Gesellschaft

Klimaangst bei Jugendlichen: Neue Diagnose, neue Therapien

Psychologen über den Umgang mit ökologischem Stress

Von Felix Braun 9 Min. Lesezeit Aktualisiert: 07.05.2026
Klimaangst bei Jugendlichen: Neue Diagnose, neue Therapien
Das Wichtigste in Kürze
  • Die Angst ist real und lähmt immer mehr junge Menschen in Deutschland: Klimaangst.

Fast jeder zweite Jugendliche in Deutschland leidet unter ernsthafter Sorge um die Klimakrise — bei rund 15 Prozent der unter 25-Jährigen hat diese Angst bereits einen klinisch relevanten Ausprägungsgrad erreicht, der den Alltag spürbar einschränkt. Was lange als diffuses Unbehagen abgetan wurde, ist für Psychologen und Psychiater längst ein handfestes Behandlungsthema geworden.

Wenn die Sorge um die Erde krank macht

Die Klimaangst — im Fachjargon auch als „Eco-Anxiety" oder „Climate Distress" bezeichnet — ist keine Modeerscheinung und keine Hypochondrie einer verwöhnten Generation. Sie ist eine psychologische Reaktion auf eine reale, wissenschaftlich belegte Bedrohungslage. Das macht ihre therapeutische Behandlung besonders komplex: Anders als bei einer klassischen Phobie, bei der die Angst unverhältnismäßig oder irrational ist, reagiert das Gehirn hier auf tatsächlich existierende Risiken. Wer Angst vor dem Klimawandel hat, irrt sich nicht über die Existenz der Bedrohung — er leidet unter ihrer Schwere.

Für Therapeutinnen und Therapeuten stellt das eine grundlegende Herausforderung dar: Wie behandelt man eine Angst, die nicht auf einer Fehlannahme beruht? „Wir können unseren Patientinnen und Patienten nicht sagen, dass ihre Sorgen unbegründet sind, denn das wären sie nicht", erklärt die Berliner Psychologin Dr. Meike Frenzel in einem Fachgespräch. „Wir müssen stattdessen daran arbeiten, wie sie mit einer belastenden Realität umgehen können, ohne in Lähmung oder Depression zu versinken."

Studienlage: Laut einer repräsentativen Befragung des Forsa-Instituts geben 47 Prozent der 14- bis 24-Jährigen in Deutschland an, sich „häufig" oder „sehr häufig" Sorgen um die Klimakrise zu machen. Das Allensbach-Institut dokumentierte, dass rund ein Viertel der Jugendlichen die Klimakrise als die größte persönliche Bedrohung ihrer Zukunft betrachtet — noch vor wirtschaftlichen Risiken oder sozialer Ungleichheit. Eine internationale Studie mit über 10.000 Teilnehmenden in zehn Ländern, darunter Deutschland, ergab, dass 59 Prozent der Befragten im Alter von 16 bis 25 Jahren „sehr" oder „extrem" besorgt über den Klimawandel sind. 45 Prozent gaben an, dass ihre Klimasorgen ihr tägliches Leben negativ beeinflussen. Die Bertelsmann Stiftung weist in ihrem Jugendbericht darauf hin, dass psychische Erkrankungen bei Jugendlichen seit Jahren zunehmen und Klimaangst dabei als eigenständiger Belastungsfaktor identifiziert werden muss. Das Statistische Bundesamt verzeichnet einen kontinuierlichen Anstieg ambulanter psychotherapeutischer Behandlungen bei Minderjährigen — ein Trend, den Fachleute auch mit wachsenden Zukunftsängsten in Verbindung bringen.

Eine neue Diagnose — oder ein altes Muster in neuem Gewand?

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In den offiziellen Diagnosemanualen ICD-11 und DSM-5 findet sich der Begriff „Klimaangst" nicht als eigenständige Kategorie. Dennoch wächst in der Fachwelt der Druck, ökologisch bedingten psychischen Stress stärker zu systematisieren. Viele Kliniker ordnen die Symptome derzeit unter Anpassungsstörungen, generalisierte Angststörungen oder depressive Episoden ein — auch wenn das der Spezifik des Phänomens nicht vollständig gerecht wird.

