Politik

Merz erhöht Druck: Asylzahlen sollen halbiert werden

Bundesregierung plant verschärfte Grenzkontrollen bis Jahresende

Von Markus Bauer 8 Min. Lesezeit
Merz erhöht Druck: Asylzahlen sollen halbiert werden
Das Wichtigste in Kürze
  • Bundeskanzler Friedrich Merz hat das Kabinett angewiesen, bis September ein Maßnahmenpaket zur drastischen Reduzierung irregulärer Migration vorzulegen
  • CDU/CSU und SPD streiten intern über das Tempo der Umsetzung — die Opposition wittert Profilierungspolitik

Bis Jahresende sollen die Asylantragszahlen in Deutschland um die Hälfte sinken — so lautet das erklärte Ziel von Bundeskanzler Friedrich Merz, der den Druck auf Innenministerin Julia Klöckner und die Koalitionspartner in der SPD in dieser Woche deutlich erhöht hat. Hinter dem ambitionierten Ziel stecken verschärfte Grenzkontrollen, neue Rückführungsabkommen und ein innenpolitischer Machtkampf, der die Große Koalition an ihre Belastungsgrenze treibt.

Das Ziel: Halbierung der Asylzahlen bis Dezember

Rund 127.000 Erstanträge auf Asyl wurden im ersten Quartal dieses Jahres beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) registriert — eine Zahl, die die Bundesregierung als politisch nicht mehr tragbar bezeichnet. Merz sprach in einer Sondersitzung des Koalitionsausschusses Anfang der Woche Klartext: "Wir werden die irreguläre Migration bis Ende dieses Jahres halbieren. Das ist kein Wunsch, das ist eine Vorgabe." Der Kanzler stellte damit intern wie öffentlich klar, dass er die Asylpolitik zur zentralen Bewährungsprobe seiner Regierung erklärt hat.

Das Innenministerium bestätigte, dass ein Maßnahmenpaket bereits in Vorbereitung sei. Dieses soll neben der Fortführung stationärer Grenzkontrollen an allen neun deutschen Landaußengrenzen auch die Ausweitung sogenannter Zurückweisungen umfassen — ein Instrument, dessen Rechtmäßigkeit nach wie vor umstritten ist. Das Bundesverfassungsgericht hatte in einem Beschluss aus dem Frühjahr dieses Jahres klargestellt, dass pauschale Zurückweisungen ohne Einzelfallprüfung gegen das Grundrecht auf Asyl aus Artikel 16a des Grundgesetzes verstoßen können. Das Gericht mahnte, dass jeder Fall einer individuellen Prüfung bedürfe (Quelle: Bundesverfassungsgericht, Karlsruhe). Wie die Bundesverfassungsgericht unter politischem Druck-Berichterstattung zeigt, befindet sich das Gericht selbst in einem schwierigen Verhältnis zur aktuellen Bundesregierung.

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Grenzkontrollen: Verlängerung und Verschärfung

Die seit dem Herbst des vergangenen Jahres schrittweise ausgeweiteten stationären Grenzkontrollen werden nach aktuellen Regierungsplänen mindestens bis März 2027 verlängert. Innenministerin Klöckner sprach von einer "notwendigen Schutzmaßnahme", die im Einklang mit dem Schengener Grenzkodex stehe — zumindest solange die Kommission in Brüssel keine formellen Einwände erhebe. Die EU-Kommission hatte Deutschland bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass dauerhafte Grenzkontrollen innerhalb des Schengenraums nur unter eng definierten Ausnahmebedingungen zulässig sind (Quelle: Europäische Kommission, Generaldirektion Migration und Inneres).

Bundespolizeipräsident Dieter Romann nannte in einer Anhörung des Innenausschusses konkrete Zahlen: Im Mai wurden täglich im Schnitt rund 320 Personen an den deutschen Landesgrenzen zurückgewiesen. Das entspreche einer Steigerung von 40 Prozent gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahres. Gleichzeitig warnte Romann vor einer dauerhaften Überlastung der Bundespolizei, die schon jetzt erhebliche Kapazitätsengpässe verzeichne (Quelle: Bundespolizeipräsidium, Potsdam).

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Rückführungsabkommen: Verhandlungsstand mit Drittstaaten

Parallel zu den Grenzmaßnahmen arbeitet das Auswärtige Amt unter Außenministerin Annalena Baerbock an neuen Rückführungsabkommen. Besonders im Fokus stehen Verhandlungen mit Marokko, Tunesien, Georgien und Afghanistan — wobei letzteres angesichts der politischen Lage unter Taliban-Herrschaft juristisch und humanitär als äußerst schwierig gilt. Menschenrechtsorganisationen wie Pro Asyl und Amnesty International haben bereits angekündigt, gegen Abschiebungen nach Afghanistan auf dem Rechtsweg vorzugehen (Quelle: Pro Asyl e.V., Frankfurt; Amnesty International Deutschland).

