Gesundheit

Im Koma nach Sepsis: »Ich hörte Stimmen von weit her: ›Atme, atme, atme!‹«

Wie eine Sepsis Maria Ciccia fast das Leben kostete – und was ihr Koma-Erlebnis über das Gehirn verrät.

Von ZenNews24 Redaktion 2 Min. Lesezeit
Im Koma nach Sepsis: »Ich hörte Stimmen von weit her: ›Atme, atme, atme!‹«
Das Wichtigste in Kürze
  • Maria Ciccia erinnert sich an wenig aus jenen Tagen im Krankenhaus
  • Nur Bruchstücke bleiben haften – Bilder, die sich anfühlen wie ein Traum, aber intensiver, präsenter, rätselhafter
  • Die 60-Jährige aus Nordrhein-Westfalen erkrankte an einer Sepsis, einer der gefährlichsten Komplikationen, die…

Maria Ciccia erinnert sich an wenig aus jenen Tagen im Krankenhaus. Nur Bruchstücke bleiben haften – Bilder, die sich anfühlen wie ein Traum, aber intensiver, präsenter, rätselhafter. Die 60-Jährige aus Nordrhein-Westfalen erkrankte an einer Sepsis, einer der gefährlichsten Komplikationen, die aus einer scheinbar harmlosen Infektion entstehen kann. Tagelang lag sie im künstlichen Koma, während ihr Körper um sein Leben kämpfte. Was sie während dieser Zeit erlebte, beschreibt sie heute mit einer Mischung aus Verwunderung und Dankbarkeit.

»Ich bin im Tunnel aufgewacht«, sagt Maria Ciccia. »Es war dunkel, aber nicht beängstigend. Ich sah ein warmes Licht am Ende und hörte Stimmen – ganz ferne Stimmen, die mir sagten: ›Atme, atme, atme!‹« Die Stimmen waren real. Sie gehörten dem medizinischen Personal auf der Intensivstation, das die Patientin mit einem Beatmungsgerät versorgte. Für ihr Gehirn im Koma jedoch existierte eine andere Wirklichkeit – eine an der Grenze zwischen Außenreiz und innerer Verarbeitung.

Die tückische Erkrankung: Sepsis im Überblick

Eine Sepsis – umgangssprachlich auch Blutvergiftung genannt – ist eine lebensbedrohliche Organfunktionsstörung, die entsteht, wenn die körpereigene Immunantwort auf eine Infektion außer Kontrolle gerät und beginnt, gesundes Gewebe zu schädigen. Was bei den meisten Menschen als lokale Entzündung verläuft, kann bei anderen innerhalb von Stunden zu Organversagen und Tod führen.

Sepsis: Zahlen und Fakten

  • In Deutschland erkranken laut dem Aktionsbündnis Patientensicherheit jährlich rund 320.000 Menschen an einer Sepsis.
  • Etwa 75.000 Patienten sterben jährlich daran – damit ist Sepsis eine der häufigsten Todesursachen in deutschen Krankenhäusern.
  • Jede Stunde Verzögerung bei der Antibiotikagabe erhöht die Sterblichkeit um bis zu 7 Prozent (Kumar et al., Critical Care Medicine, 2006).
  • Bis zu 50 Prozent der Überlebenden leiden an langfristigen körperlichen, kognitiven oder psychischen Folgeschäden – bekannt als Post-Sepsis-Syndrom.
  • Häufigste Ausgangspunkte sind Lungen-, Harnwegs- und Bauchinfektionen sowie infizierte Wunden.
  • Der sogenannte Sepsis-3-Konsens (Singer et al., JAMA, 2016) definiert Sepsis als lebensbedrohliche Organdysfunktion infolge einer fehlregulierten Wirtsantwort auf eine Infektion – der Begriff „Blutvergiftung" ist medizinisch ungenau, hat sich jedoch im Sprachgebrauch etabliert.

