Allergien nehmen zu: Warum — und was dagegen hilft
Heuschnupfen, Lebensmittel, Kreuzreaktionen
Jedes Frühjahr dasselbe Leiden: Die Nase läuft, die Augen jucken, das Atmen fällt schwer. Millionen Menschen in Deutschland kämpfen mit Heuschnupfen und anderen allergischen Reaktionen. Doch nicht nur die klassische Pollenallergie nimmt zu – auch Lebensmittelallergien und komplexe Kreuzreaktionen werden zum wachsenden Gesundheitsproblem. Was steckt hinter diesem Trend, und wie können sich Betroffene effektiv schützen?
- Allergien im Aufwind – Die Zahlen sind besorgniserregend
- Warum nimmt die Allergierate zu?
- Symptome erkennen: Wann handelt es sich um eine Allergie?
- Was wirklich hilft: Behandlung und Prävention
Allergien im Aufwind – Die Zahlen sind besorgniserregend

Studienlage: Nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) aus dem Gesundheitssurvey DEGS1 sind etwa 20 bis 25 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland von mindestens einer allergischen Erkrankung betroffen. Bei Kindern und Jugendlichen liegen die Sensibilisierungsraten teils noch höher. Die internationale ISAAC-Studie (International Study on Asthma and Allergies in Childhood) dokumentierte über mehrere Jahrzehnte einen deutlichen weltweiten Anstieg allergischer Erkrankungen, wobei Industrieländer überproportional betroffen sind. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass allergische Erkrankungen weltweit zu den häufigsten chronischen Gesundheitsproblemen zählen und bis 2050 die Hälfte der Weltbevölkerung betreffen könnten.
Besonders auffällig: Die Häufigkeit von Pollenallergien hat in Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten spürbar zugenommen. Während früher etwa jede zehnte Person von Heuschnupfen betroffen war, liegt die Betroffenenquote heute schätzungsweise zwischen 15 und 20 Prozent – wobei regionale und methodische Unterschiede in den Erhebungen zu berücksichtigen sind. Die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) stuft Allergien als ein erhebliches und oft unterschätztes Public-Health-Problem ein.
Auffällig ist zudem der biografische Verlauf: Allergische Erkrankungen beginnen häufig bereits im Kindesalter, können sich im Laufe des Lebens wandeln – das sogenannte allergische Marschen – und zu Folgeerkrankungen wie allergischem Asthma führen. Das wirft eine zentrale Frage auf: Warum werden wir zunehmend allergischer?
Warum nimmt die Allergierate zu?

Die Ursachen für diesen Anstieg sind vielfältig. Entscheidend ist: Es handelt sich nicht um einen genetischen Wandel. Die Erbinformation der Menschheit verändert sich nicht innerhalb weniger Generationen so grundlegend, dass dies die gestiegenen Allergiequoten erklären könnte. Es sind vor allem Umwelt- und Lebensstilfaktoren, die Wissenschaftler als Haupttreiber identifizieren.
Die Hygiene-Hypothese: Zu wenig Kontakt mit Mikroorganismen
Eines der einflussreichsten Konzepte zur Erklärung des Allergie-Anstiegs ist die sogenannte Hygiene-Hypothese, die der britische Epidemiologe David Strachan bereits 1989 formulierte. Sie besagt, dass ein verringerter Kontakt mit Mikroorganismen, Parasiten und harmlosen Umweltkeimen in früher Kindheit das Immunsystem in seiner Entwicklung hemmt. Ein unzureichend trainiertes Immunsystem verliert die Fähigkeit, zwischen echten Bedrohungen und harmlosen Stoffen wie Pollen oder Nahrungsmitteln präzise zu unterscheiden.
