Gesellschaft

Deutsche Schulen kämpfen mit Lehrermangel

Tausende Stellen bleiben unbesetzt — Unterricht fällt aus

Von Julia Schneider 9 Min. Lesezeit Aktualisiert: 16.05.2026
Deutsche Schulen kämpfen mit Lehrermangel
Das Wichtigste in Kürze
  • Besonders in Mathe und Naturwissenschaften verschärft sich die Krise
  • Bundesländer starten Notmaßnahmen zur Gewinnung von Fachkräften aus dem Ausland

Rund 40.000 Lehrerstellen sind in Deutschland unbesetzt — ein strukturelles Versagen, das Millionen Schülerinnen und Schüler täglich trifft. Unterrichtsstunden fallen aus, Klassen werden zusammengelegt, Vertretungslehrer fehlen: Die Bildungsrepublik Deutschland steckt in ihrer wohl tiefsten Lehrerkrise seit Jahrzehnten.

Das ist kein vorübergehender Engpass. Demografie, falsche Bildungspolitik und mangelnde Attraktivität des Lehrerberufs haben sich zu einem perfekten Sturm zusammengefunden. Was das für Kinder, Eltern, Lehrkräfte und die gesamte Gesellschaft bedeutet — und warum einfache Lösungen ausbleiben.

▶ Auf einen Blick
  • In Deutschland sind etwa 40.000 Lehrerstellen unbesetzt, bis Mitte des Jahrzehnts könnten über 68.000 Vollzeitstellen fehlen.
  • Demografischer Wandel, Pensionierungswellen und zu wenige Lehramtsabsolventen verschärfen die Krise strukturell.
  • Grundschulen sind besonders betroffen: Mehr als die Hälfte lässt regelmäßig Unterricht ausfallen, soziale Brennpunkte leiden überproportional.

Das Ausmaß der Krise: Zahlen, die erschrecken

Laut dem Statistischen Bundesamt werden in den kommenden Jahren Zehntausende Lehrkräfte in Pension gehen. Gleichzeitig verlassen zu wenige Absolventinnen und Absolventen die Universitäten mit einem abgeschlossenen Lehramtsstudium. Die Bertelsmann Stiftung hat in einer vielbeachteten Analyse errechnet, dass bis Mitte des Jahrzehnts an deutschen Schulen rechnerisch mehr als 68.000 Vollzeitstellen fehlen könnten — unter Einrechnung von Teilzeitquoten und Sonderpädagogik. Derzeit sind die gemeldeten Zahlen schon alarmierend: Allein in den bevölkerungsreichsten Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg blieben zuletzt Tausende Stellen unbesetzt (Quelle: Kultusministerkonferenz, Statistisches Bundesamt).

Besonders gravierend ist die Lage an Grundschulen. Das Forsa-Institut ermittelte in einer Befragung, dass mehr als jede zweite Grundschule regelmäßig Unterricht ausfallen lässt — nicht als seltene Ausnahme, sondern als strukturelle Normalität. Auch Förderschulen und Schulen in sozialen Brennpunkten trifft der Mangel überproportional hart. Dort, wo Kinder am meisten Unterstützung bräuchten, fehlt das Personal am dringendsten.

Regionale Ungleichheit als Verstärker

Der Lehrermangel trifft nicht alle Regionen gleich. Während Ballungsräume wie München oder Hamburg noch vergleichsweise gut aufgestellt sind — nicht zuletzt wegen höherer Lebensqualität und Gehaltsanpassungen —, kämpfen ländliche Regionen in Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern seit Jahren mit dramatischer Unterversorgung. In manchen Landkreisen gibt es schlicht keine Bewerberinnen und Bewerber mehr. Vertretungsunterricht wird von fachfremden Kräften oder Elternteilen übernommen, Klassen werden monatelang ohne feste Lehrkraft unterrichtet (Quelle: Bertelsmann Stiftung, Bildungsmonitor).

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Sonderpädagogik als besonderer Brennpunkt

Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen fehlen flächendeckend. Das Statistisches Bundesamt weist aus, dass auf eine ausgeschriebene Förderschullehrerstelle in vielen Bundesländern weniger als eine qualifizierte Bewerbung kommt. Kinder mit besonderem Förderbedarf — ob Lernschwäche, Sprachförderbedarf oder körperliche Einschränkungen — werden so systematisch benachteiligt. Inklusion, politisch seit Jahren gefordert, scheitert nicht zuletzt an dieser Personalfrage.

