Fremdsprachen in der Schule: Warum Schüler schlechter werden
Die Fremdsprachenkenntnisse deutscher Schüler sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken. Was lange Zeit als vorübergehendes Phänomen der…
Die Fremdsprachenkenntnisse deutscher Schüler sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken. Was lange Zeit als vorübergehendes Phänomen der Pandemiejahre galt, hat sich mittlerweile zu einem strukturellen Problem entwickelt, das Experten und Pädagogen gleichermaßen beunruhigt. Die Gründe liegen tiefer, als viele Eltern und Politiker annehmen — und die Lösungen erfordern ein grundsätzliches Umdenken im deutschen Bildungssystem.
- Die Krise im Klassenzimmer — ein Überblick
- Was auf dem Spiel steht
- Ansätze, die wirken könnten
Studienlage / Zahlen: Laut dem Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) sind die durchschnittlichen Englischleistungen bei Neuntklässlern um 8 Prozent gesunken. Im Bereich Französisch zeigt sich ein noch dramatischeres Bild: 28 Prozent der Schüler erreichen nicht das geforderte Minimum. Eine Studie der Humboldt-Universität Berlin ergab, dass die durchschnittliche Lernzeit für Fremdsprachen um 40 Prozent niedriger ausfällt als noch vor zehn Jahren. Der Anteil fachfremd erteilter Fremdsprachenstunden liegt laut Kultusministerkonferenz bundesweit bei rund 15 Prozent. (Quelle: Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen; Kultusministerkonferenz 2025)
Die Krise im Klassenzimmer — ein Überblick

Wenn man mit Schulrektoren und Fremdsprachenlehrern spricht, hört man immer wieder dieselbe Geschichte: Die Schüler von heute bringen weniger Motivation und weniger Durchhaltevermögen mit. Das ist allerdings nicht die ganze Wahrheit. Tatsächlich hat sich die Situation nach der Pandemie fundamental verändert. Während der Lockdownphasen fiel der Präsenzunterricht aus — und mit ihm die alltägliche Sprachpraxis, die für den Erwerb von Fremdsprachen unerlässlich ist.
Aber auch nach der Rückkehr zum Normalbetrieb hat sich das Schulklima nicht wirklich erholt. Lehrer berichten von Konzentrationsschwächen, von digitaler Dauerdistanz und einer generellen Motivationskrise, die sich auch auf andere Bereiche auswirkt. Besonders problematisch ist, dass viele Bundesländer ihre Lehrpläne nicht an die veränderten Bedingungen angepasst haben. Eine Englischlehrerin aus Berlin-Charlottenburg beschreibt es so: „Ich unterrichte nach denselben Methoden wie vor zehn Jahren, aber meine Schüler sind völlig andere. Sie können nicht mehr längere Zeit konzentriert zuhören, und die Hemmschwelle, zu sprechen, ist deutlich größer geworden."
Dieses Phänomen ist keine rein deutsche Angelegenheit. Vergleichbare Rückgänge lassen sich in Österreich und der Schweiz beobachten, und auch im europäischen Vergleich schneiden deutschsprachige Länder zunehmend schlechter ab. Die PISA-Ergebnisse der vergangenen Runden haben gezeigt, dass kommunikative Sprachkompetenzen europaweit unter Druck geraten sind — doch in Deutschland ist der Rückgang besonders ausgeprägt. Wie das PISA-Desaster das deutsche Bildungssystem erschüttert, haben wir bereits ausführlich analysiert.
Digitalisierung als zweischneidiges Schwert
Der Einsatz von Tablets und Smartboards in Klassenzimmern sollte den Unterricht revolutionieren. Stattdessen beobachten Fachleute ein paradoxes Phänomen: Schüler, die außerhalb der Schule stundenlang Videos auf Englisch schauen und englische Gaming-Communities besuchen, schneiden bei standardisierten Tests schlechter ab als früher. Die Vermutung liegt nahe, dass passive Mediennutzung nicht dieselben Effekte hat wie aktives Sprachenlernen.
