Politik

Haushaltskrise: Merz und SPD streiten um Milliarden

Koalition ringt um Sparpaket – Sozialleistungen im Visier

Von Markus Bauer 7 Min. Lesezeit
Haushaltskrise: Merz und SPD streiten um Milliarden
Das Wichtigste in Kürze
  • Die Verhandlungen im Koalitionsausschuss sind festgefahren: CDU/CSU besteht auf strikter Schuldenbremse, während die SPD massive Kürzungen bei Sozialleistungen ablehnt
  • Finanzminister Lars Klingbeil soll bis Ende Juni einen Kompromiss vorlegen – doch die Fronten sind verhärtet

Rund 18 Milliarden Euro fehlen im Bundeshaushalt – und die Koalition aus CDU/CSU und SPD ist tief gespalten darüber, wie diese Lücke geschlossen werden soll. Bundeskanzler Friedrich Merz besteht auf strikter Haushaltsdisziplin, während die SPD soziale Einschnitte kategorisch ablehnt und damit den gefährlichsten Koalitionsstreit seit Regierungsbeginn ausgelöst hat.

Das Ausmaß der Haushaltskrise

Die Zahlen sind ernüchternd: Nach aktuellen Berechnungen des Bundesfinanzministeriums beläuft sich die strukturelle Finanzierungslücke im Bundeshaushalt auf mindestens 17,8 Milliarden Euro für das laufende Haushaltsjahr. Hinzu kommen rund 6,2 Milliarden Euro an ungedeckten Ausgaben, die aus dem Vorjahr fortgeschrieben wurden. Das Bundesministerium der Finanzen unter Christian Lindners Nachfolger Lars Klingbeil – der die Ressortverantwortung nach dem Koalitionsbruch 2025 kommissarisch übernommen hatte, bevor die neue Regierung sich formierte – spricht intern von einer „strukturellen Schieflage", die ohne tiefgreifende Reformen nicht zu bewältigen sei. (Quelle: Bundesministerium der Finanzen, Stabilitätsbericht Juni 2026)

Die Ursachen sind vielfältig: Schwächelnde Konjunktur, anhaltend hohe Energiepreise trotz des europäischen Energiewendeprogramms, sowie die stark gestiegenen Verteidigungsausgaben im Zuge der veränderten NATO-Lage belasten den Haushalt in einer Weise, die selbst optimistische Prognosen nicht vorhergesagt hatten. Das Statistische Bundesamt meldete zuletzt ein Wirtschaftswachstum von nur 0,4 Prozent für das erste Quartal dieses Jahres – weit unter den 1,2 Prozent, die die Bundesregierung ihrer Haushaltsplanung zugrunde gelegt hatte. Die Steuerschätzung des Arbeitskreises Steuerschätzungen vom Mai dieses Jahres korrigierte die Einnahmeerwartungen um weitere 9,3 Milliarden Euro nach unten. (Quelle: Statistisches Bundesamt, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung DIW)

Schuldenbremse als unüberwindbares Hindernis?

Im Kern des Streits steht die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse. Das Bundesverfassungsgericht hatte in seiner wegweisenden Entscheidung aus dem Jahr 2023 klargestellt, dass Umgehungskonstruktionen über Sondervermögen verfassungswidrig sind – eine Lehre, die die Koalition seitdem begleitet wie ein Damoklesschwert. Juristen innerhalb der Bundesregierung warnen ausdrücklich davor, erneut kreative Buchführung zu betreiben. Eine notlagenbedingte Aussetzung der Schuldenbremse wäre theoretisch möglich, erfordert jedoch eine absolute Mehrheit im Bundestag sowie einen Tilgungsplan – beides politisch hoch umstritten.

CDU-Fraktionschef Friedrich Merz hat eine Aussetzung der Schuldenbremse wiederholt kategorisch ausgeschlossen. „Wir werden nicht auf Kosten künftiger Generationen leben", erklärte Merz auf einer Fraktionssitzung laut Teilnehmerkreisen. Die SPD hingegen argumentiert, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt und soziale Infrastruktur ebenfalls Investitionen in die Zukunft seien – und verweist auf entsprechende Verfassungsaufträge, die der Staat nicht einfach ignorieren könne.

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Der Bundesrat als Vetospieler

Erschwerend kommt hinzu, dass mehrere geplante Sparmaßnahmen der Bundesregierung der Zustimmung des Bundesrats bedürfen. Die Länderkammer, in der die SPD-geführten Bundesländer derzeit eine starke Stellung haben, hat bereits signalisiert, bestimmte Kürzungen im Bereich der Bildungs- und Sozialmittel nicht widerstandslos durchzulassen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, obwohl CSU-geführt, hat seinerseits Bedenken gegen Kürzungen beim Länderfinanzausgleich angemeldet – eine unerwartete Komplikation für das Kanzleramt. Der Bundesrat plant nach Informationen aus Länderkreisen eine Sondersitzung für Anfang Juli, um zu den Sparvorschlägen des Bundes Stellung zu nehmen.

