ZenNews24› Gesundheit› Suchtklinik: »Die Jugendlichen strengen sich an –… Gesundheit Suchtklinik: »Die Jugendlichen strengen sich an – und kiffen kurz darauf wieder« Fachkräfte in Suchtkliniken berichten, wie sie trotz hoher Rückfallquoten motiviert bleiben – und was Sucht wirklich bedeutet. Von ZenNews24 Redaktion 19.06.2026, 13:30 Uhr 4 Min. Lesezeit Das Wichtigste in Kürze Auf der Suchtstation einer großen Universitätsklinik ist gerade TherapiegruppeEin 17-jähriger Junge erzählt, wie er es geschafft hat, eine ganze Woche ohne Cannabis auszukommenDie anderen Patienten applaudieren Auf der Suchtstation einer großen Universitätsklinik ist gerade Therapiegruppe. Ein 17-jähriger Junge erzählt, wie er es geschafft hat, eine ganze Woche ohne Cannabis auszukommen. Die anderen Patienten applaudieren. Die Therapeutin notiert Fortschritte. Zwei Wochen später sitzt derselbe Jugendliche wieder in der Aufnahme – rückfällig. Szenen wie diese gehören zum Alltag in deutschen Suchtkliniken, die täglich mit cannabisabhängigen Jugendlichen arbeiten. Und trotzdem machen die Mitarbeitenden weiter. Sie brennen für einen Beruf, der emotional außerordentlich belastend ist. ZenNews24 hat mit Therapeutinnen, Pflegekräften und Betreuern gesprochen, die täglich mit abhängigen Jugendlichen arbeiten. Was treibt sie an? Wie gehen sie mit Rückschlägen um? Und was verstehen wir gesellschaftlich oft falsch über Suchterkrankungen?Lesen Sie auchNorovirus vor Bordeaux: Magen-Darm-Erkrankungen stoppen Kreuzfahrtschiff »Ambition«Überreaktion des Immunsystems: »Die Sepsis ist ein echter Killer«Fußball-WM 2026: So bekommen Sie mit wenig Schlaf möglichst viel WM Ein Arbeitsplatz zwischen Hoffnung und Frustration Melanie Hoffmann ist Psychologin und arbeitet seit acht Jahren auf einer Suchtstation für Jugendliche und junge Erwachsene. Sie kennt die frustrierenden Momente gut. »Die Jugendlichen strengen sich wirklich an – in der Therapie, bei den Gruppenarbeiten, in den Einzelgesprächen«, sagt sie. »Und dann gehen sie raus, und zwei Tage später erfahren wir, dass sie wieder gekifft haben. Das ist hart.« Doch Hoffmann wertet solche Rückfälle nicht als persönliches Versagen – weder das der Patienten noch ihr eigenes. »Sucht ist eine chronische Erkrankung«, erklärt sie. »Menschen mit Diabetes kontrollieren ihren Blutzucker ein Leben lang. Bei Sucht ist es ähnlich. Ein Rückfall bedeutet nicht, dass die Therapie gescheitert ist. Er zeigt, wo noch Arbeit nötig ist.« Diese Haltung macht den entscheidenden Unterschied – zwischen Burnout und langfristiger Berufszufriedenheit. Therapeutinnen und Betreuer, die Sucht als Erkrankung und nicht als moralische Schwäche begreifen, können mit Rückschlägen konstruktiv umgehen. Sie wissen: Für manche Patienten braucht es mehrere Therapieanläufe, bis einer dauerhaft trägt.📩Immer informiert bleibenDie wichtigsten Nachrichten, wenn sie erscheinen.Newsletter holen Die Arbeit mit abhängigen Jugendlichen unterscheidet sich grundlegend von der mit Erwachsenen. Jugendliche befinden sich ohnehin in einer turbulenten Entwicklungsphase. Viele haben zusätzlich traumatische Erlebnisse hinter sich – Missbrauch, Vernachlässigung, Mobbing. Die Sucht ist oft Symptom tiefergehender psychischer Probleme. Fachkräfte müssen deshalb nicht nur die Substanzabhängigkeit behandeln, sondern gleichzeitig Traumata bearbeiten, Angststörungen lindern und das Selbstwertgefühl aufbauen. Das erfordert breite klinische Kompetenz und hohe emotionale Belastbarkeit. Studienlage und Zahlen: Jugendliche Sucht in