Klima

Amazonas: Regenwald kippt zur CO2-Schleuder

Neue Studie: Durch Rodungen gibt der Regenwald mehr CO2 ab, als er aufnimmt

Von Andreas Koch 5 Min. Lesezeit
Amazonas: Regenwald kippt zur CO2-Schleuder
In Kürze
  • Der Amazonas-Regenwald hat in den letzten 15 Jahren mehr CO2 ausgestoßen als aufgenommen, wie eine aktuelle Studie zeigt.
  • Hauptursachen sind massive Rodungen, Waldverschlechterung und wiederholte Dürren sowie Waldbrände in der Region.
  • Der östliche Amazonas setzt jährlich etwa 0,3 bis 0,4 Gigatonnen CO2 netto frei – ein kritisches Alarmsignal für den globalen Klimaschutz.

Teile des Amazonas-Regenwaldes stoßen inzwischen mehr CO2 aus, als sie binden – aus der grünen Lunge der Erde wird regional eine Emissionsquelle. Das zeigt eine aktuelle Auswertung von Satelliten- und Bodenmessdaten, die den Kohlenstoffhaushalt des größten Regenwaldgebiets der Welt neu bewertet. Ursache sind vor allem Rodung, Trockenheit und wiederkehrende Waldbrände.

  • Bestimmte Regionen im östlichen und südöstlichen Amazonas emittieren mittlerweile mehr CO2, als die Vegetation aufnimmt
  • Hauptursachen: Entwaldung, Degradierung und zunehmende Dürreperioden
  • Der Gesamtwald speichert laut aktuellen Schätzungen noch immer Kohlenstoff – aber mit deutlich sinkender Netto-Bilanz
  • Forschende warnen vor einem möglichen Kipppunkt bei fortschreitender Abholzung

CO2/Klimazahl: Der östliche Amazonas setzt nach aktuellen Berechnungen jährlich schätzungsweise 0,3 bis 0,4 Gigatonnen CO2 netto frei – mehr, als die dortige Vegetation aufnimmt (Quelle: Max-Planck-Institut für Biogeochemie).

Wie kann ein Regenwald zur CO2-Quelle werden?

Normalerweise funktioniert der Amazonas wie eine gigantische Pumpe: Bäume nehmen über Photosynthese CO2 auf, speichern Kohlenstoff in Holz, Blättern und Boden und geben Sauerstoff ab. Wird dieser Kreislauf gestört, kippt die Bilanz.

Rodung und Degradierung als Treiber

Wenn Flächen gerodet werden, verschwindet nicht nur die CO2-Aufnahme – gespeicherter Kohlenstoff wird beim Verbrennen oder Verrotten von Biomasse zusätzlich freigesetzt. Auch nicht vollständig abgeholzte, aber degradierte Waldränder verlieren an Speicherkapazität, weil sie trockener und anfälliger für Brände werden.

Die Rolle von Dürre und Hitze

Mehrere aufeinanderfolgende Dürrejahre haben die Widerstandsfähigkeit des Waldes zusätzlich geschwächt. Bäume stellen bei Wassermangel ihr Wachstum ein oder sterben ab, wodurch die CO2-Aufnahme weiter sinkt (Quelle: Instituto Nacional de Pesquisas Espaciais, INPE).

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Welche Regionen sind am stärksten betroffen?

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Nicht der gesamte Amazonas kippt gleichermaßen. Besonders der sogenannte "Arc of Deforestation" im Osten und Südosten Brasiliens – eine Zone intensiver landwirtschaftlicher Nutzung – zeigt die stärkste Verschlechterung der CO2-Bilanz.

Der zentrale und westliche Amazonas, etwa in Teilen Perus und Kolumbiens, gilt hingegen weiterhin als Nettosenke. Das verdeutlicht: Entwaldungsdruck und Klimabilanz hängen eng zusammen.

Unterschiede zwischen den Anrainerstaaten

Brasilien trägt mit Abstand den größten Anteil am Amazonas-Gebiet und zugleich die höchste Entwaldungsrate der vergangenen Jahrzehnte. Länder wie Ecuador oder Bolivien verzeichnen zwar ebenfalls Rodungen, jedoch in deutlich kleinerem Maßstab.

Land/RegionWaldfläche am AmazonasCO2-Bilanz (aktuell)
Brasilien (Ostamazonas)ca. 60 % des GesamtgebietsNettoquelle
Peruca. 13 %Nettosenke
Kolumbienca. 10 %Nettosenke
Bolivienca. 7 %leicht negativ bis neutral
Zentral-/Westamazonas gesamtintakte KernzonenNettosenke

Was sagt der IPCC zur Zukunft des Amazonas?

Der Weltklimarat (IPCC) stuft den Amazonas-Regenwald seit Jahren als eines der zentralen Kippelemente im Erdsystem ein. Bei anhaltender Entwaldung und Erwärmung drohe ab einem bestimmten Schwellenwert ein irreversibler Übergang großer Teile des Regenwaldes in eine savannenartige Vegetation.

Der Kipppunkt-Diskurs in der Wissenschaft

Studien gehen von einer kritischen Schwelle zwischen 20 und 25 Prozent Gesamtentwaldung aus, ab der sich Rückkopplungseffekte selbst verstärken könnten. Aktuell liegt die kumulierte Entwaldung je nach Quelle bei rund 17 bis 20 Prozent – die Debatte darüber, wie nah dieser Punkt bereits ist, hält an (Quelle: IPCC, Woodwell Climate Research Center).

