AfD mit 20,8 Prozent: Zweitstärkste Kraft im neuen Bundestag
Die AfD zieht erstmals als zweitstärkste Kraft in den Bundestag ein. SPD und Grüne verlieren deutlich.
20,8 Prozent und Platz zwei: Die Alternative für Deutschland zieht nach dem historischen Ergebnis der Bundestagswahl 2025 erstmals als zweitstärkste Kraft in den Deutschen Bundestag ein — ein Ergebnis, das die politische Landschaft der Bundesrepublik nachhaltig verändert und die etablierten Parteien vor fundamentale Fragen zur Koalitionsbildung stellt.
Ein historischer Einschnitt für das deutsche Parteiensystem
Es war der Abend des 23. Februar, der die politischen Koordinaten der Bundesrepublik neu justierte. Mit 20,8 Prozent der Zweitstimmen erzielte die AfD ihr bestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl überhaupt und verdrängte die SPD auf den dritten Platz. Die Sozialdemokraten, einst stolze Volkspartei und zuletzt noch Regierungspartei unter Bundeskanzler Olaf Scholz, stürzten auf rund 16 Prozent ab — ein Absturz von historischem Ausmaß. Die Grünen, bis vor wenigen Jahren noch Aufsteiger der Stunde, landeten bei knapp über acht Prozent und damit deutlich unter den Erwartungen ihrer eigenen Parteiführung.
Das Ergebnis ist kein Betriebsunfall, sondern das Resultat einer langen Entwicklung. Die Unzufriedenheit mit der Ampelkoalition, die innenpolitischen Streitigkeiten um Energiepolitik, Haushaltsdisziplin und die Migrationsdebatte, die zuletzt die Bundestagssitzungen dominierte, haben der AfD Zulauf verschafft wie keiner anderen Partei. Hinzu kamen wirtschaftliche Abstiegsängste in breiten Bevölkerungsschichten, die sich von keiner der Regierungsparteien mehr repräsentiert fühlten.
Für die parlamentarische Demokratie bedeutet das Ergebnis eine Zäsur: Erstmals seit Bestehen der Bundesrepublik in ihrer heutigen Form ist eine Partei, die vom Verfassungsschutz in mehreren Landesverbänden als gesichert extremistisch eingestuft wird, zweitstärkste Kraft im Deutschen Bundestag. Das Bundesverfassungsgericht hatte zuletzt in mehreren Entscheidungen klargestellt, dass die Verfassung staatliche Stellen nicht daran hindert, Parteien, die verfassungsschutzrechtlich beobachtet werden, in der politischen Auseinandersetzung zu benennen — gleichzeitig aber betont, dass Parlamentsmandate demokratisch legitimiert sind und verfassungsrechtlichen Schutz genießen.
Die Gewinner und Verlierer im Überblick

| Partei | Ergebnis 2025 | Ergebnis 2021 | Veränderung | Sitze (ca.) |
|---|---|---|---|---|
| CDU/CSU | 28,5 % | 24,1 % | +4,4 % | ca. 208 |
| AfD | 20,8 % | 10,3 % | +10,5 % | ca. 152 |
| SPD | ~16,0 % | 25,7 % | –9,7 % | ca. 120 |
| Grüne | ~8,0 % | 14,8 % | –6,8 % | ca. 57 |
| FDP | ~4,8 % | 11,5 % | –6,7 % | 0 (unter 5 %) |
| BSW | ~4,9 % | – | Neugründung | 0 / knapp |
| Linke | ~3,0 % | 4,9 % | –1,9 % | Direktmandate |
(Quelle: Bundeswahlleiter, vorläufiges amtliches Ergebnis)
Die FDP verpasste die Fünfprozenthürde deutlich — ein Ergebnis, das den liberalen Traditionsflügel der deutschen Politik vor eine Existenzfrage stellt. Das Bündnis Sahra Wagenknecht bewegte sich im Bereich der Sperrklausel, ohne diese sicher zu überwinden. Lediglich die Linke konnte über gewonnene Direktmandate Fraktionsstärke erreichen, was parlamentarisch eine Besonderheit darstellt, die das Bundesverfassungsgericht in früheren Urteilen ausdrücklich als verfassungskonform bestätigt hat.
