Finanzen

Depot aufräumen: Das sollte nach dem Boom weg

Mona und Thomas gehen Depot-Leichen an. Wir liefern den steuerlichen Blickwinkel.

Von Laura Fischer 5 Min. Lesezeit Aktualisiert: 08.05.2026
Depot aufräumen: Das sollte nach dem Boom weg
Das Wichtigste in Kürze
  • Das Finanzfluss-Team argumentiert, dass das sogenannte Boom-Jahrzehnt – gemeint ist der Zeitraum von etwa 2010 bis 2020 mit besonders günstigen...
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Das Boom-Jahrzehnt mit historisch niedrigen Zinsen, billionenschweren Stimulus-Programmen und einem scheinbar unbegrenzten Aktienmarkt-Aufschwung ist vorbei. Wer zwischen 2010 und 2021 sein Depot zusammengestellt hat, profitierte oft von Bedingungen, die es so nicht wiedergeben wird. Jetzt ist die Zeit gekommen, ehrlich hinzuschauen: Welche Positionen passen noch zur aktuellen Marktlage? Welche sind zu Altlasten geworden? Ein strukturiertes Depot-Audit schafft Klarheit – und kann erhebliche Steuern sparen.

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Das Boom-Jahrzehnt war die Ausnahme, nicht die Regel

Von 2010 bis 2021 erlebten Anleger eine einzigartige Konstellation: Die Europäische Zentralbank (EZB) senkte die Leitzinsen auf null Prozent, Anleiherenditen sanken ins Negative, und der Aktienmarkt profitierte von kontinuierlichen Geldflüssen. Der DAX verdreifachte sich von etwa 5.000 auf über 15.000 Punkte. Wer einfach kaufte und hielt, machte Gewinne – praktisch unabhängig von der Qualität der Einzelaktien oder der Gebührenstruktur des Depots.

Diese Phase schuf auch ein psychologisches Phänomen: Viele Anleger hielten an mittelmäßigen oder sogar schädlichen Positionen fest, weil das Depot insgesamt stieg. Teure Bankfonds mit Gebühren von zwei bis drei Prozent pro Jahr wurden nicht hinterfragt. Einzelaktien, die fundamental schwach waren, wurden ignoriert. Das funktionierte – solange die Flut stieg.

Heute ist die Situation fundamental anders. Die Bundesbank und die EZB haben Leitzinsen erhöht, die Inflation war zeitweise deutlich zweistellig, und Volatilität ist zurück. Ein Depot, das für die Bedingungen von 2010 bis 2021 optimiert ist, kann sogar zum Bremsklotz werden.

Die steuerliche Komponente: Gewinne mitnehmen, Verluste nutzen

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Ein kritischer Fehler beim Depot-Aufräumen ist, die Steuerfolgen zu ignorieren. Wer 2015 Apple-Aktien für 1.000 Euro kaufte und diese heute für 3.500 Euro verkauft, macht 2.500 Euro Gewinn – auf den 26,375 Prozent Kapitalertragssteuer plus Solidaritätszuschlag fällig werden. Das sind knapp 660 Euro Steuern.

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Allerdings gibt es legitime Strategien, diese Last zu minimieren:

  • Verlustverrechnungstöpfe leeren: Wer im Portfolio Positionen mit Verlust hat, kann diese gezielt realisieren. In Deutschland können Verluste mit Gewinnen verrechnet werden – im selben Jahr und in unbegrenzter Höhe. Das ist völlig legal und sogar sinnvoll. Wer 3.000 Euro Gewinne und 2.000 Euro Verluste hat, versteuert nur 1.000 Euro.
  • Gestaffelt realisieren: Große Gewinne müssen nicht sofort alle im selben Jahr realisiert werden. Wer eine Position auflösen will, die 20.000 Euro Gewinn gebracht hat, könnte diese über zwei Jahre verteilt verkaufen und so in zwei Jahren je 10.000 Euro versteuern, statt alles auf einmal.
  • Freistellungsauftrag prüfen: Jeder hat einen Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro pro Jahr (Paare: 2.000 Euro), auf den keine Steuern anfallen. Wer mehrere Depots hat, muss sicherstellen, dass dieser optimal genutzt wird – und nicht mehrfach vergeben ist.

Ein unabhängiger Steuerberater kann hier konkret durchrechnen, wann und wie eine Restrukturierung am steuerwirksamsten erfolgt. Die Investition in ein solches Gutachten rechnet sich oft schnell.

Was raus muss: Die Killerkriterien für Positionen

Nicht jede alte Position gehört raus – aber viele sollten kritisch überprüft werden. Folgende Kriterien sind Kandidaten für die Tonne:

1. Gebühren über 1,5 Prozent pro Jahr

Viele Bankfonds aus dem Boom-Jahrzehnt haben Gesamtkostenquoten (TER) von zwei bis vier Prozent. Das klingt nicht nach viel, entpuppt sich über Jahrzehnte aber als Vermögenskiller. Ein ETF auf den MSCI World Index kostet heute 0,20 bis 0,30 Prozent – und schlägt die teueren Fonds regelmäßig. Wer eine Position mit 2,5 Prozent Gebühren hält und diese in einen 0,3-Prozent-ETF wechselt, spart unglaubliche 2,2 Prozentpunkte Rendite pro Jahr. Bei 100.000 Euro sind das 2.200 Euro jährlich. Nach 20 Jahren ein Unterschied von über 70.000 Euro – selbst wenn man die Steuern auf die realisierten Gewinne einrechnet.

