Klima

Tierbestände: WWF warnt vor dramatischem Rückgang weltweit

Neuer WWF-Bericht zeigt alarmierenden Schwund bei Wildtieren – besonders in Flüssen und Seen.

Von Andreas Koch 6 Min. Lesezeit
Tierbestände: WWF warnt vor dramatischem Rückgang weltweit
In Kürze
  • Laut WWF-Bericht sind globale Wildtierbestände seit 1970 um durchschnittlich 73 Prozent zurückgegangen, besonders in Süßwasser-Ökosystemen.
  • Der Living Planet Index erfasst Veränderungen bei über 5.500 Wirbeltierarten über mehr als fünf Jahrzehnte hinweg.
  • Hauptursachen des Rückgangs sind Lebensraumzerstörung, Übernutzung, Klimawandel und Verschmutzung.

Die weltweiten Wildtierbestände sind laut dem aktuellen WWF-Bericht seit 1970 im Schnitt um 73 Prozent eingebrochen – am stärksten betroffen sind Süßwasser-Lebensräume wie Flüsse und Seen. Die Umweltorganisation stützt sich dabei auf den Living Planet Index, der die Entwicklung von rund 5.500 Wirbeltierarten über mehr als fünf Jahrzehnte dokumentiert. Besonders in Lateinamerika und der Karibik fällt der Rückgang drastisch aus.

  • Weltweite Wildtierbestände seit 1970 um durchschnittlich 73 Prozent gesunken
  • Süßwasser-Ökosysteme mit dem stärksten Rückgang aller Lebensraumtypen betroffen
  • Lateinamerika und Karibik verzeichnen regional die höchsten Verlustraten
  • Hauptursachen: Lebensraumzerstörung, Übernutzung, Klimawandel und Verschmutzung

CO2/Klimazahl: Der Living Planet Index zeigt einen globalen Rückgang der untersuchten Wirbeltierbestände um 73 Prozent zwischen 1970 und den aktuell verfügbaren Erhebungsjahren (Quelle: WWF).

Wie stark sind die Tierbestände weltweit zurückgegangen?

Der Living Planet Index, den der WWF gemeinsam mit der Zoological Society of London erhebt, erfasst Bestandsveränderungen bei Säugetieren, Vögeln, Fischen, Amphibien und Reptilien. Über den gesamten Beobachtungszeitraum seit 1970 ergibt sich ein durchschnittlicher Rückgang von 73 Prozent. Das bedeutet jedoch nicht, dass drei Viertel aller Tiere verschwunden sind – vielmehr misst der Index die relative Veränderung innerhalb beobachteter Populationen.

Was unterscheidet den Index von einer Artenzählung?

Wichtig für das Verständnis: Der Index zählt keine Arten, sondern verfolgt die Größe konkreter Populationen über Zeit. Ein starker Rückgang bei vielen Beständen kann daher auch eintreten, ohne dass eine Art vollständig ausstirbt. Dennoch gilt der Trend in der Wissenschaft als robuster Indikator für den Zustand der globalen Biodiversität (Quelle: Zoological Society of London).

Regional zeigen sich deutliche Unterschiede. Während Europa und Nordamerika vergleichsweise moderatere Rückgänge verzeichnen, sind die Verluste in tropischen Regionen oft um ein Vielfaches höher. Das hängt eng mit Entwaldung, Flächenumwandlung für Landwirtschaft und dem Ausbau von Infrastruktur zusammen.

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Warum sind Flüsse und Seen besonders betroffen?

Süßwasser-Ökosysteme gelten laut WWF-Bericht als die am stärksten unter Druck stehenden Lebensräume überhaupt. Staudämme, Wasserentnahme für Landwirtschaft und Industrie sowie die Verschmutzung durch Chemikalien und Mikroplastik setzen Fischbeständen, Amphibien und wasserabhängigen Vogelarten erheblich zu.

Welche Rolle spielt die Wasserknappheit in Europa?

Die Lage verschärft sich zusätzlich durch zunehmende Dürreperioden, wie der Bericht Wasserkrise: Europas Flüsse so leer wie nie zuvor zeigt. Niedrige Pegelstände bedeuten weniger Lebensraum, höhere Wassertemperaturen und geringeren Sauerstoffgehalt – Faktoren, die Fischsterben begünstigen können. Diese Entwicklung trifft in Teilen Mitteleuropas bereits heute auf eine ohnehin geschwächte Süßwasserfauna.

Auch Seen sind betroffen: Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft führen zu Algenblüten, die Sauerstoffmangel verursachen. In Kombination mit steigenden Temperaturen entstehen so Bedingungen, unter denen viele einheimische Arten kaum noch bestehen können.

Was sind die Hauptursachen für den Artenschwund?

Der WWF nennt vier zentrale Treiber: Zerstörung und Fragmentierung von Lebensräumen, Übernutzung durch Fischerei und Jagd, den fortschreitenden Klimawandel sowie Umweltverschmutzung. Diese Faktoren wirken häufig nicht isoliert, sondern verstärken sich gegenseitig.

Wie hängt der Klimawandel mit dem Artensterben zusammen?

Steigende Meeres- und Flusstemperaturen verändern Lebensräume schneller, als sich viele Arten anpassen können. Der Bericht Weltmeere so heiß wie nie: 21,1 Grad Celsius gemessen verdeutlicht, wie stark sich ozeanische Ökosysteme bereits verändert haben. Korallenriffe, die Lebensraum für ein Viertel aller Meeresarten bieten, sind durch Hitzestress zunehmend gefährdet.