Studienlage: Die Bertelsmann Stiftung prognostiziert einen Fehlbedarf von bis zu 68.000 Vollzeitstellen an deutschen Schulen bis Mitte des Jahrzehnts. Das Forsa-Institut ermittelte, dass mehr als 50 Prozent aller Grundschulen regelmäßig Unterricht ausfallen lassen. Laut Statistischem Bundesamt werden allein im Primarbereich in den nächsten zehn Jahren rund 30 Prozent aller aktiven Lehrkräfte in den Ruhestand wechseln. Das Allensbach-Institut stellte fest, dass nur noch 38 Prozent der Bevölkerung den Lehrerberuf als gesellschaftlich hoch angesehen betrachten — ein historischer Tiefstand. Der Deutsche Lehrerverband spricht von bis zu 4.000 sogenannten Quer- und Seiteneinsteigerinnen, die jährlich ohne vollständige pädagogische Ausbildung vor Klassen stehen.

Stimmen aus der Praxis: Was Betroffene erleben

Gesellschaft Spaltung Demokratie Protest
Gesellschaft Spaltung Demokratie Protest

Für Elena K., Mutter zweier Grundschulkinder in Sachsen-Anhalt, ist der Unterrichtsausfall längst Alltag. "Mein Sohn hatte in einer Woche drei Tage Freistunden — in der dritten Klasse. Das kann doch nicht sein", sagt sie. Ihr Unmut ist repräsentativ: In Elternforen und Schulpflegschaften wird zunehmend laut über das Versagen der Bildungspolitik diskutiert.

Lehrerinnen und Lehrer selbst berichten von wachsender Überlastung. Wer noch im Dienst ist, übernimmt Vertretungsstunden, führt größere Klassen und verliert Zeit für individuelle Förderung. "Ich unterrichte mittlerweile in Klassen mit 32, 33 Kindern — darunter viele mit Sprachförderbedarf. Das ist pädagogisch nicht mehr vertretbar", sagt ein Grundschullehrer aus Nordrhein-Westfalen, der namentlich nicht genannt werden möchte. Die Erschöpfung wächst, die Krankenquote unter Lehrkräften ist laut Studien der DAK-Gesundheit auf einem Rekordhoch.

Die stille Abwanderung aus dem Beruf

Nicht nur der Nachwuchs fehlt. Immer mehr aktive Lehrerinnen und Lehrer verlassen den Beruf vorzeitig — durch Frühpensionierung, Burnout oder Berufsausstieg. Das Allensbach-Institut hat in einer Langzeitstudie festgestellt, dass das gesellschaftliche Ansehen des Lehrers und der Lehrerin in Deutschland seit Jahren sinkt. Gleichzeitig sind Verwaltungsaufwand, Inklusion ohne ausreichende Ressourcen und die gesellschaftlichen Erwartungen an die Schule massiv gestiegen. Eine toxische Kombination, die Fachleute seit Jahren warnen — und die Politik lange ignoriert hat.

Auch das Thema Sicherheit spielt eine Rolle. Berichte über Gewalt gegen Lehrer an deutschen Schulen nehmen zu. Verbale Übergriffe, körperliche Auseinandersetzungen, Bedrohungen durch Erziehungsberechtigte — der Alltag im Klassenzimmer ist für viele belastender geworden. Das schreckt potenzielle Berufseinsteiger zusätzlich ab.

Politische Reaktionen: Zwischen Aktionismus und Strukturversagen

Die Kultusministerkonferenz hat das Problem erkannt — zumindest auf dem Papier. Zahlreiche Länder haben Sonderprogramme aufgelegt: Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger werden schneller zugelassen, Pensionäre gebeten, länger zu arbeiten, Studienkapazitäten ausgebaut. Doch Expertinnen und Experten halten diese Maßnahmen vielfach für Symptombekämpfung.

"Wir flicken ein System, das strukturell neu gedacht werden muss", sagt Professor Klaus Hurrelmann, Bildungssoziologe und einer der bekanntesten Schulforscher Deutschlands. Die Länderhoheit im Bildungswesen erschwere koordinierte Lösungen erheblich. Während Bayern strenge Ausbildungsstandards hochhält und kaum Quereinsteiger zulässt, öffnet Berlin die Schleusen weit — mit entsprechenden Qualitätsunterschieden im Unterricht.

