Finanzen

Finanzfluss: ETF-Sparplan in der Krise nicht stoppen

Thomas Kehl raet zum Durchhalten. Wir rechnen nach, wann Cost-Averaging wirklich zaehlt.

Von ZenNews24 Redaktion 4 Min. Lesezeit Aktualisiert: 06.05.2026
Finanzfluss: ETF-Sparplan in der Krise nicht stoppen

Zusammenfassung der Creator-Position

Thomas Kehl vom YouTube-Kanal Finanzfluss argumentiert, dass regelmäßige ETF-Sparpläne auch in Krisenzeiten beibehalten werden sollten. Seine Begründung: Durch die kontinuierliche Investition zu unterschiedlichen Marktpreisen lässt sich der sogenannte Cost-Average-Effekt nutzen. Das bedeutet konkret, dass man in Marktabschwüngen mehr Anteile für den gleichen Geldbetrag erhält als in Hochphasen. Wer seinen Sparplan bei fallenden Kursen aussetzt, würde diese Chance verspielen und könnte beim späteren Wiedereinstieg einen ungünstigen Zeitpunkt treffen. Kehl betont zudem die psychologische Komponente: Wer in der Krise die Nerven behält und weder panikverkauft noch aussetzt, ist langfristig deutlich erfolgreicher als Anlegerinnen und Anleger, die emotional reagieren.

Ergänzend betont Finanzfluss, dass der Zeithorizont entscheidend ist. Für Sparpläne mit einer Laufzeit von mindestens 10 bis 15 Jahren spielen kurzfristige Marktrückgänge eine untergeordnete Rolle. Statistisch gesehen haben globale ETF-Indizes wie der MSCI World über längere Zeiträume hinweg immer wieder zu neuen Rekordständen gefunden – trotz zahlreicher Krisen auf dem Weg dorthin. Diese historische Beobachtung bildet das Fundament von Kehls Argumentation und ist in der Finanzliteratur weitgehend unbestritten.

Finanzfluss: ETF-Sparplan in der Krise nicht stoppen

Was wir dazu sagen

Die Position von Thomas Kehl ist grundsätzlich solide und folgt bewährten Prinzipien der Kapitalmarktforschung. Der Rat, in Krisenzeiten nicht auszusteigen, entspricht den Erkenntnissen der Behavioral Finance und der modernen Finanzwissenschaft. Zahlreiche Studien zeigen, dass Timing-Strategien – also der Versuch, Krisen aktiv zu umschiffen – langfristig fast immer scheitern. Professionelle Vermögensverwalter und unabhängige Forschungsinstitute kommen regelmäßig zu demselben Ergebnis: Im Markt zu bleiben schlägt den Versuch, den Markt zu timen.

Allerdings muss man hier differenzieren: Die Empfehlung, niemals auszusetzen, funktioniert dann am besten, wenn mehrere Bedingungen erfüllt sind. Erstens muss der Sparplan aus regelmäßigen Einnahmen finanzierbar sein – wer in finanzielle Engpässe gerät und für Notfälle Liquidität benötigt, sollte die Prioritäten neu bewerten. Ein Notgroschen von drei bis sechs Monatsgehältern sollte grundsätzlich vor dem Sparplan gesichert sein. Zweitens ist die Vermögensaufteilung entscheidend. Ein 50-Jähriger mit noch 20-jähriger Sparplanfrist kann anders agieren als jemand, der bereits 65 ist und zeitnah Entnahmen plant. Drittens spielt der persönliche Kontext eine Rolle: Der bloße Satz „Einfach weitermachen" kann für jemanden, der real um seine Arbeitsplatzsicherheit bangen muss, schnell zynisch wirken.

ZenNews24 teilt die grundsätzliche Aussage Kehls, möchte aber präzisieren: Regelmäßiges Sparen in breit gestreute ETF-Indizes ist eine exzellente Langzeitstrategie – unter der Voraussetzung, dass die finanzielle Stabilität des Sparers nicht selbst in Frage steht. Das Cost-Averaging funktioniert mathematisch tatsächlich nach Plan, wenn man es über ausreichend lange Zeiträume konsequent durchzieht. Aber auch hier gilt: Persönliche Umstände trumpfen generelle Börsenweisheiten. Wer seinen Sparplan wegen echter Not aussetzt, handelt nicht falsch – wer es aus Angst vor weiteren Kursrückgängen tut, schadet in der Regel seinem langfristigen Vermögensaufbau.

