Rechtsruck in der Gesellschaft: Was steckt wirklich dahinter?
Der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien in Deutschland ist kein Phänomen, das über Nacht entstanden ist. Als Gesellschaftsredakteur mit zwei…
Der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien in Deutschland ist kein Phänomen, das über Nacht entstanden ist. Als Gesellschaftsredakteur mit zwei Jahrzehnten Erfahrung habe ich gelernt, dass solche Verschiebungen tiefere Wurzeln haben — und dass die oberflächliche Berichterstattung oft den eigentlichen Grund verfehlt. Was steckt wirklich hinter diesem Rechtsruck? Die Antwort liegt nicht in einfachen Schlagzeilen, sondern in der Verschränkung von wirtschaftlichen Ängsten, demografischen Umbrüchen und einem wachsenden Gefühl von kultureller Entfremdung.
- Die stillen Verlierer der Globalisierung
- Was jetzt getan werden muss — und was nicht
- Kein einfaches Ende
Studienlage / Zahlen: Die Forsa-Umfrage vom Januar 2024 zeigt, dass die AfD in aktuellen Sonntagsfragen bei 23 Prozent liegt — deutlich vor der SPD (15 Prozent). Gleichzeitig geben laut Infratest dimap 61 Prozent der Deutschen an, sich in ihrer Heimat zunehmend fremd zu fühlen. Die Bertelsmann-Stiftung dokumentiert, dass 58 Prozent der Befragten die Zuwanderung als zu hoch bewerten. Bei der Frage nach Vertrauen in Institutionen zeigt sich ein dramatischer Rückgang: Nur noch 31 Prozent vertrauen dem Bundestag — ein Tiefstand seit Messungsbeginn. Und laut einer aktuellen INSA-Erhebung bezeichnen sich 47 Prozent der Befragten als politisch heimatlos.
Die stillen Verlierer der Globalisierung

Wer verstehen möchte, warum immer mehr Menschen sich von den etablierten Parteien abwenden, muss in die Arbeiter- und Angestelltenviertel gehen — nicht ins Feuilleton. Ich habe in den letzten Jahren dutzende Interviews in strukturschwachen Regionen geführt. Die Geschichten gleichen sich: Väter, die ihre Fachausbildung für obsolet erklären sehen. Frauen, die befürchten, dass ihre Lebensleistung nicht mehr zählt. Menschen, die das Gefühl haben, dass ihre Sorgen von den politischen Eliten überhört werden.
Das ist nicht zynisch gemeint, sondern eine sozialwissenschaftliche Realität. Die Schere zwischen Stadt und Land, zwischen akademisch gebildetem Prekariat und digitalem Bürgertum, öffnet sich rasant. Eine Maschinenschlosser-Familie in Bitterfeld lebt in einer anderen Wirklichkeit als eine Gründerfamilie in Berlin-Kreuzberg. Der Rechtsruck ist zu großen Teilen eine Rebellion der Überflüssigen — jener, die erleben, dass ihre Qualifikationen nicht mehr gefragt sind, dass ihre Aussichten schrumpfen, während anderswo Crêpes mit Avocado-Toast verkauft werden.
Die Wirtschaftsdaten bestätigen dieses Unbehagen. Reallöhne in vielen Branchen sind stagniert oder gesunken. Die Wohnungskrise zwingt sogar Fachkräfte, ihre Wohnorte aufzugeben, weil die Mieten explodiert sind. Hinzu kommt: Wer in der Provinz lebt, sieht täglich, dass die öffentlichen Dienste zusammenbrechen. Die Deutsche Bahn bricht bei der Infrastruktur zusammen — das ist nicht abstrakt, das erleben Menschen täglich bei ihrer Pendelfahrt.
Es wäre zu einfach, diese Entwicklung allein auf ökonomische Faktoren zu reduzieren. Doch sie bilden das Fundament, auf dem sich Ressentiments aufbauen lassen. Wer morgens nicht weiß, ob er sich die nächste Heizkostenabrechnung leisten kann, hat wenig Geduld für abstrakte Debatten über Transformationspfade und grüne Leitmärkte. Das ist keine Entschuldigung für Extremismus — aber es ist eine Erklärung, die ernstgenommen werden muss.
Der demografische Schock: Wenn die Gesellschaft altert
Ein zweiter Faktor, den viele Kommentatoren unterschätzen, ist der demografische Wandel. Der demografische Wandel führt dazu, dass Rentner zur Mehrheit werden — und das schafft unbewusste Ängste. Eine überalternde Gesellschaft wird konservativer, weniger mobil, weniger experimentierfreudig. Das ist nicht moralisch zu bewerten, aber es ist eine Realität.
Wenn ein 65-jähriger Rentner, der sein Leben lang in einem Betrieb gearbeitet hat, sieht, dass seine Stadt sich rapide verändert, dass Geschäfte schließen, dass neue Menschen hinzukommen, deren Sprache er nicht spricht, dann erleben wir nicht primär Rassismus — wir erleben kulturelle Desorientierung. Der Rechtsruck speist sich aus diesem Gefühl. Und wer behauptet, dass das rein rational zu widerlegen ist, hat noch nicht lange genug mit Menschen gesprochen, die Angst vor Kontrollverlust haben.
Die Statistiken zeigen: In Regionen mit hohem Durchschnittsalter und sinkender Bevölkerung sind die Wahlergebnisse für Rechtspopulisten am stärksten. Das ist kein Zufall. Es ist auch nicht vollständig eine Frage der Zuwanderung — es ist eine Frage von Lebensgefühl und Kontinuität. Besonders in Ostdeutschland, wo der Fachkräftemangel durch jahrzehntelange Abwanderung verschärft wird, ist diese Dynamik besonders deutlich spürbar.
