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Secondhand-Mode: Vom Nischenmarkt zum Milliarden-Business

Vinted, Humana, Vintage — der Wandel im Modehandel

Von ZenNews24 Redaktion 6 Min. Lesezeit
Secondhand-Mode: Vom Nischenmarkt zum Milliarden-Business

Die Modeindustrie erlebt derzeit einen radikalen Wandel. Während große Einzelhandelsketten mit sinkenden Besucherzahlen kämpfen, boomen Secondhand-Plattformen wie nie zuvor. Vinted, Humana, Zalando Second Hand und unzählige Vintage-Shops prägen das neue Gesicht des Modehandels. Was früher als Nischenmarkt für Schnäppchenjäger und Umweltbewusste galt, ist längst zum Milliarden-Business avanciert – und das ist erst der Anfang.

Von der Geheimtipp-Ecke zur Mainstream-Revolution

Streaming auf dem Sofa
Streaming auf dem Sofa

Es ist noch gar nicht so lange her, dass Secondhand-Shopping mit einem gewissen Stigma behaftet war. Wer auf dem Flohmarkt oder in Vintage-Läden shoppen ging, tat das eher aus finanzieller Notwendigkeit als aus Überzeugung. Doch die Zeiten haben sich fundamental gewandelt. Secondhand-Mode ist zum Statement geworden – zum Zeichen von Nachhaltigkeit, Individualität und bewusstem Konsum. Und vor allem: zum Geschäftsmodell mit enormem Potenzial.

Plattformen wie Vinted haben diese Entwicklung maßgeblich geprägt. Die litauische App, die als Peer-to-Peer-Marktplatz funktioniert, zählt mittlerweile über 65 Millionen Nutzer in mehr als 20 Ländern. Nutzer können dort getragene Kleidungsstücke, Schuhe und Accessoires fotografieren, hochladen und verkaufen. Der Prozess ist unkompliziert, die Community aktiv, der Einstieg niedrigschwellig. Was als kleine Startup-Idee begann, ist heute ein milliardenschweres Unternehmen mit einer Bewertung von zuletzt rund fünf Milliarden Euro.

Auch Humana – ursprünglich eine schwedische Non-Profit-Organisation, die gebrauchte Kleidung sammelt und weiterverkauft – hat sich zu einem festen Bestandteil der europäischen Secondhand-Landschaft entwickelt, mit physischen Läden in Deutschland, Spanien und weiteren Märkten. Internationale Akteure wie Depop und Vestiaire Collective haben sich ebenfalls Marktanteile gesichert und konkurrieren erbittert um die Gunst der digitalen Shopping-Generation.

Die Gründe für diesen Boom verstärken sich gegenseitig. Der Nachhaltigkeitsgedanke spielt eine Rolle, aber auch der pure ökonomische Vorteil: Eine Vintage-Lederjacke für fünfzehn Euro statt hundertfünfzig im Store – das spricht sich herum. Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Mentalitätswechsel: Insbesondere jüngere Generationen sehen im Besitz von Massenware kein Statussymbol mehr. Individuelle Stücke mit Geschichte erzählen eine bessere Story auf Instagram und TikTok als die zehnte Version der gleichen Trend-Jacke aus der Fast-Fashion-Kette.

Die Marktmacht wächst – und die Zahlen belegen es

Podcast und Creator
Podcast und Creator

Die wirtschaftlichen Dimensionen sind beeindruckend. Laut dem jährlich erscheinenden ThredUp Resale Report wurde der globale Secondhand-Markt für Bekleidung zuletzt auf rund 197 Milliarden US-Dollar geschätzt – mit Wachstumsraten, die den traditionellen Einzelhandel um ein Vielfaches übersteigen. Bis 2028 soll das Volumen auf über 350 Milliarden Dollar anwachsen. Besonders in Deutschland, Skandinavien und Großbritannien ist das Wachstum bemerkenswert dynamisch.

Große Modekonzerne haben längst erkannt, dass sie bei dieser Entwicklung nicht als Verlierer dastehen wollen. Zalando startete sein eigenes Second-Hand-Segment und integrierte es direkt in die Hauptplattform – ein strategisch kluger Schachzug, der Marktanteile sichert und Kunden langfristig bindet. Auch im Luxussegment tut sich einiges: Vestiaire Collective, an dem sich LVMH-nahe Investoren beteiligt haben, hat sich auf Designer-Secondhand spezialisiert und zieht eine wohlhabendere Klientel an, die bereit ist, für authentische Vintage-Designerstücke Premium-Preise zu zahlen.

Was die größten Plattformen unterscheidet

Plattform Schwerpunkt Geschäftsmodell Nutzerbasis (ca.) Besonderheit
Vinted Alltagsmode, Accessoires Käufergebühr 65 Mio.+ Verkäufer zahlen keine Provision
Depop Streetwear, Y2K, Gen Z Verkäuferprovision (10 %) 35 Mio.+ Starke Social-Media-Integration
Vestiaire Collective Luxus & Designer Provision + Echtheitsprüfung 23 Mio.+ Kuratierte Qualitätsprüfung
Zalando Second Hand Breites Markensortiment Integriert in Zalando-Shop 50 Mio.+ (Zalando gesamt) Nahtlose UX mit Neuware
Humana Alltagsmode, Non-Profit-Wurzeln Stationärer Handel + Online Europa-weit präsent Erlöse fließen in Sozialprojekte