Besonders hervorzuheben ist außerdem ein Aspekt, den Kehl zwar streift, aber nicht ausreichend vertieft: die Frage der ETF-Auswahl selbst. Ein Sparplan auf einen breit diversifizierten Welt-Index wie den MSCI World oder den FTSE All-World ist deutlich krisenresistenter als ein Sparplan auf einen einzelnen Sektor-ETF oder einen regionalen Index. Wer etwa ausschließlich in einen Technologie-ETF investiert, erlebt in einer sektorspezifischen Korrektur einen überproportional starken Rückgang. Hier wäre ein differenzierter Hinweis seitens Finanzfluss wünschenswert gewesen.

Das sagen die Zahlen

Szenario Monatliche Rate Marktentwicklung Durchschn. Kaufpreis Vermögen nach 5 Jahren Gewinn/Verlust
Konstant sparen (Baisse-Phase) 500 Euro −30 % → +15 % Rebound 92 Euro 32.500 Euro +2.500 Euro
Sparplan ausgesetzt (12 Monate) 500 Euro −30 % → +15 % Rebound 105 Euro 29.800 Euro −200 Euro
Panikverkauf, später Wiedereinstieg 500 Euro −30 % → +15 % Rebound 110 Euro 27.500 Euro −2.500 Euro
Kontinuierliches Sparen im Aufschwung 500 Euro +5 % pro Jahr 102 Euro 33.200 Euro +3.200 Euro

Quelle: Berechnungen ZenNews24 basierend auf hypothetischen MSCI-World-Entwicklungsszenarien; tatsächliche Ergebnisse können abweichen. Die Tabelle dient der vereinfachten Illustration des Cost-Average-Effekts und ersetzt keine individuelle Anlageberatung.

Wichtig: Der Durchschnittskaufpreis bei kontinuierlichem Sparen in der Baisse-Phase liegt in diesem Modell rund 13 Prozent unter dem Durchschnittspreis bei einer zwölfmonatigen Aussetzung des Sparplans. Über einen Zeitraum von fünf Jahren ergibt sich daraus ein Unterschied von etwa 2.700 Euro zugunsten der durchgehenden Sparstrategie. Beim Panikverkauf mit späterem Wiedereinstieg fällt der Schaden mit rund 5.000 Euro Differenz zum konstanten Sparer noch deutlich größer aus – nicht zuletzt weil der Wiedereinstieg in der Praxis häufig erst nach einer Erholung der Kurse erfolgt und damit die günstigsten Einstiegskurse verpasst werden. Diese Zahlen verdeutlichen: Die größten Kosten beim ETF-Sparplan entstehen nicht durch Marktbewegungen, sondern durch menschliche Entscheidungen unter Stress.

Fazit

Thomas Kehls Kernbotschaft – den ETF-Sparplan in der Krise nicht stoppen – ist für die große Mehrheit der Privatanlegerinnen und Privatanleger mit langfristigem Anlagehorizont richtig und gut begründet. Die historischen Daten, die Mathematik des Cost-Averaging und die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie sprechen klar dafür. Wer jedoch den Fehler begeht, diese Empfehlung als universell und bedingungslos gültig zu verstehen, läuft Gefahr, die eigene finanzielle Situation falsch einzuschätzen.

Unser Rat: Bevor Sie einen ETF-Sparplan einrichten oder in einer Krise fortführen, prüfen Sie drei Dinge. Erstens: Ist mein Notgroschen gesichert? Zweitens: Ist mein Anlagehorizont lang genug, um kurzfristige Schwankungen auszusitzen? Drittens: Ist meine monatliche Sparrate auch bei reduziertem Einkommen tragbar? Wenn alle drei Fragen mit Ja beantwortet werden können, spricht alles dafür, den Sparplan laufen zu lassen – auch wenn die Kurse fallen. Gerade dann.

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