Spitzensteuersatz auf 53 Prozent? Die Linke fordert Steuererhöhung als Gegenfinanzierung
Doris Achelwilm (Die Linke) verlangt den Spitzensteuersatz auf 53 Prozent ab 85.000 Euro – und einen Reichensteuersatz von 60 Prozent. Hintergrund ist der sinkende Netto-Anteil vom Brutto für Deutsche.
Die steuerpolitische Sprecherin der Linken, Doris Achelwilm, hat eine drastische Anhebung des Spitzensteuersatzes gefordert. „Zur Gegenfinanzierung muss der Spitzensteuersatz ab einer erhöhten Schwelle von 85.000 Euro wieder auf 53 Prozent angehoben werden, der Reichensteuersatz auf 60 Prozent", erklärte Achelwilm gegenüber WELT. Die Forderung kommt zu einem Zeitpunkt, da der Netto-Anteil vom Brutto für Deutsche spürbar sinkt – besonders Alleinstehende sind betroffen.
Was die Linke konkret fordert
Das Linke-Konzept sieht zwei neue Steuerstufen vor: Der Spitzensteuersatz soll von aktuell 42 Prozent auf 53 Prozent steigen – aber erst ab einem zu versteuernden Einkommen von 85.000 Euro jährlich. Für Einkommensanteile oberhalb von 250.000 Euro soll ein neuer Reichensteuersatz von 60 Prozent gelten. Aktuell liegt dieser Satz bei 45 Prozent (sogenannte Reichensteuer, eingeführt 2007).
Für die Linke ist das die Antwort auf eine zentrale Frage: Wer zahlt für höhere Staatsausgaben? Angesichts einer Steuerschätzung, die 17,8 Milliarden Euro weniger Einnahmen ausweist, wird die Debatte über Gegenfinanzierung dringlicher. Während CDU-Haushaltsexperte Jens Spahn auf einen pauschalen Subventionsabbau von fünf Prozent setzt, will die Linke die Mehreinnahmen über Steuererhöhungen erzielen.
Spitzensteuersatz in Deutschland – Zahlen und Fakten
- Aktuell (2026): 42 % – greift ab ca. 68.000 Euro zu versteuerndem Einkommen (wird jährlich angepasst)
- Reichensteuersatz (aktuell): 45 % ab ca. 278.000 Euro (Grenze ebenfalls indexiert)
- Linke fordert: 53 % ab 85.000 Euro / 60 % ab 250.000 Euro
- Solidaritätszuschlag: Seit 2021 für rund 90 % der Steuerzahler abgeschafft – für Spitzenverdiener bleibt er anteilig erhalten
- Alleinstehende: Laut WELT-Analyse am stärksten vom sinkenden Netto-Anteil betroffen, da kein Ehegattensplitting
Historischer Kontext: Deutschland hatte schon höhere Steuersätze
Die Linke-Forderung klingt radikal – ist historisch aber gar nicht so weit von der deutschen Realität entfernt. Bis 1988 betrug der Spitzensteuersatz in der Bundesrepublik 56 Prozent, Anfang der 1990er-Jahre noch 53 Prozent. Die schrittweise Absenkung auf die heutigen 42 Prozent erfolgte unter Gerhard Schröder im Rahmen der Steuerreform 2000 (Steuersenkungsgesetz): Der Satz fiel in mehreren Stufen von 51 Prozent (2000) über 48,5 Prozent (2001), 47 Prozent (2003) bis auf 42 Prozent (2005). Ziel damals: den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken.
Dass die Grünen bereits eine neue Steuerstufe ab 80.000 Euro fordern, zeigt: Der Druck auf höhere Einkommenssteuern kommt nicht nur von der Linken. Der Unterschied liegt in der Intensität – die Grünen wollen einen moderaten Aufschlag, die Linke will den Satz um rund elf Prozentpunkte anheben.
Entwicklung des deutschen Spitzensteuersatzes
Spitzensteuersatz: 56 Prozent. Deutschland im oberen Mittelfeld der westlichen Industrieländer.
Nach der Wiedervereinigung gilt 53 Prozent – dazu kommt der Solidaritätszuschlag von bis zu 7,5 Prozent.
Steuerreform unter Gerhard Schröder: Satz sinkt stufenweise von 51 auf 42 Prozent. Ziel: Standortattraktivität.
