Schauspiel Dresden adaptiert „Träume in Europa" von Wolfram Lotz
Sebastian Hartmann inszeniert das Werk des Dramatikers und verliert sich dabei selbst im Dämmernebel.
Das Schauspiel Dresden hat sich einer ungewöhnlichen Literaturadaption angenommen: Regisseur Sebastian Hartmann bringt das Buch „Träume in Europa" des österreichischen Dramatikers Wolfram Lotz auf die Bühne. Die Inszenierung beschäftigt sich intensiv mit den Grenzbereichen zwischen Wirklichkeit und Traum – einem Sujet, das nicht nur für Lotz zentral ist, sondern auch Hartmann bei der künstlerischen Umsetzung in zunehmend diffuse Gewässer führt.
Hintergrund
Wolfram Lotz zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen deutschsprachigen Dramatikern. Seine Werke zeichnen sich durch eine poetische Sprache, eine Skepsis gegenüber etablierten Narrativen und eine Vorliebe für absurdistische Momente aus. „Träume in Europa" ist eine essayistische Sammlung, in der sich Lotz mit den verschiedenen Bedeutungsebenen von Träumen auseinandersetzt – nicht nur im psychoanalytischen Sinne, sondern auch im Hinblick auf kollektive Träume, gesellschaftliche Utopien und die Frage, was Menschen antreibt.
Die Adaptation durch das Dresdner Schauspielhaus unter der Leitung von Sebastian Hartmann stellt eine handwerkliche Herausforderung dar, da es darum geht, ein essayistisches Buch szenisch umzusetzen. Hartmann hat sich dabei für einen Weg entschieden, der die Flüchtigkeit und Ungreifbarkeit von Träumen zu bewahren versucht, anstatt sie in eine lineare Geschichte zu zwingen.
Die wichtigsten Fakten
- Literarische Grundlage: „Träume in Europa" ist ein Essayband des österreichischen Dramatikers Wolfram Lotz, der sich mit verschiedenen Aspekten von Träumen und deren gesellschaftlicher Bedeutung auseinandersetzt.
- Regie: Sebastian Hartmann, bekannt für experimentelle und konzeptionelle Inszenierungen, adaptiert die Vorlage für das Schauspiel Dresden.
- Venue: Die Inszenierung läuft am Schauspiel Dresden, einem der führenden Theaterhauser in Deutschland.
- Künstlerische Strategie: Hartmann verzichtet auf eine konventionelle Handlungsadaption und versucht stattdessen, die ästhetische und konzeptionelle Qualität des Textes zu bewahren.
- Thematische Schwerpunkte: Die Inszenierung behandelt Fragen von Bewusstsein, individuellen Sehnsüchten und europäischen Utopien sowie deren Scheitern.
Zwischen Literatur und Inszenierung
Die Herausforderung bei einer solchen Adaptation besteht darin, dass Essays und theoretische Reflexionen nicht ohne weiteres in dramatische Handlungen übersetzbar sind. Hartmann hat dies zu bewältigen versucht, indem er die Struktur von Lotz' Text anerkennt und diese zur Grundlage seiner szenischen Arbeiten macht. Der Regisseur schafft Bildräume und Situationen, die eher die Stimmung und das Gedankliche des Textes wiedergeben, als dass sie konkrete Szenen illustrieren würden.
Dabei entsteht eine gewisse ästhetische Spannung: Während Lotz in seinem Buch die Präzision der Sprache nutzt, um Träume zu erfassen, arbeitet Hartmann auf der Bühne mit dem Gegenteil – mit Unschärfe, Mehrdeutigkeit und dem bewussten Verzicht auf Klarheit. Diese Strategie führt zu einer Inszenierung, die sich „zunehmend im Dämmernebel" verliert, wie es heißt. Das kann als künstlerisches Scheitern wahrgenommen werden – oder auch als gelungene Übersetzung der Flüchtigkeit von Träumen in ein szenisches Format.
Ein Beispiel für solche Vagheit: Der Teaser erwähnt beiläufig, dass „im Schlaf ihr Justin Bieber erschien". Dies deutet darauf hin, dass die Inszenierung auch Pop-kulturelle Elemente einwebt und damit die Kollektivität von Träumen thematisiert – denn Justin Bieber ist für viele Menschen, besonders jüngere, ein Traumobjekt, ein Star, der in das Unbewusste eindringt. Solche Details zeigen, wie Hartmann versucht, zwischen hochliterarischem Anspruch und alltäglichen, populären Träumen zu vermitteln.
Wolfram Lotz und die europäische Gegenwart
Lotz hat sich in den letzten Jahren verstärkt mit der Frage auseinandergesetzt, wie sich Europa selbst versteht – nicht nur historisch, sondern auch gegenwärtig. Seine Werke wie „Zeige deine Wunde" oder „Ginkgo" behandeln Themen von Verletzung, Heilung und der Schwierigkeit, in einer instabilen Welt Sinn zu finden. „Träume in Europa" reiht sich in diese Beschäftigung ein und fragt, welche Träume Europa gerade träumt – oder träumen sollte.
In dieser Hinsicht ist die Inszenierung am Schauspiel Dresden auch ein kulturpolitisches Unternehmen. Sie versucht, den Publikum die Frage zu stellen, was es bedeutet, in Europa zu leben, zu hoffen und zu träumen. Die Verwirrung und Unschärfe der Inszenierung könnte als Ausdruck dieser Unsicherheit und Zerrissenheit gedeutet werden.
Ausblick
Die Inszenierung von Sebastian Hartmann zeigt, dass zeitgenössisches Theater bereit ist, mit etablierten Genres zu experimentieren. Die Adaptation eines Essays zur dramatischen Form ist kein neues Konzept, doch gelungen sind solche Unternehmungen nicht immer. Hartmann geht ein kalkuliertes Risiko ein, indem er sich in den „Dämmernebel" begibt – ein Terrain, in dem Klarheit bewusst aufgegeben wird zugunsten von Atmosphäre und Suggestion.
Das Ergebnis ist eine Inszenierung, die sich dem Publikum nicht leicht erschließt, aber eben deshalb zu Diskussionen einlädt. In einer Zeit, in der sich Europa selbst zu verlieren scheint, zwischen Nationalismus und Supranationalismus, zwischen liberalen Idealen und autoritären Versuchungen, kann eine Inszenierung, die sich selbst im Nebel verliert, durchaus eine angemessene künstlerische Antwort sein. Sie lädt Zuschauer dazu ein, ihre eigenen Träume zu hinterfragen – und damit auch ihre Hoffnungen für ein europäisches Gemeinwesen zu reflektieren.












