Wirtschaft

Siemens streicht 3.000 Stellen in Deutschland

Konzern setzt auf KI-Automatisierung – Gewerkschaft kündigt Widerstand an

Von Sarah Müller 8 Min. Lesezeit
Siemens streicht 3.000 Stellen in Deutschland
Das Wichtigste in Kürze
  • Der Münchner Technologiekonzern Siemens plant den Abbau von rund 3.000 Arbeitsplätzen in Deutschland bis Ende 2027
  • Hintergrund ist ein massiver Umbau hin zu KI-gestützten Fertigungsprozessen
  • Die IG Metall reagiert mit scharfer Kritik und fordert Nachverhandlungen über den Sozialplan

Siemens streicht in Deutschland 3.000 Stellen – und begründet den massiven Einschnitt mit dem beschleunigten Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Fertigungs-, Verwaltungs- und Planungsprozessen. Die Industriegewerkschaft Metall spricht von einem „Verrat an der Belegschaft" und kündigt bundesweite Protestaktionen an.

Der Münchner Technologiekonzern hat den Stellenabbau in einem internen Schreiben an die Belegschaft und zeitgleich in einer Pflichtmitteilung an die Börse bekanntgegeben. Betroffen sind nach Konzernangaben vor allem Standorte in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Der Umbau soll bis Ende des dritten Quartals abgeschlossen sein. Siemens beschäftigt derzeit rund 87.000 Menschen in Deutschland – der geplante Abbau entspricht damit etwa 3,4 Prozent der inländischen Belegschaft.

Die Hintergründe: KI als Treiber des Stellenabbaus

Siemens-Chef Roland Busch hat in den vergangenen Monaten mehrfach betont, dass das Unternehmen seine Produktivität durch den Einsatz generativer KI-Systeme deutlich steigern wolle. Konkret geht es um die Automatisierung von Prozessen in der Auftragsabwicklung, im technischen Kundenservice und in der Softwareentwicklung. Laut Unternehmensangaben werden allein im Bereich Digital Industries über 1.200 Stellen gestrichen, weil KI-Assistenzsysteme Aufgaben übernehmen, die bislang qualifizierte Fachkräfte erledigten.

KI-Integration im Industriebereich

Siemens hat in den vergangenen zwei Jahren massiv in eigene KI-Plattformen investiert – darunter die konzernweite Plattform „Siemens Xcelerator", die mittlerweile KI-gestützte Planungs- und Simulationswerkzeuge für Industriekunden bündelt. Intern werden dieselben Werkzeuge nun genutzt, um Planungsabteilungen zu verschlanken. Das Unternehmen spricht von einer „Produktivitätsrevolution", die langfristig Wettbewerbsfähigkeit sichere. Kritiker hingegen sehen in dem Schritt eine klassische Kostensenkungsmaßnahme, die mit technologischem Fortschritt lediglich verkleidet wird.

Das Institut für Wirtschaftsforschung ifo in München schätzt, dass bis Ende des Jahrzehnts in Deutschland bis zu 20 Prozent aller Bürotätigkeiten durch KI-Systeme substituiert werden könnten – mit besonders hoher Substitutionswahrscheinlichkeit in Bereichen wie Buchhaltung, technischem Support und mittlerem Management. Siemens ist damit kein Einzelfall, sondern Teil eines breiteren Strukturwandels (Quelle: ifo Institut, Quelle: Bundesagentur für Arbeit).

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Vergleich mit anderen Industriekonzernen

Siemens steht mit diesem Schritt nicht allein. Auch bei anderen Großkonzernen laufen derzeit umfangreiche Restrukturierungsprogramme. So hat etwa BASF die Verlagerung von Produktion und den Abbau von 2.600 Stellen in Ludwigshafen angekündigt – ebenfalls mit dem Argument gestiegener Kosten und struktureller Überkapazitäten. Im Automobilsektor ringt der Volkswagen-Konzern weiterhin mit den Folgen der Elektromobilitätswende: Bei VW fallen 3.000 Jobs bis Herbst weg, wie Betriebsrat und Konzernleitung gemeinsam bekanntgegeben hatten. Die Gleichzeitigkeit dieser Einschnitte bei Deutschlands industriellen Schwergewichten lässt Ökonomen aufhorchen.

Reaktion der Gewerkschaft und des Betriebsrats

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Die IG Metall reagierte umgehend und scharf. Bezirksleiterin Christiane Benner erklärte in einer ersten Stellungnahme, der angekündigte Abbau sei „sozial unverantwortlich und strategisch kurzsichtig". Die Gewerkschaft fordert eine vollständige Offenlegung der Personalplanung bis Ende Juni sowie Verhandlungen über einen umfassenden Sozialtarifvertrag, der betriebsbedingte Kündigungen ausschließt. Erste Warnstreiks sind laut IG Metall für die kommenden Wochen geplant.