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Der Hamburger Psychiater Prof. Tobias Weißmann, der in einer universitären Ambulanz mit klimaangstbetroffenen Jugendlichen arbeitet, plädiert für eine differenziertere Betrachtung: „Wir sehen ein Spektrum. Auf der einen Seite steht ein gesundes, handlungsmotivierendes Bewusstsein für die Klimakrise. Auf der anderen Seite eine lähmende, exzessive Angst, die Schlaf, Konzentration, soziale Beziehungen und Lebensperspektiven zerstört. Zwischen diesen Polen liegt viel klinisch relevantes Terrain, das wir bisher zu wenig kartiert haben."

Symptome, die Psychologen mit Klimaangst in Verbindung bringen, umfassen wiederkehrende Alpträume über Klimakatastrophen, chronische Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen, sozialer Rückzug, Schuldgefühle beim Konsum — sogenannte „Eco-Guilt" — sowie im schwersten Ausprägungsgrad Suizidgedanken im Zusammenhang mit einer als hoffnungslos erlebten Zukunft. Letzteres verdeutlicht, warum das Thema auch in Zusammenhang mit breiteren gesellschaftlichen Debatten über psychische Gesundheit und gesellschaftliche Schutzverantwortung diskutiert werden muss — etwa dort, wo Gerichte beginnen, strukturelle Gewalt und psychischen Schaden in neuen rechtlichen Kategorien zu fassen, wie beim Urteil eines schottischen Gerichts, das Suizid nach häuslicher Gewalt als Femizid einstufte.

Wie Therapieansätze sich anpassen müssen

Die klassische kognitive Verhaltenstherapie stößt bei Eco-Anxiety an Grenzen, weil sie in ihrer Standardform darauf abzielt, irrationale Gedankenmuster zu korrigieren. Da die Grundlage der Klimaangst jedoch rational ist, müssen Therapeutinnen und Therapeuten neue Wege beschreiten.

Akzeptanz- und Commitmenttherapie als vielversprechender Ansatz

Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) gewinnt im Umgang mit Klimaangst an Bedeutung. Sie zielt nicht darauf ab, belastende Gefühle zu eliminieren, sondern sie anzuerkennen und trotzdem handlungsfähig zu bleiben. Jugendliche lernen, die Trauer und die Angst als Teil einer „solastalgia" — einer Trauer um verlorene oder bedrohte natürliche Heimaten — zu akzeptieren und gleichzeitig Werte zu definieren, nach denen sie handeln wollen.

„Es geht nicht darum, die Angst wegzumachen, sondern darum, ihr nicht die Kontrolle über das Leben zu überlassen", sagt Weißmann. „Viele unserer Patientinnen und Patienten erleben durch ACT eine Art Befreiung: Sie dürfen trauern und trotzdem handeln."

Gruppen- und Naturtherapie als ergänzende Methoden

Ein weiterer Ansatz sind climate-specific group therapy-Formate, in denen Betroffene merken, dass sie mit ihrer Angst nicht allein sind. Das Gefühl der Isolation, das viele Jugendliche im Umgang mit ihrer Klimaangst empfinden — insbesondere wenn Eltern oder Gleichaltrige das Thema herunterspielen — kann durch Gruppenarbeit deutlich reduziert werden. Naturbasierte therapeutische Interventionen, etwa Wald- oder Gartentherapie, zeigen ebenfalls erste positive Befunde, auch wenn die Studienlage noch begrenzt ist.

Besonders relevant erscheint in diesem Kontext, wie digitale Medien die Angst verstärken können. Die ständige Konfrontation mit Katastrophenbildern, Krisenticker und polarisierten Debatten in sozialen Netzwerken gilt als signifikanter Verstärker von Eco-Anxiety — ein Phänomen, das eng mit der umfassender diskutierten Frage nach der Sozialen-Medien-Sucht bei Jugendlichen und deren Konsequenzen zusammenhängt. Therapeutinnen und Therapeuten empfehlen deshalb zunehmend strukturiertes „News-Detox" als Teil eines Behandlungsplans.

