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Merz beim Katholikentag: Würde meinen Kindern nicht empfehlen, in die USA zu gehen

Kanzler legt mit USA-Kritik nach – Meine Bewunderung wächst gerade nicht

Von Markus Bauer 9 Min. Lesezeit Aktualisiert: 15.05.2026
Merz beim Katholikentag: Würde meinen Kindern nicht empfehlen, in die USA zu gehen
Das Wichtigste in Kürze
  • Bundeskanzler Friedrich Merz verschärft seine Kritik an den USA
  • Beim Katholikentag in Würzburg sagte er, er würde seinen Kindern heute nicht empfehlen, in die USA zu gehen

„Ich würde meinen Kindern derzeit nicht empfehlen, in die USA zu gehen" – mit diesen Worten überraschte Bundeskanzler Friedrich Merz beim Deutschen Katholikentag in Würzburg ein breites Publikum und legte damit seine bislang deutlichste öffentliche Distanzierung von der amerikanischen Innenpolitik unter Präsident Donald Trump vor. Die Bewunderung für die Vereinigten Staaten, so Merz weiter, wachse bei ihm „gerade nicht".

Der Auftritt des Kanzlers beim größten deutschen Laientreffen der katholischen Kirche geriet damit zu weit mehr als einem Pflichttermin für fromme Sonntagsreden. Merz nutzte das Podium bewusst, um außenpolitische Akzente zu setzen – und machte dabei deutlich, dass das transatlantische Verhältnis, das er selbst jahrelang als Herzstück konservativer Außenpolitik propagiert hatte, einer ernsthaften Belastungsprobe standhält. Oder eben nicht.

▶ Auf einen Blick
  • Bundeskanzler Merz distanziert sich beim Katholikentag deutlich von Trumps Innenpolitik.
  • Er würde seinen Kindern derzeit nicht empfehlen, in die USA zu gehen oder dort zu studieren.
  • Merz kritisiert fehlende demokratische Normen und den Umgang mit Einwanderern in Amerika.

Ein Kanzler redet Klartext – in einer Kirche

Der Katholikentag in Würzburg, der unter dem Motto „Zukunft hat der Mensch des Friedens" stand, zog zehntausende Gläubige und Interessierte aus dem ganzen Land an. Dass Merz dort nicht nur über soziale Gerechtigkeit oder den Schutz der Familie sprach, sondern Amerika ins Visier nahm, war von Beobachtern so nicht erwartet worden. Der Kanzler war sichtlich vorbereitet – und entschieden.

„Was dort gerade politisch passiert, macht mir Sorgen", sagte Merz laut Teilnehmerberichten sinngemäß. Die Gleichgültigkeit gegenüber demokratischen Normen, das Aushöhlen von Institutionen, der Umgang der Trump-Administration mit Einwanderern und Minderheiten – all das sei nicht vereinbar mit den Werten, für die Europa und Deutschland stünden. Auf direkte Nachfrage aus dem Publikum ergänzte er, dass er seinen eigenen Kindern derzeit davon abraten würde, in die USA zu reisen oder dort zu studieren.

Kein spontaner Ausrutscher, sondern politisches Kalkül

Wer Merz kennt, weiß: spontane Entgleisungen sind nicht sein Stil. Die Aussage beim Katholikentag war kalkuliert. Sie fügt sich ein in eine schrittweise Neujustierung seiner transatlantischen Rhetorik seit Trumps Amtsantritt. Noch vor wenigen Monaten hatte Merz betont, man müsse mit der amerikanischen Regierung pragmatisch zusammenarbeiten – nun legt er öffentlich nach. Der Wandel ist bemerkenswert für einen Politiker, der seine frühen politischen Jahre unter anderem dem transatlantischen Dialog gewidmet hatte.

