
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