Betroffene zwischen Aktivismus und Erschöpfung

Lena, 19 Jahre, aus Freiburg, beschreibt ihre Erfahrung so: „Ich hab in der achten Klasse angefangen, nachts nicht mehr schlafen zu können, weil ich Angst hatte, dass meine Kinder in einer unlebbaren Welt aufwachsen werden. Ich hab dann angefangen zu demonstrieren, weil ich das Gefühl hatte: Wenn ich was tue, ist die Angst ertragbarer. Aber irgendwann wurde auch das zu viel. Ich war burnout vom Klimaaktivismus."

Lenas Erfahrung ist typisch für ein Muster, das Psychologen als „activist burnout" oder „climate fatigue" beschreiben. Besonders unter engagierten Jugendlichen ist die Erschöpfung nach Jahren des Engagements weit verbreitet. Das Erleben von politischer Wirkungslosigkeit — wenn trotz Protesten keine substanzielle politische Antwort kommt — verstärkt Ohnmachtsgefühle und kann depressive Episoden auslösen.

Gleichzeitig zeigen Studien, dass klimapolitisches Engagement grundsätzlich protektiv wirkt: Wer das Gefühl hat, Teil einer Lösung zu sein, leidet weniger unter lähmender Angst als jemand, der passiv bleibt. Der Schlüssel liegt im Gleichgewicht — Engagement als Ressource, nicht als weitere Belastung.

Politische Verantwortung und strukturelle Lücken

Die Politik hat das Thema bisher nur zögerlich aufgegriffen. Zwar werden in einzelnen Bundesländern Pilotprojekte zur psychischen Gesundheitsförderung an Schulen gefördert, eine bundesweite Strategie zum Umgang mit klimabedingten psychischen Belastungen fehlt jedoch. Bundesjugendminister und Gesundheitspolitiker äußern sich zwar wohlwollend, konkrete Mittelzuweisungen für klimaspezifische Therapieangebote oder Präventionsprogramme sind aber bislang kaum zu verzeichnen.

Dabei würden strukturelle Investitionen dringend gebraucht: Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz für Jugendliche betragen in Deutschland im Durchschnitt vier bis sechs Monate — viel zu lang für Betroffene in akuter psychischer Not. Die Bertelsmann Stiftung hat in mehreren Berichten auf die eklatante Unterversorgung im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie hingewiesen und eine Verdopplung der ambulanten Versorgungskapazitäten bis zum Ende des Jahrzehnts gefordert. Das Statistische Bundesamt dokumentiert, dass die Zahl niedergelassener Kinder- und Jugendpsychotherapeuten pro Einwohner in ländlichen Regionen bis zu viermal geringer ist als in städtischen Ballungsräumen.

Dass psychische Gesundheitsthemen gesellschaftlich an Brisanz gewinnen, zeigt sich auch in anderen Debatten. Der Fall des Verdächtigen der Amokfahrt in Leipzig, der in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde, lenkte zuletzt öffentliche Aufmerksamkeit auf die Frage, wann und wie psychische Erkrankungen erkannt, behandelt und gesellschaftlich begleitet werden müssen.

