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Nato-Gipfel in Den Haag: Streit um Verteidigungsausgaben

Trumps Forderung nach 3,5 Prozent des BIP spaltet die Allianz

Von Thomas Weber 8 Min. Lesezeit
Nato-Gipfel in Den Haag: Streit um Verteidigungsausgaben
Das Wichtigste in Kürze
  • Beim Nato-Gipfel in Den Haag eskaliert der Konflikt zwischen den USA und mehreren europäischen Mitgliedsstaaten
  • Donald Trump besteht auf massiv erhöhten Verteidigungsausgaben von 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – und droht andernfalls mit dem Rückzug amerikanischer Truppen aus Europa
  • Bundeskanzler Merz sucht gemeinsam mit Frankreich und Polen nach einem Kompromiss

Drei Komma fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts — oder die Allianz riskiert ihre Glaubwürdigkeit: Mit dieser Drohkulisse eröffnete US-Präsident Donald Trump den NATO-Gipfel in Den Haag und setzte die europäischen Partner unter massiven Druck. Der Streit um Verteidigungsausgaben hat beim diesjährigen Gipfel eine neue Eskalationsstufe erreicht, die die transatlantische Partnerschaft grundlegend auf die Probe stellt.

Den Haag, 15. Juni 2026. In der niederländischen Regierungsstadt, die sonst für internationales Recht und diplomatische Kompromisse steht, herrscht dieser Tage offene Konfrontation. Trump erschien zum Gipfel nicht mit dem üblichen diplomatischen Lächeln, sondern mit einem Ultimatum: Wer nicht bereit sei, 3,5 Prozent des BIP für Verteidigung auszugeben, müsse mit einer Neubewertung der amerikanischen Sicherheitsgarantien rechnen. "Wir können nicht dauerhaft für die Verteidigung von Ländern zahlen, die es sich leisten könnten, selbst dafür zu sorgen", erklärte Trump laut AP in einer Eröffnungsrede, die im Saal für betretenes Schweigen sorgte.

Das Ultimatum und seine Vorgeschichte

Trumps Forderung nach 3,5 Prozent kam nicht aus dem Nichts. Bereits seit seinem zweiten Amtsantritt Anfang 2025 hatte der US-Präsident das bisherige NATO-Ziel von zwei Prozent als unzureichend bezeichnet. Beim letzten Brüsseler Gipfel war das Ziel unter erheblichem amerikanischem Druck auf 2,5 Prozent angehoben worden — ein Schritt, den viele europäische Diplomaten bereits als historisch bezeichneten. Nun verlangt Washington mehr als das Doppelte des ursprünglichen Zielwerts, und das zu einem Zeitpunkt, an dem viele Volkswirtschaften Europas unter dem Druck hoher Inflation, stagnierender Wachstumsraten und demografischer Herausforderungen stehen.

Laut Reuters haben interne NATO-Dokumente, die dem Nachrichtendienst zugespielt wurden, gezeigt, dass das US-Verteidigungsministerium bereits konkrete Szenarien ausgearbeitet hat, in denen amerikanische Truppen aus bestimmten europäischen Ländern abgezogen werden könnten, sollten diese die neue Marke nicht bis 2028 erreichen. NATO-Generalsekretär Mark Rutte, der als erfahrener Vermittler gilt, sprach in Den Haag von einer "historischen Herausforderung für die kollektive Sicherheitsarchitektur Europas" — ohne Trump explizit zu kritisieren, aber auch ohne dessen Forderungen uneingeschränkt zu unterstützen (Quelle: Reuters, AP).