Fraktionspositionen: CDU/CSU unter Fraktionschef Jens Spahn — mit 86 Prozent in seinem Amt bestätigt — verweigert jede Koalition oder formelle Zusammenarbeit mit der AfD und setzt auf eine bürgerliche Mehrheitsregierung ohne die Rechtspopulisten. SPD fordert klare Abgrenzung nach rechts und sieht sich in der oppositionellen Erneuerung, nachdem das Scholz-Kabinett am Vertrauensverlust der Bevölkerung gescheitert ist. Grüne betonen ihren Anspruch als konstruktive Oppositionskraft und schließen eine Tolerierung einer unionsgeführten Regierung nicht grundsätzlich aus, knüpfen dies jedoch an klimapolitische Mindeststandards. AfD beansprucht als zweitstärkste Kraft eine politische Führungsrolle und fordert Zugang zu Ausschussvorsitzen sowie eine Beteiligung an der parlamentarischen Infrastruktur, was nach Geschäftsordnung des Bundestages ihr rechtlich zusteht.
Wie es zu diesem Ergebnis kam: Chronologie einer Zeitenwende
Die strukturellen Ursachen des AfD-Aufstiegs
Politikwissenschaftler verweisen auf ein Bündel von Faktoren, das den Aufstieg der AfD zur zweitstärksten Bundestagskraft ermöglichte. An erster Stelle steht die wirtschaftliche Verunsicherung: Deindustrialisierung, steigende Energiepreise — nicht zuletzt befeuert durch die Debatte um Robert Habecks Energiepolitik, die der Wirtschaftsminister mehrfach im Bundestag verteidigen musste — sowie Reallohnverluste in der Breite der Gesellschaft haben eine Stimmung erzeugt, in der Proteststimmen an Zuspruch gewinnen.
Hinzu kommt eine tiefe Vertrauenskrise gegenüber den etablierten Parteien. Zahlreiche Befragungen zeigen, dass ein erheblicher Teil der AfD-Wählerschaft nicht primär aus ideologischer Überzeugung, sondern aus Enttäuschung über die bisherigen Volksparteien votiert hat. (Quelle: Infratest dimap, Wahltagsbefragung) Besonders ausgeprägt ist dieser Effekt in ostdeutschen Bundesländern, wo die AfD in mehreren Regionen zur stärksten Partei wurde und teils Ergebnisse von über 30 Prozent einfuhr.
Ein weiterer Faktor ist die Professionalisierung der Partei selbst. War die AfD in ihrer Anfangsphase durch interne Flügelkämpfe und öffentliche Skandale geprägt, trat sie im Wahlkampf geschlossener auf als in früheren Zyklen. Führungspersönlichkeiten der Partei vermieden bewusst strafrechtlich oder verfassungsrechtlich relevante Äußerungen im Wahlkampfendspurt — eine taktische Zurückhaltung, die Erstwähler und bürgerliche Protestwähler ansprach.
Parlamentarische Konsequenzen und Verfassungsrechtsfragen
Das starke AfD-Ergebnis hat unmittelbare verfassungsrechtliche und parlamentarische Konsequenzen. Als zweitstärkste Fraktion steht der AfD nach der Geschäftsordnung des Bundestages ein proportionaler Anteil an Ausschussvorsitzen zu. Eine Verweigerung durch die übrigen Fraktionen wäre parlamentarisch umstritten und würde aller Voraussicht nach zu einem Antrag vor dem Bundesverfassungsgericht führen. Das Gericht hat in seiner Rechtsprechung wiederholt betont, dass parlamentarische Minderheiten- und Fraktionsrechte unabhängig von der inhaltlichen Ausrichtung einer Partei zu wahren sind, solange diese demokratisch legitimiert im Parlament sitzt.
