Politik

NATO-Gipfel: Was Deutschland beiträgt — und was erwartet wird

Verteidigungsausgaben, Bündnisverpflichtungen, Trump-Belastungsprobe

Von Julia Schneider 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 06.05.2026
NATO-Gipfel: Was Deutschland beiträgt — und was erwartet wird

Der NATO-Gipfel steht unter Spannung. Während sich die Staats- und Regierungschefs der Atlantischen Allianz zusammenfinden, um über Sicherheit und Rüstung zu beraten, sitzt ein Name im Hintergrund: Donald Trump. Der ehemalige und wieder gewählte US-Präsident übt Druck aus wie kaum ein anderer vor ihm – und Deutschland gerät dabei ins Fadenkreuz. Bundeskanzler Friedrich Merz muss zeigen, dass die Bundesrepublik ihre Bündnisverpflichtungen ernst meint. Doch es geht um mehr als Rhetorik. Es geht um Geld, um Glaubwürdigkeit und letztlich um die Zukunft der europäischen Sicherheit in einer zunehmend fragmentierten Welt.

2014
NATO-Gipfel von Wales: Staaten verpflichten sich auf das 2%-Ziel für Verteidigungsausgaben. Deutschland hat damals gerade 1,3 Prozent des BIP für Rüstung aufgewendet.
2022/2023
Nach russischem Überfall auf die Ukraine: Merz kündigt das Sondervermögen für die Bundeswehr an. 100 Milliarden Euro für die Rüstung sollen das Militär modernisieren.
2025
Deutschland überschreitet erstmals die 2%-Marke bei den Verteidigungsausgaben – doch Trump mahnt, das reiche nicht aus. Er fordert 3 oder sogar 4 Prozent.
Frühjahr 2026
Aktueller NATO-Gipfel: Deutschland muss konkrete Zusagen machen, während die Bundesregierung intern über die wirtschaftlichen Lasten ringt.

Die deutsche Rüstungsrechnung: Zahlen, die unter Druck wachsen

Zahlen sind das härteste Argument in diplomatie-politischen Debatten. Und bei der NATO geht es derzeit ums Geld wie kaum je zuvor. Deutschland hatte lange eine komfortable Position: als größte Wirtschaft Europas konnte es sich leisten, unter der 2%-Marke zu bleiben. Das ist vorbei. Das Sondervermögen Infrastruktur mit 500 Milliarden Euro beschlossen – dieses Paket markiert einen Wendepunkt in der deutschen Sicherheitspolitik.

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Land 2024 (in % des BIP) 2025 (in % des BIP) 2026 (geplant, in % des BIP)
Deutschland 1,87 2,04 2,2–2,5 (verhandelt)
Frankreich 1,90 1,95 2,0
Polen 3,90 4,12 4,5+
USA 3,38 3,49 3,6+ (Trump-Druck)
NATO-Durchschnitt 2,10 2,28 2,5+ (Tendenz)

Die Tabelle erzählt eine Geschichte: Europas östliche Länder rüsten rasant auf. Polen mit knapp 4,5 Prozent seines BIP wird die neue Benchmark – nicht aus Wahl, sondern aus existenzieller Notwendigkeit. Deutschland muss mitziehen, um nicht als Zahlmeister und Militärmacht zugleich belächelt zu werden. Das ist die zentrale Spannung auf dem Gipfel: Merz kann nicht einfach sagen, Deutschland erfülle sein Versprechen. Merz ein Jahr im Amt – Nahost-Spannungen verschärfen sich, und die innenpolitischen Herausforderungen wachsen. Doch nachgeben ist keine Option.

Das Trump-Dilemma: Wie viel ist genug?

Trump hat mit seiner Ankündigung, die USA könnten ihre NATO-Verpflichtungen neu bewerten, ein Lagerfeuer entfacht, das nie wieder ausgehen wird. Europa muss zeigen, dass es sich selbst verteidigen kann – oder zumindest bereit ist, dafür zu zahlen. Für Deutschland ist das besonders brisant. Das Land hat eine lange Geschichte der militärischen Zurückhaltung, gewachsen aus historischer Schuld und jahrzehntelanger Teilung. Doch diese Haltung ist in einer Welt, in der Russland die Ukraine überfallen hat und China seine Militärausgaben verdoppelt, ein Luxus, den sich Berlin nicht mehr leisten kann.

