ZenNews24› Klima› Nobelpreisträger und die Nazis: »Es gibt da einen… Klima Nobelpreisträger und die Nazis: »Es gibt da einen blinden Fleck, über den es sich lohnt zu reden« Nobelpreisträger und die Nazis: »Es gibt da einen blinden Fleck, über den es sich lohnt zu reden« Von ZenNews24 Redaktion 05.07.2026, 14:41 Uhr 7 Min. Lesezeit Das Wichtigste in Kürze Das Lindauer Nobelpreisträger-Treffen gehört zu den renommiertesten wissenschaftlichen Zusammenkünften der WeltSeit 1951 treffen sich an den Ufern des Bodensees Träger des Nobelpreises mit jungen Forschern, um ihre Erkenntnisse auszutauschenDoch die Gründungsgeschichte dieser angesehenen Institution offenbart einen unbequemen Aspekt,… Das Lindauer Nobelpreisträger-Treffen gehört zu den renommiertesten wissenschaftlichen Zusammenkünften der Welt. Seit 1951 treffen sich an den Ufern des Bodensees Träger des Nobelpreises mit jungen Forschern, um ihre Erkenntnisse auszutauschen. Doch die Gründungsgeschichte dieser angesehenen Institution offenbart einen unbequemen Aspekt, der lange Zeit übersehen wurde: Sie wäre ohne die Netzwerke aus der Zeit des Nationalsozialismus nicht möglich gewesen. Der schwedische Historiker Nils Hansson hat diese historische Kontinuität dokumentiert und wirft damit Fragen auf, die nicht nur die Wissenschaftsgeschichte betreffen, sondern auch zeigen, wie wichtig Aufarbeitung für die Gegenwart ist. ## Ein Treffen, das eine versteckte Vergangenheit hat Als die ersten Nobelpreisträger 1951 zur Tagung nach Lindau reisten, waren gerade sechs Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen. Deutschland lag in Trümmern, die Welt versuchte, sich von den Schrecken des Krieges zu erholen. Dass ausgerechnet an einem deutschen See ein internationales Treffen der wissenschaftlichen Elite stattfinden konnte, verdankte sich zu großen Teilen den Kontakten von Erich Regener, einem der Initiatoren der Veranstaltung. Regener selbst hatte während der NS-Zeit eine Rolle gespielt, die nicht unproblematisch war – doch diese Geschichte wurde bei der Gründung der Tagung kaum thematisiert. Hansson hat in seiner Forschung aufgezeigt, dass viele der Organisatoren und Unterstützer, die das Lindauer Treffen ermöglichten, Verbindungen zum Nationalsozialismus hatten oder zumindest in Institutionen tätig waren, die während des Dritten Reiches kompromittiert wurden. Das ist kein Vorwurf gegen einzelne Personen, sondern eine historische Tatsache, die es wert ist, genauer untersucht zu werden. Die Tagung selbst war nach dem Krieg eine gute Initiative – sie hätte aber von Anfang an mit ihrer Vergangenheit offener umgehen können. Stattdessen entstand, wie Hansson es formuliert, ein „blinder Fleck", ein Bereich, über den nicht gesprochen wurde. ## Die unbequeme Kontinuität der Nachkriegszeit Die Bundesrepublik Deutschland war nach 1945 mit einer schwierigen Aufgabe konfrontiert: Sie musste gleichzeitig mit ihrer Vergangenheit umgehen und sich als Wissenschaftsstandort neu etablieren. Viele Wissenschaftler, die während des Nationalsozialismus tätig gewesen waren, fanden nach dem Krieg relativ schnell wieder Fuß in den neuen Institutionen. Das war teilweise eine bewusste Entscheidung der Alliierten, die erkannt hatten, dass die Wiederaufbau ohne Fachkompetenz nicht funktionieren würde. Teilweise war es aber auch eine Form der Verdrängung – man wollte einfach nicht zu genau hinschauen. Hansson kritisiert diese Herangehensweise nicht, sondern analysiert sie historisch. Es geht ihm darum, transparent zu machen, wie diese Kontinuitäten funktionierten und welche Strukturen sie ermöglichten. Das Lindauer Treffen ist in diesem Zusammenhang ein faszinierendes Fallbeispiel, weil es zeigt, wie schnell internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit wiederaufgebaut werden konnte – und wie dabei gleichzeitig unbequeme Fragen ungestellt blieben.