Betriebsrat unter Druck

Der Gesamtbetriebsrat von Siemens zeigte sich nach eigenen Angaben „überrumpelt" von der Geschwindigkeit der Ankündigung. Betriebsratsvorsitzender Jürgen Kerner betonte, man habe zwar von laufenden Effizienzprogrammen gewusst, der Umfang und der Zeitplan des Stellenabbaus seien jedoch nicht mitgeteilt worden. Nun droht ein langwieriger Konflikt über die Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats – juristisch relevante Fragen, die bis vor den Arbeitsgerichten ausgefochten werden könnten.

Arbeitsrechtler verweisen darauf, dass Siemens bei einem Stellenabbau dieser Größenordnung zur Vorlage eines Interessenausgleichs und Sozialplans verpflichtet ist. Sollte der Konzern ohne ausreichende Konsultation handeln, drohen empfindliche Nachteilsausgleichszahlungen. Die genaue rechtliche Lage hängt davon ab, wie viele der 3.000 Stellen tatsächlich durch betriebsbedingte Kündigungen besetzt werden sollen und wie viel über natürliche Fluktuation oder Abfindungen geregelt wird (Quelle: Bundesarbeitsgericht-Rechtsprechung, Quelle: Hans-Böckler-Stiftung).

Wer profitiert, wer verliert?

Die Antwort fällt je nach Perspektive sehr unterschiedlich aus. Für Siemens-Aktionäre ist der Schritt zunächst ein positives Signal: Die Siemens-Aktie legte nach der Ankündigung um 2,1 Prozent zu. Analysten der Deutschen Bank und von Berenberg sehen in dem Umbau einen konsequenten Schritt zur Margensteigerung im Segment Digital Industries, das in den vergangenen Quartalen unter Preisdruck gelitten hatte.

Betroffene Regionen und Standorte

Besonders hart trifft es den Standort Erlangen, traditionell ein Herzstück der Siemens-Forschung und -Entwicklung, sowie den Standort Mülheim an der Ruhr, an dem Energie- und Infrastrukturtechnik entwickelt wird. In beiden Städten hängen zahlreiche lokale Zulieferbetriebe und Dienstleister direkt von Siemens ab. Ökonomen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) haben in einer Studie aus dem Frühjahr dieses Jahres gezeigt, dass der multiplikative Beschäftigungseffekt bei industriellen Großbetrieben pro weggefallenem Arbeitsplatz zwischen 0,8 und 1,4 weiteren Stellen im regionalen Umfeld liegt (Quelle: DIW Berlin). Das bedeutet: Die 3.000 gestrichenen Stellen könnten in den betroffenen Regionen mittelbar bis zu 4.000 weitere Arbeitsplätze gefährden.

Chancen für KI-Dienstleister und Technologieunternehmen

Profiteure des Umbaus sind indessen klar erkennbar: Unternehmen wie SAP, die KI-Plattformanbieter aus dem Silicon Valley sowie deutsche Softwarespezialisten, die Siemens bei der Implementierung neuer Systeme beraten, dürften Aufträge in erheblichem Umfang erhalten. Der Markt für industrielle KI-Lösungen in Deutschland wächst nach Zahlen von Statista derzeit mit einer jährlichen Rate von 18 Prozent – das Siemens-Programm ist also Spiegel und Beschleuniger zugleich (Quelle: Statista, Quelle: Bitkom).

Konjunkturindikator: Das ifo-Geschäftsklimaindex für den verarbeitenden Sektor liegt im Juni bei 93,4 Punkten – damit unter der Wachstumsschwelle von 100. Besonders die Erwartungskomponente für das zweite Halbjahr ist eingebrochen, was auf eine anhaltende Investitionszurückhaltung in der deutschen Industrie hindeutet. Die Bundesbank revidierte ihre Wachstumsprognose für Deutschland zuletzt auf 0,4 Prozent für das Gesamtjahr nach unten – struktureller Stellenabbau bei Konzernen wie Siemens belastet zusätzlich den privaten Konsum (Quelle: ifo Institut, Quelle: Deutsche Bundesbank).

Kennzahl Siemens (aktuell) Vorjahr Veränderung
Umsatz weltweit 79,2 Mrd. Euro 77,8 Mrd. Euro +1,8 %
Mitarbeiter weltweit ca. 320.000 ca. 317.000 +0,9 %
Mitarbeiter Deutschland ca. 87.000 ca. 90.000 –3,3 %
Geplanter Stellenabbau DE 3.000 1.200 (Vorprogramm) +150 %
EBIT-Marge Digital Industries 11,2 % 14,8 % –3,6 Pkt.
KI-Investitionen (intern) 2,4 Mrd. Euro 1,6 Mrd. Euro +50 %

Strukturwandel oder kurzfristige Kostensenkung?

Die entscheidende Frage, die Ökonomen und Gewerkschafter gleichermaßen umtreibt, lautet: Ist der Stellenabbau bei Siemens eine strategisch notwendige Anpassung an einen sich verändernden Technologiemarkt – oder handelt es sich um eine opportunistische Kostensenkungsübung unter dem Deckmantel von KI-Transformation?

