Merz ein Jahr im Amt – Nahost-Spannungen verschärfen sich
Der Bundeskanzler bilanziert seine erste Amtszeit während neue Konflikte im Nahost-Raum eskalieren.
Zwölf Monate nach seiner Vereidigung steht Friedrich Merz vor einer Bilanz, die seinen eigenen Ansprüchen nur bedingt gerecht wird: Während der Bundeskanzler innenpolitisch mit einer Zustimmungsrate von 38 Prozent kämpft, eskalieren die Nahost-Spannungen in einem Ausmaß, das Berlins außenpolitischen Gestaltungsspielraum erheblich einengt – und die Koalitionsdisziplin auf eine harte Probe stellt.
Ein Jahr Merz: Zwischen Reformversprechen und Realitätsdruck
Als Friedrich Merz im Frühjahr vergangenen Jahres das Bundeskanzleramt übernahm, formulierte er drei Kernversprechen: wirtschaftliche Erneuerung, innere Sicherheit und eine neue Glaubwürdigkeit Deutschlands in der internationalen Diplomatie. Ein Jahr später lässt sich festhalten: Alle drei Felder sind umkämpfter denn je. Die CDU/CSU-geführte Koalition hat zwar eine Reihe von Gesetzgebungsvorhaben auf den Weg gebracht, doch der außenpolitische Druck – insbesondere aus dem Nahen Osten – überlagert zunehmend die innenpolitische Agenda.
Die Regierung Merz steht dabei vor einer strukturellen Herausforderung, die ihre Vorgängerinnen in ähnlicher Form kannten: Außenpolitik lässt sich nicht terminieren. Während der Koalitionsvertrag sorgfältig austarierte Kompromisse für Haushalt, Migration und Klimapolitik enthielt, sehen sich Außenminister und Kanzleramt mit einer Lage konfrontiert, die täglich neue Entscheidungen erzwingt. Die Frage, wie Deutschland gegenüber dem anhaltenden Konflikt in Gaza, den iranischen Provokationen und den damit verbundenen humanitären Krisen positioniert ist, spaltet nicht nur das Kabinett, sondern auch die Öffentlichkeit.
Nahost-Eskalation: Wie Außenpolitik die Koalition unter Druck setzt

Die Entwicklungen im Nahen Osten sind kein Randthema der deutschen Politik mehr. Sie dringen in die Haushaltsdebatte, in die Migrationsdiskussion und in die Sicherheitspolitik hinein. Wer verstehen will, warum das erste Amtsjahr von Friedrich Merz innenpolitisch holpriger verlief als erwartet, muss diesen Kontext berücksichtigen. Die außenpolitische Dauerkrise hat Ressourcen, Aufmerksamkeit und parlamentarisches Kapital gebunden, das ursprünglich für innenpolitische Reformen reserviert war.
Besonders deutlich wird dies im Zusammenhang mit den Iran-Attacken, die eine fragile Waffenruhe im Nahostkonflikt gefährden. Die Bundesregierung hat darauf mit einer Kombination aus diplomatischen Signalen und der Ankündigung weiterer Sanktionsmaßnahmen reagiert – ein Kurs, der innerhalb der Koalition nicht unumstritten ist. SPD-Fraktionsvize Lars Klingbeil deutete in einer Fraktionssitzung an, dass "militärische Eskalationsszenarien keine deutschen Interessen bedienen". Kanzleramtsminister hingegen verwiesen auf die Notwendigkeit, europäische Einheit zu demonstrieren.
Hinzu kommt die ungelöste Frage der humanitären Lage im Gazastreifen, die nicht nur moralisch, sondern auch rechtlich zunehmend Relevanz gewinnt. Das Bundesverfassungsgericht hat in einer Grundsatzentscheidung klargestellt, dass die parlamentarische Kontrolle über Rüstungsexporte in Krisengebiete konstitutiv für den demokratischen Rechtsstaat ist – eine Entscheidung, die den Gestaltungsspielraum der Exekutive formal einschränkt und den Bundestag stärkt. Die konkrete Anwendung dieser Leitlinie auf laufende Exportgenehmigungen bleibt jedoch strittig.