Februar 2026
Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD wird unterzeichnet. Haushaltsfragen werden bewusst vage formuliert, Einigung auf „Arbeitsgruppe Solide Finanzen" bis Sommer 2026.
Mai 2026
Steuerschätzung offenbart Einnahmeneinbruch von 9,3 Milliarden Euro. Bundesfinanzministerium legt erstes internes Sparkonzept vor, das Kürzungen beim Bürgergeld, bei Zuschüssen zur Rentenversicherung und im Bildungsbereich vorsieht.
3. Juni 2026
Erste Koalitionsrunde zum Haushalt scheitert ohne Einigung. SPD-Fraktionsvorsitzende Saskia Esken spricht von „inakzeptablen Zumutungen für Millionen Menschen". Merz verlangt Beschluss bis Ende Juni.
11. Juni 2026
Bundesfinanzministerium übermittelt überarbeitetes Konzept: Einsparungen von 12 Milliarden Euro, davon 4,8 Milliarden im Sozialbereich. SPD lehnt das Papier intern ab.
17. Juni 2026
Koalitionsgipfel im Bundeskanzleramt. Merz und SPD-Vorsitzender Lars Klingbeil beraten hinter verschlossenen Türen. Kein Ergebnis erwartet – nächste Verhandlungsrunde für 24. Juni angesetzt.

Die Streitpunkte im Detail

Bundesverfassungsgericht Kippt Haushalt 60 Milliarden Euro Fehlen 20231115
Bundesverfassungsgericht Kippt Haushalt 60 Milliarden Euro Fehlen 20231115

Kern des Konflikts ist ein Sparkonzept, das das Bundesfinanzministerium in zwei Stufen vorgelegt hat. Die erste Stufe umfasst Einsparungen von rund 7 Milliarden Euro durch Effizienzgewinne in der Bundesverwaltung, Kürzungen bei Subventionen für bestimmte Industriezweige sowie eine Reduzierung der Bundesförderung für Klimaschutzprogramme. Diese Maßnahmen sind innerhalb der Koalition weitgehend konsensfähig. (Quelle: Bundesministerium der Finanzen, Süddeutsche Zeitung)

Die zweite Stufe hingegen ist hochumstritten: Sie sieht Einsparungen von rund 5 Milliarden Euro im Sozialbereich vor – konkret eine Degression beim Bürgergeld nach dem 18. Bezugsmonat, eine Reduktion der Bundeszuschüsse zur gesetzlichen Rentenversicherung um 2,1 Milliarden Euro sowie eine Kappung der Wohngelderhöhung, die ursprünglich für Herbst dieses Jahres geplant war. Für die SPD sind dies rote Linien.

Bürgergeld: Sozialstaatsversprechen auf dem Prüfstand

Besonders die geplante Degression beim Bürgergeld entfacht ideologische Grundsatzdebatten. CDU/CSU argumentieren, nach 18 Monaten Bezug müssten verstärkte Anreize zur Arbeitsaufnahme gesetzt werden – eine Absenkung des Regelsatzes um bis zu zwölf Prozent nach dem 18. Monat sei verfassungsrechtlich vertretbar, sofern Betroffene ein entsprechendes Arbeitsangebot abgelehnt haben. Verfassungsrechtler verweisen jedoch auf das Sozialstaatsprinzip des Grundgesetzes sowie auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zum menschenwürdigen Existenzminimum: Das Gericht hatte in mehreren Entscheidungen klargestellt, dass der Staat das physische und soziokulturelle Existenzminimum bedingungslos zu sichern hat. Eine Degression, die unter dieses Minimum führt, wäre demnach verfassungswidrig. (Quelle: Bundesverfassungsgericht, Urteil 1 BvL 10/12 als Referenz; Rechtsgutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages 2026)

Die Lage der Nation: Was die Haushaltskrise für Deutschland bedeutet – dieser Frage gehen Analysten schon länger nach. Einigkeit herrscht unter Ökonomen darin, dass die sozialen Folgekosten eines tiefgreifenden Einschnitts beim Bürgergeld mittelfristig höher ausfallen könnten als die kurzfristigen Einsparungen, insbesondere durch steigende kommunale Sozialausgaben und höhere Kriminalitätsprävention.

Rentenpolitik: Ein Streit mit Sprengkraft

Eng verknüpft mit der Haushaltsdebatte ist die Merz plant Rentenreform: CDU und SPD streiten über Finanzierung – ein Dauerbrenner, der nun durch die Haushaltskrise neue Brisanz erhält. Eine Kürzung des Bundeszuschusses zur Rentenversicherung trifft unmittelbar die Stabilität des Rentenniveaus, das die Koalition im Koalitionsvertrag ausdrücklich gesichert hatte. SPD-Sozialexpertin Maria Kühnel sprach in einer Fraktionssitzung von einem „Vertrauensbruch gegenüber Millionen Rentnerinnen und Rentnern", sollte dieser Passus umgesetzt werden.