Die Botschaft aus Washington ist unmissverständlich: 2 Prozent sind ein Floor, keine Ceiling. Trump spricht von 3 Prozent als realistischem Ziel für wohlhabende Länder. Einige seiner Berater haben sogar 4 Prozent ins Gespräch gebracht. Für Deutschland, mit einem Budget von aktuell etwa 100 Milliarden Euro für die Rüstung, würde 3 Prozent ein Plus von mindestens 30 bis 40 Milliarden Euro bedeuten. Das ist nicht einfach eine politische Entscheidung – das ist ein Versprechen, Jahr für Jahr, Legislaturperiode für Legislaturperiode.

Lib Wirtschaft Gipfel 01
Lib Wirtschaft Gipfel 01

Merz weiß das. Der Kanzler ist kein Idealist, sondern ein pragmatischer Machtpolitiker, der verstanden hat, dass Deutschland in einer multipolaren Welt mehr Verantwortung tragen muss. Friedrich Merz und die K-Frage: CDU testet Kanzlerkandidaten-Popularität per Umfrage hat auch gezeigt, dass der Kanzler derzeit nicht von Schwindel geplagt ist, wenn es um seine Autorität geht. Doch die Rechnung bleibt knifflig: Wie verspricht man mehr Geld für Rüstung, während die Wirtschaft schwächelt, während die Sozialausgaben steigen, während Infrastruktur renoviert werden muss?

Fraktionspositionen: CDU/CSU: Merz und die Union sehen die 2%-Marke als Minimum und signalisieren Bereitschaft für 2,5 bis 3 Prozent in den nächsten Jahren. Dabei wird betont, dass dies einer erneuerten Verantwortung für Europa entspricht. SPD: Scholz' Fraktion warnt vor einer Rüstungsspirale und argumentiert, dass auch Diplomatie finanziert werden muss. Sie akzeptiert die 2%-Marke, lehnt aber 3 Prozent ab – zu schwach für einen überzeugenden Standpunkt. Grüne: Die Grünen haben sich historisch schwergetan mit Rüstungsausgaben, akzeptieren aber die sicherheitspolitische Realität nach dem Ukraine-Krieg. Sie fordern Transparenz und Kontrolle über die Gelder. AfD: Die Partei nutzt das Thema populistisch, fordert Rüstung, warnt aber gleichzeitig vor einer „Kriegsbeteiligung" Deutschlands – ein klassisches Doppeldenken. BSW: Westerveldes Bewegung positioniert sich als Alternative: weniger NATO, mehr Diplomatie mit Russland. Eine Position, die in der sicherheitspolitischen Realität keine Mehrheit hat.

Was erwartet die NATO von Deutschland?

Die Antwort ist komplex. Die Allianz erwartet von Deutschland zwei Dinge gleichzeitig: finanzielle Beiträge und politische Führung. Die finanzielle Seite ist relativ einfach zu messen – es geht um Prozentpunkte des BIP. Doch die politische Führung ist schwieriger. Deutschland muss zeigen, dass es nicht einfach Geld wirft, um Trump zu besänftigen, sondern dass es eine langfristige Strategie für europäische Sicherheit hat.

Das bedeutet konkret: Deutschland muss mehr Truppen in Osteuropa stationieren. Die Pläne dafür existieren bereits – eine verstärkte militärische Präsenz in Polen, eine verstärkte Luftabwehr in Rumänien, eine Verstärkung der baltischen Staaten. Doch auch das kostet Geld und bindet Ressourcen. Boris Pistorius: Deutschlands beliebtester Politiker mit dem schwersten Auftrag – dieser Titel von Verteidigungsminister Pistorius wird an seinem Nachfolger haften bleiben, wer immer diesen Posten in Zukunft bekleidet.

Die NATO erwartet auch Lieferkettensicherheit. Deutschland muss Rüstungsgüter nicht nur selbst kaufen, sondern auch an Partner weitergeben können. Das bedeutet, dass deutsche Unternehmen mehr Rüstungsgüter produzieren müssen – Munition, Drohnen, Raketensysteme. Das ist eine fundamentale Veränderung für ein Land, das lange versuchte, sich als pazifistische Kraft zu positionieren.

Die innenpolitische Rechnung: Verteidigung gegen Widerstand

Merz muss das alles vor einem deutschen Publikum rechtfertigen, das sich zunehmend unsicher fühlt. Umfrage: Zufriedenheit mit Merz und Bundesregierung auf Tiefstand – diese Nachricht kam nicht aus dem Nichts. Die Wirtschaft schwächelt, die Arbeitslosen nehmen zu, die Reallöhne stagnieren. In diesem Kontext müssen Milliardenausgaben für Rüstung erklärt werden.