In früheren Generationen war das Immunsystem durch häufigen Kontakt mit Bakterien, Viren und Parasiten ständig gefordert. In modernen, hygienisch optimierten Haushalten, bei liberalem Einsatz von Antibiotika und einem zunehmend raumgebundenen Kindheitsalltag fehlt dieses immunologische Training. Neuere Forschungen erweitern dieses Konzept zur sogenannten „alten Freunde"-Hypothese: Es geht weniger um Krankheitserreger als um jahrmillionealte Begleitmikroorganismen, die das Immunsystem zu regulieren helfen.
Klimawandel und längere Pollensaisons
Der Klimawandel verändert die Pollensaison spürbar. Frühjahrsblüher wie Hasel und Erle blühen heute in Mitteleuropa teils zwei bis drei Wochen früher als noch vor 30 Jahren. Gleichzeitig verlängert sich der Herbst, sodass auch Spätblüher länger Pollen freisetzen. Für Allergiker bedeutet das: eine insgesamt ausgedehntere Belastungsphase pro Jahr.
Hinzu kommt ein qualitativer Faktor. Erhöhte Kohlendioxid-Konzentrationen und Luftschadstoffe in Ballungsräumen führen dazu, dass Pflanzen mehr Pollen produzieren und diese eine stärkere allergene Wirkung entfalten können. Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass städtische Birken unter dem Einfluss von Verkehrsemissionen veränderte Pollenproteine produzieren, die das Immunsystem stärker reizen. Zudem breiten sich wärmeliebende Neophyten wie die Beifuß-Ambrosie (Ragweed) in Deutschland aus – eine Pflanze, deren Pollen als besonders aggressives Allergen gilt und schwere Symptome bei Betroffenen auslösen kann.
Veränderte Ernährung und der Darm-Faktor
Unsere Ernährungsgewohnheiten haben sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Der steigende Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel – arm an Ballaststoffen, reich an Zucker und synthetischen Zusatzstoffen – beeinflusst die Zusammensetzung des Darmmikrobioms. Ein aus dem Gleichgewicht geratenes Mikrobiom (Dysbiose) wird in der Forschung mit erhöhten Allergiequoten in Verbindung gebracht. Studien zeigen, dass Menschen mit allergischen Erkrankungen häufig eine geringere Diversität an Darmbakterienstämmen aufweisen als Nicht-Allergiker.
Die Darm-Immun-Achse ist dabei von zentraler Bedeutung: Rund 70 Prozent der Immunzellen des menschlichen Körpers befinden sich im Darmbereich. Eine gestörte Darmbarriere kann dazu beitragen, dass das Immunsystem auf eigentlich harmlose Substanzen überreagiert. Aktuelle Forschungen der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) untersuchen, inwiefern gezielte Prä- und Probiotika-Gaben das Mikrobiom stabilisieren und Allergierisiken senken können.
Weitere Risikofaktoren im Überblick
Neben den drei Hauptfaktoren spielen weitere Einflüsse eine Rolle:
- Frühkindliche Exposition: Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen oder früh mit Haustieren in Kontakt kommen, zeigen in Studien niedrigere Allergieraten – ein Hinweis auf die Bedeutung mikrobieller Vielfalt in der Kindheit.
- Kaiserschnittgeburt: Kinder, die per Kaiserschnitt geboren werden, passieren nicht den bakterienreichen Geburtskanal; einige Studien sehen darin einen möglichen Risikofaktor für spätere Allergieentwicklung.
- Stilldauer: Langes Stillen gilt als protektiver Faktor, da Muttermilch das kindliche Immunsystem und Mikrobiom positiv beeinflusst.
- Stress und psychosoziale Faktoren: Chronischer Stress verändert die Immunregulation und kann bestehende allergische Erkrankungen verschlechtern.
- Luftverschmutzung in Innenräumen: Feinstaub, Schimmelpilze und flüchtige organische Verbindungen aus Baumaterialien oder Reinigungsmitteln gelten als unterschätzte Auslöser.
Symptome erkennen: Wann handelt es sich um eine Allergie?
