Toyota Mirai: Wasserstoff-Limousine im Test
Wir haben den Test gesehen und diskutieren, ob Wasserstoff wirklich eine Chance hat
Nur noch rund 80 Wasserstofftankstellen sind in Deutschland öffentlich zugänglich – und trotzdem fährt Toyota den Mirai weiterhin als serienreifes Fahrzeug für den Massenmarkt. auto motor und sport hat den Brennstoffzellen-Limousine ausführlich getestet. Wir haben den Test gesehen und fragen nach: Ist Wasserstoff als Antrieb für Privatfahrer eine realistische Option – oder bleibt er eine noble Idee mit zu viel Infrastrukturproblem?
Was auto motor und sport im Mirai-Test herausgefunden hat
Der Toyota Mirai der zweiten Generation präsentiert sich im Test von auto motor und sport als ausgereiftes, leises und komfortables Fahrzeug. Die Limousine auf Hinterradantrieb-Plattform schlägt sich fahrwerktechnisch solide. Die Brennstoffzelle arbeitet geräuschlos, der Antritt ist typisch elektrisch sanft, das Interieur ist aufwendig verarbeitet. Soweit die technische Seite – die ohne Frage beeindruckend ist.
Doch schon im Test taucht das grundlegende Problem auf, das Wasserstofffahrzeuge seit Jahren begleitet: Das Tankstellennetz ist dünn, die Wasserstoffpreise sind hoch, und die Reichweite von rund 650 Kilometern nach WLTP nützt wenig, wenn unterwegs keine Möglichkeit zur Betankung existiert. auto motor und sport hat im Alltagstest realistische Werte um die 550 bis 580 Kilometer erzielt – was für ein Brennstoffzellenfahrzeug solide ist, aber eben nur dann funktioniert, wenn die Infrastruktur mitspielt.
Zum Vergleich: Im Bereich rein batterieelektrischer Fahrzeuge gibt es mittlerweile Modelle, die ähnliche Reichweiten erzielen – dazu haben wir bereits berichtet, welche E-Autos 700 km Reichweite im auto motor und sport-Test schaffen. Dort steht die Infrastruktur zumindest in Ballungsräumen deutlich stabiler da als beim Wasserstoff.
Faktencheck: Laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) waren zuletzt weniger als 1.500 Brennstoffzellenfahrzeuge in Deutschland zugelassen – ein Bruchteil im Vergleich zu über einer Million reinen Elektrofahrzeugen. Der ADAC schätzt die öffentliche Wasserstoff-Tankstellenversorgung in Deutschland als „strukturell unzureichend" ein und empfiehlt Interessenten eine gründliche Prüfung der regionalen Verfügbarkeit vor einem Kauf. Die durchschnittlichen Wasserstoffpreise an öffentlichen Zapfsäulen lagen zuletzt bei rund 12 bis 17 Euro pro Kilogramm – was die Kostenrechnung gegenüber Benzin- und selbst Elektrofahrzeugen erheblich belastet. (Quelle: ADAC, Kraftfahrt-Bundesamt)
Die Technik: Was den Mirai vom Elektroauto unterscheidet

Der Toyota Mirai ist kein Batteriefahrzeug im klassischen Sinne. Er nutzt eine Brennstoffzelle, die Wasserstoff und Sauerstoff zu Strom und Wasser umwandelt. Der Strom treibt einen Elektromotor an, eine kleine Pufferbatterie übernimmt Lastspitzen. Das Ergebnis: kein lokaler CO₂-Ausstoß, kein Lärm, kurze Betankungszeiten von etwa fünf Minuten.
Technisch gesehen ist das System hoch komplex und von Toyota über zwei Fahrzeuggenerationen massiv weiterentwickelt worden. Die aktuelle Generation gilt als zuverlässig und in der Langzeiterprobung bewährt. Dennoch: Die Leistung von 182 PS und das Gewicht von knapp 2.000 Kilogramm machen den Mirai nicht zum Dynamiker. Er ist eine repräsentative Limousine mit Fokus auf Effizienz und Komfort.
Kosten im Alltag: Rechnung, die viele überrascht
Wer den Toyota Mirai kaufen oder leasen will, sollte die Gesamtkostenrechnung nüchtern anstellen. Der Listenpreis liegt je nach Ausstattung zwischen rund 66.000 und 75.000 Euro – damit bewegt sich das Fahrzeug klar im Premiumsegment. Zum Vergleich: Für diesen Preis bekommt man gut ausgestattete Elektrofahrzeuge der Mittelklasse oder sogar untere Oberklasse.
