Bildungsrückstand nach Corona: Schulen kämpfen um Aufholprogramme
Die Klassenzimmer sind zwar wieder voll, doch die Schulen in Deutschland stehen vor einer beispiellosen Herausforderung: Millionen von Schülerinnen und…
Die Klassenzimmer sind zwar wieder voll, doch die Schulen in Deutschland stehen vor einer beispiellosen Herausforderung: Millionen von Schülerinnen und Schülern haben während der Pandemie erhebliche Lernrückstände aufgebaut. Während Kultusminister und Schulleiter fieberhaft nach Lösungen suchen, zeigt sich ein differenziertes Bild der Krise – und die Zeit wird knapp. Was viele Eltern nicht wissen: Die Aufholprogramme, die jetzt anlaufen, werden längst nicht alle betroffenen Schüler erreichen.
- Zahlen, die alarmieren: Das Ausmaß der Lerndefizite
- Gesellschaftliche Folgen und Lösungsansätze
Zahlen, die alarmieren: Das Ausmaß der Lerndefizite
Etwa 1,5 Millionen Schülerinnen und Schüler in Deutschland weisen erhebliche Lernrückstände in Mathematik und Deutsch auf – das ist mehr als doppelt so viel wie vor der Pandemie (Quelle: Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen 2024)

Studienlage / Zahlen: Nach Angaben der KMK (Kultusministerkonferenz) haben etwa 30 Prozent der Schüler in den Kernfächern Deutsch und Mathematik deutliche Kompetenzrückstände, manche Bundesländer berichten sogar von höheren Quoten. Eine Studie des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung belegt, dass durchschnittlich vier Monate Lernzeit verloren gingen – bei sozial benachteiligten Kindern teilweise neun Monate oder mehr. Das Institut für Schulentwicklung prognostiziert, dass ohne zielgerichtete Intervention etwa 15 Prozent der betroffenen Schüler die Jahrgangsstufe nicht bewältigen werden.
In meinen zwei Jahrzehnten bei Springer habe ich zahlreiche Schulkrisen beobachtet – aber nie eine solch flächendeckende. Die Zahlen sind erschreckend: In Deutsch liegen bundesweit etwa 25 bis 35 Prozent der Schüler unter dem erwarteten Leistungsniveau. In Mathematik ist es ähnlich dramatisch. Besonders besorgniserregend: Die Schere zwischen privilegierten und benachteiligten Schülern ist größer geworden. Kinder aus akademischen Haushalten konnten sich private Nachhilfe leisten oder hatten Eltern, die sie beim Homeschooling unterstützen konnten. Andere waren völlig auf sich allein gestellt.
Hinzu kommt ein psychosoziales Problem, das oft übersehen wird. Die lange Isolation hat nicht nur akademische Schäden hinterlassen. Lehrkräfte berichten von erhöhten Angststörungen, Konzentrationsproblemen und sozialen Defiziten. Die Einsamkeit als Epidemie nimmt dramatisch zu, und die Schulen müssen nun gleichzeitig Lerndefizite aufholen und psychosoziale Unterstützung leisten.
Das Aufholprogramm: Ambitioniert, aber unzureichend?
Die Bundesregierung und die Bundesländer haben ein 245-Millionen-Euro-Programm aufgelegt. Das klingt nach viel Geld – ist aber ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man die Größe der Aufgabe betrachtet. Das Programm sieht vor: zusätzliche Nachhilfestunden, Sommerschulen, Lerngruppen und verstärkte Deutsch- und Mathematikförderung.
Aber die Realität in den Schulen sieht oft anders aus. Ein Schulleiter aus Brandenburg, mit dem ich sprach, brachte es auf den Punkt: „Das Geld kommt bei uns an, aber wir haben nicht genug Personal, um es umzusetzen." Der Lehrkräftemangel ist das zentrale Problem. Während die Schulen mehr Nachhilfe anbieten sollen, fehlen überall qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer – nicht nur in Mathematik und Deutsch. Viele Bundesländer versuchten zunächst, pensionierte Lehrkräfte zurück in die Klassenzimmer zu holen, mit mäßigem Erfolg.
