Klima

LAUSITZ IM WANDEL: EUROPAS GRÖSSTE KÜNSTLICHE SEENLANDSCHAFT ERÖFFNET

Wo einst Braunkohle abgebaut wurde, entsteht jetzt ein riesiges Naherholungsgebiet.

Von Andreas Koch 8 Min. Lesezeit
Das Wichtigste in Kürze
  • In der Lausitz wurde eine künstliche Seenlandschaft eröffnet, die als die größte Europas gilt
  • Fünf Seen prägen nun das Bild einer Region, die jahrzehntelang vom Braunkohletagebau geprägt war
  • Der Strukturwandel macht damit einen symbolischen Schritt von der fossilen Vergangenheit in eine nachhaltigere Zukunft

Rund 13.000 Hektar Wasserfläche, mehr als 30 miteinander verbundene Seen und Jahrzehnte des Strukturwandels: Im Sommer 2026 eröffnet die Lausitzer Seenlandschaft offiziell als größtes künstlich angelegtes Seengebiet Europas — ein Mammutprojekt, das zeigt, wie aus Wunden des Kohlezeitalters neue Ökosysteme und Wirtschaftsräume entstehen können.

CO2/Klimazahl: Der Braunkohleabbau in der Lausitz hat über Jahrzehnte hinweg schätzungsweise 1,5 Milliarden Tonnen CO2 freigesetzt. Allein der Tagebau Cottbus-Nord, dessen ehemaliges Abbaugebiet nun zum größten der neuen Seen umgeflutet wird, emittierte in seiner Betriebszeit rund 70 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. Die Flutung der Tagebaurestseen speichert zudem erhebliche Wassermengen, die als Puffer gegen regional zunehmende Trockenheit wirken können — wenngleich Experten auf die komplexe Gewässerchemie hinweisen, die noch jahrelange Nachsorge erfordert. (Quellen: Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei)

Ein Jahrhundertprojekt nimmt Gestalt an

Was Jahrzehnte lang ein Symbol industrieller Ausbeutung war, verwandelt sich nun in eine der ambitioniertesten Renaturierungs- und Tourismuslandschaften Europas. Die Lausitzer Seenlandschaft, die sich über Teile Brandenburgs und Sachsens erstreckt, umfasst in ihrer vollständig gefluteten Form Wasserflächen, die in ihrer Gesamtausdehnung den Bodensee übersteigen. Der Abschluss der ersten großen Eröffnungsphase in diesem Sommer markiert einen Wendepunkt, auf den Kommunen, Umweltverbände und Wirtschaftspolitiker seit dem beschleunigten Kohleausstieg hingearbeitet haben.

Der Strukturwandel in der Lausitz ist kein spontanes Projekt, sondern das Ergebnis zielgerichteter Bundespolitik. Mit dem deutschen Kohleausstiegsgesetz und den milliardenschweren Förderprogrammen des Strukturstärkungsgesetzes wurden die Grundlagen für eine Transformation geschaffen, die weit über Renaturierung hinausgeht: Neue Gewerbezonen, Forschungseinrichtungen und Tourismusinfrastruktur sollen langfristig die Arbeitsplätze ersetzen, die mit dem Ende des Bergbaus weggefallen sind. (Quellen: Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, Sächsisches Staatsministerium für Regionalentwicklung)

Vom Tagebau zum Naturraum: Die Dimensionen des Projekts

Die bekanntesten der neuen Gewässer sind der Cottbuser Ostsee — entstanden aus dem Tagebau Cottbus-Nord — sowie der Geiseltalstausee in Sachsen-Anhalt und der Senftenberger See, der bereits seit den 1970er-Jahren existiert und nun als Vorbild für das Gesamtprojekt gilt. Die Flutung der neueren Seen dauert teils bis zu einem Jahrzehnt; beim Cottbuser Ostsee etwa pumpen Zuläufe aus der Spree seit Jahren kontinuierlich Wasser in das riesige Becken. Bis zur ökologischen Stabilisierung der Gewässer vergehen weitere Jahre, da der saure pH-Wert des Grubenwassers aktiv neutralisiert werden muss.