Der entscheidende Kostentreiber ist der Wasserstoff selbst. Bei einem Verbrauch von rund einem Kilogramm auf 100 Kilometer und einem Kilopreis von 12 bis 17 Euro entstehen Kraftstoffkosten von 12 bis 17 Euro pro 100 Kilometer – das entspricht einem Benzinfahrzeug mit sieben bis neun Litern Verbrauch bei aktuellem Preisniveau. Von den Einsparungsversprechen der Wasserstoffmobilität bleibt im Privatkundenbereich derzeit wenig übrig.
Hinzu kommt: Toyota hat in der Vergangenheit bei Leasingverträgen für den Mirai Wasserstoff-Budgets als Kaufanreiz eingebaut. Solche Angebote sind jedoch abhängig von Verfügbarkeit, laufen aus oder ändern sich – Käufer sollten sich nicht darauf verlassen, dass diese Konditionen dauerhaft bestehen.
| Fahrzeug | Antrieb | Reichweite (WLTP) | Betankung/Laden | Listenpreis (ab) | Kraftstoffkosten / 100 km |
|---|---|---|---|---|---|
| Toyota Mirai (2. Gen.) | Brennstoffzelle / H₂ | ca. 650 km | ca. 5 Min. | ab ca. 66.000 € | ca. 12–17 € |
| Hyundai Nexo | Brennstoffzelle / H₂ | ca. 666 km | ca. 5 Min. | ab ca. 77.000 € | ca. 12–17 € |
| Tesla Model 3 Long Range | Batterie-Elektro | ca. 629 km | ca. 25–35 Min. (80 %) | ab ca. 45.000 € | ca. 3–5 € |
| BMW 5er Touring 520d | Diesel | ca. 900 km (Praxis) | ca. 5 Min. | ab ca. 61.000 € | ca. 8–10 € |
| Mercedes EQE 350+ | Batterie-Elektro | ca. 654 km | ca. 30 Min. (80 %) | ab ca. 71.000 € | ca. 3–5 € |
Infrastruktur: Das eigentliche Problem
Der ADAC hat die Wasserstoffinfrastruktur in Deutschland mehrfach als kritischen Engpass benannt. Laut Kraftfahrt-Bundesamt stagniert der Bestand an Wasserstofffahrzeugen auf niedrigem Niveau. Viele der bestehenden Tankstellen haben in den vergangenen Jahren geschlossen oder ihren Betrieb eingeschränkt. Das Netz, das ursprünglich durch ein Konsortium unter Beteiligung von Shell, Total und anderen aufgebaut werden sollte, schrumpft statt zu wachsen – zumindest im privaten Segment.
Wer in München, Hamburg oder Frankfurt lebt und seinen Arbeitsweg kennt, kann den Mirai unter Umständen mit einer festen Routenplanung betreiben. Wer aber auf spontane Langstrecken angewiesen ist oder in einer ländlichen Region lebt, wird mit einem Wasserstofffahrzeug derzeit vor erheblichen Alltagsproblemen stehen. Das ist keine Spekulation, sondern ein in zahlreichen Langzeittests dokumentiertes Bild – auch auto motor und sport hat darauf hingewiesen.
Interessant ist der Vergleich mit der Situation bei anderen alternativen Antrieben: Während der BYD Seal im auto motor und sport-Test als konkreter Tesla-Gegner diskutiert wurde und chinesische Hersteller massiv in Ladenetzpartnerschaften investieren, fehlt beim Wasserstoff eine vergleichbare industrielle Treibkraft im europäischen Privatmarkt.
Wasserstoff für wen? Eine ehrliche Einordnung
Es wäre falsch, Wasserstoff als Antriebskonzept grundsätzlich abzuschreiben. Im Schwerlastverkehr, bei Bussen, in der Industrie und im Bahnsektor zeigt die Technologie reale Vorteile. Ladezeiten, Gewichtsprobleme großer Batteriepakete und Nutzlastfragen sprechen dort für Wasserstoff. Für den privaten Pkw-Bereich sieht die Rechnung jedoch anders aus.
Als Privatfahrer steht man derzeit vor einer klaren Situation: Die Fahrzeugtechnik im Toyota Mirai ist ausgereift und beeindruckend. Aber das Ökosystem drumherum – Tankstellennetz, Preisstruktur, Verfügbarkeit – ist nicht für einen Massenmarkt gerüstet. Auch die Zulassungszahlen des Kraftfahrt-Bundesamts sprechen eine eindeutige Sprache: Weniger als 1.500 Fahrzeuge bundesweit zeigen, dass sich der Durchbruch im Privatmarkt nicht vollzogen hat.