2. Unternehmungen mit sinkenden Marktanteilen

Viele Einzelaktien aus dem Boom hatten damals Sinn – Telekomkonzerne, Medienunternehmen, traditionelle Energieversorger. Doch die Welt hat sich verschoben. Wer noch umfangreiche Positionen in Unternehmen mit schrumpfenden Märkten hält (klassische Einzelhandelsketten, starre Industriebetriebe ohne Digitalisierung), sollte sich fragen: Würde ich das heute neu kaufen? Falls nicht, sollte es raus.

3. Positionen ohne Rebalancing-Strategie

Ein Depot, das seit 2012 nicht strukturiert umgeschichtet wurde, ist kein Depot – es ist eine alte Ansammlung. Wenn die ursprüngliche Gewichtung 30 Prozent Aktien, 50 Prozent Anleihen und 20 Prozent Rohstoffe war, diese sich durch Kursbewegungen aber zu 60 Prozent Aktien, 25 Prozent Anleihen und 15 Prozent Rohstoffe verschoben hat, dann wurde das Risikoprofil unbewusst erhöht. Ein professionelles Rebalancing bringt die Gewichtungen zurück.

4. Strukturierte Produkte und Zertifikate

Diese waren besonders im Boom-Jahrzehnt beliebt. Sie sind aber teuer, intransparent und bergen Emittentenrisiko. Viele Kreditinstitute verdienen hier deutlich stärker als an klassischen Fonds. Moderne Anleger verwenden stattdessen schlichte ETFs, die 24/7 handelbar, transparent und günstig sind. Die Sicherheit von Depotanlagen ist dabei auch von der Wahl des Brokers abhängig.

Was bleibt: Die Kernpositionen für 2025 und darüber hinaus

Nicht alles muss raus. Bestimmte Positionen haben zeitlos Bestand. Das sind typischerweise:

  • Diversifizierte ETFs auf Standardindizes: Ein MSCI World ETF ist so gültig wie 1995 oder 2010. Die Basis sollte breit gestreut sein und niedrige Gebühren haben.
  • Qualitätsaktien mit moatlike: Unternehmen mit starken Marktpositionen, stabilen Cashflows und hohen Eintrittsbarrieren (Apple, Microsoft, aber auch Nestlé, L'Oréal) haben ihre Krise von 2022 überstanden und sind oft gute Langfristinvestitionen.
  • Immobilienbestände (real estate): Wer Immobilien als langfristige Anlage hält, sollte diese nicht automatisch verkaufen. Allerdings sollte regelmäßig überprüft werden, ob die Rendite noch angemessen ist – besonders bei Mietshäusern mit überalterten Mietverträgen.
  • Positionen im Rohstoffbereich (gezielt): Gold beispielsweise ist nicht produktiv, aber ein breiteres Portfolio kann von einem kleinen Gold-Anteil (5–10 Prozent) profitieren. Das wurde oft vernachlässigt, ist aber relevant in Zeiten höherer Inflation.

Der praktische Fahrplan für das Audit

Wie geht man systematisch vor? In vier Schritten:

  1. Inventur: Alle Positionen auflisten, Kaufpreis, aktueller Wert, Gebühren, Laufzeit notieren.
  2. Analyse: Für jede Position: Würde ich das heute kaufen? Wie hat es sich entwickelt? Welche Kosten fallen an?
  3. Steuerplanung: Mit Steuersoftware oder Berater durchrechnen: In welcher Reihenfolge realisieren, um Gewinne und Verluste optimal zu nutzen?
  4. Neustrukturierung: Auf Basis einer klaren, dokumentierten Anlagestrategie das Depot neu aufbauen. Ein strukturiertes Vorgehen auch beim Umzug zu einem neuen Broker ist wichtig.

Diese Aufräumaktion braucht Zeit – aber sie ist eine Einmalinvestition mit großem Ertrag. Ein optimiertes Depot mit niedrigeren Gebühren, besserer Diversifikation und klarer Strategie wird über 20 Jahre um zehntausende Euro mehr bringen als ein vernachlässigtes Relikt aus dem Boom.

Die Nachricht ist also: Das Boom-Jahrzehnt ist vorbei, aber das ist kein Grund zur Resignation. Es ist die Chance, alt auszusortieren und neu und klug zu strukturieren. Wer das jetzt tut, ist für die kommenden Marktphasen deutlich besser vorbereitet.

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Laura Fischer
Finanzen & Verbraucher

Laura Fischer schreibt über Geldanlage, Verbraucherrecht und wirtschaftliche Trends. Ihr Fokus liegt auf praxisnahen Einordnungen — von Zinsentscheidungen bis zu alltäglichen Finanzfragen.

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