Finanzen

Auf Geldreise ARD: Mit 60 in Rente -- realistisch oder Maerchen?

ARD-Finanzpodcast rechnet das FIRE-Ziel durch. Unsere Einschaetzung fuer Deutschland.

Von ZenNews24 Redaktion 6 Min. Lesezeit
Auf Geldreise ARD: Mit 60 in Rente -- realistisch oder Maerchen?

Im Podcast „Auf Geldreise" der ARD wurde kürzlich die Frage gestellt, die vielen Berufstätigen unter den Nägeln brennt: Ist es realistisch, mit 60 Jahren in Rente zu gehen? Die Moderatoren haben sich dabei intensiv mit der FIRE-Bewegung (Financial Independence, Retire Early) auseinandergesetzt und durchgerechnet, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen. Wir haben die Position der Macher von Auf Geldreise ARD analysiert und möchten dazu eine fundierte Einschätzung für den deutschen Kontext abgeben.

Die Position von Auf Geldreise ARD

Die ARD-Redaktion beschäftigt sich in ihrem Finanzpodcast mit der zunehmend populären Idee, durch sparsames Leben und geschickte Geldanlage deutlich früher aus dem Erwerbsleben aussteigen zu können als die gesetzliche Rente vorsieht. Die Podcaster von Auf Geldreise ARD haben dabei die klassischen FIRE-Ansätze kritisch beleuchtet: Die sogenannte 4-Prozent-Regel (Safe Withdrawal Rate), wonach man jährlich 4 Prozent seines Vermögens entnehmen kann, wurde ebenso durchleuchtet wie die notwendige Sparquote und das erforderliche Vermögen.

Die Creator betonen dabei realistisch, dass die theoretischen Modelle aus dem englischsprachigen Raum – wo FIRE seinen Ursprung hat – nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen werden können. Besonders die Krankenversicherungsfrage wird als kritischer Punkt identifiziert: Wer mit 60 in Rente geht, ist noch nicht im gesetzlichen Renteneintrittsalter und muss Krankenversicherungsbeiträge stemmen, die erheblich höher ausfallen als die Beiträge Berufstätiger in der gesetzlichen Krankenversicherung.

Auf Geldreise ARD: Mit 60 in Rente -- realistisch oder Maerchen?

Was wir dazu sagen

Die Analyse von Auf Geldreise ARD trifft einen wichtigen Punkt: FIRE ist nicht unmöglich, aber die deutschen Rahmenbedingungen machen es deutlich schwieriger als etwa in den USA. Das liegt nicht nur an den höheren Steuern und Sozialabgaben hierzulande, sondern vor allem an der Struktur unseres Sozialsystems – einem System, das auf kontinuierliche Erwerbsbiografien ausgelegt ist und frühe Aussteiger strukturell benachteiligt.

Zunächst zur Krankenversicherung: Ein 60-Jähriger, der aus dem Erwerbsleben aussteigt, kann nicht einfach in die reguläre gesetzliche Krankenversicherung der Rentner wechseln. Die sogenannte Krankenversicherung der Rentner (KVdR) setzt voraus, dass man in der zweiten Hälfte des Erwerbslebens überwiegend gesetzlich versichert war – und das im Verhältnis zur gesamten Versicherungszeit. Wer diesen Zeitraum nicht erfüllt oder privat versichert ist, muss sich freiwillig gesetzlich oder vollständig privat versichern. Beide Optionen sind kostspielig. Die private Krankenversicherung wird mit zunehmendem Alter massiv teurer. Ein heute 60-Jähriger kann mit Prämien von 400 bis 800 Euro monatlich rechnen, Tendenz steigend – je nach Tarif, Vorerkrankungen und Versicherungsgesellschaft.

Zweitens: Die 4-Prozent-Regel stammt aus einer historischen Analyse amerikanischer Börsenrenditen, der sogenannten Trinity-Studie aus dem Jahr 1998. In Deutschland müssen wir mit deutlich konservativeren Annahmen rechnen. Die Bundesbank und unabhängige Forschungsinstitute gehen für deutsche Verhältnisse von einer realistischen Entnahmequote von etwa 3 bis 3,5 Prozent aus – nicht 4 Prozent. Das bedeutet konkret: Wer 10.000 Euro pro Jahr entnehmen möchte, braucht nicht ein Vermögen von 250.000 Euro, sondern eher 285.000 bis 333.000 Euro. Bei 30.000 Euro Jahresbedarf sprechen wir bereits von einem Portfoliobedarf zwischen 857.000 und einer Million Euro.

Drittens: Die Steuerlast ist erheblich und wird von vielen FIRE-Enthusiasten unterschätzt. Kapitalerträge in Deutschland werden mit der Abgeltungssteuer von 25 Prozent zuzüglich Solidaritätszuschlag besteuert, also effektiv 26,375 Prozent. Zwar gibt es den Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro pro Jahr für Einzelpersonen und 2.000 Euro für Ehepaare, aber darüber hinaus greift das Finanzamt zu. Wer sein Leben lang von Kapitalerträgen lebt, muss damit rechnen, dass ein substanzieller Teil seiner Entnahmen steuerlich belastet wird – was den tatsächlich verfügbaren Betrag spürbar reduziert.