Ein weiteres Argument, das Analysten und der ADAC immer wieder vorbringen: Der Wirkungsgrad der Wasserstoffproduktion, -kompression, -transport und letztendlichen Nutzung im Fahrzeug liegt deutlich unter dem eines direkt mit Strom geladenen Batteriefahrzeugs. Das bedeutet: Selbst wenn der Wasserstoff grün produziert wird – was aktuell nur für einen kleinen Teil gilt – ist der Energieeinsatz pro gefahrenem Kilometer höher als beim Elektroauto. (Quelle: ADAC, Fraunhofer ISE)
Für Unternehmen mit eigenem Wasserstofftankpunkt, Dienstwagenflotten in gut versorgten Ballungsräumen oder als Technologiedemonstration mag der Mirai eine interessante Option sein. Für den typischen Privatkäufer ohne gesichertes Tankstellennetz in der Nähe ist die Investition derzeit mit erheblichen Alltagsrisiken verbunden – und das ist eine sachliche Einschätzung, keine Polemik.
Zur Einordnung lohnt auch ein Blick auf andere Marktteilnehmer: Während Lucid Motors seine Produktionsprognosen zurückgezogen hat und zeigt, wie selbst kapitalstarke Elektroauto-Startups unter Marktdruck geraten, steht Toyota mit dem Mirai als etablierter Konzern auf solidem Fundament. Die Frage ist nicht die Unternehmenssolität, sondern ob der Markt für das Produkt bereit ist.
Was Käufer und Interessenten jetzt wissen müssen
Wer den Toyota Mirai ernsthaft in Betracht zieht, sollte vor dem Kauf oder Leasingabschluss folgende Punkte klären:
Tankstellenversorgung am Wohnort prüfen: Die H2-Mobility-Website und die ADAC-Tankstellensuche geben Auskunft über aktuelle Standorte. Wichtig: Auch prüfen, ob die jeweilige Station regelmäßig betriebsbereit ist – Ausfälle sind dokumentiert und keine Ausnahme.
Regelmäßige Fahrtrouten analysieren: Ein Wasserstofffahrzeug funktioniert vor allem dann, wenn die Alltagsrouten planbar und mit dem Tankstellennetz vereinbar sind. Spontanreisen in wenig versorgte Regionen sind heute noch riskant.
Gesamtkosten realistisch kalkulieren: Listenpreis, Kraftstoffkosten, Wartung und mögliche Wertverluste sollten vollständig gegenübergestellt werden. Die Energiekosten pro Kilometer liegen beim Mirai deutlich über denen eines vergleichbaren Batterieelektrofahrzeugs.
Förderungen prüfen: Staatliche Förderungen für Wasserstofffahrzeuge sind in Deutschland derzeit stark eingeschränkt. Der Umweltbonus für Brennstoffzellenfahrzeuge ist ausgelaufen. (Quelle: Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle)
Wer sich für die weitere Entwicklung alternativer Antriebe interessiert, findet bei uns auch eine Einordnung zum Opel Corsa GSE als sportlichem Kleinwagen – einem anderen Ansatz, Effizienz und Fahrfreude zu verbinden.
Fazit der Redaktion: Technik-Wunder ohne Markt-Reife
Der Toyota Mirai ist technisch ein faszinierendes Fahrzeug. Der Test von auto motor und sport bestätigt, was Kenner der Materie schon länger wissen: Die Brennstoffzelle funktioniert, das Fahrzeug ist alltagstauglich im technischen Sinne – aber eben nur unter der Bedingung, dass die Infrastruktur mitspielt. Und genau hier liegt das Problem, das sich nicht durch Fahrberichte lösen lässt.
Wasserstoff als Pkw-Antrieb hat nach mehr als zwei Jahrzehnten der Erprobung den Sprung in den Privatmarkt nicht geschafft. Das liegt nicht an der Fahrzeugtechnologie allein, sondern an einem systemischen Versagen auf Seiten der Infrastrukturpolitik, der Energiewirtschaft und der Marktlogik. Solange Wasserstoff teuer, grau und dünn getankt wird, bleibt er im Pkw-Bereich eine Nischentechnologie – so beeindruckend der Mirai auch fahren mag.
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