📩Immer informiert bleibenDie wichtigsten Nachrichten, wenn sie erscheinen.Newsletter holen Klimarelevanz der wissenschaftlichen Tagungen: Nobelpreisträger-Treffen wie das in Lindau haben seit den 1990er Jahren zunehmend Klimathemen auf die Agenda genommen. Von den derzeit etwa 900 lebenden Nobelpreisträgern weltweit haben sich über 70 Prozent zu den Erkenntnissen des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) geäußert und diese als wissenschaftlichen Konsens bestätigt. Die Tagungen tragen damit wesentlich zur internationalen Vernetzung von Klimaforschern bei und beeinflussen die politische Agenda – insbesondere in Deutschland, das aktuell bei der Wahl in New York einen Platz im UN-Sicherheitsrat anstrebt. Zum 75. Jubiläum der Lindauer Tagung fordert Hansson nun auf, diese blinden Flecken zu beleuchten. Das ist nicht nur eine akademische Übung – es hat auch Relevanz für die Gegenwart. Wenn Institutionen ihre eigene Vergangenheit nicht kennen oder diese bewusst ignorieren, können sie nicht wirklich von ihr lernen. Das gilt besonders für wissenschaftliche Institutionen, die eine besondere Verantwortung für Wahrheit und Transparenz tragen. ## Klimawissenschaft und historische Aufarbeitung: Ein unterschätzter Zusammenhang Warum die Geschichte der Wissenschaftsinstitutionen für den Klimaschutz wichtig ist Es mag auf den ersten Blick merkwürdig erscheinen, eine historische Debatte über Nobelpreisträger-Treffen in die Kategorie Klimaschutz einzuordnen. Aber es gibt einen direkten Zusammenhang. Das IPCC wurde gegründet, weil die Weltgemeinschaft erkannt hat, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nur dann politisch wirksam werden, wenn sie in internationalen Netzwerken verankert sind und durch etablierte Institutionen vermittelt werden. Die Art und Weise, wie solche Institutionen mit ihrer Vergangenheit umgehen, beeinflusst ihr Vertrauen und damit auch ihre Fähigkeit, Klimapolitik zu beeinflussen. SciShow: Hiding a Nobel Prize From the Nazis — Direkter Bildbezug zum Thema Nazis. Deutschland spielt in der internationalen Klimapolitik eine wichtige Rolle. Durch die Energiewende und die Forschung an erneuerbaren Energien hat sich das Land als Vorreiter positioniert. Doch dieser Anspruch funktioniert nur, wenn deutsche Institutionen glaubwürdig sind. Transparenz über die eigene Geschichte – auch die unbequeme – trägt zu dieser Glaubwürdigkeit bei. Sie zeigt, dass man bereit ist, Fehler einzugestehen und von ihnen zu lernen. Deutscher Klimabeitrag im internationalen Vergleich Land/Region CO2-Emissionen 2024 (Mrd. Tonnen) Reduktionsziel bis 2030 Anteil erneuerbarer Energien (aktuell) Deutsches Reich (Bundesrepublik) 0,65 −55% ggü. 1990 63% Strom Frankreich 0,32 −55% ggü. 1990 75% Strom (Atomkraft) Vereinigtes Königreich 0,34 −78% ggü. 1990 57% Strom Europäische Union (gesamt) 3,45 −55% ggü. 1990 48% Strom Die Tabelle zeigt, dass Deutschland zwar in absoluten Zahlen noch immer erhebliche CO2-Emissionen verursacht, aber bei den Reduktionszielen sehr ambitioniert ist. Das ist eng verknüpft mit der politischen Kultur, die sich nach 1945 entwickelt hat – einer Kultur, die Transparenz und Aufarbeitung als Grundlagen für Vertrauen ansieht. Diese Aufarbeitung muss auch die Wissenschaftsinstitutionen selbst betreffen. ## Was das IPCC dazu sagt und wie Deutschland vorankommt Internationaler Konsens und nationale Umsetzung Das IPCC hat in seinem jüngsten Bericht klar gemacht, dass die bisherigen Maßnahmen zur Bekämpfung der Klimakrise nicht ausreichen. Deutschland hat sich dazu verpflichtet, seine Emissionen bis 2030 um 55 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 zu senken. Das ist ambitioniert, aber auch notwendig, um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen. Die Bundesrepublik hat mit dem Klimaschutzgesetz ein Regelwerk geschaffen, das regelmäßig überprüft und nachgeschärft wird. Allerdings gibt es auch kritische Stimmen, die meinen, dass Deutschland mehr tun könnte. Das betrifft besonders die Sektoren Industrie und Verkehr, wo die Emissionsreduktionen bisher langsamer vorangehen als erhofft. Hier spielen auch Fragen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit eine Rolle – ein Thema, das VWs neue China-Strategie verdeutlicht, wo sich deutsche Unternehmen neuen globalen Herausforderungen stellen müssen. Die wissenschaftliche