Politik

Merz unter Druck: SPD fordert Kurswechsel bei Migrationspolitik

Koalitionskrach in Berlin — Koalitionspartner stellt Ultimatum

Von Markus Bauer 7 Min. Lesezeit
Merz unter Druck: SPD fordert Kurswechsel bei Migrationspolitik
Das Wichtigste in Kürze
  • In der CDU/CSU-SPD-Koalition spitzt sich der Streit um den Migrationskurs zu
  • Führende SPD-Politiker fordern von Bundeskanzler Friedrich Merz eine Kehrtwende bei den verschärften Grenzkontrollen — sonst drohe ein offener Bruch innerhalb der Regierung

Drei Monate nach der Vereidigung des zweiten Kabinetts Merz steht die große Koalition vor ihrer bislang schwersten Belastungsprobe: Die SPD-Fraktion hat dem Bundeskanzler ein förmliches Ultimatum gestellt und verlangt bis zum 20. Juni einen verbindlichen Kurswechsel in der Migrationspolitik — andernfalls werde man zentralen Haushaltsposten die Zustimmung verweigern. In Berlin spricht man bereits offen vom größten Koalitionskrach seit dem Regierungsantritt.

Das Ultimatum: Was die SPD konkret fordert

SPD-Fraktionschefin Saskia Esken hat am Freitagabend in einer außerordentlichen Pressekonferenz im Paul-Löbe-Haus die Forderungen ihrer Partei unmissverständlich formuliert. Die Sozialdemokraten verlangen erstens die sofortige Aussetzung der seit März geltenden verschärften Zurückweisungen an deutschen Außengrenzen, zweitens die Wiederaufnahme regulärer Asylverfahren für Antragsteller aus sicheren Drittstaaten und drittens die Einrichtung einer parlamentarischen Kontrollkommission für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Der Zeitdruck ist bewusst gewählt: Am 20. Juni stimmt der Bundestag über den zweiten Nachtragshaushalt ab — ohne SPD-Stimmen wäre die Koalitionsmehrheit nicht gesichert.

„Wir haben diesen Koalitionsvertrag unterschrieben, weil darin humanitäre Mindeststandards verankert waren", erklärte Esken vor Journalisten. „Was Herr Merz in den letzten Wochen praktiziert hat, ist kein Koalitionsvertrag mehr — das ist Alleinherrschaft." Aus dem Kanzleramt hieß es zunächst nur knapp, man nehme die Kritik „zur Kenntnis" und werde das Gespräch suchen. Eine inhaltliche Stellungnahme blieb aus.

Der Streit um die Grenzzurückweisungen

Konkret entzündet sich der Konflikt an den seit dem Frühjahr praktizierten Zurückweisungen an den deutschen Landgrenzen zu Österreich, Polen und der Schweiz. Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte die Maßnahmen mit einer nationalen Notlage begründet und dabei auf ein Rechtsgutachten des Bundesinnenministeriums verwiesen, das die Vereinbarkeit mit EU-Recht bejaht. Die SPD zweifelt an dieser Einschätzung und verweist ihrerseits auf ein Gegengutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages, das erhebliche rechtliche Bedenken formuliert.

Relevant ist dabei auch die Position des Bundesrates: In einer Sondersitzung Ende Mai hatte die Länderkammer mit knapper Mehrheit eine Entschließung verabschiedet, in der die Bundesregierung aufgefordert wird, die Maßnahmen einer verfassungsrechtlichen Überprüfung zu unterziehen. Bayern und Sachsen stimmten dagegen, Nordrhein-Westfalen und Hamburg enthielten sich. (Quelle: Bundesrat-Protokoll, 28. Mai 2026; Tagesschau.de)

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Verfassungsrechtliche Dimension

Mehrere Menschenrechtsorganisationen haben bereits beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Klage eingereicht. Das Gericht hat zwar noch keinen Verhandlungstermin angesetzt, aber in einem frühen Prozessvermerk festgehalten, die Fragen seien „von grundsätzlicher verfassungsrechtlicher Bedeutung". Verfassungsrechtler der Freien Universität Berlin und der Universität Heidelberg bewerten die Grenzzurückweisungen in ihrer derzeitigen Form mehrheitlich als unvereinbar mit Artikel 16a Grundgesetz sowie mit der EU-Grundrechtecharta. (Quelle: Verfassungsblog, Juni 2026; Süddeutsche Zeitung)

Merkels Erbe und Merzens Dilemma

Merz Wahlkampf Rede Menge

Friedrich Merz steckt in einer klassischen Zangenposition. Auf der einen Seite drängt der CSU-Koalitionspartner auf noch schärfere Maßnahmen — Parteichef Markus Söder hatte erst vergangene Woche erklärt, die Zahl der Zurückweisungen müsse „verdoppelt, nicht halbiert" werden. Auf der anderen Seite signalisieren die Sozialdemokraten, dass sie eine weitere Verschärfung der Migrationspolitik nicht mittragen werden. Dem Kanzler bleibt wenig Spielraum, ohne eine der beiden Koalitionsparteien zu verprellen.

