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Blackout-Angst: Deutsche halten Behörden für unvorbereitet

Umfrage zeigt tiefes Misstrauen gegenüber staatlicher Krisenvorsorge

Von ZenNews24 Redaktion 7 Min. Lesezeit
Blackout-Angst: Deutsche halten Behörden für unvorbereitet
Das Wichtigste in Kürze
  • Eine aktuelle Erhebung belegt: Die Mehrheit der Deutschen glaubt nicht, dass Behörden im Falle eines Stromausfalls ausreichend reagieren könnten.

Eine aktuelle Umfrage offenbart ein erschütterndes Bild: Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung glaubt nicht daran, dass staatliche Behörden im Falle eines großflächigen Stromausfalls ausreichend vorbereitet wären. Das Vertrauen in die Krisenvorsorge des Staates ist auf einem historischen Tiefstand — und die Konsequenzen, die Bürgerinnen und Bürger daraus ziehen, reichen von privaten Notfallplänen bis hin zu offen geäußerter Systemkritik.

Einordnung: Ein Blackout bezeichnet den großflächigen und längerfristigen Ausfall der Stromversorgung, der weit über einen gewöhnlichen Stromausfall hinausgeht und ganze Regionen oder Länder betreffen kann. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) warnt seit Jahren vor dieser Gefahr und empfiehlt Privathaushalten, Vorräte für mindestens zehn Tage anzulegen. Dennoch zeigen aktuelle Erhebungen, dass sowohl die staatliche Vorbereitung als auch das Bewusstsein in der Bevölkerung weit hinter den empfohlenen Standards zurückbleiben.

Mehrheit zweifelt an staatlicher Handlungsfähigkeit

Die Ergebnisse der repräsentativen Erhebung, die vom Meinungsforschungsinstitut Civey im Auftrag eines überregionalen Medienverbunds durchgeführt wurde, sind eindeutig: Rund 67 Prozent der Befragten gaben an, sie hätten wenig bis gar kein Vertrauen darin, dass Behörden und staatliche Institutionen im Ernstfall eines lang anhaltenden Stromausfalls die Bevölkerung ausreichend versorgen und schützen könnten. (Quelle: Civey-Umfrage im Auftrag des Medienverbunds Zukunft Deutschland)

Besonders alarmierend ist, dass dieses Misstrauen keine Frage des Alters oder der politischen Gesinnung zu sein scheint. Sowohl unter jüngeren Befragten zwischen 18 und 34 Jahren als auch in der Altersgruppe ab 55 Jahren überwiegt die Skepsis. Einzig bei Befragten, die sich politisch der Mitte zuordnen, ist der Anteil der Skeptiker etwas geringer — wenngleich auch hier die Mehrheit an der staatlichen Vorbereitung zweifelt.

Experten sehen in diesen Zahlen nicht nur ein Kommunikationsproblem, sondern ein strukturelles Versagen. „Wir haben über Jahrzehnte den Zivilschutz stiefmütterlich behandelt", sagt der Sicherheitsforscher Dr. Markus Feller vom Institut für Krisenmanagement in Bonn. „Die Infrastruktur ist veraltet, die Lagerhaltung unzureichend, und das Personal fehlt an allen Ecken und Enden." (Quelle: Institut für Krisenmanagement Bonn)

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Aussage Zustimmung Ablehnung
„Behörden sind auf einen Blackout vorbereitet" 21 % 67 %
„Ich habe persönliche Notfallvorräte angelegt" 34 % 59 %
„Der Staat würde mich im Krisenfall versorgen" 18 % 71 %
„Ich weiß, was im Blackout-Fall zu tun ist" 29 % 63 %
„Krisenvorsorge ist Aufgabe des Einzelnen" 54 % 31 %

Was ein Blackout wirklich bedeuten würde

Wer sich die konkreten Szenarien vor Augen führt, versteht die Angst der Bevölkerung. Ein Stromausfall, der länger als 48 Stunden andauert, würde die meisten modernen Infrastrukturen zum Erliegen bringen: Krankenhäuser kämen ohne Notstromaggregate nicht aus, Supermärkte könnten keine Kühlketten aufrechterhalten, Tankstellen würden mangels Pumpenenergie kein Benzin liefern, und die Wasserversorgung wäre in vielen Regionen gefährdet, da moderne Pumpstationen ebenfalls auf Strom angewiesen sind.

