Waffenruhe in der Ukraine in Kraft – Selenskyj würdigt
Europäische Vermittler bringen Kriegsparteien zu Feuerpause – erste Reaktionen überraschend positiv
Zum ersten Mal seit mehr als drei Jahren schweigen die Waffen entlang der gesamten Frontlinie in der Ukraine – zumindest vorläufig. Die von europäischen Vermittlern ausgehandelte Waffenruhe ist in der Nacht zu Montag in Kraft getreten, und Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete den Moment in Kiew als „historische Chance, die wir nicht verspielen dürfen".
Der Moment, auf den Europa gewartet hat
Es war 00:01 Uhr Ortszeit, als entlang der rund 1.200 Kilometer langen Frontlinie offiziell Stille eintreten sollte. Ob diese Stille tatsächlich gehalten hat, ist in den ersten Stunden schwer zu verifizieren – unabhängige Beobachter vor Ort berichten von vereinzelten Gefechtslärm-Meldungen aus dem Donbass, während ukrainische Militärsprecher die Lage als „weitgehend ruhig" einstuften. Dennoch: Die bloße Existenz dieser Vereinbarung gilt unter Diplomaten als Durchbruch, der vor wenigen Monaten noch undenkbar erschien.
Die Waffenruhe ist das Ergebnis wochenlanger intensiver Vermittlung durch eine europäische Kontaktgruppe unter Federführung Frankreichs und Deutschlands, unterstützt durch diplomatische Kanäle der Türkei und des Vatikans. Sie ist zunächst auf 30 Tage befristet und sieht eine schrittweise Einrichtung von Pufferzonen sowie internationale Beobachtermissionen vor. Über eine mögliche Verlängerung oder einen dauerhaften Status soll in direkten Verhandlungen verhandelt werden, deren Ort noch nicht feststeht.
Dass Selenskyj die Vereinbarung öffentlich würdigt, ist keine Selbstverständlichkeit. Noch vor einigen Wochen hatte der ukrainische Präsident jede Waffenruhe ohne vorherige Sicherheitsgarantien kategorisch abgelehnt. Der Sinneswandel deutet darauf hin, dass die europäischen Vermittler erhebliche Zugeständnisse in den Begleitdokumenten verankert haben – Details, die bislang nicht vollständig öffentlich gemacht wurden. Gleichzeitig hatten vorangegangene Entwicklungen wie die Russischen Luftangriffe auf die Ukraine vor der geplanten Waffenruhe gezeigt, wie fragil die Ausgangslage war und wie nah die Verhandlungen mehrfach am Scheitern waren.
Berlin im Zentrum der Diplomatie

Deutschland hat in diesem Prozess eine Rolle gespielt, die deutlich über das hinausgeht, was öffentlich kommuniziert wurde. Bundeskanzler Friedrich Merz telefonierte in den vergangenen Wochen mehrfach sowohl mit Selenskyj als auch — über Drittstaaten-Kanäle — mit dem Kremlin. Das Auswärtige Amt unter Außenminister Johann Wadephul koordinierte die deutschen Beiträge zur Kontaktgruppe eng mit Paris und Warschau. Diese aktivere außenpolitische Rolle Berlins markiert einen bemerkenswerten Wandel gegenüber der oft als zögerlich kritisierten deutschen Ukraine-Diplomatie der vergangenen Jahre.
Im Bundestag war die Reaktion auf die Waffenruhe erwartungsgemäß vielschichtig. Während die Koalitionsfraktionen die diplomatische Entwicklung begrüßten, meldeten sich Opposition und Randparteien mit unterschiedlichen Vorbehalten zu Wort. Die Debatte im Plenum, die für die kommenden Tage erwartet wird, dürfte eine der intensivsten außenpolitischen Auseinandersetzungen des laufenden Parlamentsjahres werden.
Fraktionspositionen im Deutschen Bundestag:
CDU/CSU: Begrüßt die Waffenruhe als Ergebnis „entschlossener europäischer Diplomatie", mahnt jedoch zu größter Wachsamkeit gegenüber russischen Verstößen. Die Unionsfraktion besteht auf der Beibehaltung des vollständigen Sanktionsregimes und lehnt jegliche Aufweichung ab, solange keine dauerhaften Sicherheitsgarantien für die Ukraine verankert sind.