Hinzu kommt der langfristige politische Druck durch die Umfragelage: Aktuelle Erhebungen von infratest dimap zeigen, dass die CDU/CSU zwar bei 31 Prozent stagniert, die SPD aber auf 16 Prozent abgerutscht ist — den niedrigsten Wert seit Beginn der Legislaturperiode. Die SPD-Basis macht dafür intern die als „zu weich" empfundene Haltung der Parteiführung in der Migrationsdebatte verantwortlich. Für die Sozialdemokraten ist das Ultimatum also auch ein Versuch, die eigene Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Wie AfD legt in Umfragen zu: Union unter Druck zeigt, profitiert von dieser Koalitionsschwäche vor allem die Oppositionspartei am rechten Rand.

Die Rolle der Unions-Hardliner

Innerhalb der CDU/CSU-Fraktion gibt es eine wachsende Gruppe, die Merz vorwirft, in der Migrationspolitik bereits zu viele Kompromisse eingegangen zu sein. Fraktionsvize Mathias Middelberg hat in einem internen Schreiben, das der Nachrichtenagentur dpa vorliegt, gewarnt, eine Aufweichung der Grenzkontrollpolitik würde „den letzten Rückhalt bei der Stammwählerschaft kosten". Merz sitzt damit zwischen allen Stühlen. Bereits Merz erhöht Druck: Asylzahlen sollen halbiert werden hatte gezeigt, wie ambitioniert die ursprünglichen Ankündigungen des Kanzlers waren — und wie schwierig die Umsetzung sich gestaltet.

Chronologie des Koalitionskonflikts

März 2026
Kabinett Merz beschließt verschärfte Zurückweisungen an deutschen Landgrenzen. Innenminister Dobrindt spricht von einem „historischen Wendepunkt" in der deutschen Migrationspolitik. SPD-Führung stimmt nach zähem Ringen zu, knüpft Zustimmung aber an Bedingungen, die im Koalitionsausschuss protokolliert werden.
April 2026
Erste Berichte über fehlerhafte Zurückweisungen: Mehrere Personen mit gültigen Aufenthaltstiteln wurden laut Medienberichten irrtümlich an der Grenze abgewiesen. Das BAMF leitet interne Überprüfungsverfahren ein. SPD-Parlamentarische Staatssekretärin Rita Hagl-Kehl spricht von „systematischen Vollzugsfehlern".
Mai 2026
Bundesrat verabschiedet Entschließung zur verfassungsrechtlichen Überprüfung der Grenzmaßnahmen. Menschenrechtsorganisationen reichen Klage beim Bundesverfassungsgericht ein. Erste SPD-Landesverbände fordern öffentlich einen Kurswechsel. Koalitionsausschuss tagt ohne Einigung.
6. Juni 2026
SPD-Parteivorstand fasst mit 18 zu 4 Stimmen Beschluss, der Fraktionsführung ein Mandat für das Ultimatum zu erteilen. Interne Abstimmung gilt als Signal, dass auch der moderate Flügel der Partei die Geduld verloren hat.
7. Juni 2026
Fraktionschefin Esken stellt das förmliche Ultimatum: Kurswechsel bis 20. Juni oder Verweigerung der Zustimmung zum Nachtragshaushalt. Kanzleramt reagiert zunächst ausweichend. Koalitionskrise erreicht neue Eskalationsstufe.

Fraktionen in Stellung: Wer steht wo?

Fraktionspositionen: CDU/CSU: Unterstützt die bisherige Linie des Kanzlers, lehnt Rücknahme der Grenzkontrollmaßnahmen kategorisch ab. Innerparteiliche Hardliner fordern sogar Verschärfung. SPD: Fordert sofortigen Kurswechsel, Aussetzung der Zurückweisungen und parlamentarische Kontrollmechanismen. Stellt Haushaltsabstimmung als Druckmittel in den Raum. Grüne: Oppositionspartei, die die SPD-Forderungen inhaltlich unterstützt, aber betont, die Koalition solle ihren internen Konflikt nicht auf dem Rücken der Betroffenen austragen. Bündnis Sahra Wagenknecht: Kritisiert SPD-Ultimatum als „Scheinkampf" und wirft beiden Parteien vor, strukturelle Reformen zu vermeiden. AfD: Bezeichnet die gesamte Debatte als „Beweis des Versagens" der großen Koalition und fordert noch weitergehende Maßnahmen; nutzt den Koalitionsstreit für eigene Profilierung.

Die Grünen unter Bundestagsfraktionschef Anton Hofreiter haben signalisiert, bei einer etwaigen Vertrauensabstimmung nicht für die Regierung stimmen zu wollen — was die Machtarithmetik im Bundestag weiter verkompliziert. BSW-Vorsitzende Amira Mohamed Ali hingegen nannte das Ultimatum der SPD „reines Wahlkampftheater ohne substanzielle Substanz".