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Politische Beobachter in Berlin werten den Auftritt als Signal: Merz versucht, sich innenpolitisch als entschiedener Demokratieverteidiger zu positionieren – und außenpolitisch Profil gegenüber einem Amerika zu gewinnen, das sich unter Trump von traditionellen Bündnisverpflichtungen entfernt hat. Für das Verhältnis zu Trump trifft Xi, Starmer wankt, Merz beim Katholikentag: Ein Freitag in drei Akten liefert der Donnerstag in Würzburg einen weiteren Mosaikstein.

Die transatlantische Wende des Friedrich Merz

Merz war jahrzehntelang als glühender Transatlantiker bekannt. Als Vorsitzender der Atlantik-Brücke, einem einflussreichen deutsch-amerikanischen Netzwerk, pflegte er intensive Kontakte in die USA. Seine wirtschaftsliberale Grundüberzeugung wurzelte auch in einer tiefen Bewunderung für das amerikanische Modell – Eigenverantwortung, Unternehmertum, eine Gesellschaft, die Leistung belohnt. Dass er nun öffentlich sagt, seine Bewunderung wachse „gerade nicht", markiert eine Zäsur.

Diese Zäsur ist allerdings keine vollständige Abkehr. Merz betonte in Würzburg auch, dass die transatlantische Partnerschaft strategisch unverzichtbar bleibe – für die Sicherheitsarchitektur Europas, für wirtschaftliche Verflechtungen, für das Nato-Bündnis. Die Kritik richtet sich gegen die Trump-Administration, nicht gegen Amerika als solches. Eine Differenzierung, die in der politischen Debatte oft untergeht, aber in der Diplomatie entscheidend ist.

Europas neue Rolle – und Merz als ihr Anwalt

Die Aussagen beim Katholikentag passen zu einer breiteren außenpolitischen Linie, die Merz seit Amtsantritt entwickelt: Europa müsse mehr eigene Verantwortung übernehmen, mehr in seine Verteidigung investieren, mehr mit einer Stimme sprechen. Frankreich, Polen, die baltischen Staaten – Merz sucht Verbündete für ein selbstbewussteres Europa. Die Kritik an Washington ist in diesem Kontext auch eine Einladung zur innereuropäischen Geschlossenheit.

Dabei beobachtet Merz aufmerksam, wie Großbritannien unter Premierminister Keir Starmer mit dem Dilemma umgeht, gleichzeitig enge Beziehungen zu Washington und Brüssel zu pflegen. Angesichts der dortigen innenpolitischen Turbulenzen stellt sich die Frage, ob die Krise in Großbritannien auch den deutschen Kurs in der Außenpolitik beeinflusst.

Reaktionen aus den Parteien: Zustimmung, Skepsis und Polemik

Die Äußerungen des Kanzlers lösten innerhalb weniger Stunden ein breites Reaktionsecho aus. Während die Koalitionspartner der SPD die Worte grundsätzlich begrüßten, war aus den eigenen Reihen nicht nur Applaus zu hören.

Fraktionspositionen: CDU/CSU – Merz' Aussagen werden von der Fraktionsführung als konsequente Positionierung im Interesse Europas verteidigt; intern gibt es vereinzelte Stimmen, die eine stärkere Zurückhaltung gegenüber Washington für sinnvoller halten. SPD – Fraktionsvorsitzender Rolf Mützenich bezeichnete die Aussagen als „längst überfällig" und lobte Merz für seine Klarheit; die SPD sieht sich in ihrer langjährigen Trump-Kritik bestätigt. Grüne – Begrüßen die Distanzierung ausdrücklich, kritisieren jedoch gleichzeitig, dass Merz in anderen Fragen – etwa beim Klimaschutz nach einem Jahr Merz – amerikanischen Positionen zu nahestehe. AfD – Bezeichnet Merz' Aussagen als „antiamerikanische Hetze" und wirft dem Kanzler vor, das wichtigste Bündnis Deutschlands zu beschädigen; AfD-Vertreter hatten sich wiederholt positiv über Trumps Politik geäußert.