Die Iran-Frage als tektonische Verschiebung
Parallel zur Gaza-Krise entwickelt sich die Iran-Atomkrise zu einer eigenständigen Bedrohung für die regionale Stabilität. Geheimdienstliche Einschätzungen, die dem Bundestag im Rahmen der vertrauenswürdigen Unterrichtung der Fraktionsvorsitzenden präsentiert wurden, legen nach Informationen aus Parlamentskreisen nahe, dass Teheran seinen nuklearen Zeitplan beschleunigt hat. Die Bundesregierung bestätigt diese Einschätzung nicht öffentlich, hat jedoch den deutschen Botschafter zu Konsultationen einberufen und die bilateralen Kontakte intensiviert.
Merz selbst hat in seiner Regierungserklärung zum Jahrestag betont, Deutschland stehe "unverbrüchlich an der Seite Israels", aber gleichzeitig "alle Parteien zur Deeskalation" aufgefordert. Diese Formulierung, die in der Außenpolitik als diplomatisches Standardrepertoire gilt, wurde von Kritikern als inhaltsleer bezeichnet. Außenpolitische Experten hingegen verweisen darauf, dass angesichts der komplexen Gemengelage jede schärfere Positionierung Berlins das Vermittlungspotenzial der EU insgesamt einschränken könnte.
Der Bundesrat hat in einer Entschließung die Bundesregierung aufgefordert, die europäische Koordination in der Iran-Frage zu intensivieren und einen gemeinsamen EU-Sondergesandten für die Nahost-Region vorzuschlagen. Ob und wie die Bundesregierung dieser Entschließung Folge leisten wird, ist noch offen.
Wirtschaft und Außenpolitik: Ein unterschätzter Zusammenhang
Ein Aspekt, der in der öffentlichen Debatte häufig unterbelichtet bleibt, ist der direkte ökonomische Nexus zwischen den Nahost-Spannungen und der deutschen Konjunkturlage. Wie Analysen zeigen, hat der Nahost-Konflikt die deutsche Wirtschaftserholung erheblich gebremst. Gestörte Lieferketten, gestiegene Energiepreise und der Rückgang des deutschen Exportvolumens in nahöstliche Märkte belasten eine Volkswirtschaft, die ohnehin unter Transformationsdruck steht.
Das Bundeswirtschaftsministerium hat in seiner aktuellen Halbjahresprognose die Wachstumserwartung erneut nach unten korrigiert und dabei explizit auf geopolitische Risiken verwiesen. Dieser Zusammenhang macht die Nahost-Politik zur Innenpolitik – und erhöht den Erwartungsdruck an die Bundesregierung, konkrete wirtschaftspolitische Schutzmaßnahmen zu entwickeln.
Fraktionspositionen:
CDU/CSU: Unterstützt den Kurs von Bundeskanzler Merz, betont Solidarität mit Israel bei gleichzeitiger Forderung nach humanitären Korridoren in Gaza. Befürwortet verstärkte EU-Koordination in der Iran-Frage und lehnt einseitige Rüstungsembargos ohne multilateralen Rahmen ab.
SPD: Pocht auf stärkere parlamentarische Kontrolle bei Rüstungsexporten in den Nahen Osten. Fordert eine eigenständige deutsche Vermittlerrolle und setzt sich für eine Aufstockung der humanitären Hilfe ein. Innerparteilich gibt es Spannungen zwischen Regierungspragmatikern und außenpolitischen Kritikern des israelischen Vorgehens.
Grüne: Als Oppositionspartei formulieren die Grünen scharfe Kritik an der aus ihrer Sicht inkonsequenten Haltung der Bundesregierung gegenüber Israel. Sie fordern ein vollständiges Rüstungsexportmoratorium und eine deutliche Erhöhung der deutschen Mittel für Hilfsorganisationen im Gazastreifen. Außenpolitikerin Omid Nouripour betonte zuletzt die "moralische Mitverantwortung" Deutschlands.
AfD: Positioniert sich gegen weitere Finanzhilfen an palästinensische Organisationen, fordert eine strikt nationalstaatliche Außenpolitik ohne "EU-Bevormundung" und lehnt die Aufnahme weiterer Flüchtlinge aus dem Nahost-Raum kategorisch ab. Kritisiert Merz gleichzeitig als zu nachgiebig gegenüber Brüssel.
