Co-Working: Boom, Blase oder neue Normalität?
WeWork-Insolvenz als Warnung - wie der Markt sich neu aufstellt
Der Co-Working-Markt befindet sich in einer kritischen Übergangsphase. Während noch vor wenigen Jahren jeder zweite Neubau in deutschen Großstädten mit flexiblen Arbeitsflächen geplant wurde, hat sich die Euphorie in Vorsicht verwandelt. Die Insolvenz von WeWork in den USA und die daraus resultierenden Konsequenzen für globale Ableger werfen grundsätzliche Fragen auf: Ist Co-Working eine nachhaltige Geschäftsform oder nur eine Spekulationsblase, die mit niedrigen Zinsen aufgeblasen wurde? Die Antwort ist differenzierter als ein einfaches Ja oder Nein.
- Vom Hype zur Realität: Die WeWork-Warnung
- Divergenz nach Region und Segment
- Ausblick: Konsolidierung statt Kollaps
| Kennzahl | 2021 | Aktuell | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Co-Working-Plätze in Deutschland | ca. 85.000 | ca. 145.000 | +70,6 % |
| Durchschnittliche Auslastungsquote | 73 % | 61 % | −12 Prozentpunkte |
| Aktive Co-Working-Anbieter Deutschland | 850 | 920 | +8,2 % |
| Durchschnittliche Monatsmiete pro Platz | 299 Euro | 285 Euro | −4,7 % |
Konjunkturindikator: Die Auslastungsquoten in deutschen Co-Working-Räumen sind derzeit ein direkter Seismograph für die wirtschaftliche Stimmung unter Freelancern, Startups und kleinen Unternehmen. Ein Rückgang von 12 Prozentpunkten seit 2021 signalisiert eine deutliche Eintrübung in der Gründerszene und dem Segment der mobilen Wissensarbeiter. Gleichzeitig wächst die Gesamtzahl der verfügbaren Plätze weiter – ein klassisches Überangebotssignal.
Vom Hype zur Realität: Die WeWork-Warnung
WeWork war mehr als nur ein Büroraumanbieter. Das Unternehmen war das Symbol für eine ganz neue Arbeitskultur – flexibel, gemeinschaftlich, urban. Mit einer Bewertung von zeitweise rund 47 Milliarden Dollar galt WeWork vor seinem gescheiterten Börsengang im Jahr 2019 als eines der wertvollsten Startups weltweit. Doch die im November 2023 offiziell beantragte Insolvenz nach US-amerikanischem Chapter-11-Verfahren offenbarte strukturelle Probleme, die auf dem gesamten Co-Working-Markt schlummerten.

Das zentrale Problem: WeWork und viele Nachahmer schlossen langfristige Mietverträge mit Immobilieneigentümern ab, verkauften den Nutzern jedoch lediglich kurzfristige Mitgliedschaften. Dieser Mismatch zwischen langen Verpflichtungen und kurzen Einnahmeströmen führte zu massiven Verlusten, sobald die Auslastung sank. Ein Geschäftsmodell, das bei konstant steigenden Nutzerzahlen funktionieren mag, gerät beim ersten konjunkturellen Abschwung unter extremen Druck. Das Immobilienresearch des DIW Berlin hatte entsprechende Risiken bereits 2020 dokumentiert.
In Deutschland kam es bislang nicht zu einem vergleichbar dramatischen Zusammenbruch. Doch die Branche hat die Warnung verstanden. Der deutsche Co-Working-Markt zeigt sich insgesamt fragmentierter und weniger spekulativ als sein amerikanisches Pendant. Statt einzelner Megaplayer mit exponentiellen Wachstumszielen gibt es hier ein gemischtes Ökosystem aus etablierten Immobilienunternehmen, regionalen Anbietern und spezialisierten Nischen-Playern. Das macht den Markt weniger anfällig für Crashs, aber auch weniger dynamisch.
