CureVac-Gründer wirft BioNTech Täuschung bei Übernahme vor
Nach der Akquisition kündigt BioNTech die Schließung von CureVac-Standorten an – der Gründer spricht von unlauteren Praktiken.
Die geplante Übernahme von CureVac durch BioNTech entwickelt sich zu einer der kontroversesten Transaktionen in der deutschen Biotechnologie-Branche. Während BioNTech die Akquisition des Tübinger Unternehmens als strategische Stärkung seiner mRNA-Kompetenz präsentierte, erhebt Gründer Ingmar Hoerr nun schwerwiegende Vorwürfe gegen den Mainzer Konzern. Der Kern der Anschuldigungen: BioNTech habe Zusagen zum Erhalt von Arbeitsplätzen und Standorten gemacht, diese jedoch kurz nach Abschluss der Transaktion gebrochen und Schließungen angekündigt.
- Wie CureVac in die Krise geriet
- Hoerrs Vorwürfe: Systematische Täuschung oder kalkuliertes Schweigen?
- Wer profitiert – wer verliert?
- Regulatorische und politische Dimension

Was zunächst als Rettungsmanöver für das finanziell angeschlagene CureVac wirken sollte, gerät zunehmend zum Lehrbuchbeispiel für die Risiken von Unternehmensübernahmen unter wirtschaftlichem Druck – und für die Frage, wie verbindlich mündliche oder informelle Zusagen in M&A-Prozessen tatsächlich sind.
Wie CureVac in die Krise geriet
CureVac galt lange als einer der vielversprechendsten Vertreter der deutschen Biotechnologie. Das 2000 in Tübingen gegründete Unternehmen gehörte zu den Pionieren der mRNA-Technologie und positionierte sich früh als ernsthafter Wettbewerber zu BioNTech und dem US-amerikanischen Rivalen Moderna. Der Börsengang an der Nasdaq im August 2020 brachte dem Unternehmen zunächst eine Marktbewertung von mehreren Milliarden Euro ein – getragen von der Hoffnung auf einen wirksamen mRNA-Impfstoff gegen COVID-19.
Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Der CureVac-Impfstoffkandidat CVnCoV zeigte in der entscheidenden Phase-2b/3-Studie im Jahr 2021 lediglich eine Wirksamkeit von rund 48 Prozent – deutlich unter den Ergebnissen der Konkurrenz und unterhalb der von der WHO definierten Mindestgrenze von 50 Prozent für eine Notfallzulassung. Das Programm wurde eingestellt. Alternative Umsatzquellen konnten den Einbruch nicht kompensieren. Der Aktienkurs kollabierte, Investoren zogen sich zurück, und das Management sah sich gezwungen, die strategische Neuausrichtung zu suchen.
In dieser Gemengelage präsentierte sich BioNTech als potenzieller weißer Ritter. Für die Aktionäre und Gründer von CureVac bedeutete eine Übernahme durch den global etablierten Mainzer Konzern zumindest einen geordneten Exit – wenngleich zu einer Bewertung weit unter dem einstigen Börsenhoch. Für BioNTech wiederum bot die Transaktion die Möglichkeit, mRNA-Technologiekompetenzen zu bündeln, Redundanzen zu eliminieren und die eigene Plattform zu konsolidieren.
Konjunkturindikator: Der ifo-Geschäftsklimaindex für die pharmazeutische und biotechnologische Industrie signalisiert seit dem zweiten Quartal 2024 eine zunehmende Konsolidierungsbereitschaft unter deutschen Life-Sciences-Unternehmen. Steigende Kapitalkosten und rückläufige Risikokapitalzuflüsse erhöhen den Druck auf Biotech-Firmen der zweiten Reihe, strategische Partner zu suchen oder sich zu verkaufen. Das ifo Institut warnt dabei explizit vor dem Risiko, dass Übernahmen in solchen Drucksituationen zu Lasten von Beschäftigung und Standorten gehen können, wenn Integrationspläne primär auf Kosteneinsparung ausgelegt sind.
| Unternehmen | Mitarbeiter (vor Übernahme) | Umsatz letzte Periode (Mio. €) | Marktkapitalisierung Peak (Mio. €) | Status aktuell |
|---|---|---|---|---|
| CureVac | ca. 850 | ca. 30 | ca. 10.000 | Übernahme durch BioNTech; Standortschließungen angekündigt |
| BioNTech | ca. 4.200 | ca. 3.820 (2023) | ca. 55.000 | Akquisition läuft; Konsolidierung der mRNA-Plattform |
| Moderna | ca. 2.800 | ca. 6.700 (2023) | ca. 45.000 | Unabhängig; direkter Wettbewerber |
Hinweis zur Tabelle: Die BioNTech-Umsatzzahlen für 2023 reflektieren den deutlichen Rückgang nach dem pandemiebedingten Rekordjahr 2021 (ca. 18,9 Mrd. €). Für die vergleichende Einordnung sind aktuelle Werte aussagekräftiger als historische Spitzenwerte. CureVac-Umsatz und Mitarbeiterzahlen beruhen auf öffentlich zugänglichen Unternehmensberichten und sollten vor Publikation gegen aktuelle Quellen verifiziert werden.
Hoerrs Vorwürfe: Systematische Täuschung oder kalkuliertes Schweigen?
Ingmar Hoerr, einer der Mitgründer von CureVac und als Pionier der mRNA-Technologie in Deutschland bekannt, erhebt konkrete Vorwürfe: BioNTech habe im Vorfeld der Übernahme Zusagen gemacht – oder zumindest Erwartungen geweckt –, die den Erhalt des Tübinger Standorts und der dort beschäftigten Mitarbeiter betrafen. Kurz nach Vollzug der Transaktion seien jedoch Schließungspläne kommuniziert worden, die diesen Zusagen direkt widersprechen.