Der Flickenteppich föderaler Bildungspolitik

Dass Deutschland 16 verschiedene Schulsysteme hat, ist bekannt. Aber die Konsequenzen für den Lehrermangel werden selten klar benannt: Eine ausgebildete Gymnasiallehrerin aus Hessen kann nicht einfach in Bayern unterrichten — unterschiedliche Lehrpläne, andere Staatsexamina, fehlende Anerkennungsverfahren bremsen die Mobilität. Der Bildungsmonitor der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) in Zusammenarbeit mit dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) zeigt, dass die Bundesländer beim Thema Lehrermobilität seit Jahren kaum Fortschritte erzielen (Quelle: INSM Bildungsmonitor, IW Köln).

Auf Bundesebene bleibt der Spielraum begrenzt: Bildung ist Ländersache, das Grundgesetz setzt enge Grenzen. Bundesbildungsminister schlagen Reformvorschläge vor — koordinierte Ausbildungsmengen, gemeinsame Qualitätsstandards, bundesweite Anerkennungsverfahren —, stoßen jedoch auf das Beharrungsvermögen der Länder. Das Ergebnis: keine Einigung, keine Lösung, weiter Flickenteppich.

Quereinsteiger: Chance oder Qualitätsproblem?

Sogenannte Quereinsteiger — also Personen, die ohne vollständiges Lehramtsstudium in den Schuldienst eintreten — sind politisch umstritten. Einerseits schließen sie kurzfristig Lücken: Ein Informatikingenieur, der Mathematik unterrichtet, ist besser als keine Lehrkraft. Andererseits warnen Bildungsgewerkschaften wie die GEW davor, Pädagogik als erlernbares Nebenfach zu behandeln. "Unterrichten ist ein Handwerk, das man lernen muss — es reicht nicht, ein Fach zu kennen", so eine Stellungnahme des Deutschen Philologenverbands.

Der Bildungsrückstand nach Corona verschärft das Problem zusätzlich. Viele Schülerinnen und Schüler haben Lernlücken, die gezielter Förderung bedürfen — genau jene Förderung, die Quereinsteiger ohne sonderpädagogische Ausbildung kaum leisten können.

Gesellschaftliche Dimension: Was auf dem Spiel steht

Schule ist nicht nur Wissensvermittlung. Sie ist sozialer Ausgleich, Integrationsort, Schutzraum für Kinder aus schwierigen Verhältnissen. Wenn Unterricht ausfällt, trifft das nicht alle gleich: Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern können Lücken durch Nachhilfe, strukturierte Freizeit und familiäre Unterstützung kompensieren. Kinder aus einkommensschwachen Familien oder mit Migrationshintergrund können das oft nicht. Der Lehrermangel ist damit auch ein Gerechtigkeitsproblem.

Das Allensbach-Institut hat in Umfragen belegt, dass das Vertrauen der Bevölkerung in das öffentliche Bildungssystem sinkt. Immer mehr Eltern — soweit es sich finanziell ermöglichen lässt — weichen auf Privatschulen aus. Diese Entwicklung, kaum diskutiert, verstärkt soziale Spaltung langfristig. Die öffentliche Schule, einst Versprechen gleicher Chancen, droht zum Restangebot zu werden.

Schule als gesellschaftlicher Seismograph

Schulen sind auch Orte, an denen gesellschaftliche Konflikte sichtbar werden. Der Umgang mit Rechtsextremismus an Schulen stellt Lehrkräfte vor enorme Herausforderungen — Herausforderungen, die Zeit, pädagogisches Geschick und Unterstützung erfordern. All das fehlt unter dem Druck des Lehrermangels. Politische Bildung, Demokratieerziehung, Prävention: Diese Aufgaben rutschen nach unten, wenn das Kollegium schon mit dem normalen Lehrbetrieb überlastet ist.

Bildungssoziologinnen und -soziologen weisen darauf hin, dass die Folgen des heutigen Lehrermangels erst in Jahren oder Jahrzehnten vollständig sichtbar werden: schwächere Grundkompetenzen, höhere Abbrecherquoten, größere Bildungsungleichheit, steigende Jugendarbeitslosigkeit. Das sind keine abstrakten Szenarien, sondern Prognosen, die auf empirischen Daten fußen (Quelle: Bertelsmann Stiftung, OECD-Bildungsberichte).

