ZenNews24› Gesundheit› Resistente Keime: RKI schlägt Alarm in deutschen … Gesundheit Resistente Keime: RKI schlägt Alarm in deutschen Kliniken Multiresistente Bakterien breiten sich aus – Experten fordern Notfallplan Von Mia Wagner 11.06.2026, 05:05 Uhr 8 Min. Lesezeit Das Wichtigste in Kürze Die Zahl der Infektionen mit multiresistenten Erregern in deutschen Krankenhäusern hat laut RKI einen neuen Höchststand erreichtGesundheitsminister fordern schnelle Gegenmaßnahmen – doch Fachkräfte und Mittel fehlen Jährlich sterben in Deutschland schätzungsweise 10.000 bis 15.000 Menschen an Infektionen mit multiresistenten Erregern – Tendenz steigend. Das Robert Koch-Institut warnt in seinem aktuellen Lagebericht vor einer besorgniserregenden Zunahme bestimmter resistenter Keime in deutschen Krankenhäusern und fordert gemeinsam mit Fachgesellschaften einen koordinierten Notfallplan auf Bundesebene.InhaltsverzeichnisDer aktuelle Alarm: Was das RKI konkret meldetUrsachen: Wie es so weit kommen konnteWas Expertinnen und Experten fordernSepsis: Die tödliche Folge resistenter InfektionenWas jetzt getan werden muss – und was Sie selbst tun könnenFazit: Ein strukturelles Problem braucht strukturelle Antworten Studienlage: Laut dem europäischen Überwachungsnetzwerk EARS-Net (European Antimicrobial Resistance Surveillance Network) sind in Deutschland derzeit rund 54 Prozent aller Klebsiella-pneumoniae-Isolate aus Intensivstationen gegen mindestens ein Reserveantibiotikum resistent. Eine Analyse des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) schätzt, dass in der EU jährlich über 35.000 Todesfälle direkt auf Antibiotikaresistenzen zurückzuführen sind, davon ein erheblicher Anteil in Deutschland. Das RKI dokumentiert zudem einen Anstieg carbapenemresistenter Enterobacteriaceae (CRE) um rund 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. (Quellen: EARS-Net/ECDC, RKI Antibiotikaresistenz-Bericht, WHO Global Antimicrobial Resistance and Use Surveillance System) Der aktuelle Alarm: Was das RKI konkret meldet Das Robert Koch-Institut hat in seiner jüngsten Lageeinschätzung unmissverständlich Klartext gesprochen: Die Verbreitung multiresistenter gramnegativer Bakterien – kurz MRGN – hat in deutschen Kliniken ein Niveau erreicht, das dringendes Handeln erfordert. Besonders im Fokus stehen sogenannte 4MRGN-Keime, also Erreger, die gegen vier bedeutende Antibiotikaklassen gleichzeitig resistent sind. Diese Bakterien lassen sich kaum noch mit Standardmitteln behandeln, und die wenigen noch verfügbaren Reserveantibiotika stoßen zunehmend an ihre Grenzen. Konkret nennt das RKI den Anstieg von carbapenemresistenten Klebsiella pneumoniae und Acinetobacter baumannii als besonders kritisch. Beide Erreger sind gefürchtete Verursacher von Wundinfektionen, Lungenentzündungen und Sepsis – vor allem bei immungeschwächten Patientinnen und Patienten auf Intensivstationen. Die Behörde betont, dass die aktuellen Hygienestandards in einem erheblichen Teil der deutschen Krankenhäuser nicht konsequent genug umgesetzt werden. (Quelle: RKI, Nationales Referenzzentrum für gramnegative Krankenhauserreger) Wer die Hintergründe zu diesem Thema vertiefen möchte, findet im Beitrag über Antibiotika-Resistenzen: RKI schlägt Alarm weiterführende Einordnungen zu den regulatorischen Reaktionen der vergangenen Jahre.