Allergische Reaktionen können sich sehr unterschiedlich äußern. Die folgende Checkliste hilft bei der ersten Einschätzung – ersetzt jedoch keinesfalls eine ärztliche Diagnose:
- Anhaltend laufende oder verstopfte Nase ohne Anzeichen eines Infekts
- Tränende, juckende oder gerötete Augen, insbesondere im Freien oder nach Tierkontakt
- Niesen in Schüben, vor allem morgens oder nach dem Betreten bestimmter Räume
- Hautreaktionen wie Rötungen, Quaddeln oder Juckreiz nach Kontakt mit bestimmten Stoffen
- Kurzatmigkeit, Engegefühl in der Brust oder anhaltender Reizhusten
- Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Blähungen oder Durchfall nach dem Essen bestimmter Lebensmittel
- Symptome, die saisonal oder situationsabhängig auftreten und sich außerhalb der Expositionssituation bessern
Wer mehrere dieser Symptome wiederholt beobachtet, sollte einen Allergologen oder Immunologen aufsuchen. Standardmethoden der Diagnose sind der Prick-Test auf der Haut sowie Bluttests zur Bestimmung spezifischer IgE-Antikörper.
Was wirklich hilft: Behandlung und Prävention
Die gute Nachricht: Allergien sind heute besser behandelbar als je zuvor. Entscheidend ist ein gestuftes Vorgehen – von der Allergenkarenz über medikamentöse Linderung bis hin zur kausal ansetzenden Immuntherapie.
Allergenkarenz – Exposition so weit wie möglich reduzieren
Der wirksamste Schutz ist die Vermeidung des auslösenden Allergens. Das ist nicht immer vollständig möglich, aber oft in wesentlichem Maß umsetzbar:
- Pollenflug-Apps und -kalender des Deutschen Wetterdienstes nutzen, um Hochbelastungszeiten zu planen
- Fenster an Tagen mit hoher Pollenkonzentration geschlossen halten, besonders morgens
- Nach dem Aufenthalt im Freien Kleidung wechseln, Haare waschen
- HEPA-Filter in Schlafräumen und im Auto einsetzen
- Bei Lebensmittelallergien konsequente Etikettenlektüre und bei schweren Reaktionen stets ein Notfallset mit Adrenalin-Autoinjektor bei sich tragen
Medikamentöse Therapie
Antihistaminika der zweiten Generation (z. B. Cetirizin, Loratadin, Bilastin) gelten als gut verträgliche Erstlinientherapie bei allergischer Rhinitis und Urtikaria. Sie blockieren die Wirkung von Histamin und lindern Juckreiz, Niesen und Fließschnupfen. Topische Kortikosteroide als Nasenspray sind bei anhaltenden Beschwerden wirksamer als orale Antihistaminika allein – die DGAKI empfiehlt sie als bevorzugte Behandlung der moderaten bis schweren allergischen Rhinitis. Bei allergischem Asthma ist eine pneumologische Begleitung unerlässlich.
Spezifische Immuntherapie – die einzige kausale Behandlung
Die spezifische Immuntherapie (SIT), auch Hyposensibilisierung oder Allergie-Impfung genannt, ist die einzige Behandlungsform, die nicht nur Symptome lindert, sondern die Überreaktion des Immunsystems langfristig umprogrammiert. Dabei wird das Allergen in steigender Dosierung entweder subkutan injiziert (SCIT) oder als Tablette bzw. Tropfen unter die Zunge gegeben (SLIT). Die Therapie erstreckt sich in der Regel über drei Jahre und zeigt bei Pollen- und Hausstaubmilbenallergien nachgewiesene Langzeitwirkung. Laut DGAKI kann sie zudem das Risiko verringern, dass aus einer Pollenallergie ein allergisches Asthma entsteht.
- Bundesgesundheitsministerium — bundesgesundheitsministerium.de
- Robert Koch-Institut — rki.de
- Ärzteblatt — aerzteblatt.de