Was zu tun wäre: Experten und Verbände fordern Strukturreformen

Die Vorschläge liegen auf dem Tisch — umgesetzt wird zu wenig. Bildungsforscherinnen, Lehrerverbände und zivilgesellschaftliche Organisationen sind sich in zentralen Punkten einig: Es braucht mehr als Symptombekämpfung.

  • Lehramtsstudium attraktiver gestalten: Stipendienprogramme, praxisnahe Ausbildung und klare Karriereperspektiven sollen den Beruf für Studienbeginnerinnen und -beginner attraktiver machen. Anlaufstelle: Hochschulstart.de und die jeweiligen Landesbehörden für Lehrereinstellung.
  • Bundesweite Anerkennungsverfahren schaffen: Lehramtsabschlüsse sollten bundesweit anerkannt werden, um Mobilität zu ermöglichen und regionale Engpässe auszugleichen. Die Kultusministerkonferenz (KMK) ist hier der zentrale Verhandlungsort.
  • Teilzeitrückkehr erleichtern: Viele ausgebildete Lehrkräfte, die den Beruf wegen Belastung oder Familienphasen verlassen haben, könnten mit gezielten Rückkehrprogrammen reaktiviert werden. Die Länder-Bildungsministerien bieten teils entsprechende Informationsangebote.
  • Bessere Ausstattung für Schulen in sozialen Brennpunkten: Kleinere Klassen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sowie multiprofessionelle Teams entlasten Lehrkräfte und machen den Beruf nachhaltiger. Förderprogramme laufen teils über den Europäischen Sozialfonds (ESF).
  • Lehrergesundheit systematisch stärken: Betriebliche Gesundheitsförderung, Supervision und reduzierte Verwaltungsbelastung sind nachweislich wirksam gegen Frühpensionierung und Burnout. Anlaufstellen: Unfallkassen der Länder, GEW-Beratungsangebote.
  • Sonderpädagogische Ausbildung gezielt fördern: Sonderpädagogik-Studienplätze müssen massiv ausgebaut werden. Besonders für Förderschul- und Inklusionslehrkräfte fehlt es an Nachwuchs — hier brauchen Länder dringend abgestimmte Hochschulplanung.

Internationaler Blick: Was Deutschland von anderen lernen könnte

Finnland gilt seit Jahrzehnten als Vorbild: Lehrerinnen und Lehrer werden dort aus dem besten Drittel der Abiturienten rekrutiert, das Studium ist hochselektiv und gesellschaftlich hoch angesehen. Die Folge: Berufsabbrüche sind selten, der Beruf ist attraktiv, der Unterricht qualitativ hochwertig. Das lässt sich nicht 1:1 auf Deutschland übertragen — aber die Grundlogik gilt: Wer Lehrer will, muss den Beruf gesellschaftlich aufwerten und fair bezahlen (Quelle: OECD Education at a Glance).

Auch die Niederlande und Portugal haben in den vergangenen Jahren mit Gehaltssteigerungen und Arbeitszeitreduktionen auf Lehrermangel reagiert — mit messbaren Erfolgen bei der Bewerberquote. Deutschland diskutiert ähnliche Maßnahmen, scheitert aber häufig an Haushaltszwängen und föderalen Zuständigkeitsfragen.

Digitalisierung: Keine Wunderlösung, aber ein Baustein

Digitale Lernplattformen, KI-gestützte Lehrmittel und Videokonferenzsysteme werden gelegentlich als Antwort auf den Lehrermangel ins Spiel gebracht. Bildungsforscherinnen und -forscher warnen jedoch vor Übertreibungen: Technologie kann Lehrkräfte unterstützen, nicht ersetzen. Besonders für jüngere Kinder und sozial benachteiligte Gruppen ist persönliche Beziehung zur Lehrperson entscheidend für Lernerfolg. Die Digitalisierung ist ein Baustein — aber keine Lösung des Kernproblems.

Die Debatte um den Lehrermangel in Deutschland ist letztlich eine Debatte

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EinordnungDer Lehrermangel ist kein vorübergehendes Problem, sondern eine strukturelle Krise, die Millionen Schüler im Schulalltag unmittelbar trifft. Für Familien bedeutet dies sinkende Unterrichtsqualität und mehr Belastung, während der Wirtschaftsstandort Deutschland langfristig unter Qualifikationsmängeln leiden könnte.
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Julia Schneider
Gesellschaft & International

Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet.

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