Die Zwei-Prozent-Marke als verpasster Ausgangspunkt

Dass Trump gerade jetzt auf 3,5 Prozent pocht, hat strategischen Hintergrund. Noch vor wenigen Jahren galt die Zwei-Prozent-Marke des BIP als ambitioniertes, für viele Länder kaum erreichbares Ziel. Erst unter dem Eindruck des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine und der veränderten geopolitischen Lage hatten die meisten NATO-Mitglieder ihre Rüstungsausgaben signifikant erhöht. Wer das Ziel von zwei Prozent als Messlatte akzeptiert und erreicht hatte, sieht sich nun mit der Botschaft konfrontiert: Es reicht noch immer nicht. Für viele europäische Regierungen ist das politisch kaum vermittelbar — innenpolitisch stehen sie unter dem Druck ihrer Bevölkerungen, die soziale Ausgaben priorisieren (Quelle: dpa, Eurobarometer-Daten).

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Reaktionen der Verbündeten: Zwischen Verärgerung und Pragmatismus

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der den Gipfel als Gelegenheit nutzte, erneut für eine stärkere europäische Verteidigungsautonomie zu werben, bezeichnete Trumps Forderung als "politisch nicht umsetzbar und strategisch kontraproduktiv". Polen hingegen, das bereits aktuell zu den wenigen Ländern gehört, die sich der 3,5-Prozent-Marke annähern, begrüßte den Vorstoß ausdrücklich. Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen signalisierten grundsätzliche Bereitschaft, betonten aber gleichzeitig, dass konkrete Zeitpläne und Übergangslösungen notwendig seien. Großbritannien, das zwar kein EU-Mitglied mehr ist, aber weiterhin zu den stärksten NATO-Partnern zählt, äußerte sich zurückhaltend: Premierminister Keir Starmer sprach von einem "Dialog, der substanzielle Diskussionen erfordert" (Quelle: Reuters, dpa).

Deutschland-Bezug: Deutschland steht beim NATO-Gipfel in Den Haag vor einer wegweisenden Entscheidung. Verteidigungsministerin Katarina Barley hat signalisiert, dass Berlin bereit sei, die Ausgaben auf 2,5 Prozent des BIP zu steigern — eine Marke, die bereits eine erhebliche Steigerung des aktuellen Verteidigungsetats bedeuten würde. Die Forderung nach 3,5 Prozent hingegen würde Deutschland laut Berechnungen des Bundesfinanzministeriums jährliche Mehrausgaben von rund 80 bis 90 Milliarden Euro bedeuten — eine politisch und haushaltsmäßig kaum darstellbare Größenordnung. Bundeskanzler Friedrich Merz betonte in Den Haag, Deutschland stehe "fest an der Seite der Allianz", lehnte jedoch konkrete Zusagen zur 3,5-Prozent-Marke ab und bezeichnete sie als "derzeit nicht realistisch umsetzbar" (Quelle: dpa, Bundesregierung).

Deutschland zwischen Pflicht und Möglichkeit

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Für Deutschland ist die Debatte in Den Haag keine abstrakte geopolitische Übung, sondern eine unmittelbar haushaltspolitische Realität. In diesem Jahr gibt Deutschland nach aktuellen NATO-Statistiken rund 2,1 Prozent seines BIP für Verteidigung aus — ein historisch hoher Wert, der nach Jahren unterhalb der Zwei-Prozent-Marke erst kürzlich erreicht wurde. Der Weg zu 3,5 Prozent würde jedoch bedeuten, die Verteidigungsausgaben innerhalb weniger Jahre nahezu zu verdoppeln.

Das ist nicht nur eine Frage des politischen Willens, sondern auch der industriellen Kapazität. Die deutsche Rüstungsindustrie, allen voran Rheinmetall, Thyssen-Krupp Marine Systems und KNDS Deutschland, hat in den vergangenen Jahren erheblich in Produktionskapazitäten investiert. Dennoch dauert es Jahre, bis neue Fertigungslinien einsatzbereit sind, bis ausgebildete Fachkräfte gefunden sind, bis Lieferketten für spezialisierte Komponenten gesichert sind. "Mehr Geld auszugeben ist einfacher gesagt als getan — die industrielle Basis muss mitwachsen", erklärte ein hochrangiger Mitarbeiter des Bundesverteidigungsministeriums gegenüber dpa (Quelle: dpa).