Ein weiterer kritischer Punkt: Die Digitalisierung hat zu einer Verkürzung von Aufmerksamkeitsspannen geführt. Wer gewöhnt ist, Inhalte in 15-Sekunden-Clips zu konsumieren, tut sich schwer mit einer 45-minütigen Unterrichtsstunde, in der es um Grammatikregeln und Satzstrukturen geht. Lehrer berichten von Schülern, die nach wenigen Minuten abdriften und sich stattdessen mit ihren Smartphones beschäftigen — trotz offizieller Handy-Verbote. Dass Smartphone-Verbote an Schulen ein weit komplexeres Thema sind, als die Politik es darstellt, zeigt unser Bericht über die Handy-Verbotsdebatte an deutschen Schulen.
Gleichzeitig wäre es falsch, Digitalisierung pauschal als Feind des Sprachenlernens zu betrachten. KI-gestützte Lern-Apps, adaptives Feedback und automatisierte Aussprachekorrektur bieten Möglichkeiten, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären. Das Problem liegt nicht in der Technologie selbst, sondern in ihrer unreflektierten Einführung ohne pädagogische Begleitung. Viele Schulen haben Geräte angeschafft, ohne Lehrer ausreichend fortzubilden oder didaktische Konzepte anzupassen.
Lehrkräftemangel und mangelnde Vorbereitung
Ein kaum diskutierter Aspekt ist die sinkende Qualifikation von Fremdsprachenlehrern. In vielen Bundesländern unterrichten mittlerweile Lehrer ohne Spezialisierung auf Englisch oder Französisch, weil es schlicht an Personal mangelt. Die Kultusministerkonferenz hat eingeräumt, dass etwa 15 Prozent der Fremdsprachenunterrichtsstunden von Fachfremden erteilt werden. Das bedeutet: Schüler sitzen im Klassenzimmer und lernen von jemandem, der selbst kein muttersprachliches Niveau hat und didaktisch nicht optimal ausgebildet wurde.
Hinzu kommt die psychische Belastung, unter der viele Lehrer arbeiten. Ebenso wie Jugendliche zeigen auch Pädagogen Zeichen von Burnout und Stress. Eine umfassende Analyse zeigt, dass die Klimaangst bei Jugendlichen nicht isoliert auftritt, sondern Teil eines größeren psychologischen Stressgefüges ist, das auch Lehrer betrifft. Wenn Erwachsene und Kinder gleichermaßen angespannt sind, kann kein wirkliches Lernklima entstehen.
Der Lehrermangel ist dabei kein kurzfristiges Problem, das sich durch schnelle Quereinstiegsprogramme lösen lässt. Fachverbände warnen seit Jahren, dass die Ausbildungskapazitäten an Universitäten nicht ausreichen, um den Bedarf zu decken. Wer heute ein Lehramtsstudium mit Fach Englisch oder Französisch beginnt, schließt es frühestens in sechs bis sieben Jahren ab — zu spät, um die aktuelle Krise abzufedern. Dabei ist der Lehrerberuf trotz aller Belastungen für viele junge Menschen noch immer attraktiv, wie unser Blick auf aktuelle Lösungsansätze gegen den Lehrermangel zeigt.
Was auf dem Spiel steht
Nur 56 Prozent der Schüler in Deutschland erreichen bei Englisch das angestrebte B1-Sprachniveau bis zum Ende ihrer Schulzeit — vor fünf Jahren waren es noch 68 Prozent. (Quelle: Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen 2024)
- Lehrkräftemangel in Deutschland: Warum qualifizierte Sprachlehrer fehlen
- Digitalisierung im Unterricht: Warum Tablets nicht automatisch bessere Noten bringen
- Föderalismus in der Bildung: Warum deutsche Schüler ungleiche Chancen haben

Die Konsequenzen sinkender Fremdsprachenkenntnisse reichen weit über das Klassenzimmer hinaus. Deutschland ist eine exportorientierte Volkswirtschaft, deren Unternehmen täglich auf internationaler Ebene kommunizieren müssen. Wer kein funktionales Englisch spricht, hat auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft einen erheblichen Nachteil. Personalverantwortliche in großen deutschen Unternehmen beklagen bereits heute, dass Bewerber zwar Abschlüsse vorweisen, aber in einfachen englischen Meetings scheitern.
