ZenNews24› Politik› Schwarz-rot nach einem Jahr: Koalition unter Druck Politik Schwarz-rot nach einem Jahr: Koalition unter Druck Die Bundesregierung hat ihre ersten zwölf Monate absolviert – doch große Reformen stehen noch aus. Von Thomas Weber 11.08.2025, 15:00 Uhr 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 08.05.2026 Das Wichtigste in Kürze Die schwarz-rote Koalition steht nach zwölf Monaten an einem entscheidenden Wendepunkt. Zwölf Monate, ein Koalitionsvertrag, aber kaum spürbare Ergebnisse für die Bevölkerung: Die schwarz-rote Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz hat ihr erstes Amtsjahr hinter sich – und die Bilanz fällt ernüchternd aus. Laut einer aktuellen Infratest-dimap-Erhebung bewerten nur 34 Prozent der Deutschen die bisherige Regierungsarbeit als positiv. Das ist der niedrigste Wert für eine Bundesregierung nach einem Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen.InhaltsverzeichnisZwischen Koalitionsfrieden und ReformstauZeitleiste: Wichtige Ereignisse im ersten RegierungsjahrFraktionspositionen im ÜberblickAbstimmungsverhalten und KoalitionsverhältnisseMerz unter Druck – das Kanzleramt in der KritikSPD: Identitätskrise in der RegierungWas das zweite Jahr bringen muss Zwischen Koalitionsfrieden und Reformstau Die Koalition aus CDU/CSU und SPD, die nach langwierigen Verhandlungen im Frühjahr gebildet wurde, steht sinnbildlich für das Grunddilemma der deutschen Volksparteien: Beide Partner bringen unterschiedliche Wählergruppen mit, unterschiedliche ideologische Grundannahmen – und haben sich dennoch auf ein gemeinsames Regierungsprojekt eingelassen. Das Ergebnis ist ein Koalitionsvertrag, der auf rund 140 Seiten viele Kompromisse, aber wenige klare Prioritäten benennt. Wie CDU/CSU und SPD die Koalitionsverhandlungen für Schwarz-Rot gestalteten, war bereits ein Vorgeschmack auf die Schwierigkeiten, die folgen sollten: Wochenlang stritten beide Seiten um Wirtschaftspolitik, Rentenreform und Migrationsfragen. Das Resultat war ein Dokument, das viele Fragen offen ließ und zentrale Konflikte lediglich vertagt hatte. ZenNews24 auf YouTube Im ersten Regierungsjahr hat sich dieses Muster fortgesetzt. Zwar wurden einige kleinere Vorhaben abgehakt – Änderungen im Gebäudeenergiegesetz, Anpassungen bei der Kindergrundsicherung, erste Schritte bei der Verwaltungsdigitalisierung. Doch die großen strukturellen Reformen, die Deutschland nach Einschätzung führender Wirtschaftsforschungsinstitute dringend benötigt, sind ausgeblieben. Das Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) warnte zuletzt, der Reformstau in der Haushalts-, Renten- und Energiepolitik werde zunehmend zum Wachstumshemmnis. (Quelle: Ifo-Institut) Wirtschaftspolitik: Streit um Investitionen und Schuldenbremse Das wirtschaftspolitische Kernthema des ersten Jahres war der Dauerkonflikt um Investitionsfinanzierung und Schuldenbremse. Die SPD drängte wiederholt auf eine Reform des Grundgesetzes, um staatliche Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Klimaschutz möglich zu machen. Die Union lehnte eine Aufweichung der Schuldenbremse kategorisch ab – ein Versprechen, das Merz bereits im Wahlkampf gegeben hatte und von dem er seither nicht abrücken will.