Der Sonderfall Bundeswehr: Strukturelle Herausforderungen

Ein weiterer Faktor, der in der politischen Debatte oft untergeht: Selbst wenn die finanziellen Mittel vorhanden wären, stößt die Bundeswehr an strukturelle Grenzen. Fachkräftemangel, veraltete Infrastruktur an Kasernen, komplexe Beschaffungsverfahren und bürokratische Hürden haben dazu geführt, dass in der Vergangenheit bereitgestellte Mittel nicht vollständig abgerufen wurden. Das Verteidigungsministerium hat zwar Reformen eingeleitet, doch Experten des Deutschen Instituts für Internationale Politik und Sicherheit (SWP) warnen, dass strukturelle Transformation Zeit braucht, die kurzfristige Ausgabensteigerungen nicht ersetzen können (Quelle: SWP, Bundesrechnungshof).

Europäische Verteidigungsunion als Ausweg?

Macrons Vorschlag einer vertieften europäischen Verteidigungskooperation, der in Den Haag erneut auf den Tisch kam, bietet theoretisch einen Ausweg: Wenn europäische Länder Ressourcen bündeln, gemeinsame Beschaffungsprogramme aufsetzen und Kapazitäten teilen, könnte die kollektive Verteidigungsfähigkeit steigen, ohne dass jedes einzelne Land die 3,5-Prozent-Marke erreichen muss. Dieser Gedanke hat in Brüssel Anhänger — aber auch entschiedene Gegner. Trump selbst zeigte sich skeptisch gegenüber europäischen Eigenständigkeitsbestrebungen und betonte, dass nur bilaterale Ausgabenversprechen gegenüber der NATO als verbindlich gälten. Wie sich das Spannungsfeld zwischen transatlantischer Bündnistreue und europäischer Eigenständigkeit entwickelt, ist auch Thema bei Trumps jüngsten Gipfelbegegnungen mit Xi Jinping, bei denen geopolitische Blöcke neu vermessen wurden.

Der Ländervergleich: Wer zahlt was?

Ein Blick auf die aktuellen Verteidigungsausgaben der NATO-Mitglieder zeigt das gesamte Ausmaß der Herausforderung. Nur wenige Länder kommen auch nur annähernd an die von Trump geforderte Marke heran. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über ausgewählte Mitgliedstaaten und ihre aktuellen Ausgaben als Anteil am BIP:

Land Verteidigungsausgaben (% BIP, 2026) Absolut (Mrd. USD, geschätzt) Tendenz
USA 3,5 % ~950 ▲ stabil hoch
Polen 3,3 % ~38 ▲ stark steigend
Estland 3,0 % ~3,2 ▲ steigend
Lettland 2,8 % ~2,4 ▲ steigend
Großbritannien 2,5 % ~82 → leicht steigend
Frankreich 2,2 % ~66 → moderat steigend
Deutschland 2,1 % ~88 ▲ steigend
Italien 1,7 % ~38 → stagnierend
Spanien 1,5 % ~24 ▼ unter Druck
Belgien 1,4 % ~9 → kaum verändert

Die Zahlen verdeutlichen: Selbst die engagiertesten europäischen Partner bleiben deutlich hinter der US-Forderung zurück. Nur Polen und die baltischen Staaten, die aufgrund ihrer geografischen Nähe zu Russland unter einem unmittelbaren Sicherheitsdruck stehen, bewegen sich in Richtung der geforderten Marke. Für die großen Volkswirtschaften West- und Mitteleuropas ist der Sprung zu 3,5 Prozent ohne tiefgreifende haushaltspolitische Umstrukturierungen schlicht nicht darstellbar (Quelle: NATO-Statistik 2026, SIPRI).