Auch im Mittelmeerraum zeigen sich die Folgen deutlich: Wie der Artikel Mittelmeer heizt sich auf: Gefahr für Millionen Urlauber beschreibt, verschiebt die Erwärmung nicht nur touristische Risiken, sondern auch die Verbreitungsgebiete mariner Arten erheblich.

Was sagt der IPCC zum Zusammenhang von Klima und Biodiversität?

Der Weltklimarat IPCC stellt in seinen Berichten regelmäßig klar, dass Klimawandel und Biodiversitätsverlust eng miteinander verknüpfte Krisen sind. Steigende Temperaturen, veränderte Niederschlagsmuster und häufigere Extremwetterereignisse verschärfen demnach bestehende Belastungen für Ökosysteme zusätzlich.

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Welche Rolle spielen Kipppunkte?

Besondere Aufmerksamkeit widmet der IPCC sogenannten Kipppunkten – Schwellenwerten, ab denen Ökosysteme sich abrupt und teils irreversibel verändern können. Korallenriffe und bestimmte Süßwassersysteme gelten als besonders anfällig für solche Kippdynamiken, wenn Erwärmung und Nutzungsdruck gleichzeitig zunehmen (Quelle: IPCC).

Der IPCC betont zugleich, dass der Schutz intakter Ökosysteme ein wirksames Mittel zur Anpassung an den Klimawandel darstellt. Moore, Wälder und Flussauen binden nicht nur CO2, sondern puffern auch Extremwetterfolgen ab.

Was unternimmt Deutschland gegen den Artenschwund?

Deutschland hat sich im Rahmen internationaler Abkommen verpflichtet, bis zum Jahr 2030 mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresflächen unter Schutz zu stellen. Umgesetzt ist dieses Ziel bislang nur teilweise, wie Naturschutzverbände regelmäßig kritisieren.

Wie steht es um die deutschen Klimaziele insgesamt?

Die Debatte um Artenschutz verläuft parallel zu Diskussionen über die nationalen Klimaziele. Der Bericht Klimaziel-Debakel: Deutschland verfehlt 2026er-Vorgabe zeigt, dass auch beim CO2-Ausstoß Zielvorgaben verfehlt werden – ein Umstand, der indirekt auch Ökosysteme betrifft, da langsamer Klimaschutz den Druck auf gefährdete Lebensräume erhöht.

Gleichzeitig gibt es Fortschritte: Der Ausbau erneuerbarer Energien in Deutschland hat zuletzt neue Rekordwerte erreicht, wie der Artikel Ökostrom-Rekord: Erneuerbare liefern so viel wie nie dokumentiert. Das reduziert langfristig den Druck auf fossile Infrastruktur, ersetzt jedoch keine gezielten Artenschutzmaßnahmen.

Was machen andere Länder im Vergleich?

International verfolgen Staaten sehr unterschiedliche Strategien im Umgang mit Biodiversitätsverlust. Während einige Länder große Schutzgebiete ausweisen, setzen andere stärker auf wirtschaftliche Anreize für nachhaltige Landnutzung.

Welche Unterschiede zeigen sich bei politischen Prioritäten?

Die Debatte um Klimapolitik wird auch auf internationalen Gipfeltreffen zunehmend von Themen wie Elektromobilität und Wärmewende dominiert, wie der Beitrag Klimagipfel: E-Autos und Wärmepumpen statt CO2-Ziele? kritisch beleuchtet. Naturschutzorganisationen bemängeln, dass Biodiversität dabei oft zum Randthema wird, obwohl sie laut WWF und IPCC untrennbar mit der Klimakrise verbunden ist.

RegionRückgang Wildtierbestände seit 1970Hauptursache
Lateinamerika & Karibikca. 95 %Entwaldung, Lebensraumverlust
Afrikaca. 76 %Übernutzung, Flächenumwandlung
Asien-Pazifikca. 60 %Urbanisierung, Verschmutzung
Europa & Zentralasienca. 35 %Landwirtschaft, Wasserbau
Nordamerikaca. 39 %Lebensraumfragmentierung

Die Zahlen verdeutlichen, dass der Artenschwund kein regional begrenztes Problem ist, sondern global unterschiedlich stark, aber überall spürbar auftritt. Besonders in Regionen mit hoher Biodiversität und gleichzeitig intensiver Landnutzung fallen die Rückgänge am deutlichsten aus.

Was bedeutet der Bericht für den Natur- und Klimaschutz?

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betonen, dass der Schutz von Ökosystemen und die Reduktion von Treibhausgasen zusammengedacht werden müssen. Ein isolierter Fokus auf CO2-Zahlen greift demnach zu kurz, wenn gleichzeitig Lebensräume weiter schwinden.

Welche Maßnahmen gelten als besonders wirksam?

Als wirksam gelten laut WWF und IPCC vor allem die Renaturierung von Flussauen, der Schutz von Feuchtgebieten sowie die Wiederherstellung natürlicher Überflutungsflächen. Solche Maßnahmen verbessern nicht nur den Zustand von Süßwasser-Ökosystemen, sondern erhöhen auch die Widerstandsfähigkeit gegenüber Dürren und Starkregen.

Der aktuelle WWF-Bericht liefert damit keine Prognose, sondern eine Bestandsaufnahme auf Basis jahrzehntelanger Datenerhebung. Er macht deutlich, dass Biodiversitätsverlust und Klimawandel parallel verlaufende Krisen sind, deren Lösungen sich in vielen Bereichen überschneiden – von Wassermanagement bis Energiepolitik.

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Originalquellen: WWF Living Planet Index · Zoological Society of London

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Andreas Koch
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