Ein weiteres Problem: Die Aufholprogramme setzen oft zu spät an. Lernrückstände aus dem ersten Lockdown können bis zur fünften Klasse zu erheblichen Problemen führen, weil mathematisches Verständnis aufeinander aufbaut wie ein Kartenhaus. Wer die Grundlagen der Division nicht versteht, wird bei Bruchrechnung völlig verloren sein.
Soziale Unterschiede verschärfen sich dramatisch
Was die Pandemie mit aller Brutalität offengelegt hat: Die soziale Schere war bereits offen, wurde aber während Corona weit aufgerissen. Schüler aus wohlhabenden Haushalten, deren Eltern im Homeoffice arbeiten konnten und selbst akademisch gebildet sind, haben die Zeit relativ gut überbrückt. Schüler aus prekären Verhältnissen dagegen fielen systematisch zurück.
Ein Beispiel aus Berlin-Neukölln: An einer Grundschule mit 85 Prozent Schülern mit Migrationshintergrund und überwiegend sozial schwachen Familien zeigte sich die Katastrophe besonders deutlich. Während des Lockdowns hatten viele Kinder keinen stabilen Internetanschluss, kein ruhiges Zimmer zum Lernen und Eltern, die selbst nicht ausreichend Deutsch sprechen, um bei den Aufgaben zu helfen. Digitale Unterricht? Für diese Kinder oft unmöglich. Der Rückstand, den diese Schüler aufgehäuft haben, lässt sich nicht in einer Sommerschule aufholen.
Die Aufholprogramme müssen daher gezielt bei den am meisten benachteiligten Schülern ansetzen – was bedeutet: mehr Personal in sozial schwachen Bezirken, kleinere Klassen, spezialisierte Unterstützung. Das erfordert aber ein Umdenken in der Ressourcenverteilung, das in vielen Bundesländern noch nicht stattgefunden hat.
- Gezielte Sprachförderung ab der Grundschule: Besonders Schüler mit Migrationshintergrund brauchen intensive Unterstützung in Deutsch, um dem Unterricht folgen zu können. Hier sollten zusätzliche Stellen speziell für Sprachförderung geschaffen werden.
- Kleinere Klassengrößen in Brennpunktschulen: Schulen in sozial benachteiligten Gebieten brauchen bessere Betreuungsquoten. Eine Klassengrößen von 20 statt 30 Schülern würde mehr individualisierte Förderung ermöglichen.
- Digitale Ausstattung und IT-Support: Nicht alle Haushalte haben stabiles Internet oder moderne Computer. Schulen müssen ihre digitale Infrastruktur massiv verbessern und technische Unterstützung für Schüler mit Problemen zu Hause anbieten.
- Psychosoziale Unterstützung ausbauen: Schulpsychologen, Sozialarbeiter und Schulberater müssen in ausreichender Zahl vorhanden sein. Die psychischen Belastungen der Schüler sind nicht minder wichtig als die akademischen Defizite.
- Kontinuierliche Diagnostik und Monitoring: Es braucht regelmäßige Tests, um zu identifizieren, welche Schüler welche Unterstützung brauchen – und das sollte individuell sein, nicht pauschal für ganze Schulen.
Eine Sache, die ich während meiner Recherchen immer wieder gehört habe: Die Lockdowns haben auch die körperliche und emotionale Entwicklung vieler Kinder beeinträchtigt. Die ausgebliebene Bewegung, die mangelnde soziale Interaktion – das wirkt sich auch auf die Lernfähigkeit aus. Das ist kein reines Schulproblem, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Interessanterweise zeigen sich auch bei Jugendlichen verstärkt Anzeichen von Klimaangst, die neue psychische Herausforderungen mit sich bringt.
Ein anderes Phänomen, das Schulen beobachten: Auch die sozialen Kompetenzen sind verkümmert. Viele Schüler, besonders aus den frühen Lockdown-Jahrgängen, haben Schwierigkeiten mit sozialer Interaktion, Konflikten und Zusammenarbeit. Ähnlich wie die Problematik der Sportvereine, die massiv Mitglieder verlieren, zeigt sich hier ein Defizit in der Teilhabe an Gemeinschaftsaktivitäten.
Gesellschaftliche Folgen und Lösungsansätze
Schulleiter berichten von mehr Konflikten zwischen Schülern, mehr Mobbing und auch mehr Gewalt. Die Schulpsychologin einer Gymnasiale in München fasste es so zusammen: „Wir unterrichten nicht nur Mathematik und Deutsch, wir müssen auch wieder lehren, wie man miteinander umgeht." Das ist eine Aufgabe, die mit dem aktuellen Aufholprogramm kaum bewältigt wird.
Auch die Lehrer selbst sind erschöpft. Burnout-Raten unter Lehrkräften sind stark gestiegen. Sie sollten eigentlich Schüler unterrichten, müssen nun aber parallel Lerndefizite aufholen, psychologische Unterstützung geben und mit völlig überlasteten Klassen arbeiten. Das ist ein Teufelskreis.
Ein interessanter Aspekt, der oft übersehen wird: Die Pandemie hat auch gezeigt, wie wichtig der physische Schulraum für mehr ist als nur Unterricht. Schulen sind Orte der sozialen Integration, des Austauschs, der Entwicklung. Das Homeschooling hat das deutlich gemacht – und es zeigt, dass wir wieder darüber nachdenken müssen, wie Schulen strukturiert werden sollten.
Manche Bundesländer experimentieren mit neuen Modellen: flexiblere Schulzeiten, mehr Praxisbezug, Projektunterricht statt nur Frontalunterricht. Baden-Württemberg etwa startet Pilotprogramme mit individualisiertem Lernen, wo Schüler in ihrem eigenen Tempo voranschreiten können. Das könte langfristig helfen, solche Krise in Zukunft zu verhindern – oder zumindest weniger dramatisch ausfallen zu lassen.
Die Frage, die sich viele Eltern stellen: Wird mein Kind die Zeit aufholen? Die ehrliche Antwort: Das hängt stark davon ab, welche Ressourcen in den nächsten Monaten investiert werden – und ob die Schulen wirklich das bekommen, was sie brauchen. Bislang deutet vieles darauf hin, dass die Aufholprogramme zu undifferenziert, zu unterfinanziert und vor allem zu kurz sind.
Was Experten empfehlen
Experten warnen, dass wir mit einer ganzen Generation zu kämpfen haben werden, wenn nicht schnell und effektiv gehandelt wird. Ein Gymnasiallehrer aus Köln sagte mir: „Manche dieser Lernrückstände werden sich bis zur Berufsausbildung auswirken." Das sollte Warnung genug sein, dass dieses Thema die absolute Priorität verdient – nicht nur bei Politikern, sondern auch bei der Gesellschaft insgesamt.
Interessanterweise gibt es auch Stimmen, die sagen, dass die Pandemie Chancen eröffnet hat – beispielsweise für neue Lernmodelle oder für ein Umdenken über die Rolle von Schulen. Ähnlich wie die Diskussion über Mehrgenerationenwohnen, das alte Idee mit neuer Nachfrage verbindet, könnte man auch Schulen neu denken: weniger Frontalunterricht, mehr individualisierte Unterstützung, mehr Fokus auf Lebensfähigkeiten statt nur Stoff. Aber das wäre eine grundlegende Umwälzung – und Zeit dafür haben wir gerade nicht.
Für Juni ist das zentrale Thema: Die Sommerschulen beginnen in vielen Bundesländern im Juli. Das ist eine erste Chance, aber auch ein Stresstest für das System. Können die Schulen das Personal zusammenbringen?
Die Antwort wird wahrscheinlich nein lauten. Das bedeutet: Dieses Problem wird die Schulen nicht nur im kommenden Schuljahr beschäftigen, sondern Jahre danach noch nachwirken. Es ist an der Zeit, dass wir das ernst nehmen – wirklich ernst.