Die EBIT-Marge im Segment Digital Industries ist im vergangenen Jahr erheblich gesunken – von 14,8 auf 11,2 Prozent. Das deutet auf echten Margendruck hin, nicht nur auf vorauseilende Technologiebegeisterung. Gleichzeitig investiert Siemens intern mehr denn je in KI-Systeme: rund 2,4 Milliarden Euro fließen in diesem Jahr allein in die digitale Transformation. Das ist eine Steigerung von 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Diese Zahlen sprechen dafür, dass es sich um einen echten Umbau handelt – und nicht um bloßen Kapitalmarktkosmetik (Quelle: Siemens Geschäftsbericht, Quelle: DIW Berlin).

Internationale Wettbewerbsdynamik als Triebkraft

Hinzu kommt der Druck durch internationale Konkurrenten: US-amerikanische Unternehmen wie Honeywell und Emerson Electric sowie der chinesische Automatisierungskonzern CATL-Industrial haben in den vergangenen 18 Monaten massiv in KI-gestützte Industrieautomation investiert und drängen damit in Marktsegmente vor, die Siemens traditionell dominiert. Ohne eigene Produktivitätssteigerungen droht Siemens, an Preissetzungsmacht zu verlieren – ein Argument, das auch die Bundesbank in ihrem jüngsten Monatsbericht als strukturelle Herausforderung für den deutschen Maschinenbau insgesamt benennt (Quelle: Deutsche Bundesbank Monatsbericht, Quelle: ifo Institut).

Fachkräftemangel und Stellenabbau: Ein Widerspruch?

Auf den ersten Blick scheint der Stellenabbau bei Siemens in einem grotesken Widerspruch zur allgemeinen Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu stehen. Deutschland kämpft seit Jahren mit einem ausgeprägten Fachkräftemangel mit zwei Millionen offenen Stellen ohne absehbares Ende. Gleichzeitig entlassen Industriegiganten Tausende Fachkräfte. Dieser Widerspruch löst sich nur auf, wenn man zwischen Qualifikationsprofilen differenziert.

Qualifikationsverschiebung statt bloßem Abbau

Was Siemens abbaut, sind vor allem Stellen in der mittleren Verwaltung, im analogen Kundenservice und in standardisierten Planungsfunktionen. Was dagegen dringend gesucht wird – und was auch Siemens intern ausbauen will – sind Spezialisten für KI-Systemintegration, Datenwissenschaftler und Experten für industrielle Cybersicherheit. Der Konzern hat angekündigt, gleichzeitig rund 800 neue Stellen in diesen Zukunftsbereichen zu schaffen. Netto verliert Deutschland also rund 2.200 Industriearbeitsplätze bei Siemens – ein Rückgang, der sich in der Statistik niederschlagen wird.

Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Umschulungsprogramme für KI-relevante Berufsbilder in Deutschland noch immer erheblich unterfinanziert sind. Die Lücke zwischen dem, was abgebaut wird, und dem, was aufgebaut werden soll, ist real – und sie betrifft nicht nur Siemens. Auch bei VW, wo der Konzern auf die E-Auto-Flaute mit Stellenstreichungen reagiert, lautet die zentrale Frage: Wohin mit den freigesetzten Fachkräften? Der Markt wird diese Frage nicht automatisch lösen (Quelle: BIBB, Quelle: ifo Institut).

Angesichts von nach wie vor 400.000 offenen Stellen allein im MINT-Bereich ist die politische Forderung nach aktiver Arbeitsvermittlung und staatlich geförderten Umschulungsprogrammen lauter denn je. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil hat angekündigt, Gespräche mit Siemens über die Nutzung des Qualifizierungschancengesetzes aufzunehmen, um den Übergang möglichst vieler betroffener Beschäftigter in neue Berufsbilder zu organisieren.

Politische Reaktionen und gesamtwirtschaftliche Einordnung

Die Bundesregierung reagierte zurückhaltend. Wirtschaftsminister Robert Habeck betonte, struktureller Wandel sei unvermeidlich, forderte aber zugleich von den Konzernen „sozialen Verantwortungssinn" und den konsequenten Einsatz von Kurzarbeit, wo immer möglich. Die Union warf der Regierung vor, durch hohe Energiekosten, überbordende Bürokratie und zu langsame Genehmigungsverfahren die industrielle Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands selbst geschwächt zu haben – und damit Stellenabbau dieser Art erst erzwungen zu haben.

In der Tat zeigen Daten der Bundesbank, dass die Industrieproduktion in Deutschland seit Beginn des Jahres um weitere 1,8 Prozent zurückgegangen ist – nach einem bereits schwachen Vorjahr. Das ifo Institut spricht von einem „strukturellen Anpassungsdruck", der sich in den kommenden Quartalen weiter entfalten werde. Die Situation bei Siemens ist damit Symptom eines breiteren Problems: Die deutsche Industrie befindet sich in einer tiefen Transformationsphase, deren soziale Kosten bislang ungleich verteilt sind (Quelle: Deutsche Bundesbank, Quelle: ifo Institut, Quelle: Statistisches Bundesamt).

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Sarah Müller
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Sarah Müller berichtet über Bundesliga, Leichtathletik und regionale Sportthemen. Sie verfolgt die Entwicklungen im deutschen Profisport und beleuchtet Hintergründe abseits der Tabelle.

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