Einführung der Reichensteuer: 45 Prozent ab sehr hohen Einkommen als politischer Kompromiss in der Großen Koalition.
Solidaritätszuschlag fällt für ~90 % der Steuerzahler weg. Für Spitzenverdiener bleibt er anteilig bestehen.
Die Linke fordert Rückkehr zu 53 Prozent (ab 85.000 Euro) und einen Reichensteuersatz von 60 Prozent als Gegenfinanzierung.
Spahn setzt auf Subventionsabbau – nicht auf Steuererhöhungen
CDU-Haushaltsexperte Jens Spahn verfolgt einen grundlegend anderen Ansatz: Er will die Staatsfinanzen über einen pauschalen Subventionsabbau sanieren – fünf Prozent auf alle Subventionsleistungen, konsequent und ohne politische Ausnahmen. Das Spahn-Modell kommt ohne Steuererhöhungen aus, trifft dafür Agrarsubventionen, Wohnungsbauförderung und Energiebeihilfen.
Die SPD, Koalitionspartner der CDU in der Merz-Regierung, steht zwischen beiden Polen. Die Haushaltsdebatte könnte die Koalition zerreißen: Die SPD will soziale Leistungen erhalten, die CDU lehnt Steuererhöhungen ab. Die Steuerreform-Verhandlungen zwischen Union und SPD sind noch offen.
Warum das Netto vom Brutto sinkt
Der Hintergrund der Debatte ist konkret: Für viele Deutsche sinkt das Nettoeinkommen im Verhältnis zum Brutto. Ursachen sind steigende Sozialversicherungsbeiträge (Kranken-, Pflege-, Rentenversicherung), die kalte Progression im Steuersystem – Lohnerhöhungen landen durch die Progression anteilig beim Staat statt beim Arbeitnehmer – sowie höhere Ausgaben für Energie und Wohnen. Besonders Alleinstehende ohne steuerlichen Splitting-Vorteil verlieren überproportional.
Die Linke nutzt diese Entwicklung als Argument: Wenn das Netto der Masse sinkt, müssen die oberen Einkommensgruppen stärker zur Kasse gebeten werden. Kritiker halten dagegen, dass ein Spitzensteuersatz von 53 Prozent Fachkräfte und Selbstständige abschrecken könnte – ein Argument, das schon 2000 die Steuerreformdebatte dominierte.
| Partei | Spitzensteuersatz-Forderung | Gegenfinanzierung | Status 2026 |
|---|---|---|---|
| Die Linke | 53 % ab 85.000 € / 60 % ab 250.000 € | Steuererhöhungen für Gutverdienende | Opposition (nach BSW-Spaltung geschwächt) |
| Grüne | Neue moderate Stufe ab 80.000 € | Steueraufschlag für hohe Einkommen | Opposition |
| SPD | Keine explizite Erhöhung, aber offen | Teils Steuer, teils Einsparungen | Koalition (mit CDU) |
| CDU (Spahn) | Keine Erhöhung – Status quo | Pauschaler Subventionsabbau 5 % | Koalition (Merz-Regierung) |
| AfD | Senkung des Steuersatzes | Staatliche Ausgabenkürzungen | Opposition (stärkste Oppositionsfraktion) |
Die Linke nach der BSW-Spaltung: schwächer, aber laut
Ein entscheidender Kontext: Die Linke ist seit der Abspaltung von Sahra Wagenknecht und dem BSW-Gründung 2024 massiv geschwächt. Der Verbleib im Bundestag hängt am Quorum – die Partei ist weit von ihren früheren Stärken entfernt. Als Oppositionspartei ohne Regierungsverantwortung hat sie wenig Durchsetzungskraft, kann aber die öffentliche Debatte mitprägen.
Genau das passiert gerade: Die 53-Prozent-Forderung der Linken setzt einen Referenzpunkt, auf dessen Hintergrund die SPD-Positionen (moderate Steuererhöhungen) vergleichsweise gemäßigt wirken – ein klassischer Mechanismus in der Steuerpolitik. Ob die Koalition aus CDU und SPD in dieser Legislaturperiode das Steuersystem tatsächlich anfasst, bleibt offen.