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Herausforderungen der Wasserchemie

Wissenschaftler warnen, dass die neuen Seen keine harmlosen Badegewässer von Beginn an sind. Pyritverwitterung im umliegenden Erdreich setzt Schwefelsäure frei, die den pH-Wert des einströmenden Grundwassers stark absenkt. Das Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) setzt deshalb auf gezielte Kalkzugaben und hydraulische Steuerung. Experten des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei betonen, dass ein gesundes Ökosystem in einigen dieser Seen erst in zehn bis zwanzig Jahren vollständig etabliert sein wird — eine Perspektive, die in der öffentlichen Kommunikation bisweilen zu optimistisch dargestellt wird.

Klimaschutz und Klimaanpassung zugleich

Reg Stadtansicht Schwerin Skyline Mecklenburg See Schloss Landeshauptstadt
Reg Stadtansicht Schwerin Skyline Mecklenburg See Schloss Landeshauptstadt

Die Lausitzer Seenlandschaft wird von Umweltpolitikern gerne als Beispiel für "doppelte Klimawirkung" zitiert: einerseits als Symbol für den Ausstieg aus fossilen Energieträgern, andererseits als infrastrukturelle Antwort auf die Folgen des Klimawandels. Gerade in Zeiten, in denen Dürre-Alarm und historisches Niedrigwasser den Rhein bedrohen, erscheint ein großes Wasserspeichersystem in Ostdeutschland als willkommene Ressource.

Allerdings ist diese Interpretation nicht unumstritten. Der IPCC-Sachstandsbericht 2025 mahnt in seinem Kapitel zur europäischen Wasserwirtschaft, dass künstliche Wasserflächen in kontinentalen Lagen im Sommer erheblich zur Verdunstung beitragen und damit paradoxerweise den Wasserhaushalt der Region belasten können. Gleichzeitig stabilisieren große Seen das Mikroklima der Umgebung und können Extremtemperaturen lokal dämpfen — in einem Sommer, in dem Süddeutschland neue Temperaturrekorde meldet, ein nicht zu unterschätzender Effekt. (Quelle: IPCC Sixth Assessment Report, Ergänzungsband 2025)

Wasserbilanz unter Druck: Die Spree als kritische Variable

Die Flutung des Cottbuser Ostsees benötigt Wasser aus der Spree — einem Fluss, der selbst unter zunehmendem Trockenstress steht. In Trockenjahren konkurrieren Flutungsbedarf, landwirtschaftliche Bewässerung, Trinkwasserversorgung und ökologische Mindestwasserführung miteinander. Hydrologie-Experten der Technischen Universität Berlin haben darauf hingewiesen, dass die Entnahme für Flutungszwecke in niederschlagsarmen Jahren erheblich reduziert werden muss, um Schäden an der übrigen Wasserinfrastruktur zu vermeiden. Das Flutungsmanagement ist damit eines der sensibelsten operativen Probleme des gesamten Projekts. (Quellen: Technische Universität Berlin, LMBV-Jahresbericht 2025)

Wirtschaftlicher Strukturwandel: Was nach der Kohle kommt

Bundesweit gelten die Lausitz und das Rheinische Revier als die beiden zentralen Testfälle für den deutschen Kohleausstieg. Während das Rheinland auf massive Ansiedlung von Technologieunternehmen und Rechenzentren setzt, verfolgt die Lausitz einen stärker auf Tourismus, Landwirtschaft und regionale Kreislaufwirtschaft ausgerichteten Ansatz — ergänzt durch Investitionen in erneuerbare Energien, insbesondere Windkraft und Solarparks auf ehemaligen Tagebauflächen.