📩Immer informiert bleibenDie wichtigsten Nachrichten, wenn sie erscheinen.Newsletter holen Dennoch hat die Koalition mit dem sogenannten Sondervermögen für Verteidigung und Infrastruktur, das bereits vor Regierungsbildung im Grundgesetz verankert wurde, einen Kompromiss gefunden, der de facto eine erhebliche Ausweitung staatlicher Kreditaufnahme ermöglicht. Das Bundesverfassungsgericht hat den entsprechenden Beschluss bislang nicht beanstandet, entsprechende Klagen von Oppositionsparteien wurden abgewiesen. Die formale Einhaltung der Schuldenbremse im Bundeshaushalt bleibt damit ein symbolischer Erfolg der Union – der Sache nach aber ein Paradoxon, das viele Ökonomen skeptisch betrachten. Besonders angespannt ist die Lage in der Industriepolitik. Mehrere Großunternehmen haben in diesem Jahr Stellenabbau und Verlagerungen angekündigt. Die Koalition reagierte mit einem „Industriepakt", dessen Inhalte jedoch von Wirtschaftsverbänden als unzureichend kritisiert wurden. (Quelle: Bundesverband der Deutschen Industrie, BDI) Migrationspolitik: Härterer Kurs, ungeklärte Rechtsfragen Kein Thema hat die Koalition im ersten Jahr stärker geprägt als Migration. Unter dem Druck der erstarkten AfD und nach den Auseinandersetzungen der vergangenen Legislaturperiode hat die Regierung einen deutlich restriktiveren Kurs eingeschlagen. Stationäre Grenzkontrollen wurden ausgeweitet, Abschiebungen beschleunigt, und das Asylrecht wurde an mehreren Stellen verschärft. Doch dieser Kurs ist nicht ohne rechtliche Risiken. Der Bundesrat, in dem viele Länder von unterschiedlichen Mehrheiten regiert werden, hat mehreren Verschärfungen zunächst widersprochen oder Änderungen verlangt. In einem zentralen Fall – dem beschleunigten Rückführungsverfahren an den Außengrenzen – haben mehrere Landesregierungen angekündigt, Klage beim Bundesverfassungsgericht einzureichen. Eine Entscheidung des Gerichts steht noch aus. Das Bundesverfassungsgericht hatte in der Vergangenheit bereits in ähnlichen Konstellationen betont, dass Asylverfahrensrechte nicht schematisch verkürzt werden dürfen. Für die SPD ist der verschärfte Kurs ein innenpolitisches Minenfeld: Teile der Partei und der Gewerkschaften laufen Sturm gegen die Vereinbarungen. Arbeitsminister Lars Klingbeil hat wiederholt betont, die humanitären Grundsätze seien nicht verhandelbar – während seine Partei im Kabinett den Kompromissen zustimmt. Diesen Widerspruch wird die SPD noch länger beschäftigen. Zeitleiste: Wichtige Ereignisse im ersten Regierungsjahr Pol Parteien Wahl Frühjahr – Koalitionsvertrag und Vereidigung Nach wochenlangen Verhandlungen unterzeichnen CDU/CSU und SPD den Koalitionsvertrag. Friedrich Merz wird im Bundestag zum Bundeskanzler gewählt und vereidigt. Das Kabinett nimmt seine Arbeit auf. Bereits in den ersten Wochen zeichnen sich Konfliktlinien in der Wirtschafts- und Migrationspolitik ab. Sommer – Sondervermögen und Haushaltsdebatte Der Bundestag beschließt den regulären Haushalt nach zähen Verhandlungen. Das Sondervermögen für Verteidigung und Infrastruktur wird aktiviert. Erste Streitigkeiten über die Mittelverwendung führen zu öffentlichen Auseinandersetzungen zwischen Finanzminister und SPD-Ressorts. Herbst – Verschärfung der Migrationspolitik Die Koalition verabschiedet ein umstrittenes Migrationspaket. Der Bundesrat verlangt Änderungen in Teilbereichen, ein Vermittlungsausschuss wird einberufen. Mehrere SPD-Landesverbände äußern öffentlich Kritik an den eigenen Bundesministern. Die Zustimmungswerte der Regierung sinken. Winter – Jahresbilanz und wachsende Spannungen Zum Jahresende veröffentlichen mehrere