Viertens: Mit 60 Jahren ist man statistisch gesehen noch lange nicht am Ende des Lebens. Eine Lebenserwartung von 85 Jahren ist für heute 60-Jährige in Deutschland nicht unrealistisch – das bedeutet 25 Jahre ohne reguläres Arbeitseinkommen. Inflation über diesen Zeitraum ist ein enormer Risikofaktor, der in vielen FIRE-Rechnungen zu optimistisch behandelt wird. Selbst bei nur 2 Prozent Inflation pro Jahr verdoppelt sich das Preisniveau über rund 36 Jahre. Ein Budget, das heute bei 2.500 Euro monatlich passt, reicht in 25 Jahren nominal nicht mehr aus – real gesehen hat es erheblich an Kaufkraft verloren.

Fünftens, und das erwähnt Auf Geldreise ARD nur am Rande: Wer mit 60 in Rente geht, verzichtet auf weitere Einzahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung. Das hat gravierende Auswirkungen auf die spätere Rentenhöhe. Pro fehlendem Beitragsjahr reduziert sich die gesetzliche Rente spürbar. Wer 35 statt 42 Jahre eingezahlt hat, bekommt entsprechend weniger – und dieses Weniger fällt genau dann an, wenn das private Vermögen durch jahrzehntelange Entnahmen bereits deutlich geschrumpft ist.

Das sagen die Zahlen

Szenario Erforderliches Vermögen Jährliche Entnahme (4 %) Jährliche Entnahme (3,5 %) Krankenversicherung monatlich
USA (FIRE-Standard) 250.000 USD 10.000 USD 8.750 USD ca. 200 USD
Deutschland (konservativ) 350.000 € 14.000 € 12.250 € 400–600 €
Deutschland (mit Sicherheitspuffer) 500.000 € 20.000 € 17.500 € 500–700 €
Durchschnitt 60+ in Deutschland ca. 120.000 € 4.800 € 4.200 € 200–300 €*

*Über die Krankenversicherung der Rentner (KVdR), sofern Voraussetzungen erfüllt sind

Wichtig: Der Vermögensmedian in Deutschland liegt laut Bundesbank bei etwa 106.000 bis 125.000 Euro pro Erwachsenem (je nach Erhebungsjahr). Für FIRE mit 60 Jahren bräuchte man realistisch das Drei- bis Fünffache davon. Das bedeutet: Dieses Ziel ist für schätzungsweise 85 bis 90 Prozent der deutschen Bevölkerung schlicht nicht erreichbar – zumindest nicht ohne erhebliche Abstriche beim Lebensstandard oder jahrzehntelange extrem hohe Sparquoten von 40 Prozent und mehr. Für die obersten Einkommensgruppen mit konsequenter Anlagestrategie kann es funktionieren – aber auch dort nur unter strikten Bedingungen und mit einem realistischen Blick auf deutsche Besonderheiten.

Ein realistisches Rechenbeispiel

Nehmen wir einen konkreten Fall: Thomas, 35 Jahre alt, verdient 70.000 Euro brutto im Jahr, hat bislang 80.000 Euro angespart und möchte mit 60 aufhören zu arbeiten. Er schätzt seinen monatlichen Bedarf im Ruhestand auf 2.500 Euro netto – also 30.000 Euro im Jahr. Mit einer konservativen Entnahmequote von 3,5 Prozent braucht er ein Vermögen von rund 857.000 Euro.

Um dieses Ziel zu erreichen, müsste Thomas in den nächsten 25 Jahren bei einer angenommenen Rendite von 6 Prozent pro Jahr monatlich rund 1.400 Euro investieren – zusätzlich zu dem bereits angesparten Betrag. Das entspricht einer Sparquote von knapp 24 Prozent seines Bruttoeinkommens, also deutlich mehr als 30 Prozent seines Nettoeinkommens. Das ist ambitioniert, aber für Gutverdiener mit Disziplin theoretisch erreichbar.

Was dabei noch nicht eingerechnet ist: Die Krankenversicherungskosten zwischen 60 und 67 Jahren, mögliche Pflegekosten im höheren Alter, außerordentliche Ausgaben wie Sanierungen oder medizinische Behandlungen sowie die Inflationskorrektur über den gesamten Entnahmezeitraum. Unter realistischen Bedingungen liegt das tatsächlich erforderliche Vermögen eher bei 1,0 bis 1,2 Millionen Euro.

Unser Fazit

Auf Geldreise ARD leistet mit diesem Podcast-Thema einen wertvollen Beitrag zur finanziellen Bildung in Deutschland. Die kritische Auseinandersetzung mit FIRE-Konzepten ist überfällig und notwendig. Unser Fazit deckt sich im Wesentlichen mit der vorsichtigen Einschätzung der ARD-Redaktion: Mit 60 in Rente ist kein Märchen – aber es ist auch kein Selbstläufer. Es erfordert außergewöhnliche finanzielle Disziplin über Jahrzehnte, ein überdurchschnittliches Einkommen und ein tiefes Verständnis der deutschen Steuer- und Sozialversicherungslandschaft.

Wer dieses Ziel ernsthaft verfolgt, sollte sich nicht allein auf englischsprachige FIRE-Blogger verlassen, sondern unbedingt eine individuelle Beratung durch einen zugelassenen deutschen Finanzberater in Anspruch nehmen – am besten einen, der nach dem Honorarmodell arbeitet und nicht provisionsgetrieben ist. Denn die Unterschiede zwischen dem amerikanischen und dem deutschen System sind nicht marginal. Sie sind strukturell und können im Zweifelsfall über finanzielle Sicherheit oder Altersarmut entscheiden.

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