Warum die Branche boomt – und warum das kein Hype ist

Die Gründe für das Wachstum sind struktureller Natur. Erstens der Kostenfaktor: Neue Mode wird zunehmend teurer, während die Kaufkraft in vielen westlichen Ländern stagniert oder real sinkt. Secondhand ermöglicht es Menschen, modisch up to date zu bleiben, ohne das Konto zu belasten. Zweitens die Ökologie: Die Textilindustrie gehört zu den ressourcenintensivsten der Welt – für ein einzelnes T-Shirt werden bis zu 2.700 Liter Wasser benötigt. Wer gebraucht kauft, verlängert den Lebenszyklus von Kleidungsstücken und spart Emissionen. Drittens – und das wird oft unterschätzt – der Faktor Einzigartigkeit: In einer Welt der Massenproduktion ist das Vintage-Stück vom Flohmarkt ein Distinktionsmerkmal.

Wer mehr über die ökologischen Hintergründe der Modeindustrie erfahren möchte, findet in unserem Artikel über die ökologischen Kosten der Fast-Fashion-Industrie eine ausführliche Einordnung.

Secondhand auf dem Laufsteg – wenn Vintage salonfähig wird

Die kulturelle Bedeutung des Secondhand-Trends lässt sich auch daran ablesen, dass er längst die Popkultur durchdrungen hat. Celebrities wie Bella Hadid, Harry Styles oder Billie Eilish zeigen sich regelmäßig in Vintage-Looks – und lösen damit Trendwellen aus, die Millionen Follower erreichen. Auf TikTok hat der Hashtag #thriftflip – also das kreative Umgestalten von Secondhand-Funden – Milliarden von Aufrufen gesammelt.

Auch die Musikszene ist eng mit dem Secondhand-Trend verwoben: Indie-, Alternative- und Hip-Hop-Künstler haben Vintage längst als ästhetisches Mittel entdeckt. Das folgende Video zeigt, wie sich der Thrift-Trend in der Popkultur manifestiert hat – und warum eine ganze Generation Vintage-Shopping als Lifestyle begreift:

Macklemores Thrift Shop aus dem Jahr 2012 war kulturell ein Vorbote – ein Song, der Secondhand-Shopping feierte, lange bevor es zum Mainstream wurde. Heute klingt er wie eine Prophezeiung.

Die Schattenseiten des Booms

So rosig das Bild wirkt – es gibt auch kritische Stimmen. Mit dem Mainstream-Durchbruch des Secondhand-Markts sind die Preise auf vielen Plattformen spürbar gestiegen. Wer früher ein Markenhemd für drei Euro ergatterte, zahlt heute mitunter zwanzig – weil Verkäufer den gestiegenen Wert von Vintage-Stücken kennen. Für Menschen, die tatsächlich aus finanzieller Notwendigkeit auf Secondhand angewiesen sind, wird der Zugang schwieriger.

Zudem wirft das Geschäftsmodell mancher Plattformen Fragen auf: Wenn Fast-Fashion-Konzerne ihre unverkauften Restposten über Secondhand-Kanäle absetzen, ist der ökologische Vorteil zumindest relativiert. Und auch die Logistik des Plattform-Handels – viele kleine Pakete, individuelle Versandwege – ist alles andere als klimaneutral.

Mehr zur Diskussion rund um Greenwashing in der Modeindustrie lest ihr in unserer Hintergrundserie zu nachhaltigem Konsum.

Top 5: Die besten Tipps für erfolgreiches Secondhand-Shopping

  • Plattform gezielt wählen: Für Designer-Stücke lohnt Vestiaire Collective, für Alltagsmode ist Vinted kaum zu schlagen. Wer Streetwear und Y2K-Looks sucht, wird auf Depop fündig.
  • Suchfilter konsequent nutzen: Größe, Marke und Zustand als Pflichtfilter setzen – das spart Zeit und verhindert Enttäuschungen beim Auspacken.
  • Auf Echtheit achten: Bei teuren Markenstücken unbedingt nach Seriennummern, Etiketten und Originalverpackung fragen. Plattformen wie Vestiaire Collective bieten eigene Authentifizierungsservices an.
  • Lokal shoppen nicht vergessen: Stationäre Vintage-Läden und Flohmärkte bieten oft die besten Funde – vor allem für Unikate, die online kaum auftauchen. Einfach mal die besten Flohmärkte in Deutschland ansteuern.
  • Selbst verkaufen und reinvestieren: Wer den eigenen Kleiderschrank regelmäßig ausmutet und Erlöse direkt in neue Secondhand-Funde steckt, hält das Budget im Gleichgewicht – und tut gleichzeitig etwas für die Umwelt.

Ausblick: Wohin führt der Weg?

Der Secondhand-Boom ist kein vorübergehender Trend – er ist Ausdruck eines tiefergehenden gesellschaftlichen Wandels im Verhältnis zu Konsum, Besitz und Verantwortung. Ob dieser Wandel nachhaltig genug ist, um die Textilindustrie strukturell zu verändern, bleibt abzuwarten. Klar ist: Die Branche ist zu groß und zu dynamisch geworden, um sie zu ignorieren. Wer heute noch keinen Secondhand-Account hat, dürfte bald in der Minderheit sein.

Passend zum Thema: Wie sich der Capsule-Wardrobe-Trend mit dem Secondhand-Boom verbindet – und warum weniger tatsächlich mehr sein kann.

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ZenNews24 Redaktion
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