Die Oppositionsstrategie der Grünen

Die Grünen befinden sich in einer strategisch interessanten Position: Sie unterstützen die inhaltlichen Forderungen der SPD, wollen aber nicht als Mehrheitsbeschaffer für eine Regierungskoalition herhalten, der sie nicht angehören. Fraktionsvize Maria Klein-Schmeink hat angekündigt, die Grünen würden bei der Haushaltsabstimmung am 20. Juni geschlossen mit Nein stimmen — unabhängig davon, wie der Koalitionsstreit ausgeht. Das macht die Rechnung für Merz nicht einfacher.

Migrationspolitik und Haushalt: Die Verknüpfung als Politikum

Fraktion Sitze im Bundestag Position Nachtragshaushalt Position Grenzkontrolle
CDU/CSU 208 Zustimmung Befürwortung / Verschärfung
SPD 175 Abhängig von Kurswechsel Ablehnung aktueller Praxis
AfD 152 Ablehnung Weitergehende Verschärfung
Grüne 117 Ablehnung Ablehnung
BSW 36 Enthaltung/Ablehnung Gespalten
FDP 18 Ablehnung Teilweise Befürwortung

Die Koalition aus CDU/CSU und SPD verfügt über 383 Sitze — bei einer Abstimmungsmehrheit von 368 Stimmen. Enthält sich die SPD oder stimmt geschlossen dagegen, verliert die Regierung ihre parlamentarische Mehrheit. Eine Annäherung an die AfD zur Sicherung der Abstimmung schlossen sowohl Merz als auch Dobrindt offiziell aus. Damit läuft alles auf eine schnelle Einigung innerhalb der Koalition hinaus — oder auf eine handfeste Verfassungskrise. (Quelle: Bundestag-Verwaltung, Sitzverteilung Stand Juni 2026; infratest dimap Sonntagsfrage, 5. Juni 2026)

Haushalt als Druckmittel — eine riskante Strategie

Politikwissenschaftler der Hertie School of Governance in Berlin warnen vor den Kollateralschäden einer solchen Taktik. „Wenn der Haushalt zur Geisel von Fachpolitikstreitigkeiten wird, beschädigt das das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Bundesregierung insgesamt", sagte Politikprofessorin Ina Kubbe gegenüber ZenNews24. Ähnlich hatte die SPD bereits bei der Rentenreform agiert: Wie in Merz unter Druck: SPD blockiert Rentenreform! dokumentiert, greift die Partei zunehmend auf parlamentarische Blockaden zurück, um inhaltliche Zugeständnisse zu erzwingen — ein Muster, das die Funktionsfähigkeit der Koalition strukturell belastet. Dieser Koalitionsstreit ist damit kein Einzelfall, sondern Teil eines systemischen Konflikts zwischen zwei Parteien, die zwar regieren, aber inhaltlich weit auseinanderliegen.

Der breitere Kontext: Koalitionsmüdigkeit und Sozialstaatsdebatten

Der Migrationskrach ist nicht der einzige Belastungstest für das Kabinett Merz in diesem Sommer. Parallel laufen Verhandlungen über die Rentenreform, über die Kindergrundsicherung und — besonders brisant — über die Fortschreibung des Bundeshaushalts für das kommende Jahr. Die SPD pocht dabei auch auf eine deutliche Erhöhung des Mindestlohns, wie zuletzt ausführlich in SPD fordert Mindestlohn-Erhöhung auf 15 Euro thematisiert. Die Union lehnt diesen Schritt bislang als wirtschaftlich kontraproduktiv ab. Auch beim Bundeshaushalt gibt es tiefe Risse, wie Merz unter Druck: SPD fordert Nachbesserung beim Haushalt bereits vor Wochen analysiert hatte.

Die Kumulation dieser Konflikte lässt Beobachter in Berlin fragen, ob die große Koalition noch über ausreichend Bindekraft für die restlichen dreieinhalb Jahre der Legislaturperiode verfügt. Koalitionsexperte Prof. Thomas Poguntke von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sieht in der aktuellen Krise jedoch noch keinen Anlass zur Panik: „Koalitionen arbeiten immer unter Druck. Entscheidend ist, ob die Kompromissfähigkeit der Führungen erhalten bleibt. Davon bin ich noch nicht überzeugt — aber auch nicht das Gegenteil." (Quelle: Handelsblatt, 7. Juni 2026; ZenNews24-Gespräch mit Poguntke)

Internationale Einordnung: Deutschland im europäischen Vergleich

Deutschlands Verschärfungskurs bei der Migrationspolitik steht dabei nicht im luftleeren Raum. Mehrere EU-Partnerstaaten — darunter Österreich, Dänemark und die Niederlande — haben in den vergangenen Jahren ähnliche Maßnahmen eingeführt. Frankreich hat unter Premierminister Gabriel Attal ebenfalls die Grenzkontrollen zu Spanien und Italien intensiviert. Die Europäische Kommission hat bislang kein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet

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Markus Bauer
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Markus Bauer verfolgt die Entwicklungen in Tech, KI und Digitalpolitik. Er analysiert, wie neue Technologien Gesellschaft und Wirtschaft verändern — von Datenschutz bis Plattformregulierung.

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