Hier greift die Regierung zu einem klassischen politischen Instrument: Sicherheit als Grundbedingung für Wohlstand. Die Argumentation läuft so: Ohne funktionierende NATO, ohne glaubwürdige europäische Rüstung, ohne deterrente Kraft gegenüber Russland gibt es keinen Frieden, keine stabilen Märkte, keine wirtschaftliche Entwicklung. Das ist nicht falsch – aber es ist auch nicht die komplette Geschichte. Denn Rüstungsausgaben binden finanzielle Ressourcen, die anderswo fehlen: im Bildungssektor, in der Infrastruktur, in der Sozialversicherung.

Der SPD-Flügel in der Ampel-Koalition hatte dieses Problem gesehen. Das ist einer der Gründe, warum die Koalition zerbrach. Scholz konnte nicht gleichzeitig Rüstung hochfahren und die Sozialversicherung schützen. Diese Rechnung geht in Zeiten begrenzter Mittel einfach nicht auf. Merz versucht, mit dem Sondervermögen einen Weg aus diesem Dilemma zu finden – durch Kreditfinanzierung, die angeblich später erwirtschaftet werden kann. Doch das ist auch eine Wette auf die Zukunft.

Die europäische Dimension: Deutschland und Frankreich

Ein oft übersehener Aspekt: Deutschland rüstet derzeit schneller auf als Frankreich. Das ist historisch ungewöhnlich und spannungsreich. Paris hat lange als Europas Militärmacht gegolten – mit eigenständiger Nuklearstreitmacht, mit ständigem Sitz im UN-Sicherheitsrat, mit einer stolzen Rüstungsindustrie. Doch Paris kann derzeit nicht mit Deutschlands Rüstungsbudget mithalten. Das schafft eine neue Balance – oder eine neue Spannung – in der europäischen Sicherheitsarchitektur.

Macron hat das erkannt. Er fordert eine „europäische Verteidigungsunion" als Gegengewicht zu US-amerikanischer Dominanz und als Absicherung gegen einen möglichen Rückzug der USA aus der NATO. Deutschland muss in dieser Konstellation eine Führungsrolle spielen, ohne Paris zu beschämen oder London zu beängstigen. Das ist diplomatisches Hochseilgymnastik.

Die Ukraine bleibt dabei das Schattenproblem. Putins Kriegsziele: Was Russland in der Ukraine wirklich erreichen will – dieses Thema dominiert jede sicherheitspolitische Debatte. Deutschland liefert bereits massive Rüstungshilfe an Kyjiw, über 14 Milliarden Euro in den letzten zwei Jahren. Doch es gibt interne Debatten über die Grenzen dieser Unterstützung. Wie lange kann Deutschland das durchhalten? Und welche Linie wird gezogen, wenn Trump ein Verhandlungsende fordert?

Was konkret wird beschlossen

Auf dem Gipfel werden wahrscheinlich folgende deutsche Zusagen gemacht:

Erstens: Eine Verpflichtung auf mindestens 2,5 Prozent des BIP für Rüstung bis 2027, mit einer Option auf 3 Prozent in den Jahren danach. Das ist mehr als das bisherige 2%-Ziel, aber weniger als die 3-Prozent-Forderung Trumps. Es ist ein Kompromiss, der allen recht gibt und niemandem wirklich gerecht wird.

Zweitens: Eine Erhöhung der deutschen Truppenpräsenz in Osteuropa. Deutschland wird zusätzliche Bataillone nach Polen und in die baltischen Staaten entsenden. Das sind keine großen Zahlen im globalen Maßstab, aber für Deutschland, das lange unter dem Tabu der militärischen Zurückhaltung stand, sind diese Bewegungen symbolisch wichtig.

Drittens: Ein Bekenntnis zur Rüstungsproduktion. Deutschland wird sich verpflichten, die heimische Rüstungsindustrie zu stärken und mehr Waffen selbst herzustellen, statt nur zu kaufen. Das hat wirtschaftliche und sicherheitspolitische Implikationen.

Viertens: Eine Zusage zur Unterstützung der Ukraine, die über mehrere Jahre läuft. Deutschland wird sich verpflichten, die Hilfe nicht abzubauen, unabhängig von diplomatischen Entwicklungen.

Der größere Kontext: Eine neue europäische Ordnung

Der NATO-Gipfel ist mehr als ein Treffen von Bündnispartnern. Er markiert den Übergang zu einer neuen europäischen Sicherheitsordnung. Die alte Ordnung – geprägt durch amerikanische Hegemonie, deutsche Zurückhaltung, europäische Integration als Friedensprojekt – funktioniert nicht mehr. Trump hat das explizit gemacht, was vorher implizit war: Die USA sind nicht bedingungslos

J
Julia Schneider
Gesellschaft & International

Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet.