Wirtschaft

Siemens Energy: Der schwierige Weg an die Börse und das

Vom Spin-off zum Krisen-Kandidaten - was dem Windkraft-Konzern zusetzte

Von Thomas Weber 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 07.05.2026
Siemens Energy: Der schwierige Weg an die Börse und das

Das Börsendebüt sollte ein Triumph werden. Im September 2020 ging Siemens Energy an die Börse – das Windkraft- und Energietechnik-Unternehmen, das Siemens aus seiner Konzernstruktur ausgegliedert hatte. Der Börsengang bescherte dem Mutterkonzern Siemens rund 7,7 Milliarden Euro an Erlösen aus dem Teilverkauf seiner Anteile. Die Erwartungen waren hoch: ein reiner Play auf die globale Energiewende, positioniert in einem Megatrend der Dekarbonisierung. Doch weniger als anderthalb Jahre später sollte sich zeigen, dass dieser Traum erhebliche Kratzer bekommen würde. Die spanische Gamesa-Tochter, eine der weltgrößten Windkraftanlagenbauerin, entwickelte sich zum Sorgenkind des Konzerns und belastete die Bilanz erheblich. Was war schiefgelaufen?

Das Wichtigste in Kürze
  • Die Gründungsgeschichte eines Konzerns mit Fragezeichen
  • Gamesa: Vom hoffnungsvollen Zukauf zum Krisenherd
  • Das Vollkauf-Manöver: Siemens Energy übernimmt Gamesa vollständig
  • Die staatliche Rettung und der Weg zur Stabilisierung

Konjunkturindikator: Der deutsche Maschinenbau und die Energiewirtschaft erlebten 2021 zwar eine konjunkturelle Erholung nach dem Corona-Einbruch, doch Lieferkettenprobleme und Rohstoffpreisauftrieb belasteten die Rentabilität besonders bei Großserien-Fertigern. Die ifo-Geschäftserwartungen für die Energiewirtschaft zeigten bis Mitte 2021 Anzeichen von Optimismus, wurden aber ab Herbst durch strukturelle Probleme in der Windkraftsparte spürbar gedämpft. (Quelle: ifo Institut, Deutsche Bundesbank)

Die Gründungsgeschichte eines Konzerns mit Fragezeichen

14 EUR –48 % Börse Frankfurt Mitarbeitende weltweit ca.

Siemens Energy entstand 2020 als eigenständiges, börsennotiertes Unternehmen aus dem Spin-off eines Geschäftsbereichs der Siemens AG. Der Konzern vereinigte unter seinem Dach drei wesentliche Geschäftsfelder: die Gasturbinen- und Dampfturbinen-Sparte (Gas and Power), die Übertragungstechnik und Umspannanlagen (Grid Technologies) sowie die Windkraft-Aktivitäten mit der spanischen Siemens Gamesa Renewable Energy als Kernakteur. Insgesamt beschäftigte das neue Unternehmen zum Zeitpunkt des Börsengangs rund 91.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit.

Siemens Energy Der schwierige Weg an die Börse und das Gamesa-Debakel
Siemens Energy Der schwierige Weg an die Börse und das Gamesa-Debakel

Für den damaligen Siemens-Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser und seinen Nachfolger Roland Busch stellte die Abspaltung ein strategisches Meisterstück dar: Siemens konnte sich auf sein Kerngeschäft in den Bereichen Automatisierung, Digitalisierung und Infrastruktur konzentrieren, während Siemens Energy als spezialisierter Konzern unmittelbar vom globalen Energiewende-Trend profitieren sollte. Die Marktkapitalisierung des Unternehmens zum Börsenstart lag bei rund 17 bis 18 Milliarden Euro – der Ausgabepreis je Aktie betrug 22 Euro. Eine respektable Bewertung für einen Konzern, dessen Margen jedoch deutlich unter denen des Mutterhauses lagen.

Das Börsenprospekt versprach Investoren ein Wachstumspotenzial, das durch die Dekarbonisierungstrends in Europa, Amerika und zunehmend auch Asien getrieben werden würde. Wind- und Solarenergie galten als die Zukunftstechnologien. Siemens Gamesa Renewable Energy, 2017 durch die Fusion der Windkraftsparte von Siemens mit dem spanischen Unternehmen Gamesa entstanden, war dabei ein zentraler Baustein. Das Gemeinschaftsunternehmen beschäftigte über 25.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und war in der globalen Windkraftbranche eine bekannte Größe.

Die Markterwartungen und die erste Börsenreaktion

Anfangs reagierte der Markt verhalten positiv auf Siemens Energy. Die Aktie notierte nach dem Börsengang zunächst leicht über dem Ausgabepreis von 22 Euro. In den folgenden Monaten schwankte der Kurs, profitierte aber zeitweise vom positiven Sentiment vieler grüner und regenerativer Energieunternehmen. Anleger hofften auf Jahreswachstumsraten im hohen einstelligen bis unteren zweistelligen Prozentbereich. Rückenwind kam auch von der neu gewählten US-Regierung unter Joe Biden, die mit dem späteren Inflation Reduction Act massive Investitionen in grüne Infrastruktur ankündigte.

Die Zahlen für das erste vollständige Geschäftsjahr 2020 (abgelaufen am 30. September 2020, kurz nach dem Spin-off) zeigten noch ein vergleichsweise ausgeglichenes Bild. Der Umsatz lag bei rund 27,5 Milliarden Euro. Das bereinigte EBITA war positiv, das Konzernergebnis jedoch durch Sondereffekte aus der Abspaltung belastet. Besonders bemerkenswert war von Anfang an, dass Siemens Energy erhebliche Ergebnisschwankungen zwischen den einzelnen Geschäftsbereichen aushalten musste – ein strukturelles Risiko, das Analysten bereits im Vorfeld des Börsengangs angemahnt hatten.

Gamesa: Vom hoffnungsvollen Zukauf zum Krisenherd

Wie die spanische Tochter zum Ballast wurde

Die Probleme mit Siemens Gamesa manifestierten sich schneller als erwartet. Das Unternehmen, das weltweit große Onshore- und Offshore-Windkraftanlagen herstellte und installierte, sah sich einer perfekten Sturmsituation ausgesetzt: Rohstoffpreise – insbesondere Stahl, Kupfer und seltene Erden – stiegen ab Mitte 2021 dramatisch an. Gleichzeitig verlängerten sich die Lieferzeiten für kritische Komponenten wie Leistungselektronik und Halbleiter erheblich. Viele Gamesa-Aufträge waren jedoch zu Festpreisen abgeschlossen worden, noch bevor die Preisschocks eintraten. Die Marge je Anlage schrumpfte dadurch auf ein Niveau, das betriebswirtschaftlich nicht mehr tragfähig war.

Siemens Energy Der schwierige Weg an die Börse und das Gamesa-Debakel
Siemens Energy Der schwierige Weg an die Börse und das Gamesa-Debakel
Siemens Energy Der schwierige Weg an die Börse und das Gamesa-Debakel

Ein weiteres Problem war die Produktionskomplexität. Siemens Gamesa fertigte in verschiedenen Ländern – darunter Spanien, Deutschland, Dänemark, die USA, Portugal und Brasilien – und musste zahlreiche logistische Herausforderungen gleichzeitig bewältigen. Die COVID-19-Pandemie verschärfte die Situation durch Werksausfälle, Quarantänemaßnahmen und eingeschränkte Montagemöglichkeiten auf den Baustellen. Die Lieferkettenprobleme führten zu massiven Verzögerungen bei der Auslieferung bereits verkaufter Windkraftanlagen – und damit zu kostspieligen Vertragsstrafen gegenüber Kunden.

Im Geschäftsjahr 2021 (Oktober 2020 bis September 2021) zeigte sich das Ausmaß der Schwierigkeiten deutlicher. Siemens Gamesa meldete auf Segmentebene erhebliche Verluste durch die Kombination aus gestiegenen Produktionskosten, Auslieferungsverzögerungen und Pönalen. Die bereinigte EBIT-Marge der Windkraftsparte rutschte tief ins Negative. Für aufmerksame Investoren hätten diese Zahlen ein deutliches Warnsignal sein müssen – tatsächlich begann die Siemens Energy Aktie ab diesem Zeitpunkt, gegenüber dem breiten Markt erheblich zurückzufallen.

Kennzahl GJ 2020 (Spin-off-Jahr) GJ 2021 GJ 2022 Veränderung 2020–2022 Quelle
Gesamtumsatz Siemens Energy ca. 27,5 Mrd. EUR ca. 28,5 Mrd. EUR ca. 29,0 Mrd. EUR +5,5 % Siemens Energy Geschäftsberichte
Bereinigtes EBITA (Konzern) positiv, ~2 % ~1 % Marge negativ stark rückläufig Siemens Energy Geschäftsberichte
SGRE-Segmentergebnis (Windkraft) leicht positiv negativ stark negativ deutliche Verschlechterung Siemens Gamesa Berichte
Aktienkurs Siemens Energy (Jahresende) ca. 27 EUR ca. 24 EUR ca. 14 EUR –48 % Börse Frankfurt
Mitarbeitende weltweit ca. 91.000 ca. 92.000 ca. 92.000 stabil Siemens Energy Geschäftsberichte

Qualitätsprobleme als neues Kapitel der Krise

Als wäre die Kostenkrise nicht schon genug, traten ab 2022 und mit voller Wucht 2023 auch massive Qualitätsprobleme bei bestimmten Onshore-Windturbinenmodellen von Siemens Gamesa zutage. Lager, Rotorblätter und andere Komponenten zeigten frühzeitige Verschleißerscheinungen, die aufwändige Nachbesserungen und in manchen Fällen den vollständigen Austausch von Teilen erforderlich machten. Die Rückstellungen für diese Gewährleistungskosten belasteten die Bilanz in Milliardenhöhe. Im Sommer 2023 musste Siemens Energy den Markt mit einer Gewinnwarnung schockieren, die auf Qualitätsproblemen bei der Windkrafttochter basierte – die Aktie verlor an einem einzigen Tag zeitweise mehr als 35 Prozent ihres Wertes und fiel unter die Marke von zehn Euro.