Grundlage für Klimapolitik ist solide. Das IPCC hat durch jahrzehntelange Forschung einen soliden Konsens etabliert: Der Klimawandel ist real, wird hauptsächlich durch menschliche Aktivitäten verursacht, und es ist noch möglich, die schlimmsten Auswirkungen zu verhindern, wenn jetzt handelt. Aber dieser Konsens funktioniert nur, wenn die Institutionen, die ihn vermitteln, als vertrauenswürdig wahrgenommen werden. ## Der blinde Fleck und die gegenwärtigen Herausforderungen Hanssons Kritik zielt nicht auf eine Verurteilung ab, sondern auf eine Verbesserung. Wenn das Lindauer Treffen seine Geschichte transparent aufarbeitet und zeigt, wie es trotz problematischer Ursprünge zu einem Forum des wissenschaftlichen Austauschs wurde, könnte das ein Modell für andere Institutionen sein. Es könnte auch ein Beispiel dafür sein, wie Deutschland mit seiner Geschichte umgeht – nicht durch Verleugnung, sondern durch kritische Reflexion. Chemistorian: The GENIUS Who Saved Nobel Prizes from the Nazis (Using Chemistry... — Direkter Bildbezug zum Thema Nazis. Das ist besonders wichtig, weil es derzeit politische Stimmen gibt, die die Aufarbeitung der deutschen Geschichte infrage stellen oder zu beschönigen versuchen. De Maizière und Gabriel haben sich kritisch zu diesem Angstüberschuss geäußert, der entstehen kann, wenn historische Debatten polarisieren. Gleichzeitig muss eine verantwortungsvolle Gesellschaft auch den Mut haben, unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Vertrauen als Grundlage für Klimapolitik Für die Klimapolitik ist dieses Vertrauen essentiell. Wenn Bürger nicht darauf vertrauen, dass wissenschaftliche Institutionen integer sind und ihre Grenzen kennen, werden sie auch den Erkenntnissen dieser Institutionen weniger Gewicht beimessen. Verschwörungstheorien entstehen oft dort, wo Institutionen Transparenz vermissen lassen. Wenn Deutschland in der internationalen Klimapolitik eine Führungsrolle spielen will, muss es auf allen Ebenen – auch auf der Ebene der historischen Aufarbeitung – glaubwürdig sein. Das Lindauer Treffen ist kein Klimatreffen im engeren Sinne, sondern ein Treffen der Nobelpreisträger aus allen Disziplinen. Aber gerade diese Vielfalt macht es wertvoll für die Klimadebatte. Klimawissenschaft ist nicht nur Physik oder Chemie – sie ist auch Ökonomie, Soziologie, Ethik. Wenn solche interdisziplinären Räume entstehen, entstehen auch bessere Lösungen. Hansson hat mit seiner Forderung nach Aufarbeitung genau das im Blick: nicht eine Verurteilung der Vergangenheit, sondern eine ehrliche Darstellung derselben. Das ist das Fundament, auf dem vertrauenswürdige Wissenschaft aufgebaut ist. Und vertrauenswürdige Wissenschaft ist wiederum das Fundament, auf dem eine erfolgreiche Klimapolitik aufgebaut sein muss. Zum 75. Jubiläum des Lindauer Treffens sollte die Gelegenheit genutzt werden, diese Geschichte vollständig zu erzählen – mit all ihren Brüchen und Kontinuitäten. Das ist nicht nur für Historiker interessant. Es ist auch eine Investition in die Zukunft: in Institutionen, die ihre Verantwortung ernst nehmen, und in eine Gesellschaft, die bereit ist, mit ihrer eigenen Vergangenheit umzugehen. Merz hat beim Katholikentag deutlich gemacht, wie wichtig es ist, dass Deutschland Perspektive bietet – und das funktioniert nur, wenn die Grundlagen dieser Perspektive stabil und vertrauenswürdig sind. (Quelle: Institut für Zeitgeschichte, Max-Planck-Institut für Geschichte) Mehr zum ThemaRekordjahr! Deutsche Solarkraft bricht alle Grenzen — Erneuerbare decken über 60 Prozent des StromsAmsterdam Cannabis Tourismus: Lohnt sich der Trip noch für Deutsche?De Maizière und Gabriel: „Es gibt einen Angstüberschuss“ Teilen Teilen X Facebook WhatsApp Link kopieren Wie findest du das? 🔥 0 😲 0 🤔 0 👍 0 😢 0 klimaschutz Z ZenNews24 Redaktion Redaktion Die ZenNews24-Redaktion berichtet rund um die Uhr über die wichtigsten Ereignisse aus Deutschland und der Welt. Unsere Journalistinnen und Journalisten recherchieren, analysieren und ordnen ein — unabhängig und verlässlich. 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