Die Bilanz ist bisher gemischt. Auf der einen Seite entstanden durch die geförderten Strukturwandelprojekte in Brandenburg und Sachsen bis Mitte des Jahrzehnts rund 14.000 neue Arbeitsplätze im direkten Umfeld der Bergbauregionen. Auf der anderen Seite gingen durch den Rückzug der Kohlebranche weit mehr sozialversicherungspflichtige Stellen mit überdurchschnittlicher Entlohnung verloren. Viele der neuen Jobs im Tourismus und Dienstleistungssektor sind saisonal und schlechter bezahlt. (Quellen: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Wirtschaftsforschungsinstitut IMK)

Tourismus als Hoffnungsträger mit Grenzen

Die Tourismusbranche prognostiziert für die fertiggestellte Lausitzer Seenlandschaft jährlich bis zu vier Millionen Übernachtungsgäste in der Region — eine Zahl, die bei vollständiger Infrastrukturentwicklung realistisch erscheint, aber erhebliche Investitionen in Verkehrsanbindung, Beherbergung und Naturschutzmanagement voraussetzt. Erste Saisons rund um den Senftenberger See zeigen, dass die Nachfrage real ist, aber auch ökologischen Druck erzeugt: Massentourismus und empfindliche Uferzonen vertragen sich schlecht. Naturschutzverbände wie der BUND fordern verbindliche Schutzzonierungen, die in Teilen noch nicht abschließend festgelegt sind. (Quellen: Tourismusverband Lausitzer Seenland, BUND Brandenburg)

Renaturierung ehemaliger Bergbaugebiete im europäischen Vergleich
Region / Land Ehem. Abbautyp Fläche (ha) Schwerpunkt Nachnutzung Zeitraum Umwandlung
Lausitzer Seenlandschaft (DE) Braunkohle (Tagebau) ~13.000 (Wasserfläche) Tourismus, Ökologie, Erneuerbare 1990–2035 (laufend)
Rheinisches Revier (DE) Braunkohle (Tagebau) ~18.000 Technologie, Gewerbe, Landwirtschaft 2030–2045 (geplant)
IBA-Fürst-Pückler-Land (DE) Braunkohle (Tiefbau/Tagebau) ~3.500 Kultur, Tourismus 2000–2020 (abgeschlossen)
Tschechisches Nordböhmen (CZ) Braunkohle (Tagebau) ~8.000 Tourismus, Forstwirtschaft 2020–2038 (laufend)
Südwales Kohlerevier (UK) Steinkohle (Tiefbau) ~6.200 Naturparks, Windenergie 1990–2015 (weitgehend abgeschlossen)
Kempenland (BE/NL) Steinkohle (Tiefbau) ~2.800 Naturschutz, Naherholung 1992–2012 (abgeschlossen)

Was sagt der IPCC — und was lernt Europa daraus?

Der Weltklimarat empfiehlt in seinen jüngsten Berichten ausdrücklich, Renaturierungsprojekte in ehemaligen Industriegebieten als Teil nationaler Klimaanpassungsstrategien anzuerkennen. Ökosystembasierte Ansätze — also die Wiederherstellung funktionsfähiger Naturräume anstelle rein technischer Infrastrukturmaßnahmen — werden dabei als besonders kosteneffizient eingestuft. Die Lausitzer Seenlandschaft entspricht diesem Leitbild zumindest in Teilen, da sie nicht nur Freizeit- und Wirtschaftsflächen schafft, sondern auch Lebensräume für bedrohte Arten zurückbringt, Grundwasserspeicher auffüllt und lokale Albedo-Effekte erzeugt.

Andere europäische Länder beobachten das deutsche Projekt aufmerksam. Polen, das noch eine deutlich stärkere Abhängigkeit von der Kohleverstromung aufweist, plant ähnliche Umwidmungen für die Zeit nach dem dortigen — politisch umstrittenen — Kohleausstieg. Tschechien hat für das Nordböhmische Braunkohlenrevier bereits eigene Flutungsprojekte begonnen, steht aber vor ähnlichen wasserwirtschaftlichen Engpässen wie die Lausitz. (Quellen: IPCC Sixth Assessment Report 2025, Europäische Kommission Generaldirektion Klimapolitik)

Deutschland im internationalen Kontext

Im Vergleich zu anderen Kohleausstiegsregionen Europas verfügt Deutschland über die mit Abstand größten staatlichen Mittel für den Strukturwandel: Allein für die Lausitz und das Rheinische Revier stehen über 40 Milliarden Euro aus dem Strukturstärkungsgesetz bereit — ein Volumen, das polnische oder tschechische Planungen um ein Vielfaches übertrifft. Kritiker merken allerdings an, dass ein erheblicher Teil dieser Mittel in prestigeträchtige Großprojekte fließt, während die Förderung kleinerer, lokal verankerter Initiativen zu kurz kommt. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU) empfahl bereits, Bürgerbeteiligung und lokale Wirtschaftskreisläufe stärker in die Förderprogramme einzubinden. (Quelle: WBGU-Politikpapier zur sozial-ökologischen Transformation 2024/2025)

Ökologische Bilanz: Rückkehr der Natur unter Vorbehalt

Naturschutzbiologen beobachten die Entwicklung der neuen Seenlandschaft mit vorsichtigem Optimismus. Auf renaturierten Uferflächen siedelten sich binnen weniger Jahre Schilfrohrgürtel, Flachuferbereiche und erste Laichgebiete für Fische an. Seeadler und Fischadler, beides Arten, die auf ungestörte Gewässerumgebungen angewiesen sind, wurden bereits in mehreren der neuen Seen als Brutvögel registriert. Für Arten der Tagebau-Pionierstandorte — darunter Flussregenpfeifer, Kreuzkröte und verschiedene Sandbienenarten — bedeutet die fortschreitende Begrünung hingegen den Verlust einzigartiger, weil störungsarmer Rohbodenhabitate.

Diese Dialektik der Renaturierung ist wissenschaftlich gut dokumentiert: Was für das eine ökologische System Gewinn ist, bedeutet für ein anderes Verlust. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) fordert deshalb die Beibehaltung gezielt offengehaltener Rohbodenareale innerhalb des Gesamtgebiets, um die Artenvielfalt der Übergangsphase nicht vollständig zu opfern. Eine der wenigen Regionen, die diesen Ansatz modellhaft umsetzt, ist der Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft, der gezielt Sandtrockenrasen pflegt.

Klimawandel als Stressfaktor für das neue Ökosystem

Die Rekorddürre des Sommers 2026, die Ernten in weiten Teilen Europas bedroht, trifft auch die noch jungen Ökosysteme der Lausitzer Seen. Niedrige Wasserstände durch ausbleibende Niederschläge und gleichzeitig hohe Verdunstungsraten führen zu einer Konzentration von Nähr- und Schadstoffen im Wasser — mit Risiken für Algenwachstum und Sauerstoffmangel in Tiefenzonen. In einem Sommer, in dem Deutschland Temperaturrekorde von bis zu 42 Grad drohen, sind auch die Wasserbehörden der Region in erhöhter Alarmbereitschaft. Badeverbote in einzelnen Bereichen sind nach Aussage der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft für den Fall starker Algenblüten nicht ausgeschlossen. (Quellen: NABU, Umweltbundesamt, LMBV)

Soziale Dimension: Wer profitiert, wer bleibt zurück?

Die Frage nach sozialer Gerechtigkeit im Strukturwandel ist in der Lausitz nicht abschließend beantwortet. Die Region gehört nach wie vor zu den wirtschaftlich schwächeren in Deutschland,

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Andreas Koch
Gesundheit & Klima

Andreas Koch analysiert medizinische Studien, Gesundheitspolitik und Klimaforschung. Er übersetzt komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse in verständliche Berichte für ein breites Publikum.

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