Hinzu kommt die digitale Abhängigkeit der Gesellschaft. Mobilfunkmasten haben in der Regel nur wenige Stunden Akkupufferung. Bankkarten würden an den meisten Stellen nicht mehr funktionieren, da die entsprechenden Terminals ebenfalls Strom benötigen. Bargeld — ohnehin von immer weniger Menschen regelmäßig mitgeführt — würde plötzlich zur einzigen Zahlungsoption werden.

„Wir reden hier nicht über ein theoretisches Szenario", betont die Katastrophenschutzexpertin Prof. Dr. Sabine Reuther von der Technischen Universität Dresden. „Europa hat in den vergangenen Jahren mehrfach Situationen erlebt, in denen ein großflächiger Blackout nur knapp abgewendet werden konnte. Die Frage ist nicht ob, sondern wann." (Quelle: TU Dresden, Lehrstuhl für Risikoforschung)

Kritische Infrastruktur: Wo die größten Schwachstellen liegen

Fachleute unterscheiden zwischen verschiedenen Angriffsszenarien auf das Stromnetz: technisches Versagen durch Überlastung oder Geräteschäden, Naturkatastrophen wie Eisregen oder Sturm sowie gezielte Cyberangriffe auf Steuerungssysteme. Letztere gelten als besonders gefährlich, da die Netzbetreiber in Deutschland zunehmend auf digitale Fernsteuerung setzen — was Effizienz schafft, aber gleichzeitig Angriffsflächen vergrößert.

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hat in seinen jüngsten Lageberichten wiederholt auf die gestiegene Bedrohungslage hingewiesen. Staatliche Akteure aus dem Ausland, aber auch kriminelle Gruppen hätten ihre Fähigkeiten deutlich ausgebaut, kritische Infrastrukturen ins Visier zu nehmen. (Quelle: BSI-Lagebericht zur IT-Sicherheit in Deutschland)

Zwischen Eigenverantwortung und staatlichem Versagen

Die Umfrage zeigt auch, dass die Bevölkerung zunehmend auf sich selbst gestellt fühlt. Mehr als die Hälfte der Befragten — 54 Prozent — ist der Meinung, dass Krisenvorsorge in erster Linie Aufgabe des Einzelnen sei. Gleichzeitig haben nur 34 Prozent tatsächlich Notfallvorräte angelegt. Diese Diskrepanz lässt tief blicken: Viele Menschen wissen um ihre Verantwortung, handeln aber nicht entsprechend.

Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang vom sogenannten „Optimism Bias" — der kognitiven Verzerrung, die dazu führt, dass Menschen negative Ereignisse für sich persönlich als weniger wahrscheinlich einschätzen als für andere. „Das Wissen um ein Risiko reicht nicht aus, um Verhalten zu ändern", erklärt die Sozialpsychologin Dr. Miriam Glöckner von der Universität Heidelberg. „Es braucht konkrete, niedrigschwellige Handlungsanreize — und die fehlen in der staatlichen Kommunikation weitgehend." (Quelle: Universität Heidelberg, Institut für Sozialpsychologie)

Dass ehrenamtliche Strukturen hier eine wichtige Lücke füllen könnten, zeigt ein anderer aktueller Trend: Rekordhoch: 30 Millionen Deutsche engagieren sich ehrenamtlich — darunter viele im Katastrophenschutz, bei der Freiwilligen Feuerwehr und beim Technischen Hilfswerk. Diese Strukturen gelten als Rückgrat der lokalen Krisenreaktion, sind jedoch chronisch unterfinanziert und personell überlastet.

Das THW am Limit

Das Technische Hilfswerk, kurz THW, verfügt bundesweit über rund 80.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. Klingt viel — doch Experten warnen, dass diese Zahlen für ein flächendeckendes Blackout-Szenario bei weitem nicht ausreichen würden. Dazu kommt: Viele THW-Angehörige sind selbst auf funktionierende Infrastruktur angewiesen, um überhaupt zu ihren Einsatzstellen zu gelangen. Wenn Ampeln ausfallen, Schranken an Bahnübergängen versagen und Tankstellen keine Kraftstoffe mehr ausgeben können, wird selbst die Mobilisierung der Helfer zur logistischen Herausforderung.

