Putins Kriegsziele: Was Russland in der Ukraine erreichen will
Drei Jahre Krieg und kein Ende — eine Analyse der russischen Strategie
Die Frage, was Russland in der Ukraine wirklich erreichen will, lässt sich nicht mit wenigen Sätzen beantworten. Drei Jahre nach dem Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 hat sich Putins Kriegsziele mehrfach verschoben – je nachdem, wie die Realität an der Front aussah. Das ist eine zentrale Erkenntnis, die sich durch alle Analysen zieht, die derzeit in Regierungskreisen und Geheimdiensten entstehen. Moskau verfolgt kein starres Ziel, sondern eine adaptive Strategie, die zwischen maximalen Ambitionen und pragmatischer Anpassung oszilliert.
- Die Verschiebung der Kriegsziele
- Was Putins Strategie wirklich bedeutet
- Die deutsche Perspektive und die Debatte um Kriegsziele
Die Verschiebung der Kriegsziele
Anfangs ging Putin davon aus, die Ukraine in wenigen Wochen zu unterwerfen. Die Invasion sollte mit einem schnellen Sieg enden, einem sogenannten Blitzkrieg, bei dem Kiew erobert und Präsident Wolodymyr Selenskyj gestürzt würde. Das Scheitern dieses Plans – nach wenigen Wochen mussten russische Truppen vor Kiew abziehen – zwang Moskau zur Neubewertung. Aus Dokumenten und Aussagen von russischen Militärs wird klar: Der Kreml hatte die ukrainische Wehrhaftigkeit, die westliche Unterstützung und die Kosten eines längeren Krieges massiv unterschätzt.

Danach verschob sich das Ziel auf die Kontrolle des Donbas, also der Regionen Donezk und Luhansk im Osten der Ukraine. Das war immer noch ein enormes Ziel, aber bescheidener als die Eroberung des gesamten Landes. Später kam die Forderung nach vollständiger Kontrolle der südlichen Regionen Saporischschja und Cherson hinzu – mit dem Ziel, einen Land-Korridor zur annektierten Krim zu schaffen. Diese Verschiebung der Ziele ist kein Zeichen von Flexibilität, sondern von Scheitern und Neuorientierung unter Druck.
Heute, nach drei Jahren intensiven Kampfes, lässt sich das russische Kriegsziel in drei Ebenen aufteilen: die territoriale Komponente, die sicherheitspolitische und die hegemoniale.
Territoriale Ziele: Mehr als nur der Donbas
Das primäre territoriale Ziel ist eindeutig: Russland will die komplette Kontrolle über die vier Regionen Donezk, Luhansk, Zaporischschja und Cherson. Diese sind seit 2022 formal von Russland „annektiert" – allerdings kontrolliert Moskau nicht alle dieser Gebiete vollständig. Das ist ein großes Problem für Putins Legitimationsnarrative im In- und Ausland.
Für Russland ist die vollständige Kontrolle dieser Regionen strategisch zentral. Der Donbas ist industriell wertvoll und bevölkerungsreich. Die südlichen Regionen bieten Zugang zum Asowschen Meer und schaffen eine Landbindung zur Krim, die seit 2014 von Russland besetzt ist. Das ist für Moskau essentiell: Die Krim ist völlig abhängig von einer Landverbindung – die Meerverbindung ist durch ukrainische Drohnen und Raketen bedroht, die Luftverbindung ist unsicher.
Experten aus Berliner Regierungskreisen gehen davon aus, dass Russland auch danach nicht stehen bleiben würde. Putins Vision einer „Neuen Russlandischen Ordnung" in Osteuropa könnte weitere territoriale Ambitionen gegenüber der Ukraine, aber auch gegenüber anderen Nachbarstaaten beinhalten. Das ist ein Szenario, das Deutschland bei der Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf zwei Prozent durchaus in seinen Kalkulationen berücksichtigt.
Sicherheitspolitische und hegemonialpolitische Ziele
Neben der Territorialfrage verfolgt Putin ein tieferes Ziel: die Neuordnung der europäischen Sicherheitsarchitektur. Russland will die NATO-Expansion stoppen – idealerweise durch die Schwächung oder gar den Zerfall der NATO. Ein unabhängiges, neutrales – oder besser: russlandfreundliches – Ukraine wäre das Kronzeugnis dieses Erfolgs.