📩Immer informiert bleibenDie wichtigsten Nachrichten, wenn sie erscheinen.Newsletter holen Neue Erreger, neue Risiken: 4MRGN im Detail Die Klassifizierung „4MRGN" bedeutet, dass ein Keim gegen Acylureidopenicilline, Cephalosporine der dritten und vierten Generation, Carbapeneme und Fluorchinolone resistent ist. Für Patientinnen und Patienten ohne Vorerkrankungen ist das Risiko überschaubar – für Menschen mit geschwächtem Immunsystem, frisch Operierten oder Menschen an Beatmungsgeräten kann eine solche Infektion jedoch lebensbedrohlich sein. Die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) weist darauf hin, dass in solchen Fällen oft nur noch Colistin oder Ceftazidim-Avibactam als Reservemittel verbleiben – Substanzen mit erheblichen Nebenwirkungen und begrenzter Verfügbarkeit. Besonders alarmierend: In einzelnen deutschen Universitätskliniken wurden bereits Ausbrüche dokumentiert, bei denen selbst diese letzten Reserveoptionen versagten. Die betroffenen Häuser reagierten mit strikten Isolationsmaßnahmen, konnten den Tod einzelner Patienten jedoch nicht verhindern. (Quelle: DGI, RKI-Ausbruchsdokumentation) Ursachen: Wie es so weit kommen konnte Gesundheit Arzt Patient Beratung Diagnose Praxis Krankenversicherung Behandlung Medizin Multiresistente Keime entstehen nicht über Nacht. Sie sind das Ergebnis jahrzehntelangen Übergebrauchs von Antibiotika – in der Humanmedizin ebenso wie in der Nutztierhaltung. In Deutschland werden nach Angaben des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) nach wie vor erhebliche Mengen an Antibiotika prophylaktisch in der Tiermast eingesetzt, obwohl entsprechende Regulierungen verschärft wurden. Resistenzgene können über die Nahrungskette, über Abwasser und über direkten Kontakt zwischen Mensch und Tier übertragen werden. Im klinischen Bereich spielt der Selektionsdruck eine zentrale Rolle: Je häufiger ein Antibiotikum eingesetzt wird, desto stärker werden diejenigen Bakterienstämme begünstigt, die zufällig eine Resistenz entwickelt haben. Hinzu kommt eine globale Komponente – Reisende, Geflüchtete und internationale Patientenströme tragen Keime über Ländergrenzen hinweg, oft ohne es zu wissen. (Quelle: BVL, WHO, Europäische Arzneimittel-Agentur EMA) Das Hygieneproblem in deutschen Kliniken Neben dem Antibiotikaverbrauch ist mangelnde Händehygiene nach wie vor einer der wichtigsten Übertragungswege für Krankenhauskeime. Studien der ECDC belegen, dass die Compliance bei der Händedesinfektion in europäischen Kliniken im Schnitt bei nur 40 bis 60 Prozent liegt – auch in deutschen Häusern. Überarbeitetes Pflegepersonal, Personalmangel und hoher Patientendurchsatz verstärken dieses Problem strukturell. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) fordert seit Jahren eine verbindliche Mindestbesetzung für Hygienefachkräfte in Krankenhäusern. Derzeit ist gesetzlich nicht festgelegt, wie viele Hygienefachpflegekräfte ein Haus pro Bettenanzahl vorhalten muss – ein Umstand, den Fachleute als gravierendes Regulierungsversäumnis bezeichnen. In einigen Bundesländern existieren zwar Empfehlungen, diese sind jedoch rechtlich nicht bindend. (Quelle: DGKH, ECDC, Bundesgesundheitsministerium) Rolle des internationalen Patientenverkehrs Ein wenig beachteter, aber wachsender Risikofaktor ist der internationale Medizintourismus. Patienten, die in Ländern mit höherer Resistenzrate – etwa in Teilen Südosteuropas, Nordafrikas oder Südasiens – behandelt wurden und anschließend in deutsche Kliniken verlegt werden, können hochresistente Erreger einschleppen. Das RKI empfiehlt deshalb ein standardisiertes Aufnahmescreening für alle Patienten mit Auslandsbehandlung, das bislang jedoch nicht flächendeckend umgesetzt wird. Was Expertinnen und Experten fordern Die Reaktionen aus dem Fachbereich sind einhellig: Ein Weiter-so kann es nicht geben. Die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie, die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene und das RKI haben gemeinsam ein Papier veröffentlicht, das einen nationalen Aktionsplan für Antibiotikaresistenz (NAAP) fordert – mit messbaren Zielen, klaren Verantwortlichkeiten und ausreichend finanziellen Mitteln. Der bestehende „Deutsche Antibiotika-Aktionsplan" (DAAP) wird