Besonders aufmerksam wird in der Union beobachtet, wie Merz' Aussagen innerhalb der Fraktion ankommen. Nach den jüngsten internen Reibereien rund um Jens Spahn, der sich trotz Kritik an der Fraktionsspitze behauptet, ist die CDU/CSU-Fraktion sensibel für öffentliche Alleingänge des Kanzlers. Dass Merz in Würzburg ohne vorherige Abstimmung mit dem Fraktionsvorstand so deutlich wurde, soll intern für Gesprächsstoff gesorgt haben.

SPD sieht sich bestätigt – und nutzt die Gunst der Stunde

Für die SPD ist Merz' Amerika-Kritik ein willkommenes Geschenk. Seit Jahren warnt die Sozialdemokratie vor einer unkritischen Anlehnung an Washington – und musste dabei stets gegen den Vorwurf des Antiamerikanismus ankämpfen. Dass nun der konservative Kanzler ähnliche Töne anschlägt, gibt der SPD rhetorischen Rückenwind, ohne dass sie selbst aktiv werden müsste. Koalitionsintern hat dies allerdings wenig verändert: Die Spannungen in der Großen Koalition bestehen in anderen Politikfeldern fort.

Historische Einordnung: Wenn deutsche Kanzler Amerika kritisieren

Es ist nicht das erste Mal, dass ein deutscher Regierungschef öffentlich auf Distanz zu Washington geht. Gerhard Schröder machte seine Karriere auch als scharfer Kritiker des Irakkriegs und trat damit frontal gegen die Bush-Regierung an. Helmut Schmidt pflegte ein spannungsreiches Verhältnis zu Ronald Reagan, als es um die Nachrüstungsdebatte ging. Angela Merkel wählte stets die geduldige, aber bestimmte Sprache der Zurückhaltung – berühmt ihr Satz, Europa müsse sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen.

Merz reiht sich in diese Tradition ein – und überschreitet sie doch in gewissem Maße. Schröder kritisierte eine konkrete Kriegsentscheidung. Merz kritisiert ein System, eine Regierungshaltung, eine gesellschaftliche Entwicklung. Das ist von anderem Gewicht. Und es fällt einem Mann auf, der sich selbst lange als Brückenbauer zwischen den Kulturen des Westens verstanden hat.

Das Verfassungsverständnis im Hintergrund

Implizit schwingt in Merz' Kritik auch eine verfassungsrechtliche Dimension mit: Er spricht von der Erosion demokratischer Normen, von Institutionen, die ausgehöhlt werden. Das Bundesverfassungsgericht hat in mehreren Grundsatzurteilen die Bedeutung demokratischer Grundstrukturen und der Gewaltenteilung betont – Prinzipien, die Merz in den USA als gefährdet ansieht. Ob sich diese Einschätzung mit der Sichtweise des Auswärtigen Amts und der diplomatischen Praxis deckt, ist eine andere Frage.

Frühjahr, Amtsantritt
Friedrich Merz wird Bundeskanzler. Im ersten Telefonat mit Trump betont er die Bedeutung der transatlantischen Partnerschaft und kündigt eine enge Zusammenarbeit an.
Frühjahr, Folgemonate
Erste Spannungen: Die Trump-Administration erhebt Strafzölle auf europäische Waren. Merz reagiert mit gemäßigter Kritik, betont aber weiterhin den Dialog.
Frühsommer, Vorfeld Katholikentag
Merz intensiviert Gespräche mit europäischen Partnern über eine abgestimmte Antwort auf US-Handelspolitik und sicherheitspolitische Neuausrichtung der NATO.
Katholikentag Würzburg
Merz erklärt öffentlich, er würde seinen Kindern derzeit nicht empfehlen, in die USA zu gehen. „Meine Bewunderung wächst gerade nicht." Stärkste öffentliche Distanzierung von der Trump-Administration.
Reaktionen, Folgetag
Breites Medienecho, parteiübergreifende Debatte. Koalitionspartner SPD begrüßt Aussagen. AfD spricht von „antiamerikanischer Hetze". Intern CDU/CSU-Fraktion diskutiert Koordination künftiger außenpolitischer Aussagen.