Wirtschaftsforschungsinstitute kritische Bilanzen. Die Umfragewerte beider Koalitionspartner stagnieren. Interne Diskussionen über den weiteren Kurs intensivieren sich. Merz kündigt eine „Agenda für das zweite Jahr" an – Kritiker sprechen von Ankündigungspolitik. Laufend – Oppositionsdynamik und Verfassungsrechtsfragen AfD und Grüne nutzen parlamentarische Instrumente intensiv, um Regierungshandeln zu hinterfragen. Mehrere Anfragen zu Migrationsentscheidungen landen vor dem Bundesverfassungsgericht. Die FDP beobachtet aus der Opposition – und profiliert sich mit wirtschaftsliberalen Alternativen. Fraktionspositionen im Überblick Fraktionspositionen: CDU/CSU verteidigt den bisherigen Kurs als solide Grundlagenarbeit, pocht auf Haushaltsdisziplin und sieht in der Migrationspolitik einen Kurswechsel, den die Bevölkerung gefordert habe. SPD betont soziale Ausgewogenheit, kämpft intern um die Deutungshoheit und strebt eine stärkere Sichtbarkeit bei Rente, Mindestlohn und Arbeitnehmerrechten an. Grüne üben scharfe Oppositionskritik an der Klimapolitik, bezeichnen die Maßnahmen als unzureichend und verweisen auf die Klimaschutzziele, von denen die Koalition deutlich abweiche. AfD lehnt die Koalitionspolitik grundsätzlich ab, kritisiert jedoch paradoxerweise sowohl die Migrationsbeschlüsse als nicht weitreichend genug als auch die Haushaltspolitik als zu wenig auf nationale Interessen ausgerichtet. Abstimmungsverhalten und Koalitionsverhältnisse Themenbereich CDU/CSU-Position SPD-Position Ergebnis im Bundestag Sondervermögen Verteidigung/Infrastruktur Zustimmung Zustimmung Angenommen (Zweidrittelmehrheit) Migrationspaket (erste Lesung) Zustimmung Mehrheitlich Zustimmung, Enthaltungen Angenommen mit knapper Mehrheit Kindergrundsicherung – Reformmodell Teilweise Zustimmung Zustimmung Angenommen nach Ausschussänderungen Haushalt – laufendes Jahr Zustimmung Zustimmung Angenommen Rentenreform (Grundkonzept) Ablehnung weitergehender Reformen Forderung nach struktureller Reform Vertagt – kein Beschluss Merz unter Druck – das Kanzleramt in der Kritik Friedrich Merz ist der Kanzler, der mit dem Versprechen angetreten ist, Deutschland wirtschaftlich neu aufzustellen und Migration zu begrenzen. Ein Jahr später hat er in beiden Bereichen Teilerfolge vorzuweisen – aber keine strukturellen Durchbrüche erzielt. Die Diskussion über Merz nach einem Jahr unter Druck und das Kanzleramt, das an Autorität verliert, ist in Berlin kein Randphänomen mehr, sondern Gesprächsthema in den Hauptstadtredaktionen und in den Fraktionssälen des Bundestages. Die Kritik kommt von mehreren Seiten: Wirtschaftsverbände bemängeln fehlende Planungssicherheit. Gewerkschaften kritisieren Sozialabbau durch die Hintertür. Und in der eigenen Fraktion gibt es leise Stimmen, die bezweifeln, ob der Regierungsstil von Merz – oft als „Ansage-Kanzler" beschrieben – wirklich koalitionstauglich ist. Ein Kanzler, der im Wahlkampf klare Kante gezeigt hat, muss in der Koalition Kompromisse schließen. Dieser Spagat gelingt ihm nach Einschätzung vieler Beobachter nur unzulänglich. Die umfassendste Analyse dazu liefert die Bestandsaufnahme zur schwarz-roten Koalition und den Bilanzdefiziten nach Jahresfrist unter Merz. Demnach fehlt es der Regierung an einer klaren kommunikativen Strategie, die beide Koalitionspartner gleichermaßen trägt. Das ist kein neues Problem in der deutschen Politik – aber in einer Zeit, in der