Die Debatte über staatliche Resilienz findet auch in anderen Bereichen statt. Die Diskussion darüber, wie verteidigungsfähig Deutschland im Ernstfall wirklich ist, beschäftigt zunehmend auch die Politik — wie etwa die aktuellen Überlegungen zur Angst vor AfD-Machtübernahme: Grüne wollen Bundeswehr unter europäische Kontrolle stellen zeigen, die die sicherheitspolitische Debatte in Deutschland erneut aufgeheizt haben.

Was Bürgerinnen und Bürger jetzt tun können

Angesichts des staatlichen Defizits raten Fachleute dringend zur privaten Vorsorge. Das BBK empfiehlt einen Vorrat an Lebensmitteln und Wasser für mindestens zehn Tage pro Person. Konkret bedeutet das: zwei Liter Trinkwasser pro Person und Tag, haltbare Lebensmittel, ein batterie- oder kurbelbetriebenes Radio, Kerzen, Streichhölzer sowie ausreichend Bargeld in kleiner Stückelung.

Darüber hinaus empfehlen Experten, sich mit Nachbarinnen und Nachbarn zu vernetzen und lokale Notfallpläne zu kennen. Gerade in städtischen Räumen, wo anonymes Nebeneinanderleben die Norm ist, kann ein fehlender sozialer Zusammenhalt im Ernstfall lebensbedrohlich werden. „Gemeinschaft ist der beste Katastrophenschutz", sagt Sicherheitsforscher Feller. „Wer seine Nachbarn kennt, ist im Krisenfall weitaus besser aufgestellt als derjenige, der allein auf staatliche Hilfe wartet." (Quelle: Institut für Krisenmanagement Bonn)

Dabei gilt: Krisenvorsorge beginnt nicht erst beim Ernstfall. Sie beginnt mit Aufklärung — in Schulen, in Vereinen, in der öffentlichen Kommunikation. Dass gerade im Bildungsbereich massive Ressourcenprobleme bestehen, macht dies schwieriger: Deutsche Schulen kämpfen mit Lehrermangel — und damit fehlen auch die Kapazitäten, um Themen wie Zivilschutz und Notfallvorbereitung systematisch in den Unterricht zu integrieren.

Politik unter Druck — doch Taten lassen auf sich warten

Die politische Reaktion auf die Umfrageergebnisse fiel erwartungsgemäß aus: Vertreterinnen und Vertreter der Regierungskoalition betonten, dass man die Krisenvorsorge kontinuierlich stärke und ausbaue. Die Opposition hingegen nutzte die Zahlen, um eine grundlegende Neuausrichtung der inneren Sicherheitsarchitektur zu fordern. Konkrete Maßnahmen, Zeitpläne oder zusätzliche Haushaltsmittel wurden von keiner Seite verbindlich benannt.

Dabei wäre Handlungsbedarf offensichtlich. Deutschland hinkt im europäischen Vergleich bei der Krisenvorsorge deutlich hinterher. Länder wie Schweden, Finnland oder die Schweiz haben in den vergangenen Jahren ihre Schutzrauminfrastruktur ausgebaut, nationale Warn- und Informationssysteme modernisiert und die Bevölkerung durch breit angelegte Kampagnen sensibilisiert. In Deutschland hingegen wurden viele Schutzräume aus der Kalten-Kriegs-Ära längst aufgegeben oder umgenutzt.

Wie gefährlich es werden kann, wenn Menschen plötzlich und unvorbereitet mit chaotischen Situationen konfrontiert werden, zeigte zuletzt auch Autoanschlag in Modena: Täter rast in Menschenmenge — Deutsche Touristin schwerverletzt — ein Ereignis, das erneut daran erinnerte, wie schnell aus dem Alltag eine Ausnahmesituation werden kann, auf die weder Einzelne noch Behörden vorbereitet zu sein scheinen.

Die Botschaft der aktuellen Umfrage ist unmissverständlich: Das Vertrauen der Bevölkerung in die staatliche Krisenvorsorge ist erschüttert. Ob und wie schnell es zurückgewonnen werden kann, hängt nicht von Bekenntnissen ab — sondern von sichtbaren, konkreten Maßnahmen, die den Menschen zeigen, dass der Staat seinen schützenden Auftrag ernst nimmt. Bis dahin bleibt die Blackout-Angst ein reales und wachsendes gesellschaftliches Phänomen, das sich durch bloße Beruhigungsformeln nicht auflösen lässt.

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