Deutschland, Hamas und die langfristige Positionsfrage
Wer die aktuelle außenpolitische Debatte verstehen will, kommt nicht umhin, sich mit dem Ausgangspunkt zu beschäftigen: dem Hamas-Angriff vom Oktober 2023, der Deutschlands Nahost-Position grundlegend auf den Prüfstand stellte. Seitdem hat sich die außenpolitische Debatte in der Bundesrepublik strukturell verändert. Was früher als berechenbare Kombination aus Solidaritätsbekundungen und diplomatischer Zurückhaltung funktionierte, reicht nicht mehr aus.
Die Bundesregierung unter Merz hat versucht, diesen neuen Anforderungen gerecht zu werden, ohne dabei bestehende Bündnisverpflichtungen zu gefährden oder die innenpolitische Diskussion zu spalten. Das Ergebnis ist ein Kurs, der von allen Seiten kritisiert wird: zu wenig von den einen, zu viel von den anderen. In der Außenpolitik ist das nicht selten ein Zeichen für eine zumindest kohärente Position.
Hinzu kommen globale Unsicherheitsfaktoren, die Deutschland nicht alleine beeinflussen kann. Die Spannungen zwischen China und Taiwan im Südchinesischen Meer binden amerikanische außenpolitische Ressourcen und verändern die strategische Kalkulation in Washington – mit direkten Auswirkungen auf die europäische Sicherheitsarchitektur und damit auch auf Deutschlands Rolle in der Nahost-Diplomatie.
| Thema | Koalitionsposition CDU/CSU–SPD | Bundesratshaltung | Parlamentarische Mehrheit |
|---|---|---|---|
| Rüstungsexporte Nahost | Einzelfallprüfung, keine Generalmoratorien | Entschließung für verschärfte Kontrollen (mehrheitlich) | Knappe Regierungsmehrheit |
| Humanitäre Hilfe Gaza | Erhöhung der Mittel, kein UNRWA-Direktkanal | Unterstützend, keine formelle Entschließung | Breite Mehrheit (inkl. Grüne) |
| Iran-Sanktionen | Unterstützung EU-weiter Sanktionspakete | Entschließung für EU-Sondergesandten | Mehrheitlich, AfD dagegen |
| Aufnahme Nahost-Flüchtlinge | Restriktiv, Verweis auf bestehende Kapazitätsgrenzen | Gespalten nach Landesregierungen | Regierungsmehrheit, starke Opposition links |
Die Frage der strategischen Autonomie
Hinter den tagesaktuelle Debatten verbirgt sich eine tiefgreifendere Frage, die in den Fachausschüssen des Bundestages zunehmend diskutiert wird: Über welchen außenpolitischen Gestaltungsspielraum verfügt Deutschland tatsächlich – und will es ihn nutzen? Die Debatte um strategische Autonomie, die in der EU lange als akademisches Konzept galt, hat durch die Nahost-Krise und die veränderte amerikanische Außenpolitik eine neue Dringlichkeit erhalten.
Merz hat sich in diesem Punkt vorsichtig positioniert. Er betont einerseits die transatlantische Bindung, mahnt aber gleichzeitig zu mehr europäischer Eigenständigkeit. In der Nahost-Politik bedeutet das konkret: Deutschland will nicht zwischen Washington und Brüssel zerrieben werden, sondern einen eigenständigen Beitrag leisten. Ob das gelingt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen – in den Verhandlungen über ein neues EU-Iran-Abkommen ebenso wie in der Frage, wie Deutschland auf weitere Eskalationen im Gazastreifen reagiert.
Das erste Amtsjahr von Friedrich Merz war in der Außenpolitik vor allem eines: lehrreich. Die Krisen haben Stärken und Schwächen des neuen Kanzlers sichtbar gemacht. Seine Stärke liegt in der klaren Sprache und der Bereitschaft, Positionen zu beziehen. Seine Schwäche, so sagen Beobachter in Berlin, liegt in der Neigung, Positionierungen für innenpolitische Zustimmungspflege einzusetzen, statt sie konsequent außenpolitisch zu verfolgen. Das zweite Amtsjahr wird zeigen, ob dieser Befund sich korrigieren lässt – oder ob die Nahost-Krise Deutschland weiter in eine reaktive Außenpolitik zwingt, die der eigentlichen Größe und dem Gewicht Berlins in Europa nicht gerecht wird. (Quelle: Bundestag, Auswärtiges Amt, Forschungsgruppe Wahlen)

