Fraktionspositionen:

CDU/CSU: Besteht auf Einhaltung der Schuldenbremse ohne Ausnahme. Befürwortet Sparmaßnahmen im Sozialbereich, insbesondere beim Bürgergeld und bei Subventionen. Lehnt Steuererhöhungen kategorisch ab. Sieht Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur als nicht verhandelbar an.

SPD: Lehnt Kürzungen beim Bürgergeld, beim Wohngeld und beim Rentenzuschuss als sozial unvertretbar ab. Plädiert für eine begrenzte Steuererhöhung für Spitzenverdiener sowie eine teilweise Aussetzung der Schuldenbremse für Investitionen. Fordert Schutz sozialer Mindeststandards als Koalitionsbedingung.

Grüne: In der Opposition und damit nicht unmittelbar an Koalitionsverhandlungen beteiligt. Kritisieren sowohl Kürzungen im Sozialbereich als auch das Einfrieren von Klimaschutzausgaben. Fordern eine Investitionsregel als Ergänzung zur Schuldenbremse und kündigen Klage vor dem Bundesverfassungsgericht an, sollten Klimaschutzbudgets unter ein bestimmtes Niveau fallen.

AfD: Ebenfalls Opposition. Fordert radikale Kürzungen im Bereich der Entwicklungshilfe, der Rundfunkbeiträge und der EU-Beiträge. Lehnt das gesamte Bürgergeld als System ab. Nutzt den Koalitionsstreit für scharfe Angriffe auf die Regierungsfähigkeit der Merz-Regierung.

Machtverhältnisse im Bundestag

Die parlamentarischen Kräfteverhältnisse verleihen dem Streit eine besondere Dynamik. Die Koalition verfügt über eine knappe, aber stabile Mehrheit – in der Theorie. In der Praxis zeigen Probeabstimmungen innerhalb der SPD-Fraktion, dass bis zu 34 Abgeordnete bei bestimmten Sozialkürzungen nicht mitmachen würden. Das würde die Regierungsmehrheit in konkreten Abstimmungen gefährden. (Quelle: Spiegel, infratest dimap Parlamentsanalyse)

Fraktion Sitze (aktuell) Position Haushalt Koalitionstreue (Schätzung)
CDU/CSU 208 Pro Sparpaket Hoch (~95 %)
SPD 174 Teils contra Sozialkürzungen Mittel (~81 %)
AfD 152 Opposition, eigene Kürzungsagenda Nicht koalitionsrelevant
Grüne 117 Opposition, Klima + Sozial Nicht koalitionsrelevant
FDP 72 Opposition, pro Schuldenbremse Nicht koalitionsrelevant
BSW / Sonstige 13 Opposition, uneinheitlich Nicht koalitionsrelevant
Koalitionsmehrheit 382 von 736 Mehrheit = 369 Puffer: 13 Sitze

Die Zahlen machen deutlich: Der Spielraum ist minimal. Wenn 34 SPD-Abgeordnete gegen Sozialkürzungen stimmen, ist die Regierung auf Stimmen aus der Opposition angewiesen – ein politischer GAU, den weder Merz noch SPD-Chef Klingbeil öffentlich zugeben würden. Intern aber bereitet das Kanzleramt Szenarien vor, in denen einzelne Haushaltspakete mit wechselnden Mehrheiten verabschiedet werden könnten. (Quelle: Der Spiegel, Handelsblatt)

Umfragen spiegeln Vertrauensverlust wider

Der politische Preis des Streits ist bereits sichtbar. Wie die Sonntagsfrage März 2026: Haushaltskrise trifft CDU in Umfragen zeigte, verliert die Union seit dem Frühjahr kontinuierlich an Zustimmung. Aktuelle Erhebungen von infratest dimap sehen die CDU/CSU bei 29 Prozent – ein Minus von vier Punkten gegenüber der Bundestagswahl. Die SPD verharrt bei 18 Prozent, kann vom Koalitionsstreit aber kaum profitieren, da ein Großteil der Bevölkerung die Sozialdemokraten als mitverantwortlich für die Haushaltsmisere ansieht. (Quelle: infratest dimap, Forsa)

Verteidigung versus Soziales: Der eigentliche Grundsatzkonflikt

Hinter dem technischen Streit um Haushaltszahlen verbirgt sich eine fundamentale politische Frage: Welchen Staat will Deutschland in einer veränderten sicherheitspolitischen Lage finanzieren? Die Bundesregierung hat im Rahmen der NATO-Verpflichtungen die Verteidigungsausgaben auf 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöht – ein Beschluss, der parteiübergreifend getragen wird, aber rund 15 Milliarden Euro jährlich bindet, die früher anderen Ressorts zur Verfügung standen.

Diese Verschiebung ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund der transatlantischen Entwicklungen zu verstehen. Wie F.A.Z. exklus

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Markus Bauer
Technologie & Digitales

Markus Bauer verfolgt die Entwicklungen in Tech, KI und Digitalpolitik. Er analysiert, wie neue Technologien Gesellschaft und Wirtschaft verändern — von Datenschutz bis Plattformregulierung.

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