von Kritikern als zu wenig verbindlich und zu schlecht finanziert bezeichnet. Konkret fordern die Fachgesellschaften unter anderem: verpflichtende Antibiotic-Stewardship-Programme in allen Krankenhäusern ab einer bestimmten Größe, einen bundesweit einheitlichen Meldepflichtkatalog für resistente Erreger sowie deutlich mehr Mittel für die Forschung an neuen Antibiotika. In der EU wurden in den vergangenen Jahren kaum neue Antibiotikaklassen zugelassen – ein strukturelles Marktversagen, das die WHO seit Jahren kritisiert. (Quelle: WHO, DGI, RKI) Weiterführende Hintergründe liefert auch der Beitrag über Antibiotika-Resistenz: Stille Keime als globale Gefahr, der die internationale Dimension dieses Problems eingehend beleuchtet. Antibiotic Stewardship: Was sich dahinter verbirgt Antibiotic Stewardship (ABS) bezeichnet ein systematisches Konzept zur Optimierung des Antibiotikaeinsatzes in Kliniken. Ein ABS-Team – bestehend aus Infektiologen, Mikrobiologen, Apothekern und Hygienebeauftragten – analysiert regelmäßig, welche Antibiotika in welcher Dosierung und Dauer eingesetzt werden, und gibt Empfehlungen zur Reduktion unnötiger oder zu breiter Therapien. Studien zeigen, dass konsequent umgesetzte ABS-Programme den Antibiotikaeinsatz in Kliniken um bis zu 25 Prozent senken können, ohne die Behandlungsqualität zu verschlechtern. (Quelle: ECDC, Deutsche Gesellschaft für Infektiologie) Bislang gibt es in Deutschland keine gesetzliche Pflicht zur Implementierung solcher Programme. Die Krankenhausreform, die derzeit politisch diskutiert wird, könnte hier einen Hebel bieten – wenn entsprechende Anforderungen in die Qualitätskriterien für Versorgungsstufen eingebaut werden. Ob dies tatsächlich geschieht, ist politisch noch offen. Sepsis: Die tödliche Folge resistenter Infektionen Ein zentrales Risiko bei Infektionen mit multiresistenten Keimen ist die Entwicklung einer Sepsis – einer lebensbedrohlichen, überschießenden Immunreaktion auf eine Infektion. Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 320.000 Menschen an einer Sepsis, schätzungsweise 75.000 sterben daran. Ist der auslösende Erreger multiresistent, verschlechtert sich die Prognose dramatisch, weil die Zeitfenster für eine wirksame antibiotische Therapie extrem eng sind. Die Deutsche Sepsis-Gesellschaft betont, dass frühzeitige Diagnose und sofortiger Therapiebeginn entscheidend sind – doch genau diese schnelle Reaktion wird erschwert, wenn Laborergebnisse zu Resistenzprofilen erst nach 48 bis 72 Stunden vorliegen. Neue schnelle Diagnostikmethoden, sogenannte Rapid-Susceptibility-Tests, könnten hier Abhilfe schaffen, sind aber noch nicht flächendeckend verfügbar. (Quelle: Deutsche Sepsis-Gesellschaft, RKI) Was eine Sepsis für Betroffene bedeutet, schildert der eindringliche Erfahrungsbericht Im Koma nach Sepsis: »Ich hörte Stimmen von weit her: ›Atme, atme, atme!‹« – ein Zeugnis, das die menschliche Dimension dieser Zahlen greifbar macht. Das Zeitfenster entscheidet über Leben und Tod Medizinisch gilt: Bei septischem Schock verringert sich die Überlebenschance mit jeder Stunde ohne adäquate Antibiose um mehrere Prozentpunkte. Ist der Keim jedoch multiresistent und das Standardantibiotikum wirkungslos, verlieren Ärztinnen und Ärzte wertvolle Zeit. Simulationen des ECDC zeigen, dass eine breite Verfügbarkeit schneller Resistenztests die Sepsismortalität in Europa um bis zu 20 Prozent senken könnte. Die Investition in diese Diagnostik ist daher nicht nur medizinisch, sondern auch gesundheitsökonomisch hochrelevant. Was jetzt getan werden muss – und was Sie selbst tun können Die Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Politik, Krankenhäuser, niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sowie die Bevölkerung sind gleichermaßen