die AfD von Umfrage zu Umfrage stabil hohe Werte erzielt, besonders riskant. SPD: Identitätskrise in der Regierung Für die SPD ist das erste Regierungsjahr eine Gratwanderung. Die Partei regiert mit und trägt Kompromisse mit, die an ihrer Basis für erheblichen Unmut sorgen. Gleichzeitig gelingt es ihr kaum, eigene Erfolge sichtbar zu machen. Der Mindestlohn wurde nicht wesentlich erhöht, die Rentenreform liegt auf Eis, und die Migrationsbeschlüsse werden von vielen Sozialdemokraten als Verrat an Grundüberzeugungen empfunden. Die Parteiführung um Ko-Vorsitzende Saskia Esken und Lars Klingbeil versucht, nach innen Geschlossenheit zu demonstrieren – nach außen aber fehlt das klare Profil. Die Bilanz eines Jahres Schwarz-Rot als schwierige Koalition zeigt: Beide Partner haben in zwölf Monaten mehr Energie damit verbracht, Konflikte zu managen, als gemeinsam Projekte voranzutreiben. Was das zweite Jahr bringen muss Die Halbzeitbilanz – noch bevor sie offiziell ist – fällt nüchtern aus. Das ist nichts Ungewöhnliches für Koalitionsregierungen in Deutschland; erfahrungsgemäß nimmt die Reformdynamik im zweiten und dritten Amtsjahr zu, wenn beide Partner verstanden haben, wo die roten Linien des anderen verlaufen. Doch die Ausgangslage ist diesmal schlechter als in früheren Großen Koalitionen: Die wirtschaftliche Lage ist angespannt, die gesellschaftliche Polarisierung hoch, und der Druck aus der parlamentarischen Opposition – vor allem von der AfD – nimmt nicht ab. Für das zweite Jahr stehen mehrere Großvorhaben auf der Agenda: die Rentenreform, eine Neuordnung der Krankenhausfinanzierung, Fortschritte bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung und die Konkretisierung des Klimaschutzprogramms. Zu all diesen Themen gibt es im Koalitionsvertrag Ankündigungen – aber wenig verbindliche Meilensteine. Wer die tiefere Dimension dieser Bilanz verstehen will, findet sie in den ausführlichen Analysen zur Bilanz nach einem Jahr Koalition und der Regierung zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Das Fazit ist ernüchternd, aber nicht hoffnungslos: Die Koalition existiert, sie funktioniert – aber sie gestaltet nicht. Ob das im zweiten Jahr anders wird, hängt nicht zuletzt davon ab, ob beide Parteien bereit sind, das eigene Profil temporär zugunsten gemeinsamer Projekte zurückzustellen. (Quelle: Forschungsgruppe Wahlen) Die entscheidende Frage, die sich viele Bürgerinnen und Bürger stellen, formuliert eine aktuelle Analyse prägnant: Was hat die Koalition in einem Jahr wirklich erreicht? Die Antwort ist unbequem: vieles angekündigt, wenig dauerhaft verändert. Für eine Koalition, die mit dem Anspruch angetreten ist, Deutschland zu modernisieren, ist das eine Warnung – keine Katastrophe, aber ein ernstes Signal. Mehr zum ThemaKoalition unter Druck – Schwesig kritisiert, Schröder umstrittenGescheitertes Versprechen: Die Koalition sucht nach dem NeustartKoalition mangelt es an Vertrauen und Organisation Quelle: Tagesschau Teilen Teilen X Facebook WhatsApp Link kopieren Wie findest du das? 🔥 0 😲 0 🤔 0 👍 0 😢 0 Koalition Bundespolitik CDU/CSU SPD Regierungsbilanz T Thomas Weber Politik & Wirtschaft Thomas Weber beobachtet seit über 15 Jahren die deutsche Bundespolitik und europäische Wirtschaftsentwicklungen. Sein Schwerpunkt liegt auf Haushaltspolitik, Koalitionsdynamiken und internationaler Handelspolitik. 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