Politik

Machtkampf bei Labour: Abgeordnete West will Starmer im Herbst stürzen

Die Staatssekretärin Catherine West sammelt Unterstützer innerhalb der Fraktion – das Timing ist bewusst gewählt.

Von ZenNews24 Redaktion 4 Min. Lesezeit
Machtkampf bei Labour: Abgeordnete West will Starmer im Herbst stürzen

Es ist kein spontaner Aufschrei, sondern ein kalkulierter Angriff: Die britische Labour-Abgeordnete Catherine West, ehemalige Parlamentarische Staatssekretärin im Außenministerium, betreibt aktiv die Ablösung von Premierminister Keir Starmer. Nicht durch ein sofortiges Misstrauensvotum – das hat sie vorerst zurückgestellt – sondern durch eine koordinierte Kampagne innerhalb der Fraktion, die im September zur entscheidenden Kraftprobe werden soll. West spricht nicht allein. Sie ist die sichtbarste Figur einer wachsenden Gruppe von Labour-Abgeordneten, die Starmer für politisch nicht mehr haltbar halten.

Hintergrund: Was steckt dahinter?

Keir Starmer führt Labour seit April 2020, gewann die Parlamentswahl im Juli 2024 mit einer historischen Mehrheit – und steht trotzdem unter schwerem Beschuss aus den eigenen Reihen. Der Grund ist vielschichtig: Die Regierung Starmer hat in ihrer kurzen Amtszeit bereits mehrere politische Kurswechsel vollzogen, die viele Parteilinke als Verrat an Labour-Kernwerten deuten. Kürzungen bei Sozialleistungen, eine als zögerlich empfundene Haltung im Gaza-Konflikt und das Bild eines Premiers, der mehr auf Umfragewerte reagiert als auf Überzeugungen setzt – das hat die Basis zermürbt.

Catherine West selbst war bis vor kurzem noch Teil der Regierung. Sie trat als Staatssekretärin zurück, nachdem sie Starmers Gaza-Kurs nicht länger mittragen wollte. Ihr Rückzug war ein Signal, kein Unfall. Seitdem positioniert sie sich als Stimme jener Labour-Mitglieder, die eine programmatischere, linkere Führung einfordern. Dass sie nun öffentlich den Herbst als Zieldatum nennt, verleiht der internen Opposition eine Struktur und einen Zeitplan – beides fehlte bisher.

Die wichtigsten Fakten im Überblick

  • Catherine West ist Abgeordnete für Hornsey and Friern Barnet im Norden Londons und war Parlamentarische Staatssekretärin im Außenministerium unter Starmer.
  • Sie trat aus der Regierung zurück wegen grundsätzlicher Differenzen in der Nahostpolitik, insbesondere der Haltung zu Gaza.
  • Ein unmittelbares Misstrauensvotum gegen Starmer hat West vorerst nicht eingereicht – sie setzt stattdessen auf Fraktionsdruck bis September.
  • Labour erzielte bei den Wahlen im Juli 2024 eine Parlamentsmehrheit von rund 170 Sitzen – theoretisch genug Puffer, um interne Revolten zu überstehen.
  • In aktuellen Umfragen liegt Labour gleichauf oder knapp hinter den Tories – ein dramatischer Absturz innerhalb weniger Monate nach dem Erdrutschsieg.
  • Laut britischen Medienberichten haben sich bereits mehrere Dutzend Abgeordnete intern kritisch gegenüber Starmers Führungsstil geäußert.

Die Arithmetik der Revolte: Reicht die Masse?

Für ein offizielles Misstrauensvotum nach Labour-Parteistatut sind 20 Prozent der Parlamentsfraktion nötig – bei derzeit rund 410 Labour-Abgeordneten entspräche das etwa 82 Unterschriften. Diese Schwelle zu erreichen ist schwerer als es klingt. Viele Abgeordnete, die intern murren, scheuen den öffentlichen Schritt, weil er Karriererisiken birgt und die Partei nach außen gespalten wirken lässt. West weiß das. Deshalb setzt sie nicht auf ein sofortiges Votum, sondern auf einen strategischen Druck im Sommer – eine Phase, in der das Parlament pausiert, Parteikonferenzen bevorstehen und politisches Stimmungsmanagement oft wichtiger ist als formale Schritte.

September ist kein zufälliger Zeitpunkt. Im Herbst beginnt die neue Parlamentssaison, die Parteikonferenz steht an, und Starmer muss dann eine klarere politische Linie für die zweite Jahreshälfte formulieren. Wenn bis dahin die Umfragewerte nicht steigen und die soziale Unzufriedenheit – vor allem im Norden Englands und in Teilen der Midlands – weiter wächst, könnte die kritische Masse an Abgeordneten entstehen, die West braucht.

Starmers Dilemma: Mehrheit ohne Rückhalt

Das Paradoxon der Starmer-Regierung ist bemerkenswert: Sie verfügt über eine der größten parlamentarischen Mehrheiten in der modernen britischen Geschichte – und kann diese Mehrheit dennoch nicht in politische Autorität übersetzen. Das liegt nicht nur an der Opposition, sondern an einer Führungskrise, die tief in das Selbstverständnis der Partei eingreift.

Labour ist historisch eine Koalition aus Gewerkschaftsbewegung, städtischer Progressiver und ländlicher Arbeiterklasse – Gruppen, die selten dieselbe Politik wollen. Starmer hat versucht, alle gleichzeitig zu bedienen, und dabei das typische Schicksal von Kompromissmachern erlitten: Er enttäuscht alle ein bisschen. Die Linke sieht ihn als Verräter an Corbyn-Werten, die Mitte als zu schwach, die Rechten als unerfahren in Wirtschaftsfragen. West nutzt diese Zerrissenheit – aber sie löst sie nicht.

Dass sie ein sofortiges Votum zurückgestellt hat, zeigt durchaus taktischen Verstand. Ein gescheitertes Misstrauensvotum würde Starmer stärken und die Opposition blamieren. West will erst sammeln, dann schlagen. Das ist keine Schwäche der Bewegung – es ist ihr Kalkül.

Ausblick: Was kommt als Nächstes?

Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Catherine West eine ernsthafte politische Kraft organisiert oder ob ihr Vorstoß als weiteres Symptom einer dauerhaft unzufriedenen Parteilinken verpufft. Entscheidend wird sein, wie viele namhafte Abgeordnete sich ihr Bekenntnis öffentlich anschließen. Einzelne Rücktritte aus der Regierung wie ihren eigenen hat Starmer bisher weggesteckt – eine koordinierte Gruppe von zwanzig, dreißig bekannten Labour-Namen wäre eine andere Qualität des Drucks.

Für Starmer selbst bleibt der sicherste Weg dasselbe, was ihm immer geraten wurde: Ergebnisse liefern. Wirtschaftswachstum, sinkende Wartelisten im Nationalen Gesundheitsdienst, eine glaubwürdige Außenpolitik – ohne diese Substanz ist jede Umfrageerholung kurzlebig. Bis September hat er noch Zeit. Aber die Uhr tickt, und Catherine West zählt laut mit.

Quellen: Die Zeit
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ZenNews24 Redaktion
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Quelle: Zeit Politik
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