Geschäftsmodelle unter Druck: Wer zahlt für die Infrastruktur?
Derzeit zeigt sich im deutschen Co-Working-Markt ein deutlicher Trend zu flexibleren Mietverträgen auf Betreiberseite. Statt fünf oder sieben Jahre lange Immobilienleasingverträge zu unterzeichnen, verhandeln etablierte Anbieter wie Mindspace, Spaces oder lokale Betreiber inzwischen über kürzere Laufzeiten oder Vereinbarungen mit variablen Kostenkomponenten, etwa umsatzabhängige Mietzahlungen. Gleichzeitig sinken die durchschnittlichen Monatsmieten pro Arbeitsplatz um knapp 5 Prozent – ein klares Signal für zunehmenden Konkurrenzdruck und nachlassende Nachfrage. Entsprechende Marktdaten werden regelmäßig im Gewerbeimmobilien-Monitor der Bundesbank ausgewertet.
Die Immobilieneigentümer wiederum haben gelernt, skeptischer gegenüber Co-Working-Betreibern zu sein. Lange Zeit galten flexible Büroflächen als Garant für höhere Renditen als traditionelle Büroleasing-Verträge mit Banken oder Versicherungen als Ankermieter. Doch die Rechnung ging nur auf, solange die Auslastung hoch blieb. Jetzt bevorzugen viele Eigentümer wieder bonitätsstarke Langzeitmieter oder integrieren Co-Working-Angebote nur noch in ausgewählten, ultrazentralen Lagen mit gesicherter Laufkundschaft.
Hinzu kommt ein strukturelles Finanzierungsproblem: In der Niedrigzinsphase bis 2022 konnten viele Co-Working-Betreiber Verluste über günstige Fremdkapitalaufnahme quersubventionieren. Mit dem Zinsanstieg der Europäischen Zentralbank ab Mitte 2022 – dem steilsten Zinserhöhungszyklus der EZB-Geschichte – hat sich diese Option drastisch verteuert. Für kapitalintensive Expansionen fehlt damit die billige Grundlage. Wer heute wächst, muss echte operative Gewinne vorweisen können.
Rückkehr zum hybriden Büro: Das strukturelle Problem
Ein oft unterschätztes strukturelles Problem ist die Rückkehr vieler Unternehmen zu hybriden Arbeitsmodellen. Nach der Pandemie haben sich viele Organisationen für ein Hybrid-Setup entschieden – zwei oder drei Tage pro Woche im Firmenbüro, der Rest im Homeoffice. Das reduziert die tägliche Nachfrage nach Co-Working-Plätzen erheblich, zumal gerade größere Unternehmen wieder in ihre eigenen Büroflächen investieren und Homeoffice-Regelungen teils zurückfahren.
Für Freelancer und Solo-Unternehmer bleibt Co-Working attraktiv. Aber dieses Segment ist mengenmäßig kleiner als der ursprünglich erwartete Zustrom von Corporate-Nutzern. Fintechs, Agenturen und Startup-Ökosysteme, die in den 2010er-Jahren als Wachstumstreiber galten, zeigen sich bei Neubelegungs-Entscheidungen derzeit zögerlicher. Einige große Technologieunternehmen haben Flächen sogar zurückgegeben und ihre Teams entweder ins klassische Büro oder in vollständig dezentrale Remote-Setups verlagert – eine Entwicklung, die der deutschen Arbeitsmarktforschung zufolge strukturell verfestigt ist.
Dazu kommt ein psychologischer Faktor: Die Generation der Wissensarbeiter, die sich 2018 und 2019 begeistert in stylish ausgestatteten Co-Working-Spaces einquartierte, ist inzwischen älter, etablierter und häufig weniger bereit, für Gemeinschaftsflächen einen Premiumpreis zu zahlen. Das ursprünglich stark emotionale Versprechen – Comunity, Netzwerk, urbaner Lebensstil – hat an Zugkraft verloren, seit Homeoffice zur alltäglichen Normalität geworden ist.