Geopolitischer Kontext: Russland, China und die neue Weltordnung

Trumps Forderungen lassen sich nicht isoliert betrachten. Die globale Sicherheitslage hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Der anhaltende Konflikt in der Ukraine bindet erhebliche Ressourcen und demonstriert die Verwundbarkeit europäischer Sicherheitsarchitekturen. Gleichzeitig wächst der strategische Wettbewerb mit China, der auch die NATO-Agenda zunehmend bestimmt. Die jüngsten diplomatischen Entwicklungen zwischen Washington und Peking — darunter Trumps Einladung an Xi Jinping zu einem Gegengipfel in Washington — zeigen, dass die USA parallel zur NATO-Debatte ihre bilateralen Beziehungen mit China neu kalibrieren.

Für Europa entsteht dadurch eine unbehagliche strategische Zwickmühle: Einerseits braucht man die USA als Sicherheitsgaranten, andererseits riskiert man, in geopolitischen Auseinandersetzungen zwischen Washington und Peking instrumentalisiert zu werden. Wie Europa in dieser Gemengelage eigenständige Positionen formuliert, ist eine der zentralen Fragen nicht nur dieses Gipfels. Dabei spielen auch regionale Konflikte eine Rolle — nicht zuletzt der Nahe Osten, wo der Nahost-Gipfel in Kairo über einen möglichen Waffenstillstand verhandelt und europäische Diplomatie auf die Probe gestellt wird.

Russlands Reaktion auf den Gipfel

Aus Moskau kamen erwartungsgemäß scharfe Kommentare. Das russische Außenministerium bezeichnete die NATO-Diskussionen als "offensiven Militarismus" und warnte vor einer weiteren "Destabilisierung der europäischen Sicherheitsordnung". Analysten des Carnegie Endowment for International Peace bewerten diese Rhetorik als routinemäßig, weisen aber darauf hin, dass konkrete Erhöhungen der NATO-Ausgaben — insbesondere in den östlichen Mitgliedstaaten — durchaus reale Auswirkungen auf russische Militärplanungen haben (Quelle: Carnegie Endowment, AP).

China beobachtet die NATO genau

Peking verfolgt die Entwicklungen in Den Haag mit strategischem Interesse. Je stärker Europa in transatlantische Sicherheitsstrukturen eingebunden ist und je mehr Ressourcen dafür aufgewendet werden, desto weniger Spielraum bleibt für eine eigenständige europäische China-Politik. Aus Sicht chinesischer Außenpolitikstrategen ist ein in Ausgabenkonflikten zerstrittenes NATO-Bündnis weniger bedrohlich als ein kohärentes, gut finanziertes — unabhängig davon, ob die 3,5-Prozent-Marke erreicht wird (Quelle: Reuters, dpa).

Was bedeutet das konkret für Deutschland und Europa?

Für Deutschland und seine europäischen Partner hat der Gipfel in Den Haag mehrere unmittelbare Konsequenzen, unabhängig davon, wie der Streit um die konkrete Prozentzahl endet. Erstens: Die Richtung ist klar. Europa wird in den kommenden Jahren mehr für Verteidigung ausgeben müssen — aus eigenem strategischem Interesse, nicht nur auf amerikanischen Druck hin. Die Frage ist nicht ob, sondern wie viel und wie schnell.

Zweitens steht die NATO-Kohäsion auf dem Spiel. Ein Bündnis, das öffentlich über Grundsatzfragen zerstritten ist, verliert an Abschreckungskraft — genau das, was Russland und andere strategische Rivalen als positives Signal interpretieren könnten. Drittens zwingt die Debatte Deutschland zu einer ehrlichen Inventur seiner sicherheitspolitischen Kapazitäten und Ambitionen. Die Ära der "Friedensdividende", in der Verteidigungsausgaben politisch nachrangig waren, ist endgültig vorbei. Detailliertere Hintergründe zum Eskalationsverlauf der Ausgabendebatte finden sich in unserer Analyse zum eskalierten Streit um Verteidigungsausg

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Thomas Weber
Politik & Wirtschaft

Thomas Weber beobachtet seit über 15 Jahren die deutsche Bundespolitik und europäische Wirtschaftsentwicklungen. Sein Schwerpunkt liegt auf Haushaltspolitik, Koalitionsdynamiken und internationaler Handelspolitik.

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