Wirtschaft

Interview mit Herfried Münkler: „Als Schutzmacht hat Trump die USA nachhaltig beschädigt“

Politologe Herfried Münkler analysiert, wie Trumps Iranpolitik das Vertrauen in die USA als Schutzmacht – und die Weltwirtschaft – nachhaltig erschüttert.

Von ZenNews24 Redaktion 3 Min. Lesezeit
Interview mit Herfried Münkler: „Als Schutzmacht hat Trump die USA nachhaltig beschädigt“
Das Wichtigste in Kürze
  • Der Politologe Herfried Münkler kommt zu einer klaren Diagnose: Die Vereinigten Staaten sind aus dem Iran-Konflikt geschwächt hervorgegangen
  • Im Gespräch mit ZenNews24 erklärt der Berliner Politikwissenschaftler, wie widersprüchliche Signale der Trump-Administration nicht nur die geopolitische Stabilität gefährden, sondern auch das…

Der Politologe Herfried Münkler kommt zu einer klaren Diagnose: Die Vereinigten Staaten sind aus dem Iran-Konflikt geschwächt hervorgegangen. Im Gespräch mit ZenNews24 erklärt der Berliner Politikwissenschaftler, wie widersprüchliche Signale der Trump-Administration nicht nur die geopolitische Stabilität gefährden, sondern auch das Vertrauen in die amerikanische Schutzfunktion weltweit untergraben. Für Wirtschaft und Sicherheitspolitik des Westens entstehen dadurch Risiken, die weit über den unmittelbaren Konflikt hinausreichen.

Glaubwürdigkeitsverlust als wirtschaftliches Risiko

Münkler sieht in den wiederholten Eskalations- und Deeskalationszyklen ein strukturelles Glaubwürdigkeitsproblem, das direkte Folgen für globale Märkte hat. Eine inkonsistente Außenpolitik unterminiere das Vertrauen von Partnern und Gegnern gleichermaßen. „Eine Schutzmacht muss berechenbar sein. Das ist das Fundament ihrer Autorität", sagt der Politologe. Dieses Fundament haben die USA durch widersprüchliche Signale erheblich beschädigt.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind messbar: Investoren, Unternehmen und Regierungen kalkulieren mit höheren Unsicherheitsaufschlägen. Das schlägt sich in steigenden Risikoprämien bei Auslandsinvestitionen, volatileren Aktienmärkten und verstärkter Nachfrage nach sicheren Häfen wie Gold und Schweizer Franken nieder. Für Deutschland, dessen Wirtschaftsmodell auf offenen Märkten und stabilen Lieferketten basiert, verschärft diese Unsicherheit eine ohnehin angespannte Konjunkturlage.

Konjunkturindikatoren: Unsicherheitsprämien im Überblick

VIX-Index (Volatilität S&P 500): Ø 18,5 Punkte (historischer Schnitt: 15,2 Punkte)
Ölpreis (Brent): Spitzenwert bei ca. 89 USD/Barrel; geopolitischer Risikoaufschlag geschätzt 8–12 Prozent
Credit Spreads (Investment Grade, USD): ca. +145 Basispunkte über risikofreier Rate
Goldpreis: Rund 6 Prozent über dem Jahresdurchschnitt
ifo-Exporterwartungen Deutschland: Saldo gesunken, zuletzt auf niedrigstem Stand seit zwei Jahren
Quelle: Bloomberg, ifo Institut, eigene Auswertung (Indikatoren sind Näherungswerte, Stand: Redaktionsschluss)

Wichtig ist dabei die Einordnung: Die genannten Marktbewegungen lassen sich nicht monokausal auf die US-Iranpolitik zurückführen. Inflation, Zinswende von Fed und EZB sowie strukturelle Nachfrageschwäche in China wirken parallel. Die geopolitische Unsicherheit verstärkt diese Trends jedoch und macht eine Erholung schwieriger.

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Der Iran gestärkt – eine geopolitische Verschiebung

Paradoxerweise hat die aggressive Rhetorik der Trump-Administration den Iran nicht geschwächt, sondern dessen regionale Position konsolidiert. Das Regime in Teheran konnte sich als Opfer amerikanischer Aggression inszenieren und seine Einflussnetzwerke in der Region ausbauen. Münkler betont: Durch wiederholte Eskalationen mit anschließenden Rückzügen habe der Iran demonstriert, dass er sich nicht einschüchtern lasse – ein Narrativ mit erheblicher Strahlkraft in der muslimisch geprägten Welt.

Die Folgen sind konkret: Der Iran verfügt nun über größere Handlungsspielräume in Syrien, dem Irak und gegenüber der Huthi-Bewegung im Jemen – ohne unmittelbare amerikanische Gegenreaktion fürchten zu müssen. Die Straße von Hormus, durch die schätzungsweise 20 bis 25 Prozent des weltweiten Seeöltransports fließen, bleibt damit eine strukturelle Verwundbarkeit globaler Energieversorgung. Reedereien reagieren bereits mit höheren Versicherungsprämien, was Transportkosten treibt und deutsche Lieferketten zusätzlich belastet.

Für energieintensive Branchen wie Chemie, Stahl und Automobil ist das keine abstrakte Gefahr. Schon moderate Störungen im Persischen Golf können Energiepreisschocks auslösen, die die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Industriestandorts weiter drücken.

Verbündete diversifizieren – auf Kosten westlicher Kohäsion

Ein zentrales Element von Münklers Analyse ist die Erosion des Vertrauens unter westlichen Verbündeten. Israel, die Golfstaaten und europäische Regierungen müssen neu kalkulieren, ob amerikanische Sicherheitsgarantien im Ernstfall belastbar sind. Wenn Drohungen folgenlos zurückgenommen werden, verlieren formelle Bündniszusagen an Substanz.

Das Ergebnis ist eine fragmentiertere Sicherheitsarchitektur: Länder entwickeln verstärkt eigenständige Verteidigungskapazitäten, ohne diese zu koordinieren. Gleichzeitig entstehen Anreize für NATO-Mitglieder wie die Türkei, außenpolitische Optionen zu diversifizieren – was die transatlantische Bindung strukturell lockert. Auch in Ostasien beobachten Länder wie Japan, Südkorea und Taiwan die amerikanische Verlässlichkeit genau.

Aus wirtschaftlicher Sicht bedeutet diese Fragmentierung: höhere Rüstungsausgaben auf Kosten produktiver Investitionen, weniger Koordination bei sicherheitsrelevanter Infrastruktur und ein geschwächter Westen bei der Durchsetzung von Handelsregeln und Standards. Die Fähigkeit, ein regelbasiertes internationales Wirtschaftssystem zu gestalten und zu verteidigen, hängt maßgeblich an amerikanischer Führungskraft – und diese steht zur Disposition. Ob die USA diese Rolle langfristig zurückgewinnen können, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob künftige Administrationen Berechenbarkeit und Bündnistreue wieder als strategische Ressource begreifen. Für Europa und Deutschland bleibt in der Zwischenzeit nur eine Konsequenz: mehr Eigenverantwortung, mehr Investitionen in gemeinsame Kapazitäten – und eine nüchterne Neubewertung dessen, worauf im transatlantischen Verhältnis noch Verlass ist.

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Quelle: AutoEditor/wirtschaft
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