Divergenz nach Region und Segment
Ein differenziertes Bild ergibt sich beim Blick auf regionale Unterschiede. Berlin und München dominieren weiterhin als Co-Working-Metropolen, allerdings mit unterschiedlichen Dynamiken. Berlin verfügt über das größte absolute Angebot, kämpft aber gleichzeitig mit den stärksten Überkapazitäten. Die dortige Startup-Szene hat nach mehreren schwierigen Finanzierungsrunden 2022 und 2023 an Dynamik verloren, was sich direkt in sinkenden Belegungszahlen niederschlägt. München zeigt sich stabiler, weil der Markt stärker von etablierten Mittelständlern und internationalen Unternehmen mit konkretem Flächenbedarf getragen wird.

Abseits der Millionenstädte entsteht unterdessen ein neues Marktsegment: Co-Working in B-Städten wie Leipzig, Nürnberg, Freiburg oder Münster. Dort sind die Mietpreise für Betreiber deutlich niedriger, die Konkurrenz überschaubarer, und die lokale Nachfrage durch Freelancer, kreative Berufsgruppen und Fernpendler wächst kontinuierlich. Einige dieser Standorte arbeiten profitabel, weil die Kostenstruktur schlank ist und keine überdimensionierten Gemeinschaftsflächen unterhalten werden müssen.
Besonders interessant ist die Entwicklung spezialisierter Co-Working-Formate. Während der generische Open-Space-Ansatz unter Druck steht, verzeichnen Nischenanbieter teils stabiles Wachstum: Co-Working-Spaces für Eltern mit integrierter Kinderbetreuung, Angebote für Gesundheitsberufe mit entsprechender Infrastruktur, oder sogenannte Maker Spaces für das produzierende Handwerk und Designberufe. Diese Segmente bedienen konkrete Bedürfnisse, die ein Homeoffice nicht erfüllen kann – und genau darin liegt die eigentliche Zukunftsperspektive des Marktes.
Ausblick: Konsolidierung statt Kollaps
Der Co-Working-Markt in Deutschland steht vor einer Konsolidierungsphase, keiner Implosion. Die Grundnachfrage ist real – zu viele Wissensarbeiter, Kreativberufe und kleine Unternehmen benötigen professionelle Infrastruktur außerhalb des Homeoffice, als dass das Modell vollständig verschwinden könnte. Was sich verändert, ist die Anbieterstruktur: Betreiber mit unrealistischen Wachstumsversprechen, hohen Fixkostenstrukturen und dünner Kapitalausstattung werden vom Markt gedrängt. Übrig bleiben Anbieter, die entweder auf Effizienz setzen oder echte Differenzierungsmerkmale bieten.
Für Investoren und Immobilieneigentümer bedeutet das: Co-Working bleibt eine sinnvolle Ergänzung im Portfolio, aber kein Selbstläufer mehr. Die Zeiten, in denen allein das Label „Flex-Office" Premium-Renditen garantierte, sind vorbei. Entscheidend werden Lage, Betreiberqualität und die Fähigkeit, spezifische Nutzerbedürfnisse zu bedienen.
Für die deutsche Gründerszene wiederum bleibt Co-Working ein wichtiger Infrastrukturbaustein – solange die Preise stimmen und die Ausstattung den tatsächlichen Arbeitsanforderungen entspricht. Wer heute einen Co-Working-Space eröffnet, sollte weniger auf den Lifestyle-Faktor setzen als auf operative Verlässlichkeit. Der Markt ist erwachsen geworden. Das ist keine schlechte Nachricht – es ist eine Chance für alle, die das Geschäft ernstnehmen.
- Statistisches Bundesamt — destatis.de
- Deutsche Bundesbank — bundesbank.de
- Handelsblatt — handelsblatt.com




