Was steht wirklich auf dem Spiel – außenpolitisch und innenpolitisch

Merz' Worte in Würzburg haben eine doppelte Wirkung: außenpolitisch sind sie eine Botschaft an Washington, aber auch an Brüssel, Paris und Warschau. Deutschland ist bereit, Europa zu führen – und bereit, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Innenpolitisch sind sie ein Balanceakt: Der Kanzler will Profil zeigen, ohne die außenpolitische Handlungsfähigkeit zu beschädigen.

Denn die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Deutschland und den USA sind enorm. Zehntausende Arbeitsplätze hängen an amerikanischen Investitionen, deutschen Exporten, transatlantischen Lieferketten. Jede außenpolitische Aussage des Kanzlers wird deshalb auch in den Vorstandsetagen großer Konzerne genau gelesen. Dass Merz, selbst ein Mann der Wirtschaft, diese Spannungslage kennt, versteht sich von selbst.

Fraktion Sitze (aktuell) Position zu Merz' USA-Kritik Koalitionsstatus
CDU/CSU 208 Überwiegend zustimmend, intern vereinzelt kritisch Führender Koalitionspartner
SPD 120 Ausdrücklich zustimmend Koalitionspartner
Grüne 85 Zustimmend mit Einschränkungen Opposition
AfD 152 Scharf ablehnend Opposition
BSW 15 Differenziert, teils zustimmend Opposition
FDP 0 Nicht im Bundestag (unter 5 % bei der Bundestagswahl 2025) Außerparlamentarisch

Der innenpolitische Kontext: Demokratiemüdigkeit als Hintergrundfolie

Merz' Aussagen fallen in eine Zeit, in der das Vertrauen in demokratische Institutionen auch in Deutschland unter Druck steht. Die Demokratiemüdigkeit und sinkende Wahlbeteiligung sind Symptome einer tiefer liegenden Entfremdung zwischen Politik und Gesellschaft. Wenn der Kanzler Amerika als warnendes Beispiel nennt, spricht er damit auch eine innenpolitische Botschaft aus: Es kann auch hierzulande schneller gehen, als man denkt. Die Mahnung ist implizit – aber sie ist da.

Gleichzeitig steht Merz vor der Herausforderung, innenpolitisch liefern zu müssen. Kontroverse Gesetzesvorhaben wie das Gebäudemodernisierungsgesetz, das für erhebliche Kontroversen sorgt, belasten die Regierung. Eine außenpolitische Profilierungsoffensive kann innenpolitische Schwächen nur begrenzt überdecken.

Fazit: Ein Moment mit Gewicht

Der Auftritt beim Deutschen Katholikentag wird als einer der bemerkenswerteren außenpolitischen Momente der frühen Kanzlerschaft von Friedrich Merz in die Geschichte eingehen. Nicht wegen seiner Schärfe – die ist für Berliner Verhältnisse durchaus gemäßigt. Sondern wegen des Kontexts: Ein Mann, der Amerika liebte, sagt, seine Bewunderung wächst gerade nicht. Das ist kein Wutausbruch. Das ist ein Urteil.

Ob Washington dieses Urteil zur Kenntnis nimmt, ob es das Verhältnis dauerhaft belastet oder ob es Teil eines diplomatischen Druckmittels bleibt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Merz hat die Karte gespielt. Nun liegt der Ball im Weißen Haus.

EinordnungDie Aussage des Kanzlers signalisiert eine Verschärfung der deutsch-amerikanischen Spannungen unter Trump. Sie könnte die außenpolitische Ausrichtung Deutschlands neu justieren und die transatlantischen Beziehungen grundlegend verändern.
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