Darüber hinaus betrifft der Rückgang auch die gesellschaftliche Teilhabe. Wer keine Fremdsprachen beherrscht, ist von internationalen Informationsquellen, wissenschaftlichen Debatten und kulturellen Austauschen weitgehend ausgeschlossen. In einer zunehmend vernetzten Welt ist das keine Kleinigkeit, sondern ein ernsthafter Nachteil. Wie eng Bildungschancen und soziale Herkunft in Deutschland zusammenhängen, beleuchtet unser Hintergrundstück zur Bildungsgerechtigkeit in Deutschland.
- Sprachpraxis im Alltag fehlt: Echte Kommunikation mit Muttersprachlern oder authentische Anwendungssituationen sind selten. Der Unterricht bleibt häufig theoretisch und abgekoppelt vom realen Sprachgebrauch. Schüler lernen Vokabeln für Tests, nicht für Gespräche.
- Passiver Konsum ersetzt aktives Lernen: Englische Serien, Musikvideos und Gaming-Inhalte vermitteln ein Gefühl von Sprachkompetenz, das standardisierte Tests nicht bestätigen. Rezeptive Fähigkeiten entwickeln sich, produktive — also Sprechen und Schreiben — stagnieren oder verschlechtern sich.
- Curriculare Starrheit: Lehrpläne wurden in vielen Bundesländern seit Jahren nicht grundlegend überarbeitet. Themen und Methoden stammen teilweise aus einer Zeit, in der Smartphones noch nicht existierten. Eine Anpassung an zeitgemäße Lernformen findet kaum statt.
- Fehlende Differenzierung im Unterricht: Klassen werden heterogener, die Schere zwischen leistungsstarken und leistungsschwachen Schülern wächst. Lehrer, die ohnehin unter Zeitdruck stehen, können kaum individuell fördern. Besonders Schüler aus bildungsfernen Haushalten verlieren den Anschluss.
- Mangel an muttersprachlichen Lehrassistenten: In Ländern wie den Niederlanden oder Skandinavien ist der Einsatz von Native Speakers im Unterricht weit verbreitet. In Deutschland scheitert dieses Modell häufig an bürokratischen Hürden, fehlenden Mitteln und unklaren Anstellungsverhältnissen.
- Keine verbindlichen Mindeststandards nach der Pandemie: Obwohl Lernrückstände aus den Pandemiejahren wissenschaftlich dokumentiert sind, haben die meisten Bundesländer keine verbindlichen Aufholprogramme für Fremdsprachen eingeführt. Die Defizite wurden schlicht in die höheren Klassenstufen mitgeschleppt.
Ansätze, die wirken könnten
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Bildungsforscher sind sich einig, dass oberflächliche Maßnahmen nicht ausreichen. Ein Mehr an Unterrichtsstunden allein löst das Problem nicht, wenn die Qualität des Unterrichts nicht stimmt. Was stattdessen gebraucht wird, ist eine Kombination aus besserer Lehrerausbildung, modernisierten Curricula und einer stärkeren Verankerung von Sprachpraxis im Schulalltag.
Einige Bundesländer erproben bereits Ansätze, die vielversprechend klingen: bilinguale Sachfachklassen, in denen etwa Geschichte oder Geografie auf Englisch unterrichtet wird, zeigen in Pilotprojekten deutlich bessere Ergebnisse als klassischer Sprachunterricht. Das Prinzip dahinter ist simpel — Sprache wird als Werkzeug benutzt, nicht als Lerngegenstand. Schüler reden über reale Inhalte und erwerben dabei fast nebenbei sprachliche Kompetenz.
Auch die gezielte Förderung von Auslandsaufenthalten und Schüleraustauschen könnte helfen. Wer zwei Wochen in einem englischsprachigen Land verbracht hat, lernt anders als jemand, der Englisch ausschließlich aus dem Schulbuch kennt. Hier klafft allerdings eine soziale Lücke: Austauschprogramme kosten Geld und sind damit nicht für alle Familien gleich zugänglich. Eine Reform der Förderprogramme wäre dringend nötig.
Letztlich ist die Krise der Fremdsprachenkenntnisse ein Symptom tiefer liegender Probleme: eines unterfinanzierten, überlasteten und strukturell unreformierten Bildungssystems. Ohne politischen Willen und ausreichende Investitionen werden einzelne Maßnahmen verpuffen. Die Zahlen sind eindeutig — und sie werden schlechter, solange niemand grundsätzlich handelt.




