SPD: Wertet die Einigung als Beweis, dass „diplomatische Hartnäckigkeit Früchte trägt". Mahnt gleichzeitig zur Berücksichtigung humanitärer Korridore und fordert die sofortige Einleitung von Verhandlungen über einen dauerhaften Friedensrahmen unter UN-Beteiligung.
Grüne: Unterstützen die Waffenruhe grundsätzlich, knüpfen ihren langfristigen Rückhalt jedoch an klare Überprüfungsmechanismen. Die Fraktion warnt vor einer „Erschöpfungsdiplomatie", bei der die Ukraine unter Druck gesetzt wird, territoriale Verluste dauerhaft hinzunehmen.
AfD: Fordert die sofortige Aufnahme direkter Gespräche zwischen Berlin und Moskau und kritisiert die bisherige deutsche Waffenlieferungspolitik als „Kriegsverlängerung". Die Fraktion begrüßt die Waffenruhe, nutzt sie jedoch als Argument für einen Kurswechsel in der deutschen Russlandpolitik insgesamt.
BSW: Sieht in der Waffenruhe eine Bestätigung ihrer seit Langem erhobenen Forderung nach Verhandlungen und fordert einen vollständigen Stopp aller deutschen Waffenlieferungen noch während der Feuerpause.
FDP: Unterstützt die Waffenruhe, beharrt aber auf der Weiterführung der Waffenlieferungen als Verhandlungsgarantie. „Stärke verhandelt, Schwäche kapituliert", so die Position der Liberalen.
Selenskyjs Kalkül: Zwischen Pragmatismus und innenpolitischem Druck
Selenskyjs öffentliche Würdigung der Waffenruhe ist innenpolitisch nicht ohne Risiko. In der Ukraine gibt es starke gesellschaftliche Strömungen, die jeden Verhandlungsfrieden, der nicht die vollständige Wiederherstellung der territorialen Integrität — einschließlich der Krim — beinhaltet, als Kapitulation betrachten. Der Präsident bewegt sich auf einem schmalen Grat: Einerseits ist die Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung nach Jahren des Leidens spürbar gewachsen, andererseits haben Hunderttausende ukrainische Soldaten ihr Leben für Positionen gegeben, die nun möglicherweise an Verhandlungstischen zur Disposition stehen.
Selenskyj versucht diesen Widerspruch aufzulösen, indem er die Waffenruhe nicht als Vorstufe zu Gebietsverhandlungen darstellt, sondern als humanitäre Pause und als Test russischer Vertragstreue. „Jeder Tag, an dem Russland die Vereinbarung hält, ist ein Beweis. Jeder Tag, an dem es sie bricht, ist ebenfalls ein Beweis", sagte er in seiner Videoansprache an die Nation. Diese rhetorische Konstruktion erlaubt ihm, sowohl bei einem Erfolg als auch bei einem Scheitern der Waffenruhe die Initiative zu behalten.
Dabei ist der Kontext der vorangegangenen gescheiterten Versuche nicht zu unterschätzen. Bereits zuvor hatte die Ukraine einseitig Waffenruhe ausgerufen, während Russland nicht folgte — eine Erfahrung, die sowohl in Kiew als auch in europäischen Hauptstädten zu großer Vorsicht gegenüber russischen Signalen geführt hat.
Russlands Schweigen als diplomatisches Instrument
Auffällig ist, wie Moskau auf die Waffenruhe reagiert — oder vielmehr: wie es nicht reagiert. Offizielle russische Medien berichten über die Vereinbarung mit demonstrativer Zurückhaltung, das Außenministerium in Moskau hat bislang keine vollständige Stellungnahme veröffentlicht. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow beschränkte sich auf die Formel, Russland werde „alle Aspekte genau beobachten". Das ist weder eine klare Zustimmung noch eine Ablehnung — und entspricht damit exakt dem diplomatischen Stil, den Moskau in ähnlichen Situationen gepflegt hat.
