Warum immer mehr Menschen Allergien bekommen
Pollenflug, Klimawandel, Hygiene-Hypothese: Die Wissenschaft hat Neuigkeiten
Die Nase läuft, die Augen jucken, das Atmen fällt schwer — für immer mehr Menschen in Deutschland gehören diese Symptome zum Alltag. Nicht nur während der Pollenflug-Saison, sondern zunehmend das ganze Jahr über. Allergien sind längst zur Volkskrankheit geworden, und die Zahlen sind eindrücklich: Während noch vor drei Jahrzehnten etwa jeder Zehnte in Deutschland von einer Allergie betroffen war, liegt dieser Anteil heute bei rund einem Drittel der Erwachsenen. Warum passiert das? Die Wissenschaft hat Antworten — und sie sind komplexer, als viele vermuten.
Eine Epidemie, die wächst
Das Robert Koch-Institut (RKI) dokumentiert seit Jahren einen klaren Trend: Die Häufigkeit allergischer Erkrankungen nimmt in Industrieländern kontinuierlich zu. Deutschland ist dabei keine Ausnahme. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Allergien mittlerweile als eines der bedeutendsten Gesundheitsprobleme des 21. Jahrhunderts ein — eine Einschätzung, deren Tragweite lange unterschätzt wurde.
Was zunächst paradox wirkt: In ärmeren, weniger industrialisierten Ländern sind Allergien deutlich seltener als in wohlhabenden Gesellschaften. Dieses Phänomen fasziniert Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seit Jahrzehnten und hat zu einer der einflussreichsten Theorien der modernen Immunologie geführt — der sogenannten Hygiene-Hypothese.
Studienlage: Nach Daten der Europäischen Akademie für Allergologie und Klinische Immunologie (EAACI) leiden etwa 30–40 Prozent der europäischen Bevölkerung an mindestens einer allergischen Erkrankung. In Deutschland belegt die DEGS1-Studie (Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland, RKI 2013) eine Allergie-Prävalenz von rund 33 Prozent bei Erwachsenen. Laut KiGGS-Studie des RKI sind etwa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland von Heuschnupfen betroffen. Die Global Burden of Disease Study (2019) schätzt, dass weltweit über 400 Millionen Menschen an allergischer Rhinitis leiden. Die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) weist zudem darauf hin, dass die Zahl schwerer anaphylaktischer Reaktionen in Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten messbar gestiegen ist.
Der Pollenflug wird länger und aggressiver

Ein unmittelbarer und wissenschaftlich gut belegter Faktor: Der Pollenflug hat sich verändert — und das ist keine subjektive Wahrnehmung von Betroffenen, sondern ein dokumentierter Effekt des Klimawandels.
Wärmere Winter führen dazu, dass Pflanzen früher zu blühen beginnen. Birken, Gräser und Beifuß starten ihre Pollenproduktion messbar früher als noch vor 30 Jahren — Schätzungen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) sprechen von durchschnittlich ein bis zwei Wochen Vorverlegung, je nach Region und Pflanzenart. Gleichzeitig verlängert sich die Pollensaison am Ende des Jahres hin. Allergiker sind damit nicht nur früher, sondern auch länger exponiert.
Hinzu kommt ein weniger bekannter Effekt: Erhöhte CO₂-Konzentrationen in der Atmosphäre können dazu beitragen, dass bestimmte Pflanzen mehr Pollen produzieren und dass dieser Pollen ein höheres Allergenpotenzial aufweist. Untersuchungen, die im Fachjournal The Lancet Planetary Health diskutiert wurden, deuten darauf hin, dass sich die Zusammensetzung allergener Proteine in Pollen unter veränderten Klimabedingungen verschieben kann — wenngleich die Forschung hier noch nicht abgeschlossen ist.
Auch die städtische Umgebung verschärft die Lage: Feinstaub und Stickoxide aus dem Straßenverkehr können sich an Pollenkörner anlagern und deren Wirkung auf die Atemwegschleimhaut verstärken. Menschen in Großstädten berichten daher häufig von heftigeren allergischen Reaktionen als Bewohnerinnen und Bewohner ländlicher Gebiete — selbst bei vergleichbarer Pollenbelastung. Die Auswirkungen von Luftverschmutzung auf die Atemwege sind dabei ein eigenständiges Forschungsfeld, das zunehmend mit der Allergieforschung verzahnt wird.
Die Hygiene-Hypothese: Zu sauber ist ungesund
Die reine Zunahme von Pollen erklärt das Phänomen jedoch nicht vollständig. Der immunologisch interessantere Teil der Geschichte liegt tiefer: Unser Immunsystem reagiert überreaktiver — besonders in modernen, westlichen Gesellschaften.
Die Hygiene-Hypothese, erstmals 1989 vom britischen Epidemiologen David Strachan formuliert, besagt, dass mangelnder Kontakt mit Keimen, Parasiten und Umweltmikroben in der frühen Kindheit zu einer fehlgeleiteten Immunantwort führt. Das menschliche Immunsystem hat sich über Millionen von Jahren in einer Umgebung voller Bakterien, Viren und Parasiten entwickelt. Es ist darauf ausgelegt, echte Bedrohungen zu bekämpfen. Fehlen diese Trainingsreize — weil Kinder in sterilen Wohnungen aufwachsen, kaum Kontakt zu Tieren oder Erde haben und Infektionskrankheiten durch Impfungen und Antibiotika weitgehend unter Kontrolle gehalten werden —, richtet das Immunsystem seine Abwehrkapazitäten gegen eigentlich harmlose Stoffe wie Pollen, Tierhaare oder bestimmte Nahrungsmittel.