Juristisch ist die Lage komplex. Entscheidend ist, ob entsprechende Zusagen schriftlich fixiert und damit rechtsverbindlich sind – oder ob es sich um informelle Gesprächsinhalte handelt, die im Nachhinein nur schwer beweisbar sind. Branchenkenner verweisen darauf, dass gerade in M&A-Prozessen unter Zeitdruck häufig Formulierungen gewählt werden, die Spielraum lassen. Begriffe wie „Beibehaltung des Standorts wo möglich" oder „Beschäftigungssicherung im Rahmen der Integration" sind rechtlich kaum einklagbar.
Für die M&A-Praxis in der Biotechnologie hätte ein Erfolg von Hoerrs Vorwürfen weitreichende Konsequenzen. Gründer und Anteilseigner in vergleichbaren Situationen würden künftig deutlich mehr auf verbindliche vertragliche Zusagen drängen – was Übernahmeprozesse verlängern und verteuern könnte.
Wer profitiert – wer verliert?
Die Analyse der Interessenlagen zeigt ein klares Bild. BioNTech profitiert kurz- bis mittelfristig von der Konsolidierung: Das Unternehmen übernimmt wertvolle Patente, Technologieplattformen und wissenschaftliches Know-how zu einem Preis, der angesichts der finanziellen Schwäche von CureVac deutlich unter dem strategischen Wert dieser Assets liegen dürfte. Redundante Strukturen werden abgebaut, Fixkosten sinken.
Zu den Verlierern zählen in erster Linie die Beschäftigten am Standort Tübingen, sofern die angekündigten Schließungen umgesetzt werden. Darüber hinaus erleiden die ursprünglichen Gründer einen Reputationsverlust – nicht im finanziellen, wohl aber im ideellen Sinne: Das Lebenswerk, das mit CureVac verbunden ist, wird de facto in eine Konzernstruktur aufgelöst. Auch der Biotechnologie-Standort Baden-Württemberg verliert potenziell einen eigenständigen Akteur mit Strahlkraft für Talente und Folgeinvestitionen.
Auf Sektorebene betrifft der Fall die gesamte deutsche mRNA-Technologiebranche. Wenn Übernahmen unter Druck regelmäßig zu Standortauflösungen führen, sinkt die Attraktivität des Standorts Deutschland für Risikokapital im Bereich Life Sciences – ein Effekt, den das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in seiner Analyse zur Innovationsfinanzierung in Deutschland bereits als strukturelles Risiko identifiziert hat.
Regulatorische und politische Dimension
Der Fall hat auch eine politische Komponente. CureVac erhielt in seiner Wachstumsphase erhebliche öffentliche Fördermittel – unter anderem im Rahmen der staatlichen Bemühungen, die mRNA-Impfstoffentwicklung in Deutschland voranzutreiben. Wenn das Ergebnis dieser Förderung letztlich darin besteht, dass die Technologieplattform in einen privaten Konzern übergeht und der geförderte Standort geschlossen wird, stellt sich die Frage nach der Effektivität solcher Investitionen.
Die Bundesbank weist in ihren Analysen zur Unternehmensfinanzierung darauf hin, dass staatlich mitfinanzierte Unternehmen in Konsolidierungsprozessen besonderen Schutzmechanismen bedürfen, um sicherzustellen, dass öffentliche Investitionen nicht ohne Gegenleistung in private Bilanzen übergehen. Ob solche Mechanismen im Fall CureVac greifen, ist derzeit unklar.
Auch die Biotechnologie-Förderpolitik in Deutschland dürfte nach diesem Fall auf den Prüfstand kommen. Bundesministerien und Landesregierungen werden künftig stärker darauf achten müssen, dass Förderverträge Klauseln zum Standort- und Beschäftigungserhalt enthalten – gerade wenn Übernahmen durch Dritte möglich sind.
Einordnung: Strukturelles Problem, kein Einzelfall
Der Konflikt zwischen Hoerr und BioNTech ist kein isoliertes Ereignis. Er spiegelt ein strukturelles Spannungsfeld wider, das die gesamte europäische Biotech-Branche betrifft: Kleine und mittelgroße Unternehmen entwickeln Technologien mit öffentlicher und privater Unterstützung – und geraten früher oder später in Übernahmesituationen, in denen die Verhandlungsmacht einseitig verteilt ist.
Laut Statista wurden allein im Jahr 2023 europaweit mehr als 120 Biotechnologie-Unternehmen übernommen oder fusioniert. In der Mehrzahl dieser Fälle waren die übernommenen Unternehmen in finanziellen Schwierigkeiten und hatten wenig Verhandlungsspielraum. Die Muster ähneln sich: Der Käufer kommuniziert Wachstumsambitionen und Beschäftigungssicherung, um regulatorische und öffentliche Widerstände zu minimieren – und liefert nach Abschluss der Transaktion einen Integrationsplan, der primär auf Kostensenkung ausgelegt ist.
Ob Hoerrs Vorwürfe vor Gericht standhalten, bleibt abzuwarten. Unabhängig vom Ausgang des möglichen Rechtsstreits hat der Fall bereits jetzt eine wichtige Funktion: Er macht die informellen Mechanismen von Unternehmensübernahmen öffentlich sichtbar – und erhöht den Druck auf alle Beteiligten, künftig transparenter und verbindlicher zu agieren. Für die Beschäftigungssicherung bei Biotech-Übernahmen in Deutschland könnte dieser Fall ein Wendepunkt sein.
- Statistisches Bundesamt — destatis.de
- Deutsche Bundesbank — bundesbank.de
- Handelsblatt — handelsblatt.com






