Maria Ciccias Erkrankung begann scheinbar harmlos: eine kleine Wunde, kombiniert mit einer Harnwegsinfektion – Beschwerden, die Millionen Menschen täglich erleben und die sich in der Regel problemlos behandeln lassen. Doch bei ihr entwickelte sich der Infekt innerhalb weniger Stunden dramatisch weiter. Fieber, Verwirrtheit, ein stark abfallender Blutdruck – die klassischen Frühzeichen einer Sepsis. Ihre Familie alarmierte sofort den Notarzt. Die richtige Entscheidung, wie sich später herausstellen sollte.

»Im Krankenhaus ging alles sehr schnell«, erinnert sich Ciccia. »Die Ärzte erklärten mir, dass mein Körper auf die Infektion zu heftig reagiert und dass sie mich ins künstliche Koma versetzen müssen. Das war das Letzte, was ich klar bewusst wahrnahm.« Das Behandlungsteam leitete umgehend eine sogenannte Sepsis-Bündel-Therapie ein: hochdosierte Breitbandantibiotika, intravenöse Flüssigkeitszufuhr, Vasopressoren zur Blutdruckstabilisierung sowie Intubation und maschinelle Beatmung.

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Reise durch das Unbewusste: Halluzinationen und Träume im Koma

Was die Medizin über Bewusstseinszustände während des künstlichen Komas weiß, ist weniger als viele vermuten. Ein Teil der Patienten berichtet nach dem Erwachen von gar nichts; andere schildern intensive, lebhafte Erlebnisse. Maria Ciccia gehört zur zweiten Gruppe. »Nach dem Tunnel kam das Weltall«, erzählt sie. »Ich sah Sterne, unendliche Weite. Es war friedlich und zugleich überwältigend.«

Neurologen erklären solche Erfahrungen mit der Art, wie das Gehirn unter extremer Belastung und pharmakologischer Sedierung reagiert. Unbewusste neuronale Prozesse können zu intensiven visuellen und akustischen Erlebnissen führen – eine innere Verarbeitung von Stress, physiologischem Ausnahmezustand und fragmentierten Wahrnehmungen aus der Umgebung. Manche Forscher vermuten, dass das Gehirn dabei auf gespeicherte Erinnerungen und archetypische Bilder zurückgreift. Der Tunnel, das Licht, die Weite – diese Motive tauchen kulturübergreifend in Berichten von Nah-Todes-Erfahrungen auf, sind aber neurologisch bis heute nicht abschließend erklärt.

Wichtig ist dabei die Unterscheidung: Solche Erlebnisse sind keine Belege für übernatürliche Phänomene, sondern Ausdruck eines unter extremem Stress arbeitenden Gehirns. Die Erfahrungen von Intensivpatienten sind Gegenstand aktiver Forschung, unter anderem im Rahmen von Studien zur sogenannten ICU-Psychose.

»Ich weiß nicht, wie lange ich im Koma war«, sagt Maria Ciccia. »Die Zeit hatte keine Bedeutung mehr. Aber ich spürte ständig diese Stimmen, die mir Mut zusprachen.« Tatsächlich lag sie neun Tage lang sediert. Für ihre Familie waren es neun Tage voller Angst und Ungewissheit. Ihr Mann saß täglich an ihrem Bett, hielt ihre Hand und sprach zu ihr – in dem Glauben und der Hoffnung, dass sie irgendwo tief in sich zuhört.

Maria Ciccia überlebte. Doch wie viele Sepsis-Überlebende kämpft sie bis heute mit den Nachwirkungen: Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, gelegentliche Angstattacken. Das sogenannte Post-Sepsis-Syndrom betrifft Schätzungen zufolge jeden zweiten Betroffenen und ist in der Öffentlichkeit noch immer weitgehend unbekannt. Ihr Fazit ist deshalb klar: »Ich wünsche mir, dass mehr Menschen wissen, was eine Sepsis ist – und dass man bei den ersten Zeichen sofort handelt. Meine Familie hat mir das Leben gerettet, weil sie nicht gezögert hat.« Früherkennung, schnelle Diagnose und unverzügliche Behandlung sind nach wie vor die wichtigsten Hebel, um die Sterblichkeit bei Sepsis zu senken – eine Aufgabe, die Medizin, Politik und Gesellschaft gemeinsam angehen müssen.

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ZenNews24 Redaktion
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Quelle: AutoEditor/gesundheit
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