STRG_F entschlüsselt den TikTok-Wahlkampf
NDR-Recherche zeigt: So wird Politik auf TikTok gemacht
Wir haben uns heute die neueste STRG_F-Recherche des NDR zum Thema TikTok-Wahlkampf angehört — und ehrlich gesagt: Wir sind beunruhigt. Nicht alarmistisch, nicht hysterisch, aber nachdenklich. Denn was das Recherche-Format hier zusammengetragen hat, zeigt ein System, das funktioniert. Ein System, das Politik macht. Ein System, das Millionen von jungen Menschen erreicht, ohne dass die meisten von uns überhaupt verstehen, wie es funktioniert.
Es ist nicht das erste Mal, dass wir hier bei ZenNews24 über die Macht von Social-Media-Plattformen schreiben. Wir haben uns bereits Deutschlands meistgehörte Podcast-Shows angehört, wir folgen der Entwicklung des Buchmarkts und der Bestseller, und wir beobachten genau, wie Entertainment und Information verschwimmen. Aber bei TikTok im Wahlkampf fühlt sich etwas anders an. Direkter. Unmittelbarer. Gefährlicher, vielleicht.
Worum geht es: STRG_F und die versteckte Maschinerie des TikTok-Wahlkampfs

Die STRG_F-Recherche des NDR ist kein reißerisches Alarmvideo. Es ist investigativer Journalismus in seiner besten Form: sorgfältig, nachvollziehbar, unbequem. Die zentrale Frage lautet: Wer macht eigentlich Politik auf TikTok? Und wie wird sie gemacht? Wer bezahlt dafür? Wer profitiert?
STRG_F hat sich dafür tief in ein Ökosystem begeben, das für viele Erwachsene völlig unsichtbar ist. Während wir auf Instagram, Facebook oder in klassischen Medien nach Wahlwerbung Ausschau halten, passiert auf TikTok etwas ganz anderes. Es sind nicht die klassischen Anzeigen mit Parteilogos und Politikern in ernsten Gesichtsausdrücken. Es sind Creator — sogenannte Influencer —, die über Umweltpolitik, Steuern, Migration oder Soziales sprechen, oft ohne klarzumachen, dass sie bezahlt werden. Oder schlimmer: ohne dass sie selbst genau wissen, wer hinter der finanziellen Struktur steckt.
Das ist kein neues Phänomen. Versteckte Werbung gibt es überall in der Entertainment-Industrie — von Produktplatzierungen in Filmen bis zu den undurchsichtigen Sponsoring-Deals, die wir täglich sehen. Aber bei der TikTok-Wahlkampf-Maschinerie geht es um etwas Fundamentaleres: um die Beeinflussung demokratischer Prozesse durch Inhalte, die algorithmisch optimiert, finanziell im Verborgenen finanziert und von den Zuschauern oft nicht als politische Kommunikation erkannt werden.
Die STRG_F-Recherche dokumentiert konkrete Fälle, in denen Creator und Creator-Netzwerke für Parteien oder Interessensgruppen Inhalte produziert haben, ohne dass dies transparent gemacht wurde. Die NDR-Journalisten haben Chats zugespielt bekommen, haben Netzwerke nachvollzogen, haben mit Beteiligten gesprochen. Das ist wichtig. Das ist unbequem. Das ist genau das, was wir von öffentlich-rechtlichem Journalismus erwarten.
Was uns überrascht und beschäftigt hat: Zahlen, die beängstigend wirken
Lassen Sie uns konkret werden. TikTok erreicht in Deutschland etwa 12 Millionen aktive Nutzer monatlich. Das ist keine Nischengröße mehr. Das ist ein Mainstream-Medium. Und bei der Zielgruppe unter 30 Jahren ist es nicht nur Mainstream — es ist oft das primäre Nachrichtenmedium überhaupt.
- Etwa 45 % aller TikTok-Nutzer in Deutschland nutzen die Plattform mindestens einmal täglich.
- Bei der Altersgruppe 13–24 Jahre liegt dieser Anteil bei über 60 %.
- Für Millionen junger Wählerinnen und Wähler ist TikTok nicht „auch eine Plattform" — es ist ihre Plattform.
- Politische Inhalte auf TikTok unterliegen deutlich weniger Transparenzpflichten als klassische Wahlwerbung in Print oder TV.
- Der TikTok-Algorithmus bevorzugt emotionale, kurze und konfrontative Inhalte — ein Format, das politische Vereinfachung strukturell begünstigt.
Was STRG_F herausgearbeitet hat, ist dabei weniger eine einzelne böse Partei oder ein einzelner böser Akteur. Es ist das System selbst, das problematisch ist. Denn der TikTok-Algorithmus belohnt keine differenzierten Analysen. Er belohnt Emotion, Empörung, Vereinfachung. Das klingt erst mal nach Medienkritik-101 — aber in Kombination mit undurchsichtigen Finanzierungsstrukturen wird daraus etwas Beunruhigenderes.