Wichtig für die Einordnung: Ein Kippen wäre kein plötzliches Ereignis, sondern ein schleichender Prozess über Jahrzehnte. Dennoch mahnen Forschende zur Vorsicht, da Rückkopplungen schwer vorhersagbar sind.

Was bedeutet das für den globalen Klimaschutz?

Der Amazonas gilt traditionell als einer der wichtigsten natürlichen CO2-Speicher der Erde. Fällt diese Funktion regional weg oder kehrt sich sogar um, verschärft das die globale Klimabilanz zusätzlich zu den Emissionen aus fossilen Brennstoffen.

Konsequenzen für internationale Klimaziele

Die Pariser Klimaziele basieren unter anderem auf der Annahme, dass natürliche Senken wie Wälder und Ozeane einen Teil der menschengemachten Emissionen ausgleichen. Schwächt sich diese Pufferfunktion ab, müssten Industrie- und Schwellenländer ihre eigenen Emissionsminderungen entsprechend verstärken.

Das betrifft auch Debatten in Deutschland und der EU, etwa um den Klimagipfel: E-Autos und Wärmepumpen statt CO2-Ziele?, bei denen zunehmend über technische Lösungen statt globaler Ökosystemleistungen gesprochen wird.

Was macht Deutschland, was machen andere Länder?

Deutschland finanziert über die Entwicklungszusammenarbeit und Klimafonds Projekte zum Schutz tropischer Wälder, unter anderem im Rahmen der internationalen Waldschutzinitiative. Direkten Einfluss auf die Entwaldungspolitik Brasiliens hat Berlin jedoch nicht.

Brasiliens eigene Klimapolitik

Die brasilianische Regierung hat in den vergangenen Jahren Kontrollmaßnahmen gegen illegale Rodung verschärft und Entwaldungsraten zeitweise gesenkt. Dennoch bleibt der Druck durch Landwirtschaft, Viehzucht und Bergbau hoch, insbesondere in wirtschaftlich schwächeren Regionen.

Die EU hat zudem eine Verordnung gegen entwaldungsbedingte Importe verabschiedet, die Unternehmen verpflichtet, Lieferketten für Produkte wie Soja, Rindfleisch oder Holz rückverfolgbar zu machen. Die praktische Umsetzung gilt jedoch als komplex und wurde bereits mehrfach zeitlich verschoben.

Wie hängt der Amazonas mit anderen Umweltkrisen zusammen?

Der Zustand des Regenwaldes steht nicht isoliert da, sondern ist Teil eines größeren Musters ökologischer Belastungen weltweit. Ähnliche Warnsignale zeigen sich etwa bei Korallenriffe: Fast alle weltweit akut bedroht oder beim Rückgang der Artenvielfalt, wie ihn der Tierbestände: WWF warnt vor dramatischem Rückgang weltweit dokumentiert.

Wasser als verbindender Faktor

Trockenheit betrifft nicht nur tropische Wälder, sondern auch gemäßigte Breiten. Parallelen lassen sich zur Situation ziehen, wie sie im Artikel Wasserkrise: Europas Flüsse so leer wie nie zuvor beschrieben wird – veränderte Niederschlagsmuster und Hitzeperioden wirken sich global auf Ökosysteme aus.

Auch die Erwärmung der Meere, etwa im Zusammenhang mit Mittelmeer heizt sich auf: Gefahr für Millionen Urlauber, zeigt, dass Klimaeffekte zunehmend mehrere Regionen und Ökosysteme gleichzeitig treffen.

Welche Rolle spielt der Verkehrssektor für die CO2-Bilanz?

Während der Amazonas als natürliche Senke schwächelt, bleibt die Reduktion menschengemachter Emissionen zentral. Der Verkehrssektor steht dabei in Europa weiterhin in der Kritik, wie die Debatte um das Verbrenner-Aus gekippt: Was das für Autokäufer bedeutet zeigt.

Warum regionale Entscheidungen global wirken

Politische Kurswechsel bei Verbrennungsmotoren oder Förderprogrammen für E-Mobilität wirken sich zwar primär national aus, summieren sich aber global. Klimaforscher betonen, dass sowohl der Schutz natürlicher Senken als auch die Reduktion fossiler Emissionen parallel vorangetrieben werden müssten, um die Erderwärmung zu begrenzen.

Die aktuellen Daten zum Amazonas verdeutlichen, dass Klimaschutz nicht allein eine Frage der Emissionsvermeidung ist, sondern ebenso vom Erhalt funktionierender Ökosysteme abhängt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mahnen daher zu einem differenzierten Blick: Nicht der gesamte Regenwald ist bereits gekippt, doch die regionalen Verschiebungen gelten als deutliches Warnsignal für die kommenden Jahre.

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Originalquellen: Max-Planck-Institut für Biogeochemie

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Andreas Koch
Gesundheit & Klima

Andreas Koch analysiert medizinische Studien, Gesundheitspolitik und Klimaforschung. Er übersetzt komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse in verständliche Berichte für ein breites Publikum.

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