Der Bundesrat, in dem die Landesregierungen vertreten sind, dürfte zur zentralen Vetomacht der kommenden Legislaturperiode werden. Bundesgesetze, die der Zustimmung des Bundesrates bedürfen, werden nur dann verabschiedet werden können, wenn die künftige Bundesregierung auch im Länderrat ausreichend Unterstützung findet. Die Zusammensetzung der Landesregierungen spielt hier eine entscheidende Rolle — und in einigen ostdeutschen Ländern haben CDU-geführte Minderheitsregierungen Duldungsarrangements mit der AfD getroffen, was Fragen zur Konsistenz des bundesweiten Abgrenzungsbeschlusses der Union aufwirft.
Koalitionsoptionen und die Frage der Regierungsbildung
Mathematisch stehen CDU/CSU nach aktuellem Stand mehrere Koalitionsoptionen offen: eine große Koalition mit der SPD, ein schwarz-grünes Bündnis oder ein Dreierbündnis aus Union, SPD und Grünen. Alle Varianten setzen voraus, dass die beteiligten Parteien inhaltlich tragfähige Kompromisse finden — eine Aufgabe, die angesichts der Differenzen in der Wirtschafts-, Klima- und Migrationspolitik erhebliche Verhandlungsführung erfordert.
Jens Spahn, der als Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU mit breiter Mehrheit im Amt bestätigt wurde, hat klargestellt, dass eine Zusammenarbeit mit der AfD auf Bundesebene für die Union nicht infrage kommt. Diese Brandmauer, wie sie innerparteilich bezeichnet wird, ist jedoch nicht unumstritten. Innerhalb der Union gibt es Stimmen — vor allem aus ostdeutschen Landesverbänden —, die vor einer dauerhaften Isolationspolitik warnen und auf die Notwendigkeit hinweisen, die Wählerinnen und Wähler der AfD inhaltlich zurückzugewinnen statt sie dauerhaft zu ignorieren.
Für die SPD stellt das Wahlergebnis eine existenzielle Herausforderung dar. Mit rund 16 Prozent hat die Partei ihr schlechtestes Bundestagsergebnis der Nachkriegsgeschichte eingefahren. Die Personalfragen sind noch nicht abschließend geklärt, doch die Parteiführung steht unter erheblichem Erneuerungsdruck. Eine Beteiligung an einer Großen Koalition würde kurzfristig Stabilität sichern, birgt aber das Risiko weiterer Erosion, wie die Erfahrungen früherer GroKo-Regierungen zeigen.
Die Grünen stehen ebenfalls vor einer Neuorientierung. Der Verlust von knapp sieben Prozentpunkten gegenüber dem Wahlergebnis vor vier Jahren zeigt, dass die Partei ihren Zenit als gesellschaftliche Aufstiegsbewegung überschritten hat. Ob sie in der Opposition Profil schärfen oder als kleinerer Partner einer Unionsregierung Klimapolitik gestalten können, ist innerparteilich umstritten.
Was das Ergebnis für die Demokratie bedeutet
Politologen und Verfassungsrechtler sind sich einig, dass das Ergebnis die Belastbarkeit des deutschen demokratischen Systems auf die Probe stellt — ohne dass von einem akuten Systemversagen gesprochen werden könnte. Die Institutionen funktionieren, die Wahlbeteiligung war hoch, und der Wechsel der Machtverhältnisse vollzog sich auf dem gesetzlich vorgesehenen Weg. (Quelle: Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages)
Gleichwohl sendet das Ergebnis ein deutliches Signal: Weite Teile der Bevölkerung fühlen sich durch das bisherige Parteienspektrum nicht mehr angemessen vertreten. Ob die etablierten Parteien in der kommenden Legislaturperiode die Fähigkeit entwickeln, dieses Vertrauen zurückzugewinnen, wird darüber entscheiden, ob das AfD-Ergebnis eine vorübergehende Protestwelle oder der Beginn einer dauerhaften Verschiebung im deutschen Parteiensystem darstellt. Die Antwort auf diese Frage wird nicht im Wahllokal gegeben — sondern in den kommenden Jahren parlamentarischer Arbeit.