gefragt. Wer Antibiotika nur dann einnimmt, wenn sie wirklich indiziert sind, und wer Therapien konsequent zu Ende führt, trägt persönlich zur Verlangsamung der Resistenzentwicklung bei. Auch das Thema Impfschutz ist relevant: Wer sich gegen Influenza, Pneumokokken und andere impfpräventable Erkrankungen schützt, reduziert die Wahrscheinlichkeit, sekundäre bakterielle Infektionen zu entwickeln, die dann antibiotisch behandelt werden müssen. Einen weiteren systemischen Zusammenhang zwischen Gesundheitsbelastung und Resistenzentwicklung zeigt auch die Forschung zu überlasteten Gesundheitssystemen. Die Burnout-Epidemie und die alarmierende Lage der Arbeitswelt betreffen Pflegepersonal besonders stark – und übermüdetes Personal macht bekanntlich mehr Hygienefehler. Antibiotika nur auf ärztliche Verordnung einnehmen – nie selbst dosieren, nie Reste aus früheren Verschreibungen verwenden Therapie vollständig beenden – Antibiotika nicht absetzen, sobald Symptome nachlassen; unvollständige Therapien fördern Resistenzen Händehygiene im Krankenhaus aktiv einfordern – Patientinnen und Patienten dürfen Pflegepersonal und Ärzteschaft freundlich, aber bestimmt auf Händedesinfektion vor Untersuchungen hinweisen Auslandsbehandlung transparent kommunizieren – bei stationärer Aufnahme nach Krankenhausaufenthalt im Ausland das Personal sofort informieren, damit ein Aufnahmescreening erfolgen kann Impfschutz aktuell halten – Grippe, Pneumokokken und weitere Impfungen reduzieren den Bedarf an antibiotischen Folgetherapien Auf Symptome einer Infektion achten – Fieber über 38,5 °C, Schüttelfrost, rapider Leistungsabfall, Verwirrtheit oder Hautveränderungen nach Krankenhausaufenthalt sind Warnsignale, die sofort ärztlich abgeklärt werden müssen Politisch aktiv werden – Bürgerinnen und Bürger können durch Wahlentscheidungen und politisches Engagement dazu beitragen, dass Hygiene- und Resistenzthemen in der Gesundheitspolitik Priorität erhalten Dass das Thema Infektionskrankheiten und internationale Gesundheitsnotlagen nicht auf multiresistente Keime beschränkt ist, zeigt der Blick auf andere aktuelle Entwicklungen – darunter etwa die Situation rund um den Mpox-Alarm und den internationalen Gesundheitsnotstand der WHO, der einmal mehr verdeutlicht, wie fragil globale Infektionsschutzarchitekturen sind. Fazit: Ein strukturelles Problem braucht strukturelle Antworten Der aktuelle Alarm des RKI ist kein Ausreißer und keine Hysterie – er ist das erwartbare Resultat jahrzehntelang verschleppter Maßnahmen. Multiresistente Keime in deutschen Kliniken sind eine ernste, aber keine unausweichliche Bedrohung. Die wissenschaftliche Evidenz für wirksame Gegenmaßnahmen ist vorhanden: konsequente Händehygiene, verpflichtendes Antibiotic Stewardship, schnelle Diagnostik, verbindliche Meldesysteme und weniger prophylaktischer Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung. Was fehlt, ist der politische Wille, diese Maßnahmen flächendeckend und verbindlich umzusetzen. Die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie, das RKI und die WHO sprechen seit Jahren mit einer Stimme. Die Frage ist nicht mehr, ob gehandelt werden muss – sondern wann die politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in Deutschland bereit sind, die notwendigen Ressourcen bereitzustellen. Jeder weitere verzögerte Schritt kostet – im wahrsten Sinne des Wortes – Menschenleben. Teilen Teilen X Facebook WhatsApp Link kopieren Wie findest du das? 🔥 0 😲 0 🤔 0 👍 0 😢 0 M Mia Wagner Klimaschutz & Nachhaltigkeit Mia Wagner berichtet über Klimapolitik, erneuerbare Energien und nachhaltige Lebensweise. Sie verbindet wissenschaftliche Fakten mit Alltagsperspektiven — ohne Panikmache, aber mit klarer Haltung. 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