Militäranalysten westlicher Denkfabriken interpretieren dieses Schweigen unterschiedlich. Die einen sehen darin einen taktischen Rückzug, der Russland maximale Flexibilität lässt, ohne formal aus der Vereinbarung auszusteigen. Die anderen werten es als Zeichen, dass innerhalb des Kremls noch keine abgestimmte Linie zu den mittel- und langfristigen Konsequenzen der Feuerpause existiert. (Quelle: International Crisis Group)
| Fraktion | Sitze im Bundestag | Position zur Waffenruhe | Position zu Waffenlieferungen |
|---|---|---|---|
| CDU/CSU | 208 | Grundsätzliche Unterstützung mit Vorbehalten | Fortführung bei Sanktionstreue |
| SPD | 120 | Unterstützung, fordert UN-Rahmen | Bedingte Fortführung |
| AfD | 152 | Begrüßung, fordert Kurswechsel | Sofortiger Stopp gefordert |
| Grüne | 85 | Unterstützung mit Überprüfungsvorbehalt | Fortführung bis Sicherheitsgarantien |
| FDP | 72 | Unterstützung | Fortführung als Verhandlungsgarantie |
| BSW | 15 | Begrüßung als Bestätigung eigener Position | Sofortiger Stopp gefordert |
| SSW | 1 | Unterstützung | Keine explizite Festlegung |
Europas Test: Kann der Kontinent Frieden sichern?
Die Waffenruhe ist auch ein Test für die außenpolitische Handlungsfähigkeit der Europäischen Union als Ganzes. Jahrelang wurde Europa vorgeworfen, in der Ukraine-Krise zu langsam, zu uneinig und zu abhängig von amerikanischer Führung zu sein. Die aktive Vermittlerrolle, die Frankreich und Deutschland in den vergangenen Wochen eingenommen haben, ist eine direkte Antwort auf diesen Vorwurf — und gleichzeitig ein Versuch, in einer Welt zunehmend fragmentierter globaler Ordnung eigenständige europäische Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.
Der Bundesrat hat in einer Sondersitzung vergangene Woche eine Resolution verabschiedet, die die Bundesregierung auffordert, die Vermittlungsbemühungen fortzusetzen und gleichzeitig die Sicherheitsinteressen der osteuropäischen EU-Mitglieder verbindlich in den Verhandlungsrahmen einzubeziehen. Die Resolution war nicht bindend, signalisiert aber einen seltenen Moment parteipolitischer Geschlossenheit in der Länderkammer.
Rechtlich stellt sich zudem die Frage, welche verfassungsrechtlichen Rahmenbedingungen für eine mögliche deutsche Beteiligung an einer internationalen Beobachtermission gelten würden. Das Bundesverfassungsgericht hat in seiner langjährigen Rechtsprechung zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr klargestellt, dass solche Einsätze der konstitutiven Zustimmung des Bundestages bedürfen — auch wenn es sich um Beobachtungs- und keine Kampfmissionen handelt. Die Bundesregierung hat diese Frage bislang bewusst offengelassen, um die Verhandlungen nicht durch innenpolitische Debatten zu belasten.
Was jetzt kommt — und was schiefgehen kann
Die größte Gefahr für die Waffenruhe liegt nicht in einem bewussten, offiziell sanktionierten Bruch durch eine der Hauptparteien. Sie liegt in den unkontrollierten Elementen: lokalen Kommandeuren, die auf eigene Faust handeln, in Zwischenfällen, die als Provokationen interpretiert werden, in der Eigendynamik eines Konflikts, der über Jahre militärische und zivile Routinen tief eingeschliffen hat.
Internationale Beobachtermissionen sind ein wichtiges Instrument, aber kein unfehlbares. Die OSZE-Beobachtermission, die bis zum russischen Einmarsch in der Ostukraine tätig war, konnte Verstöße dokumentieren, aber nicht verhindern. (Quelle: OSZE-Sonderbeobachtermission, Berichte 2014–2022) Die Frage, welche Organisation diesmal die Überwachungsaufgabe übernehmen soll und mit welchem Mandat, ist noch nicht abschließend geklärt.
Hinzu kommen die innenpolitischen Dynamiken in Russland, die von außen kaum verlässlich zu beurteilen sind. Ob die Waffenruhe auf eine breitere strategische Neuausrichtung hindeutet oder lediglich auf taktische Erschöpfung und logistischen Konsolidierungsbedarf, lässt sich derzeit nicht seriös einschätzen.
Klar ist: Die kommenden 72 Stunden gelten unter Diplomaten als die kritischste Phase. Hält die Feuerpause in dieser Zeit, steigen die Chancen auf eine Stabilisierung erheblich. Kommt es zu größeren Verletzungen, d



