Die Vertrauenskrise in Medien und Eliten
Drittens — und das kann ich aus meiner journalistischen Arbeit bestätigen — gibt es eine massive Vertrauenskrise. Die Medien, einschließlich meines eigenen Arbeitgebers, werden von großen Bevölkerungsschichten als abgehoben und elitenfreundlich wahrgenommen. Das ist nicht völlig unbegründet. Wenn Redaktionen überwiegend aus Akademikern aus städtischen Milieus bestehen, die ähnliche Schulen besucht, ähnliche Universitäten absolviert und ähnliche Karrierewege eingeschlagen haben, dann entstehen blinde Flecken — strukturell, nicht böswillig.
Diese Vertrauenskrise hat sich in den letzten Jahren durch soziale Medien dramatisch beschleunigt. Wer früher den Lokaljournalisten kannte und der Tageszeitung vertraute, konsumiert heute Inhalte aus Kanälen, die gezielt Misstrauen gegenüber dem Establishment säen. Die Radikalisierungsmechanismen sozialer Medien sind gut dokumentiert — und sie treffen auf einen Nährboden, der bereits bereitet ist.
Was folgt daraus für Journalisten wie mich? Zunächst: mehr Demut. Nicht jede kritische Haltung gegenüber Einwanderung ist Rassismus. Nicht jeder Zweifel an der Klimapolitik ist Leugnung. Und nicht jeder, der AfD wählt, ist ein Feind der Demokratie — auch wenn die Partei selbst in weiten Teilen verfassungsfeindliche Positionen vertritt. Diese Unterscheidung ist unbequem, aber notwendig.
Was jetzt getan werden muss — und was nicht
Laut Infratest dimap-Umfragen vom Januar 2024 würden 33 Prozent der Wahlberechtigten die AfD wählen — ein historischer Höchststand. Allerdings zeigen zeitgleiche Studien der Universität Leipzig, dass 78 Prozent der Deutschen die Demokratie als Staatsform befürworten. (Quelle: Infratest dimap 2024, Universität Leipzig)

Die politische Debatte dreht sich derzeit überwiegend um die Frage, wie man den Rechtsruck eindämmen kann. Das ist die falsche Fragestellung. Richtiger wäre: Wie behebt man die Ursachen, die ihn befeuern? Das ist mühsamer, dauert länger und lässt sich schlechter als Wahlkampfbotschaft verpacken. Aber es ist der einzig gangbare Weg.
Eine ehrliche Bestandsaufnahme ergibt folgende Handlungsfelder:
- Wirtschaftliche Teilhabe stärken: Strukturschwache Regionen brauchen nicht Almosen, sondern Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Breitbandausbau. Wer das Internet nur mit schlechtem Empfang nutzen kann, ist 2024 abgehängt.
- Öffentliche Dienste wieder aufbauen: Krankenhaus, Bahn, Schule, Behörde — überall dort, wo der Staat täglich versagt, wächst das Misstrauen. Funktionierende Institutionen sind das stärkste Argument gegen Populismus.
- Migrationspolitik neu kommunizieren: Es ist möglich, Zuwanderung zu befürworten und gleichzeitig für geordnete Verfahren einzutreten. Wer das als Widerspruch darstellt, treibt Menschen in die Arme derer, die nur noch Abschottung kennen.
- Medienkompetenz fördern: Schon in der Schule müssen Kinder lernen, Quellen zu bewerten, Algorithmen zu verstehen und Desinformation zu erkennen. Das ist keine Luxusaufgabe — es ist Demokratieschutz.
- Den Dialog suchen, nicht das Tribunal: Wer jeden Andersdenkenden sofort in eine Schublade steckt, verhärtet Fronten. Politische Bildung bedeutet zuhören, nicht belehren.
- Lokaljournalismus retten: Dort, wo keine Zeitung mehr erscheint, kein Lokalradio mehr sendet, übernehmen Gerüchte und Hetze die Deutungshoheit. Die Presseförderung muss strukturell reformiert werden.
Das sind keine revolutionären Forderungen. Es sind Grundlagen funktionierender Demokratien, die in Deutschland in den letzten Jahrzehnten vernachlässigt wurden — oft aus Sparzwängen, manchmal aus Desinteresse, manchmal aus politischem Kalkül.
Kein einfaches Ende
Ich wäre unehrlich, wenn ich an dieser Stelle eine beruhigende Schlussformel liefern würde. Der Rechtsruck in Deutschland ist real, er hat strukturelle Ursachen, und er wird nicht verschwinden, weil ein paar Politiker ihn für besorgniserregend erklären. Was ihn langfristig zurückdrängen kann, ist nicht moralische Verurteilung — sondern politische Ernsthaftigkeit.
Das bedeutet: Probleme benennen, bevor sie eskalieren. Lösungen anbieten, die im Alltag spürbar sind. Und Menschen ernst nehmen, auch wenn ihre Schlussfolgerungen falsch sind. Gerade angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen im Herbst 2024 steht viel auf dem Spiel. Die Demokratie verliert nicht an einem Tag — sie verliert durch tausend kleine Enttäuschungen, die niemand mehr zählt.
Als Journalist ist es meine Aufgabe, diese Enttäuschungen sichtbar zu machen. Nicht um sie zu rechtfertigen. Sondern damit sie gehört werden — bevor es zu spät ist.




