Oktober 2025
Einführung stationärer Grenzkontrollen an allen deutschen Landaußengrenzen nach Beschluss des Koalitionsausschusses. Erste politische Konflikte mit Österreich und Polen über die Umsetzung.
Februar 2026
Bundesverfassungsgericht mahnt in einem Eilbeschluss zur Einzelfallprüfung bei Zurückweisungen. Innenministerium kündigt Anpassung der Verwaltungspraxis an, ohne das Grundprinzip aufzugeben.
April 2026
Bundesrat verabschiedet mit knapper Mehrheit ein Zustimmungsgesetz zur Ausweitung von Abschiebehaft. Rot-grün regierte Länder stimmen geschlossen dagegen; Bayern und Sachsen treiben das Verfahren voran.
Mai 2026
Merz erteilt im Koalitionsausschuss formelle Vorgabe: Halbierung der Asylerstanträge bis Dezember. SPD-Fraktion zeigt sich öffentlich reserviert, stimmt intern aber dem Maßnahmenpaket grundsätzlich zu.
Juni 2026 (aktuell)
Kabinett berät über Gesetzentwurf zur Verschärfung des Asylverfahrensgesetzes. Abstimmung im Bundestag für Ende des Monats geplant. Verfassungsrechtliche Einwände der Opposition werden im Rechtsausschuss geprüft.

Koalitionsspannungen: SPD zwischen Loyalität und Profil

Merz Wahlkampf Rede Menge

Innerhalb der Großen Koalition ist der Ton rauer geworden. Wie bereits in der Berichterstattung über die Schwarz-rot nach einem Jahr: Koalition unter Druck deutlich wurde, kämpft die SPD seit Monaten darum, in zentralen Politikfeldern eigene Akzente zu setzen — ohne die Regierungsstabilität zu gefährden. In der Asylpolitik ist dieser Balanceakt besonders schwierig.

Fraktionschefin Saskia Esken betonte in einem Interview, die SPD trage "humanitäre Verantwortung" und werde keinen Maßnahmen zustimmen, die gegen Grundrechte verstießen. Intern allerdings, das bestätigen Fraktionskreise, hat die SPD-Führung dem Merz-Paket im Kern zugestimmt — unter der Bedingung, dass Familiennachzug nicht weiter eingeschränkt und das Chancen-Aufenthaltsrecht unangetastet bleibe. Ob diese roten Linien halten, ist angesichts des Drucks aus dem Kanzleramt fraglich.

Der Haushaltskontext: Spardruck trifft Migrationspolitik

Nicht zu unterschätzen ist der fiskalische Hintergrund des Streits. Der aktuelle Merz-Koalition unter Druck: Haushaltsstreit zwischen CDU und SPD macht deutlich, wie eng die Handlungsspielräume sind. Die Kosten für Unterbringung, Verfahren und Integration von Asylsuchenden belaufen sich nach Berechnungen des Bundesfinanzministeriums auf schätzungsweise 22 Milliarden Euro im laufenden Haushaltsjahr — eine Summe, die sowohl CDU/CSU als auch Teile der SPD für nicht dauerhaft tragbar halten (Quelle: Bundesministerium der Finanzen; Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung).

Gleichzeitig stehen erhebliche Mittel für Verteidigung und Sicherheit bereit, die die Handlungsspielräume in anderen Bereichen einengen. Die Entscheidung, Deutschland erhöht Verteidigungsausgaben auf zwei Prozent, hat den Bundeshaushalt strukturell verändert und zwingt alle Ressorts zu Priorisierungsentscheidungen von historischem Ausmaß.

Fraktionspositionen:

CDU/CSU: Träger des Merz-Plans. Die Unionsfraktion fordert neben der Halbierung der Asylzahlen eine dauerhafte Verankerung von Zurückweisungen im Gesetz sowie die Einstufung weiterer Staaten als sichere Herkunftsländer, darunter Marokko und Georgien. Interne Stimmen aus der CSU drängen auf noch weitergehende Maßnahmen.

SPD: Grundsätzliche Zustimmung zum Maßnahmenpaket unter Bedingungen. Die Fraktion besteht auf Beibehaltung des Chancen-Aufenthaltsrechts, lehnt pauschale Zurückweisungen ohne Einzelfallprüfung ab und fordert eine Stärkung legaler Einwanderungswege für Fachkräfte als Gegengewicht zur Verschärfungspolitik.

Grüne: Klare Opposition. Die Fraktion kündigt Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht an, sollte das Gesetz grundrechtswidrige Zurückweisungen ermöglichen. Fraktionschef Nouripour spricht von einem "Angriff auf das Grundrecht auf Asyl" und verweist auf internationale Verpflichtungen aus der Genfer Flüchtlingskonvention.

AfD: Unterstützt die Richtung der Maßnahmen, kritisiert sie jedoch als "halbherzig". Die Fraktion fordert einen vollständigen Aufnahmestopp und Abschiebungen auch in Krisengebiete. Eine Zusammenarbeit mit der AfD lehnt die Koalition formell ab — die inhaltliche Annäherung in Teilen der Migrationspolitik wird von Beobachtern dennoch kritisch registriert.