Für Moskau geht es darum, den westlichen Einfluss aus dem postsowjetischen Raum zu verdrängen und eine russische Einflusssphäre wiederherzustellen. Das ist nicht nur sicherheitspolitisches Kalkül, sondern auch identitätspolitisch für Putin zentral. Er sieht die Ukraine als historisch russisch an, ihre Souveränität als künstliche westliche Konstruktion.
Ein dritter Aspekt ist die Delegitimierung des regelgestützten internationalen Systems selbst. Durch die Verletzung des Völkerrechts und die Annexion von Territorium zeigt Putin, dass militärische Macht wichtiger ist als internationale Rechtsnormen. Das hat eine Signal-Funktion für andere Länder: Wer militärisch stark genug ist, kann sich seine Grenzen selbst ziehen. Das ist eine fundamentale Herausforderung für die internationale Ordnung und erklärt auch, warum die westliche Reaktion so zentral ist.
| Kriegsziel-Dimension | Russische Forderungen | Realistisches Szenario |
|---|---|---|
| Territorial | Vollkontrolle Donbas + südliche Regionen + De-facto-Kontrolle über Kiewer Region | Kontrolle über ~30-40% der Ukraine; Korridor zur Krim |
| Sicherheitspolitisch | NATO-Expansion stopp; Ukraine als Puffer-Staat; NATO-Rückzug aus Osteuropa | Schwächung der Ukraine; NATO-Präsenz bleibt, aber verhandelt |
| Hegemonial | Neue russische Einflusssphäre in Osteuropa; Delegitimierung westlicher Ordnung | Regionale Dominanz; schwächere westliche Reaktion auf Grenzveränderungen |
Was Putins Strategie wirklich bedeutet
Die aktuelle russische Strategie folgt einer Logik der „Ermattung". Russland hat erkannt, dass es den Krieg nicht schnell gewinnen kann, versucht aber, die Ukraine und den Westen durch die Länge des Konflikts zu zermürben. Das funktioniert teilweise: Die wirtschaftlichen Kosten sind enorm, die Flüchtlingswellen destabilisieren Europa, und die politische Einigkeit des Westens beginnt zu bröckeln.
Russland bombardiert gezielt ukrainische Energieinfrastruktur, um Zivilbevölkerung unter Druck zu setzen. Es fügt Ukraine massive Verluste zu und hoffe, dass dies die Unterstützung für Selenskyj im In- und Ausland schwächt. Dies ist nicht einfach Brutalität – es ist Strategie. Das Ziel ist psychologisch-politisch: Die Ukraine soll kapitulieren oder der Westen soll die Unterstützung einstellen.
Gleichzeitig versucht Russland, den Westen zu spalten. Das funktioniert teilweise. Die Debatte um Waffenlieferungen ist in westlichen Ländern kontrovers, besonders in Deutschland. Die Frage, wie lange der Westen die Ukraine unterstützen kann und will, ist eine legitime Frage – und Russland versucht, diese Zweifel zu verstärken.
Fraktionspositionen zum Ukraine-Krieg und Putins Zielen:
CDU/CSU: Klare Unterstützung für die Ukraine, robuste Abschreckung gegen Russland, Friedrich Merz übernimmt die CDU: Wie die Partei nach rechts rückte – bei aller Kritik an der Ampel-Regierung konsistent prowestlich. Bundestagswahl 2025: CDU/CSU gewinnt mit 28,5 Prozent als Ausdruck dieser Position.
SPD: Unterstützung für Ukraine, aber mit Vorsicht vor Eskalation und Emphasis auf Diplomatie und Verhandlungslösung. Sorge vor NATO-Konfrontation mit Russland.
Grüne: Klare Position gegen Russlands Aggression, Befürwortung von Waffenlieferungen auch von schweren Waffen, Robert Habeck verteidigt Energiepolitik im Bundestag als Reaktion auf russische Energieerpressung.
AfD: Kritik an Waffenlieferungen, skeptisch gegenüber NATO-Engagement, teilweise isolationist, manche Positionen Russia-verständiger.
BSW (Bündnis Sahra Wagenknecht): Kritik an westlichen Waffenlieferungen, Emphasis auf Verhandlungslösung, teilweise gleichgewichtige Kritik an beiden Seiten.