Was Jugendliche, Eltern und Schulen tun können

Fachleute betonen, dass Klimaangst kein individuelles Versagen ist und entsprechend nicht allein auf individueller Ebene bearbeitet werden kann. Dennoch gibt es konkrete Handlungsoptionen für Betroffene und ihr Umfeld:

  • Professionelle Hilfe suchen: Hausärzte können eine Überweisung zu Kinder- und Jugendpsychotherapeuten ausstellen. Die Kassenärztliche Vereinigung bietet auf ihrer Website eine bundesweite Therapeutensuche an. Krisentelefone wie die Telefonseelsorge (0800 111 0 111, kostenlos, 24/7) sind niedrigschwellig erreichbar.
  • Medienkompetenz stärken: Eltern und Schulen sollten Jugendliche dabei unterstützen, bewusster mit Klimanachrichten umzugehen — bewusstes Abschalten, kuratierte Informationsquellen und regelmäßige Pausen von sozialen Netzwerken können Überforderung reduzieren.
  • Kollektive Räume schaffen: Schülerberatungsstellen, Jugendzentren und Schulen können Gesprächskreise zum Thema Klimaangst einrichten. Das Gespräch in der Gruppe reduziert Isolation und normalisiert das Erleben.
  • Handlungsfähigkeit stärken, Perfektionismus abbauen: Therapeuten empfehlen, Jugendliche in kleinen, konkreten Klimahandlungen zu bestärken — und gleichzeitig das Gefühl zu relativieren, allein für die Weltrettung verantwortlich zu sein. Systemisches Denken statt individueller Schuldübernahme.
  • Natur als Ressource nutzen: Regelmäßige Zeit in der Natur — unabhängig von Klimaaktivismus — wirkt nachweislich angstreduzierend und stärkt das emotionale Wohlbefinden. Schulen können naturpädagogische Angebote gezielt ausbauen.
  • Anlaufstellen für Eltern: Die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) bietet Online-Beratung für Eltern, die unsicher sind, wie sie mit dem Thema Klimaangst bei ihren Kindern umgehen sollen.

Ein gesellschaftliches Symptom, das Antworten verlangt

Klimaangst bei Jugendlichen ist kein Randphänomen — sie ist ein gesellschaftlicher Spiegel. Sie zeigt, wie stark eine Generation, die mit wissenschaftlichen Fakten zur Klimakrise aufgewachsen ist, unter dem Gewicht einer Zukunft leidet, die ihr von Erwachsenen hinterlassen wird. Das ist eine politische, pädagogische und therapeutische Herausforderung zugleich.

Es ist kein Zufall, dass Jugendliche in vielen Ländern auf die Straße gehen — auch wenn Protest allein keine therapeutische Lösung ist. Die Energie hinter diesen Bewegungen, wie auch die gesellschaftlichen Spannungen, die entstehen, wenn junge Menschen das Gefühl haben, nicht gehört zu werden, zeigt sich in sehr verschiedenen Kontexten: von lokalen Schulstreiks bis zu internationalen Protestwellen wie jenen, über die wir zuletzt beim Blick auf Tschechien berichtet haben, wo Tausende gegen Medienpläne der Regierung protestierten.

Die Psychologie kann Jugendliche stärken, mit Klimaangst umzugehen. Sie kann aber nicht das ersetzen, was politische Handlungsfähigkeit allein leisten kann: eine glaubwürdige Perspektive auf eine bewohnbare Zukunft. Bis dahin brauchen die Betroffenen beides — gute Therapie und ernst gemeinte Politik. Und eine Gesellschaft, die ihnen zuhört, ohne ihre Angst wegzureden.

Dass psychische Gesundheitsversorgung auch in Krisensituationen unter Druck gerät und gesellschaftliche Vulnerabilität sichtbar macht, zeigen dabei sehr unterschiedliche Ereignisse — etwa wenn, wie zuletzt in Frankreich berichtet, illegale Massenveranstaltungen auf Militärgelände das Bild einer Jugend zeichnen, die Normalität und Eskapismus sucht — auch das eine Reaktion auf kollektiven Stress. Und selbst Themen wie die WHO-Einschätzung zur möglichen Mensch-zu-Mensch-Übertragung des Hantavirus erinnern daran, wie viele Bedrohungsszenarien Jugendliche heute gleichzeitig verarbeiten müssen — Klimakrise, Pandemierisiken, politische Instabilität. Die psychologische Belastung ist kumulativ. Die Antworten müssen es ebenfalls sein.

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Felix Braun
Investigativ & Analyse

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