Teureres Fliegen: Wirtschaftsministerin Reiche warnt vor steigenden Flugpreisen
Kerosinknappheit bedroht nicht den Flugbetrieb – wohl aber die Geldbörsen der Passagiere.
Wer in diesem Sommer ans Meer fliegen wollte und bereits über die Ticketpreise gestöhnt hat, darf sich auf mehr davon einstellen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat klargestellt, dass die angespannte Lage auf dem globalen Kerosinmarkt keine Flugausfälle produzieren wird – wohl aber eine weitere finanzielle Belastung für Flugreisende. Das ist die eigentliche Nachricht hinter der beruhigenden Oberfläche ihrer Aussagen: Das Fliegen wird teurer, strukturell und auf absehbare Zeit.
Hintergrund: Was steckt dahinter?
Kerosin ist der mit Abstand größte Kostenfaktor für Fluggesellschaften – je nach Airline und Strecke zwischen 25 und 35 Prozent der Betriebskosten. Wenn dieser Preis steigt, schlägt sich das zuverlässig im Ticketpreis nieder. Doch die aktuelle Situation ist komplexer als ein simpler Anstieg der Rohölpreise. Weltweit geraten Raffineriekapazitäten unter Druck: Alte Anlagen werden abgeschaltet, neue entstehen zu langsam, und die Nachfrage nach Flugkraftstoff hat nach dem Ende der Corona-Pandemie ein Niveau erreicht, das viele Prognosen übertroffen hat.
Hinzu kommt die politische Dimension: Die schrittweise Einführung von Sustainable Aviation Fuel (SAF) – also nachhaltigem Flugkraftstoff auf Basis von Biomasse oder synthetischen Verfahren – ist europäisches Recht. Ab 2025 müssen Airlines in der EU einen Mindestanteil von zwei Prozent SAF beimischen, bis 2030 steigt dieser Wert auf sechs Prozent. SAF ist jedoch erheblich teurer als konventionelles Kerosin, teils um den Faktor drei bis fünf. Diese Kosten werden nicht von den Airlines absorbiert – sie werden weitergegeben.
Reiche steht damit vor einer klassischen kommunikativen Zwickmühle: Sie muss einerseits Panik vor Versorgungsengpässen dämpfen, andererseits ehrlich über die Preisentwicklung sein. Ihre Aussage, dass Flugreisende mit einer „Belastung" rechnen müssen, klingt nach Euphemismus – ist aber sachlich korrekt.
Die wichtigsten Fakten im Überblick
- Keine Flugausfälle durch Kerosinmangel: Reiche zufolge sind die deutschen Reserven und Versorgungsstrukturen stabil genug, um den laufenden Flugbetrieb zu sichern.
- Steigende Kerosinpreise: Die Ministerin rechnet mit einem weiteren Anstieg der Kerosinkosten, der sich direkt auf die Ticketpreise auswirken wird.
- SAF-Beimischungspflicht ab 2025: EU-Recht schreibt Airlines vor, wachsende Anteile teureren nachhaltigen Kraftstoffs einzusetzen – ein struktureller Kostentreiber.
- Globale Raffineriekapazitäten unter Druck: Weltweit fehlen Verarbeitungskapazitäten für Kerosin, während die Nachfrage post-pandemisch auf Rekordhöhe liegt.
- Kurzstreckenflüge besonders betroffen: Wegen des hohen Anteils der Fixkosten am Gesamtticketpreis trifft die Kerosinumlage Kurz- und Mittelstrecken proportional stärker als interkontinentale Verbindungen.
Zwischen Versorgungssicherheit und Preiswahrheit
Reiches Botschaft ist politisch kalkuliert, aber nicht unehrlich. Die Versorgungssicherheit – also die Frage, ob überhaupt Kerosin für den deutschen Luftverkehr vorhanden ist – scheint gesichert. Deutschland verfügt über strategische Energiereserven, die auch Kerosin umfassen, und die Lieferketten zu den großen Raffinerien in Westeuropa gelten als stabil. Dass die Ministerin diesen Punkt betont, ist wichtig: In der öffentlichen Debatte der vergangenen Wochen kursierten Sorgen über mögliche Versorgungslücken, die offenbar keine reale Grundlage haben.
Doch die Preisfrage ist eine andere. Hier hat Reiche keine Entwarnung gegeben – sie konnte es nicht. Die strukturellen Faktoren, die Kerosin teurer machen, sind politisch gewollt oder wirtschaftlich unvermeidlich: Die Klimapolitik der EU treibt die SAF-Kosten nach oben, geopolitische Unsicherheiten belasten die Rohölmärkte, und die Nachfrage nach Flugreisen zeigt keinerlei Abschwächung. Eine Umkehr dieser Entwicklung ist nicht absehbar.
Die Airline-Branche im Dilemma
Für Lufthansa, Ryanair und Co. ist die Situation paradox: Die Nachfrage ist stark, die Auslastungszahlen sind hoch – und dennoch steigen die Kosten schneller als die Margen. Besonders die deutschen Netzcarrier haben in den vergangenen Jahren erheblich in neue, treibstoffeffizientere Flugzeuge investiert. Airbus A320neo oder Boeing 737 MAX verbrauchen rund 20 Prozent weniger Kerosin als ihre Vorgänger. Das mildert den Effekt – kompensiert ihn aber nicht vollständig.
Billigflieger wie Ryanair oder Wizz Air reagieren traditionell schneller mit Preiserhöhungen, da ihre Margen enger und ihre Hedging-Strategien kurzfristiger ausgerichtet sind. Für Verbraucher bedeutet das: Wer flexibel bucht und früh plant, kann noch Schnäppchen ergattern – die Zeiten pauschaler Billigtickets für spontane Buchungen dürften jedoch endgültig vorbei sein.
Ausblick: Was kommt als Nächstes?
Die Bundesregierung steht vor der Frage, ob und wie sie die Preisentwicklung beim Fliegen politisch begleiten will. Eine Subventionierung von Kerosinpreisen wäre klimapolitisch kaum vertretbar und würde den Koalitionszielen zur Emissionsminderung widersprechen. Stattdessen dürfte die Diskussion zunehmen, ob und wie einkommensschwächere Haushalte beim Zugang zu Flugreisen entlastet werden können – etwa über eine Reform der Luftverkehrsteuer, die derzeit unabhängig vom Ticket-Grundpreis erhoben wird.
Reiche selbst hat keine konkreten politischen Maßnahmen angekündigt. Ihre Aussagen klingen nach dem Beginn einer größeren Debatte – einer, die in den kommenden Monaten im Bundestag und in Brüssel mit zunehmender Schärfe geführt werden wird. Denn steigende Flugpreise sind kein Randthema: Über 200 Millionen Fluggäste starten oder landen jährlich an deutschen Flughäfen. Was Kerosin kostet, geht fast alle an.