Die Reaktion des Kapitalmarkts war vernichtend. Analysten, die zuvor noch auf eine Trendwende gesetzt hatten, strichen ihre Kursziele drastisch zusammen. Die Krise in der Windkraftbranche war dabei kein rein auf Siemens Energy beschränktes Phänomen – auch der dänische Konkurrent Vestas und andere Hersteller litten unter ähnlichen strukturellen Problemen. Doch die Kombination aus Konzernkomplexität, dem unvollständigen Integrationsprozess bei Gamesa und den technischen Qualitätsmängeln traf Siemens Energy besonders hart.

Das Vollkauf-Manöver: Siemens Energy übernimmt Gamesa vollständig

Bereits im Jahr 2022 hatte Siemens Energy begonnen, die verbleibenden Minderheitsaktionäre von Siemens Gamesa Renewable Energy herauszudrängen. Im Herbst 2022 unterbreitete der Konzern ein Übernahmeangebot für die noch nicht gehaltenen rund 33 Prozent der Anteile an der börsennotierten spanischen Tochter zu einem Preis von 18,05 Euro je Aktie – eine Prämie, die zum damaligen Zeitpunkt als fair galt, jedoch bereits das Misstrauen des Markts gegenüber der langfristigen Entwicklung widerspiegelte. Die vollständige Übernahme sollte Siemens Energy mehr direkte Kontrolle über die Restrukturierung geben und die aufwändige Doppelstruktur aus zwei börsennotierten Gesellschaften beenden.

Tatsächlich gelang die Delistung von Siemens Gamesa von der Madrider Börse Anfang 2023. Doch die erhoffte Sanierungsdividende blieb zunächst aus – im Gegenteil: Erst als vollständige Tochter wurde das volle Ausmaß der Qualitäts- und Kostenprobleme sichtbar, das Siemens Energy dann im Sommer 2023 den Markt erschütterte. Für Aktionäre war dies eine bittere Erfahrung: Der DAX-Konzern Siemens Energy, seit September 2020 im deutschen Leitindex gelistet, war zum Sorgenkind des deutschen Aktienmarkts geworden.

Die staatliche Rettung und der Weg zur Stabilisierung

Im Herbst 2023 spitzte sich die Lage weiter zu. Siemens Energy benötigte umfangreiche Bürgschaften, um laufende Projektgeschäfte absichern zu können – Banken und Versicherer zeigten sich angesichts der Verlustmeldungen zunehmend zurückhaltend. Die Bundesregierung, der Freistaat Bayern und ein Bankenkonsortium einigten sich schließlich auf ein Bürgschaftspaket in Höhe von rund 7,5 Milliarden Euro. Mutterkonzern Siemens sowie der Qatar Investment Authority beteiligten sich ebenfalls mit frischem Kapital. Diese staatlich flankierte Rettungsaktion sorgte zwar für Stabilität, war aber zugleich ein eindrucksvolles Signal dafür, wie tief das Unternehmen in der Krise steckte.

Vorstandsvorsitzender Christian Bruch, seit 2020 an der Spitze von Siemens Energy, betonte in dieser Phase stets, dass das Unternehmen über ein grundsätzlich gesundes Kerngeschäft im Bereich Gasturbinen und Netzinfrastruktur verfüge. Tatsächlich lief das Geschäft mit Gasturbinen – beflügelt durch die nach dem russischen Angriff auf die Ukraine gestiegene Nachfrage nach Energieversorgungssicherheit – deutlich besser als erwartet. Dieser Bereich wurde zum Anker, der Siemens Energy vor dem Schlimmsten bewahrte.

Hintergrund Bürgschaftspaket 2023: Das im Herbst 2023 geschnürte Absicherungspaket für Siemens Energy umfasste staatliche Bürgschaften des Bundes und des Freistaats Bayern sowie Garantien eines Bankenkonsortiums im Gesamtvolumen von rund 7,5 Milliarden Euro. Hinzu kamen Eigenkapitalmaßnahmen unter Beteiligung von Siemens AG und dem Qatar Investment Authority. Das Paket sollte die Auftragsdurchführung im laufenden Projektgeschäft sicherstellen. (Quellen: Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, Siemens Energy Pressemitteilungen)

Lehren aus dem Gamesa-Debakel

Der Fall Siemens Energy und Gamesa ist ein Lehrstück über die Tücken von Spin-offs, unvollständig integrierten Akquisitionen und die Risiken von Festpreisverträgen

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Thomas Weber
Politik & Wirtschaft

Thomas Weber beobachtet seit über 15 Jahren die deutsche Bundespolitik und europäische Wirtschaftsentwicklungen. Sein Schwerpunkt liegt auf Haushaltspolitik, Koalitionsdynamiken und internationaler Handelspolitik.

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