Die deutsche Perspektive und die Debatte um Kriegsziele
Aus deutscher Regierungsperspektive ist die Frage nach Putins Kriegszielen zentral für die Sicherheitspolitik. Wenn Putins Ziele primär territorial sind und auf die Ukraine begrenzt bleiben, ist das ein anderes Szenario als wenn er hegemoniale Ambitionen in ganz Osteuropa hat. Berlin geht derzeit von letzterem aus – deshalb die Erhöhung der Verteidigungsausgaben und die verstärkte NATO-Präsenz im Osten.
Gleichzeitig zeigt die Umfrage: Zufriedenheit mit Merz und Bundesregierung auf Tiefstand, dass die deutsche Öffentlichkeit verunsichert ist. Die Frage, wie lange Deutschland diese Unterstützung aufrechterhalten kann und will, wird in der innenpolitischen Debatte kritischer. Das ist genau das, worauf Putins Strategie abzielt: Der Westen soll innerlich zerrissen werden.
Ein weiterer Aspekt ist die Energiesicherheit. Grenzkontrollen binden bis zu 14.000 Bundespolizisten – und das ist nur ein Aspekt der Migrationskrise, die durch Russlands Aggression ausgelöst wurde. Der Krieg hat globale Konsequenzen, nicht nur für die Ukraine.
Die Frage nach einer Verhandlungslösung
In der aktuellen Debatte wird zunehmend gefragt, ob eine Verhandlungslösung möglich ist. Das hängt direkt mit der Frage zusammen, was Putins echte Kriegsziele sind. Wenn Russland bereit ist, eine Lösung zu akzeptieren, die weniger als die völlige Unterwerfung der Ukraine bedeutet – beispielsweise eine Anerkennung der russischen Annexionen im Gegenzug für Kriegsende – dann könnten Verhandlungen möglich sein.
Allerdings gibt es wenig Anzeichen dafür, dass Putin zu Kompromissen bereit ist. Seine öffentlichen Forderungen sind weiterhin maximal: Anerkennung der Annexionen, NATO-Rückzug aus Osteuropa, Demilitarisierung der Ukraine. Für den Westen und die Ukraine sind diese Forderungen nicht akzeptabel. Das bedeutet: Der Krieg wird fortgesetzt, bis eine Seite nicht mehr kann oder will.
Die zentrale Erkenntnis lautet: Putins Kriegsziele sind nicht starr, sondern adaptiv. Er wird weiterhin versuchen, so viel wie möglich zu erreichen, wird aber auch bereit sein zu pragmatischen Kompromissen, wenn die Kosten zu hoch werden. Die Frage ist nicht, was Putin theoretisch erreichen könnte, sondern was der Westen bereit ist, zu akzeptieren – und wie lange die Ukraine bereit ist zu kämpfen.
Die Iran dementiert Angriffe auf VAE und verschärft Ton – ein anderes geopolitisches Thema – zeigt, dass Putins Krieg nur ein Element einer fragmentierten globalen Ordnung ist. Der Westen muss auf mehreren Schauplätzen gleichzeitig handeln, während Russland sich konzentriert. Das ist ein struktureller Vorteil Russlands in dieser Auseinandersetzung.
Fazit: Ein Krieg ohne absehbares Ende
Putins Kriegsziele sind ambitioniert, aber unter Druck adaptiv geworden. Das territoriale Ziel – Kontrolle über große Teile der Ukraine und ein Puffer-Land an der Grenze – ist klar. Das sicherheitspolitische Ziel – eine neue Ordnung ohne westlichen Einfluss in Osteuropa – ist weniger realistisch, wird aber weiterhin angestrebt. Das hegemoniale Ziel – die Delegitimierung der regelgestützten internationalen Ordnung – läuft parallel.
Solange der Westen die Ukraine unterstützt und Russland militärisch nicht überlegenes Material hat, wird der Krieg fortgesetzt. Ein echtes Kriegsende ist derzeit nicht in Sicht. Die einzigen Szenarien, die zu einem Ende führen könnten, sind entweder ein Zusammenbruch Russlands, die Ermattung des Westens oder ein Verhandlungsergebnis, das beide Seiten als erträglich akzeptieren. Keines dieser Szenarien ist derzeit wahrscheinlich.
Für Deutschland und Europa bedeutet das
- Deutscher Bundestag — bundestag.de
- Bundesregierung — bundesregierung.de
- ARD Tagesschau — tagesschau.de