Bundesrat: Länder zwischen Entlastungswunsch und Rechtsprinzipien

Die Länderkammer hat in diesem Politikfeld eine ambivalente Rolle eingenommen. Auf der einen Seite drängen viele Ministerpräsidenten, unabhängig von der Parteifarbe, auf eine Reduzierung der Zuzahlen — weil Kommunen und Länder bei Unterbringung und Betreuung an Kapazitätsgrenzen stoßen. Auf der anderen Seite haben mehrere rot-grün regierte Länder signalisiert, sie würden gegen ein Bundesgesetz, das Zurückweisungen ohne Einzelfallprüfung ermögliche, den Vermittlungsausschuss anrufen.

Bayern und Sachsen hingegen haben das Bundesgesetz aktiv eingefordert und eigene Initiativen in den Bundesrat eingebracht. Der Bundesrat hatte im April mit knapper Mehrheit ein Gesetz zur Ausweitung der Abschiebehaft verabschiedet — ein Signal, das Merz als politischen Rückenwind interpretiert. Verfassungsrechtler wie Professor Fabian Wittreck von der Universität Münster warnen jedoch, dass die Haftausweitung in ihrer jetzigen Form ebenfalls einer verfassungsgerichtlichen Prüfung möglicherweise nicht standhalte (Quelle: Deutsches Institut für Menschenrechte; Universität Münster, Lehrstuhl für Öffentliches Recht).

Kommunen: Zwischen Entlastung und Umsetzungsdruck

Auf kommunaler Ebene ist die Stimmung gespalten. Der Deutsche Städtetag begrüßte in einer Stellungnahme ausdrücklich das Ziel einer Reduzierung der Zugangszahlen, warnte aber gleichzeitig davor, die Integrationsinfrastruktur zu vernachlässigen. "Weniger Zugänge helfen nur dann, wenn wir die Menschen, die bereits hier sind, auch tatsächlich integrieren", sagte Städtetagspräsident Markus Lewe in Berlin. Der Deutsche Landkreistag betonte, viele Kreise seien bei der Unterbringung "am absoluten Limit" und bräuchten kurzfristige finanzielle Entlastung, unabhängig vom Ausgang der politischen Debatte (Quelle: Deutscher Städtetag; Deutscher Landkreistag).

Fraktion Sitze (Bundestag) Position zum Gesetzentwurf Abstimmungsverhalten erwartet
CDU/CSU 208 Zustimmung, treibende Kraft Geschlossen Ja
SPD 175 Bedingte Zustimmung Mehrheitlich Ja, Abweichler möglich
Grüne 117 Ablehnung Geschlossen Nein
AfD 152 Teilzustimmung, eigene Anträge Ja zu Teilen, Enthaltung bei anderen
BSW 36 Uneinheitlich Teilzustimmung wahrscheinlich
FDP 28 Grundsätzliche Unterstützung Mehrheitlich Ja

Merz unter Druck: Innenpolitisches Kalkül hinter der Verschärfung

Beobachter im Berliner Politikbetrieb sind sich einig: Die Verschärfung der Asylpolitik ist für Merz nicht allein inhaltlich motiviert. Umfragen zeigen, dass die Unionsparteien in der Wählergunst zuletzt leicht verloren haben und die AfD bei Themen wie Migration und innere Sicherheit weiterhin als glaubwürdiger wahrgenommen wird als die Regierungsparteien. Das Institut infratest dimap registrierte im Mai einen Rückgang der Kanzlerzufriedenheitswerte um vier Prozentpunkte auf 38 Prozent — der niedrigste Wert seit Amtsantritt (Quelle: infratest dimap im Auftrag der ARD; Forsa-Institut).

Wie die Analyse Merz nach einem Jahr unter Druck: Kanzleramt verliert an Zustimmung ausführlich darlegt, kämpft die Bundesregierung auf mehreren Fronten gleichzeitig — Haushalt, Verteidigung, Wirtschaft und nun Migration. Die Konzentration auf das Asylthema könnte ein Versuch sein, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren und die eigene Basis zu mobilisieren.

Internationale Dimension: Europäische Partner unter Zugzwang

Deutschlands Verschärfungskurs setzt auch europäische Nachbarn unter Druck. Österreich und die Niederlande haben eigene restriktive Maßnahmen angekündigt oder bereits umgesetzt. Die EU-Kommission arbeitet derweil an einer Überarbeitung des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS), das eine gerechtere Verteilung von Schutzsuchenden auf die Mitgliedstaaten vorsehen soll — ein Projekt, das seit Jahren scheitert und dessen Erfolgsaussichten angesichts der nationalen Alleingänge weiter gesunken sind (Q

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Markus Bauer
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Markus Bauer verfolgt die Entwicklungen in Tech, KI und Digitalpolitik. Er analysiert, wie neue Technologien Gesellschaft und Wirtschaft verändern — von Datenschutz bis Plattformregulierung.

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