Diese Theorie hat in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Unterstützung durch epidemiologische Daten erhalten: Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, entwickeln seltener Allergien und Asthma als Stadtkinder. Kinder mit älteren Geschwistern, die früh Kinderkrankheiten durchmachen, zeigen ebenfalls geringere Allergiequoten. Und Studien aus Osteuropa belegen, dass die Allergieprävalenz dort nach der politischen Wende und dem Anstieg westlicher Lebensstandards sprunghaft zunahm.
Die DGAKI und das RKI betonen allerdings, dass der Begriff „Hygiene-Hypothese" irreführend sein kann: Es geht nicht darum, auf Händewaschen zu verzichten oder Hygiene zu vernachlässigen. Gemeint ist vielmehr die Biodiversität der mikrobiellen Umgebung in der frühen Kindheit — ein Konzept, das in der Forschung zunehmend als „Old Friends"-Hypothese oder „Mikrobielle Diversitätshypothese" präzisiert wird.
Das Mikrobiom als Schlüsselfaktor
Eng mit der Hygiene-Hypothese verknüpft ist ein Forschungsfeld, das in den vergangenen zehn Jahren enorm an Bedeutung gewonnen hat: das Darm-Mikrobiom und seine Rolle für das Immunsystem. Die Zusammensetzung der Darmbakterien in den ersten Lebensjahren scheint maßgeblich dafür zu sein, wie das Immunsystem später auf Allergene reagiert.
Kinder, die per Kaiserschnitt geboren werden, haben initial eine andere Mikrobiom-Zusammensetzung als vaginal geborene Kinder — und zeigen statistisch etwas höhere Allergiequoten, wie Studien im Journal of Allergy and Clinical Immunology zeigen. Kinder, die gestillt werden, scheinen ebenfalls gewisse Vorteile zu haben. Frühzeitiger und breiter Kontakt mit verschiedenen Lebensmitteln kann nach aktueller Studienlage das Risiko von Nahrungsmittelallergien senken — eine Erkenntnis, die frühere Empfehlungen zur strikten Vermeidung potenzieller Allergene in der Beikostphase inzwischen teilweise revidiert hat.
Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) empfiehlt auf Basis aktueller Leitlinien, potenziell allergene Lebensmittel wie Erdnüsse, Ei oder Fisch nicht prophylaktisch aus dem Speiseplan von Kleinkindern zu streichen, sondern altersgerecht einzuführen.
Klimawandel, Urbanisierung, Lebensstil — das Zusammenspiel der Faktoren
Die Wissenschaft ist sich einig: Es gibt nicht eine Ursache für den Anstieg der Allergieprävalenz. Vielmehr wirken mehrere Faktoren zusammen, die sich gegenseitig verstärken:
- Klimawandel: Längere Pollensaisons, neue Pflanzenarten (etwa die eingewanderte Beifuß-Ambrosie), veränderte Allergenprofile.
- Urbanisierung: Weniger Kontakt mit Natur und Biodiversität, höhere Feinstaubbelastung, veränderte Lebensräume.
- Lebensstil: Veränderte Ernährungsgewohnheiten, übermäßiger Antibiotikaeinsatz, weniger körperliche Aktivität im Freien.
- Genetik: Eine familiäre Vorbelastung erhöht das Allergierisiko — allerdings kann Genetik allein den raschen Anstieg innerhalb weniger Jahrzehnte nicht erklären.
- Geburt und frühe Kindheit: Entbindungsmodus, Stilldauer, Kontakt mit Haustieren und frühzeitige Exposition gegenüber verschiedenen Lebensmitteln beeinflussen das Immungedächtnis.
Wann sollte ich zum Arzt?
Allergische Symptome werden häufig unterschätzt oder mit Erkältungen verwechselt. Die DGAKI empfiehlt, bei folgenden Anzeichen eine ärztliche Abklärung zu suchen:
- Wiederkehrender Schnupfen, Niesreiz oder tränende Augen, die saisonal oder in bestimmten Situationen auftreten
- Anhaltender trockener Husten oder pfeifende Atemgeräusche (mögliches Asthma-Zeichen)
- Hautreaktionen wie Nesselsucht, Ekzeme oder Rötungen ohne erkennbare andere Ursache
- Verdauungsbeschwerden nach bestimmten Lebensmitteln, kombiniert mit anderen Symptomen
- Starke Müdigkeit und eingeschränkte Leistungsfähigkeit während der Pollensaison
- Symptome, die die Schlafqualität oder den Alltag erheblich beeinträchtigen
- Jede Form von Atemnot, Schluckbeschwerden oder Kreislaufsymptomen nach einem möglichen Allergenkontakt — diese können auf eine schwere anaphylaktische Reaktion hinweisen und erfordern sofort den Notruf 112
Was kann ich selbst tun? Praktische Empfehlungen
Auch wenn Allergien nicht in jedem Fall heilbar sind, lassen sich Symptome und Verlauf durch gezielte Maßnahmen oft deutlich verbessern. Die spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung) ist dabei die einzige Behandlungsform, die kausal ansetzt und nicht nur Symptome lindert.