Deutschland Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) haben rund 7 Prozent der 12- bis 17-Jährigen in Deutschland Erfahrungen mit illegalem Drogenkonsum, Cannabis steht dabei an erster Stelle. Die Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht) schätzt, dass etwa 60 bis 70 Prozent der Jugendlichen mit einer Cannabisabhängigkeit innerhalb eines Jahres nach Therapieende mindestens einmal rückfällig werden. Der Konsum von Cannabis vor dem 15. Lebensjahr erhöht das Risiko, eine Abhängigkeit zu entwickeln, laut internationalen Studien um den Faktor 4 bis 7 im Vergleich zu einem Einstieg im Erwachsenenalter. In Deutschland werden jährlich rund 30.000 Menschen wegen einer Cannabisstörung ambulant oder stationär behandelt – ein erheblicher Anteil davon sind Minderjährige oder junge Erwachsene unter 25 Jahren (Quelle: Deutsches Institut für Sucht- und Präventionsforschung, DiSuP, 2022). Kombinierte Therapieansätze, die kognitive Verhaltenstherapie mit motivierender Gesprächsführung verbinden, zeigen laut einer Metaanalyse im Journal of Substance Abuse Treatment (2021) die besten Langzeitergebnisse bei jugendlichen Cannabisabhängigen. Warum ausgerechnet dieser Beruf? Stefan König ist Betreuer auf derselben Station und arbeitet dort seit ihrer Eröffnung. »Ich mag die Ehrlichkeit«, sagt er schlicht. »Abhängige Menschen haben keine Energie mehr für Fassaden. Sie müssen ehrlich sein, wenn sie genesen wollen. Das ist anstrengend, aber auch irgendwie erfrischend.« König erzählt von einem 16-jährigen Mädchen, das bei der Aufnahme kaum sprach. Sie hatte Zwangssymptome entwickelt, die im Zusammenhang mit ihrem Cannabiskonsum standen – begonnen hatte dieser im Alter von 13 Jahren. Nach drei Monaten Behandlung sah er sie zum ersten Mal lachen. »In diesem Moment wusste ich: Das ist der Grund, warum ich das mache.« Solche Momente halten Fachkräfte in diesem Beruf. Nicht die großen, seltenen Siege, sondern die kleinen Durchbrüche: ein Jugendlicher, der erstmals vor der Gruppe über seine Angst spricht; ein anderer, der nach Jahren wieder Kontakt zu seiner Mutter aufnimmt; eine Patientin, die erkennt, dass ihr Leben ohne Drogen möglich und lebenswert ist. Dass solche Momente oft flüchtig sind, gehört zur Realität dieses Berufs. Die Rückfallquoten sind hoch – das ist keine Randnotiz, sondern ein zentrales Merkmal chronischer Erkrankungen. Fachkräfte, die neu auf diesen Stationen anfangen, müssen diese Tatsache verinnerlichen, bevor sie sie professionell verarbeiten können. »Rückfall ist nicht dasselbe wie Fehlschlag«, sagt Hoffmann. »Ein Rückfall zeigt uns, welche Werkzeuge unserem Patienten noch fehlen.« Was diese Arbeit letztlich trägt, ist kein Versprechen auf Heilung – sondern die Überzeugung, dass jeder kleine Schritt zählt. Für ein Gesundheitssystem, das chronische Suchterkrankungen strukturell besser auffangen muss, braucht es mehr solcher Fachkräfte: Menschen, die aushalten, begleiten und immer wieder neu anfangen. Die gesellschaftliche Debatte um Cannabis und Jugendschutz hat an Fahrt gewonnen – höchste Zeit, dass auch die Versorgung und Anerkennung derer Schritt hält, die diese Arbeit täglich leisten. Teilen Teilen X Facebook WhatsApp Link kopieren Wie findest du das? 🔥 0 😲 0 🤔 0 👍 0 😢 0 gesundheit Z ZenNews24 Redaktion Redaktion Die ZenNews24-Redaktion berichtet rund um die Uhr über die wichtigsten Ereignisse aus Deutschland und der Welt. Unsere Journalistinnen und Journalisten recherchieren, analysieren und ordnen ein — unabhängig und verlässlich. 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