Die Creator-Frage: Opfer oder Täter — oder beides?
Ein Aspekt der Recherche, der uns besonders beschäftigt hat: Was ist eigentlich mit den Creatorn selbst? Die STRG_F-Reporterinnen und -Reporter haben offenbar einige Fälle dokumentiert, in denen junge Influencer in Netzwerke eingebunden wurden, ohne vollständig zu verstehen, wer ihre Auftraggeber wirklich sind. Sie bekamen Briefings, sie bekamen Geld, sie produzierten Content — und sie wussten nicht immer, ob dahinter eine Partei, eine Lobbyorganisation oder ein noch undurchsichtigerer Akteur steckte.
Das wirft eine echte moralische Frage auf. Diese Creator sind oft keine zynischen Propagandisten. Sie sind junge Menschen, die ihren Lebensunterhalt auf einer Plattform verdienen wollen, die ihnen gleichzeitig als soziales Leben, Bühne und Karriereleiter dient. Sie kennen die Regeln des klassischen Mediensystems nicht, weil sie in diesem System nie sozialisiert wurden. Sie wissen, wie man ein Video viral macht — aber nicht unbedingt, was Kennzeichnungspflichten nach deutschem Rundfunkrecht bedeuten.
Das entschuldigt nichts. Aber es erklärt einiges. Und es zeigt, dass die Lösung dieses Problems nicht allein im Strafrecht liegt, sondern auch in Medienkompetenz, Aufklärung und besseren Plattformregeln.
Was TikTok dazu sagt — und was wir davon halten
TikTok selbst verweist regelmäßig auf seine Transparenzbibliothek für politische Werbung und auf seine Community-Richtlinien. Das klingt gut. Aber wie STRG_F zeigt, ist die Grenze zwischen „bezahltem politischen Content" und „organisch wirkendem Creator-Content mit politischer Agenda" absichtlich oder unabsichtlich fließend gehalten. Wer ein Video als „meine persönliche Meinung" kennzeichnet, muss es nicht als Werbung deklarieren — selbst wenn er dafür bezahlt wurde, genau diese Meinung zu teilen.
Das ist kein Bug. Das ist, wenn man ehrlich ist, möglicherweise ein Feature. Denn je weniger ein Inhalt wie Werbung aussieht, desto wirksamer ist er. Das wissen Marketingprofis seit Jahrzehnten. Und das wissen offenbar auch die Akteure, die laut STRG_F hinter einigen dieser Netzwerke stecken.
Unser Fazit: Hinschauen lohnt sich — und ist unbequem
Wir sind ein Unterhaltungs-Ressort. Wir schreiben über Serien, Musik, Bücher, Podcasts und die Kulturlandschaft, die unser Leben begleitet. Aber wir glauben, dass Entertainment und Demokratie keine getrennten Sphären sind. TikTok ist Entertainment. TikTok ist auch Politik. Und die Grenzen dazwischen werden täglich dünner.
Die STRG_F-Recherche ist deshalb nicht nur ein Stück investigativer Journalismus für politisch Interessierte. Sie ist ein Dokument darüber, wie unsere Medienkultur sich verändert — schneller, als wir begreifen können. Wer diese 30 Minuten nicht gesehen hat: Es lohnt sich. Nicht weil man danach alle Antworten hat. Sondern weil man danach bessere Fragen stellt.
| Plattform | Primäre Altersgruppe | Politische Werbung kennzeichnungspflichtig? | Algorithmische Transparenz |
|---|---|---|---|
| TikTok | 13–29 Jahre | Teilweise, Lücken bei Creator-Content | Sehr gering |
| 18–34 Jahre | Ja, für bezahlte Partnerschaften | Gering | |
| YouTube | 18–44 Jahre | Ja, mit Offenlegungspflicht | Mittel |
| 30–55 Jahre | Ja, mit Ad-Bibliothek | Mittel | |
| X (Twitter) | 25–44 Jahre | Uneinheitlich seit 2023 | Gering |
Was bleibt, ist eine einfache Botschaft: Schaut euch das Video an. Redet darüber. Und wenn ihr das nächste Mal einen Creator seht, der euch erklärt, warum ihr eine bestimmte Partei wählen sollt oder nicht — fragt euch kurz, wer dahinter steckt. Nicht aus Paranoia. Sondern aus dem gesunden Misstrauen, das mündige Medienkonsumentinnen und -konsumenten in einer Demokratie brauchen.
STRG_F hat gute Arbeit geleistet. Wir sind froh, dass es sie gibt. Und wir hoffen, dass diese Recherche nicht nur in den Medien-Blasen derjenigen landet, die sowieso schon wissen, wie Algorithmen funktionieren — sondern auch dort, wo sie gebraucht wird: auf den Feeds der 17-Jährigen, die gerade zum ersten Mal wählen dürfen.